Laufsteg in den Tod – Polizeiruf 110 Fall 334 / Crimetime 405 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schmücke #Schneider #Halle #MDR #Models #Laufsteg #Tod

Crimetime 405 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

50 Fälle und ein bisschen Wehmut

Der letzte Film mit Schmücke und Schneider (und leider auch mit Nora Lindner) ist eine leicht grotesk anmutende Story aus dem Casting-Business, das im Vorfeld des großen Model-Ruhms stattfindet. Noch einmal ein Whodunit, noch einmal ein eher klassischer Aufbau, eine relativ gemütliche Gangart und menschliche Abgründe  zum Abgewöhnen. Wir nehmen nicht Abschied von Schmücke und Schneider, wir haben noch über 40 Filme mit ihnen zu rezensieren, aber die Sendefolge hat es so gewollt, dass wir nun das Ende kennen. Das unspektakuläre, nicht unlogische Ende. Mehr über den Film, in dessen Verlauf es zu diesem Ende kam, in der -> Rezension.

Handlung

Schmücke und Schneider befinden sich bereits im wohlverdienten Wochenende, als sie an einen Tatort gerufen werden. Ein junges Mädchen ist tot. Das Opfer war Teilnehmerin eines Model-Castings und ist während eines Fotoshootings auf Ferropolis plötzlich zusammengebrochen. Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. Alle Anzeichen deuten auf eine Vergiftung hin. Wer hatte ein Motiv, das Mädchen zu töten? Hat vielleicht eines der anderen Models versucht, auf diese Weise eine Konkurrentin aus dem Weg zu räumen? Könnte es sich auch um eine Verwechslung handeln und schlägt der Täter womöglich erneut zu?

Sylvia Gregori, die das Casting-Event seit mehreren Jahren mit ihrem Ehemann Paolo Gregori und dem Stylisten Jérôme Bonnair veranstaltet, kann nicht glauben, dass die Tat mit dem Wettbewerb im Zusammenhang steht. Aus Sicht der Veranstalter gibt es deshalb auch keinen Grund, das Auswahlverfahren abzubrechen. Schmücke traut dem Trio um Sylvia Gregori jedoch nicht über den Weg. Der Verdacht gegen die Veranstalter erhärtet sich für ihn, als er auf das Foto eines früheren Wettbewerbs stößt, auf dem eine Vermisste aus einem alten, ungelösten Fall zu sehen ist. Während Schmücke beginnt, dieser Spur nachzugehen, bezweifeln Schneider und Lindner diesen Zusammenhang.

Im Zuge ihrer Ermittlungen gerät Paolo Gregori unter Verdacht. Er hatte ein Verhältnis mit dem Opfer und in der Vergangenheit hatte es bereits einmal ein Ermittlungsverfahren gegen ihn gegeben. Auch damals ging es um eine sexuelle Beziehung zu einer Minderjährigen. Drohte Gregori womöglich erneut eine Anzeige? Hat er das junge Mädchen deshalb aus dem Weg geschafft? Oder hat Gregoris Frau Sylvia von der Affäre Wind bekommen und das Motiv für die Tat ist Eifersucht?

Rezension

„Als Laufsteg in den Tod gesendet wurde, erfolgte zeitgleich der Auftakt der achten Staffel von Germany’s Next Topmodel auf ProSieben. Kritiker sehen den Krimi ein wenig als Anspielung auf das umstrittene Sendeformat. So wurde als Gaststar unter anderem Thomas Rath, ein ehemaliges Jurymitglied von „Germany’s Next Topmodel“ engagiert, der im Polizeiruf einen Visagisten spielt. Ebenso ist Sara Kulka, eine der Topmodel-Anwärterin von 2012 mit dabei, die bei der siebenten Staffel den fünften Platz belegte.

Nach insgesamt 50 Fällen verabschieden sich Schmücke und Schneider vom Polizeiruf 110. Dem Hallenser Team folgt das Magdeburger Duo Brasch und Drexler. In den letzten zehn Jahren begleitete sie der echte Kriminaltechniker Lutz Jeskulke aus Halle, der das Polizeiruf-Filmteam schon seit 1996 zunächst beratend begleitete und später auch selber vor der Kamera mitwirkte.“[3]

Drexler ist ja nun auch schon wieder Geschichte und Brasch wird wohl nicht auf 50 Einsätze kommen. Mit Schmücke & Schneider ist eine Ära zu Ende gegangen, die im Polizeiruf vermutlich nicht wiederholbar ist, denn die jetzigen Teams sind angesichts der gegenwärtigen Sendefrequenz schon zu alt, um noch einmal einen solchen Lauf zu erreichen. Es wird ohnehin dem Tatort-Team Batic und Leitmayr aus München vorbehalten bleiben, als erstes auf mehr Einsätze zu kommen als Oberleutnant, Hauptmann, Hauptkommissar Fuchs, der von Beginn an über 20 Jahre den DDR-Polizeiruf geprägt hat und nach der Wende noch ein paar Mal im Einsatz war: 84 Fälle stehen bei ihm zu Buche.

Im Boulevard wurde der Abgang von Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler als eine Art Rausschmiss dargestellt, vielleicht war das auch so – aber die beiden wirken 2013 auch schon recht alt, daran führt nichts vorbei und wir verstehen, dass der MDR einen neuen Weg einschlagen wollte, obwohl er zu der Zeit mit dem Tatort-Leipzig-Duo Saalfeld und Keppler eine Baustelle hatte: Die beiden waren bei weitem nicht so beliebt in der Tatortgemeinde wie Schmücke und Schwarz unter den Polizeiruf-Fans.

Der Abgang der beiden ist  hier recht nett gemacht und stand vor dem Dreh fest, sonst hätte man ihn nicht einbauen können. Es ist jetzt nicht so viel Wehmut drin, als würden Tatort-Teams, die wir seit Jahren begleiten aufhören. Vor allem vor dem Tag, an dem die Kölner gehen, zittern wir geradezu, da werden wir sicher in ein Serien-Loch fallen. Aber Schmücke und Schneider sind eben schon zu dem Zeitpunkt im Ruhestand gewesen, als wir begannen, uns auch mit der Reihe Polizeiruf 110 zu befassen – im März 2019. Die beiden sind schon sehr sympathisch und trotzdem individuell – allerdings mit deutlich präsenterem Schmücke. Er ist auch der Chef-Ermittler, wie wir seit ein paar Wochen wissen. In den meisten Filmen wird es nicht erwähnt, aber man merkt, dass es eine Rangfolge gibt. Schade, das schreiben wir wiederholend, dass man Nora Lindner nicht ins neue Team übernommen hat. Aber bei der Tendenz zum Mega-Düsteren wäre schon ihr blondes Haar vermutlich als irritierender Faktor angesehen worden.

Die Kritiken zum Abschiedsfilm der Hallenser Kommissare waren gemischt:

„Für Spiegel Online-Kritiker Christian Buß war dieser Polizeiruf nur „ein trauriger Abschied.“ Er schreibt sehr kritisch: „Mal abgesehen davon, dass dieses Konstrukt komplett hanebüchen ist – die posttraumatischen Aufräumarbeiten auf dem Laufstegstrich durch den alten Trenchcoatträger Schmücke sind in ihrer Vereinfachung geradezu verantwortungslos. Eines der jahrelang von älteren Herren missbrauchten Mädchen will in ihrer Scham nicht nach Hause zurück. Aber als ihr der Herr Kommissar sanft übers Haar streichelt, geht’s ihr gleich besser. Schlimm. Diese geradezu zynische Szene am Ende des Films behält man dann von Schmücke in Erinnerung.“[5]

Thomas Gehringer von tittelbach.tv schreibt verhalten: „Schmücke und Schneider fallen in ihrem 50. und letzten Fall noch einmal in den betulichen Trott zurück. […] Reizvolle Story um Jugend, Vergänglichkeit und Menschenhandel, aber eine plumpe Parodie aufs Modebusiness, allzu schleppend erzählt. Die Kommissare nehmen unspektakulär und konsequent altväterlich Abschied.“[6]

TV Spielfilm zeigte den Daumen nach oben und befand: „Der 50. und letzte Fall des Duos gehört zu seinen besten.“ Fazit: „Abschiedsvorstellung mit Witz und Würde.“[7]

So richtig wollen wir keiner der hier vorgestellten Meinungen folgen. Aber gegen Christian Buß wollen wir den Film doch etwas verteidigen. Sicher, man kann alles aus einer konsequent gesellschaftspolitisch motivierten Sicht darstellen und die vom SPIEGEL ist uns bekannt, außerdem tun wir das auch; mehr mit dem Akzent auf Wirtschaftspolitik und damit auf Kapitalismuskritik, bei den DDR-Polizeirufen natürlich auch mit prüfendem Blick bezüglich der damaligen Verhältnisse.

Diese Geste am Ende überbewertet Buß unseres Erachtens: Immerhin kannte Schmücke das Mädchen von früher und hatte damals sicher in Ansätzen väterliche Gefühle für sie und freundschaftliche für die alleinerziehende Mutter. Was wir sehen, wirkt auch etwas hilflos und wir haben die Szene keineswegs so interpretiert, dass nun für Yvonne alles gut ist. Im Gegenteil, sie geht dorthin zurück, in den Sozialbau, in das prekäre Milieu, dem sie einst per Modeln entfliehen wollte. Das Ende wirkt offen und spannungsreich, zynisch, wenn überhaupt, eher deshalb, weil sie im Kreis gegangen ist, aber zur Prostitution gezwungen wurde und lediglich die Erfahrung, überlebt zu haben, steht als positiver Aspekt im Raum. Vielleicht baut sich daraus etwas Neues auf, trotz des Traumas, das aus dieser Erfahrung erwachsen ist.

Schmückes Verhalten so zu interpretieren, als wolle er ihr Trauma durch Hand auflegen heilen, geht zu weit und greift zu kurz.

Die Geschichte mit dem Bordell in einer abgelegenen Villa in Tschechien ist deshalb unglaubwürdig, weil sich alles in Deutschland abspielt und über Jahre immer wieder junge Frauen im Umfeld von Gregoris Modebusiness verschwinden. Sehr wohl aber gibt es die Variante, dass Frauen aus Osteuropa oder Asien mit vorgeblichen seriösen Jobs nach Deutschland gelockt werden und hier dann – genau, zur Prostitution gezwungen werden. Die Mechanismen, mit denen man sie im Job hält, werden nicht so unrealistisch gezeigt. Das ist ein typisches Clangeschäft, das wieder einmal deutlich macht, dass manche von uns, die sich für progressiv halten, in Wahrheit indolent bis ignorant sind, wenn sie die Erscheinungen dieses Geschäftsfeldes zu eine form zeitgemäßer Kiezkultur umdeuten wollen. Es geht um Ausbeutung, um sexuelle Nötigung, um brutale Zerstörung der Persönlichkeit und der Würde junger Frauen, um den Einsatz und den Vertrieb von Drogen, letztlich um Sklaverei.

Am nächsten kommen wir wohl der Meinung von Tittelbach TV, wenn auch mit anderer Akzentuierung: Die Parodie ist wirklich etwas flach geraten, aber handelt die Story hauptsächlich von Jugend und Vergänglichkeit, weil Sonja Kirchberger mitspielt und es erdulden muss, dass ihr Mann Sex mit den 16- bis 18jährigen Mädchen hat, die sich dafür Verträge erhoffen? Sicher ist die Stellung von Frau Gregori als Hinterfrau des Puffs in Karlovy Váry nicht exakt an der Realität entlang verfasst, aber die Sache mit dem Autoschlüssel-Anhänger, dem knuffigen Bärchen, mit dem Schmücke und Schneider sie überführen, sehr hintersinnig. Alles, was niedlich und unschuldig wirkt, kann missbraucht werden und wofür es ein Symbol darstellt, hängt davon ab, welche Menschen es in Händen halten.

Was wir uns gewünscht hätten, wäre ein wirklichkeitsnäheres Setting, in dem die wirklichen Mitspieler bei dieser Art von Menschenhandel wenigstens angedeutet werden und nicht alles wie ein abgehobenes Zweipersonengeschäft wirkt. Man hätte die Dimensionen ruhig etwas größer darstellen, dafür das  Spekulative etwas zurückfahren dürfen. Der Film ist ein wenig zu launig geraten, das ist aber ein durchaus häufiges Problem. Nicht nur bei Schmücke-Schneider-Filmen, bei ihnen aber verstärkt dadurch, dass die Drehbuchschreiber dazu neigen, die beiden Sympathen eine Spur zu gut gelaunt flachsend durch schwer traurige, tragische Plots zu schicken.

Das ist bei den Nachfolgern komplett weg, wenn man so will, ist der Ton angemessener geworden, die Polizisten unzugänglicher, die Inszenierung unnachgiebiger dem Zuschauer gegenüber. Der kann sich jetzt nicht mehr an den physisch zuletzt nicht mehr so, aber psychisch sehr robusten Herren ankern, sondern hat es mit Ermittler*innen zu tun, die viel dünnhäutiger sind und immer mal wieder für Irritationen sorgen. Das Altväterliche, das die Kritiker monieren, liegt nach unserer Auffassung nicht vor allem darin begründet, dass die Filme betuliche Whodunits sind, sondern durch die Charaktere von Schmücke und Schneider.

Finale

Dieses Mal hat „Finale“ also eine doppelte Bedeutung und wir verneigen uns trotz der Schwächen von „Laufsteg in den Tod“ noch einmal vor den beiden, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Krimireihe Polizeiruf 110 nicht eingestellt wurde, sondern sich in schwierigen Zeiten hielt und heute einigermaßen abgesichert ist.

Die Beliebtheit von Schmücke und Schneider, beide mit Osthintergrund hat also viel dazu getan, dass es 30 Jahre nach der Wende noch eine wichtiges TV-Format mit DDR-Genese gibt. Dass man übers Modeln und alles, was sich damit verbindet, fetzigere Filme machen kann als „Laufsteg in den Tod“, ist keine Frage. Für neue Tatort-Teams haben wir vor Jahren mal den „Welpenschutz“ eingeführt und nicht so überragende Filme einen Tick höher bewertet, als wir bei routinierteren Kräften  . Aus dieser Idee rechtfertigt sich gerade kein Abschiedsbonus und so richtig charmant ist eigentlich nur das Spiel der beiden Altkommissare in der Szene, in welcher sie gegenseitig ihre Rentenpläne offenbaren – nicht etwa die Art, wie auf die Szene hingeleitet wird oder wie sie ausgeführt ist.

Bewertungen sind immer schwierig und doch werden wir jeden Tag mit ihnen konfrontiert. Das Aussehen und die Modeltauglichkeit von Mädchen werden bewertet und ob Filme gut oder weniger gut gelungen sind. Eine Welt könnte noch so solidarisch sein und wir noch so anders sozialisiert, das wäre nie vollkommen zu eliminieren. Im Prinzip dürfte man nicht einmal  zu jemandem sagen: „Well done!“ Wir bleiben hier aber dann doch freundlich.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Werner
Drehbuch Hans Werner,
Peter Gust
Produktion Hans-Werner Honert,
Pavel Reinhardt
Musik Kat Kaufmann
Kamera Frank Grunert
Schnitt Ollie Lanvermann
Besetzung

Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar