Gott ist auch nur ein Mensch – Tatort 1036 / Crimetime 406 // #Tatort #Muenster #Münster #Thiel #Boerne #Gott #Mensch

Crimetime 406 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Das Münster-Team und seine Erfinder sind auch nur Menschen

12,89 Millionen Zuschauer haben den 1036. Tatort gesehen – und viele haben sich nachher beschwert. Oder schon mittendrin, wie etwa beim Tatort-Fundus. Im Moment gilt nach der Auffassung der Nutzer, die dort Bewertungen abgeben, „Gott ist auch nur ein Mensch“ als der zweitschlechteste Münster-Tatort nach dem in der Tat gruseligen „Das Wunder von Wollbeck“. Auffällig ist, dass sich auf den hinteren Plätzen fast nur neuere Fälle dieses Teams befinden, ab etwa Tatort 800 (Thiel und Boerne starteten 2002 mit dem Tatort Nr. 511 „Der dunkle Fleck“, der heute noch auf Platz 1 der Rangliste steht).

Zum Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung der Rezension im Juli 2019 hat sich daran nichts geändert. Der Tatort mit Gott steht jetzt auf Rang 33 von 34 und die auffällig schlechte Bewertung neuerer Münster-Tatorte hat sich noch verstärkt, die danach herausgekommenen „Schwanensee“ und „Schlangengrube“ reihen sich ins untere Viertel der Liste ein. Dass Thiel und Boerne mal so niedergeschrieben werden, hätten wir uns vor einigen Jahren nicht träumen lassen, als wir fanden, ihre Filme werden eher etwas zu sehr gehypt. Aber bei „Schwanensee“ und „Schlangengrube“ lagen wir deutlich höher als der Fundus-Durchschnitt – und wie war es mit „Gott ist auch nur ein Mensch?“

Mehr dazu in der Rezension.

Handlung

Die Kunstwelt schaut auf Münster, und der Skandal ist perfekt. Kurz vor der Eröffnung der internationalen Skulptur-Tage sorgt das vermeintlich neue Werk des Aktionskünstlers „G.O.D.“ (Aleksandar Jovanovic) für großes Aufsehen: Denn bei der Clownsfigur vor dem Rathaus handelt es sich um eine Leiche! Schnell finden Kommissar Frank Thiel und seine Kollegin Nadeschda Krusenstern heraus, dass es sich bei dem Toten um einen ehemaligen Münsteraner Stadtrat handelt, der vor einiger Zeit vom Vorwurf der Unzucht mit Minderjährigen freigesprochen wurde. Bei der Obduktion entdecken Prof. Karl-Friedrich Boerne und seine Assistentin Silke Haller, dass im Körper der Leiche ein USB-Stick versteckt war.

Und auf diesem der Beweis für die Schuld des ehemaligen Lokalpolitikers. Hat hier jemand Rache an einem zu Unrecht freigesprochenen Kriminellen genommen? Doch warum hat der Täter die Leiche zu einer Skulptur umgewandelt? Noch bevor Kommissar Thiel einen ersten Fahndungserfolg verbuchen kann, gibt es einen zweiten Toten, auch dieses Mal kunstvoll präpariert und präsentiert.

Rezension

Zuschauerzuspruch, Erwartungshaltung, anschließende Beurteilung scheinen bei den Münsteranern mittlerweile weit auseinander zu liegen, aber eines ist sicher: „Gott ist auch nur ein Mensch“ ist nicht deren zweitschlechtester von bisher 34 Filmen. Ich fand, dass man sich sehr viel Mühe gegeben hat, doch wieder neue Witze zu erfinden, sogar mit Alberich, die man gagmäßig zwischenzeitlich für auserzählt ansehen konnte, aber man hat es auch nicht übertrieben und die Sympathie der Zuschauer wird immer auf ihre Seite gelenkt.

Dass Milieus auf die Schippe genommen werden und Boerne immer in diesen herumgeistert, weil er nun mal der gesellschaftliche Resonanzkörper von Münster und den dort spielenden Tatorten ist, ist ein Schema, eines von vielen, wie es sie auch an anderen Standorten der Reihe gibt. Thiels und Boernes Fälle sind nach meiner Erinnerung allesamt Whodunits und trotzdem schaffen die Macher es, schräge oder schrille Figuren zu zeichnen, wie man sie in der Regel eher bei Thriller-Plots zu sehen bekommt. Die Milieuzeichnung fand ich gut und natürlich kommt dabei ein wenig zum Vorschein, dass ich immerhin Menschen kenne oder kannte, die sich mit Kunst beschäftigen. Dadurch gewonnene Eindrücke bestätigen mir, dass das, was hier gezeigt wird, nicht so abwegig ist und die Erklärungen dazu, was Kunst ist oder nicht, den Nagel auf den Kopf treffen. Der Gag am Ende hat mich an den phänomenalen Murot-Tatort „Im Schmerz geboren“ erinnnert und zählt auf jeden Fall zu den Pluspunkten von „Gott ist auch nur ein Mensch“.

Aber so gut wie Murots Jetzt-schon-Klassiker ist er ebenso wenig, wie er so schlecht ist, wie die Fans ihn derzeit reden.

Eine Schwäche ist sicher, dass man den richtigen Täter im Visier oder im Gespür hat, als er zum ersten Mal auftritt. Es kann beinahe gar nicht anders sein – und dadurch ist die Spannung ziemlich gering und man ist darauf angewiesen, sich an Thiels und Boernes Zusammenspiel zu ergötzen, wenn man den Spaß behalten will.  Immerhin haben sie dieses Mal einen kongenialen Dritten in Person von G.O.D., der von Aleksandar Jovanovic verkörpert wird. Obwohl er nicht zu den ganz bekannten Gesichtern in Deutschland zählt, ist er in vielen Filmen und am Theater zu sehen – und spielt auch ein wenig theaterhaft, was in einem Film, der sich dem Kunstbetrieb widmet, durchaus Sinn ergibt. Außerdem passt es zu Boerne und Thiel, denn die Boerne-Figur ist vom gesamten Stammpersonal der Tatort-Reihe lange Zeit diejenigen gewesen, die am deutlichsten als Kunstfigur angelegt war und daher auch „stagy“ agieren darf. Wenn man das gut macht, und Jan Josef Liefers macht es besonders gut, ist es immer ein Genuss und trägt auch die übelsten Gags und dümmsten Plots (vice versa) einigermaßen über die Ziellinie, sodass dem Münster-Tatort die hohen Einschaltquoten erhalten bleiben (der Durchschnitt aller Tatorte liegt dabei um etwa 30 Prozent niedriger als die Münster-Schiene, nur Hamburg konnte aus Gründen der Sensationsgier zeitweise mithalten, als Tschiller anfing, dort sein Rambo-Unwesen zu treiben).

Thiel (Axel Prahl) wird anders eingesetzt und auch sein Prollhabitus hat etwas Gespieltes, die Idee dahinter funktioniert aber noch immer, wenn man es nicht übertreibt, wie leider in einigen Filmen schon geschehen. Nicht in „Gott ist auch nur ein Mensch“, da hat man Thiel und Boerne wieder gut austariert, es wird nie zu freundlich, aber auch nie zu übergriffig zwischen den beiden bzw. von Thiel in Richtung Boerne. Ein gewisser Grundrespekt ist wichtig, damit die innere Spannung dieses Teams erhalten bleibt.

Es gibt auch dieses Mal das eine oder andere zum Fremdschämen, wie Boernes Bonsai, aber es ist ja auch alles nur Fun und Ironie, und die kann bisweilen schmerzlich sein, sodass der Spaß durchaus von Magengrummeln begleitet werden kann. Zu den Elementen, die man mögen kann oder auch doof finden, gehört sicher Franky-Girl, zumal Frank und Karla deutlich unterschiedlichen Alters sind, also kaum auf die Weise Kinderfreunde gewesen sein können, wie es auf einem Foto gezeigt wird. Ein wenig hat mich das Spiel von Vicotria Mayer als Karla an Nina Kunzendorf erinnert. Das ist ein Kompliment, denn von allen Abgängen der letzten Jahre vom Tatort-Set vermisse ich sie mit am meisten.

Thiel und Boerne altern wie alle anderen Menschen und bestimmt muss man mittlerweile bei Liefers nachhelfen, um das schwarze, dichte Haar auf der Schädeldecke und am Kinn genau so zu erhalten, wie es zu Beginn war, also 2002 – und außerdem muss der Schauspieler ja monatelang  so herumlaufen, damit alles bei Drehstart zu den nächsten Münster-Tatort wieder passt. Aber die Rollenprofile der beiden haben sich nicht verändert, ebenso wie das gesamte Team sehr statisch angelegt ist. Mit einer Ausnahme, kurioserweise: Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) durfte nach vielen Jahren endlich von der Anwärterin zur Kommissarin aufsteigen und hat somit das Konzept der permanenten Gegenwart durchbrochen, das in Münster bis dahin konsequent angewendet wurde. Kempter und auch Christine Urspruch, die Alberich spielt, haben mittlerweile dank ihres Erfolges mit dem Münster-Tatort eigene Serien, auch für Axel Prahl hat diese Rolle natürlich viel getan. Bei Jan Josef Liefers ist es dann doch umgekehrt: Er hat eine Menge für diese Tatort-Schiene getan, damit sie so erfolgreich werden konnte.

Finale

In den Jahren ab 2010-2011, leider gerade zu dem Zeitpunkt, als ich begann, die Erstausstrahlungen sofort zu rezensieren, hatte ich mich oft über die nachlassende Qualität der Münster-Tatorte geärgert, der Vergleich mit den in Wiederholung gezeigten früheren Fällen fiel das Urteil über die neueren nicht gut aus. Im Panorama von nunmehr 34 Fällen ordne ich „Gott ist auch nur ein Mensch“ aber in der Mitte ein, nicht am Ende – und jetzt fängt es doch schon an. Jetzt beginnt der Nostalgie-Faktor zu wirken, nachdem auch dieses Team 17 Jahre am Werk ist und sich nach dem jüngsten Abgang in Bremen nur noch die Kölner (22 Jahre), die Münchener (28 Jahre) und Lena Odenthal in Ludwigshafen (derzeit unschlagbare 30 Jahre) im Einsatz befinden. Das einstmals so gehypte, neue Konzept der Krimiklamotte ist also nun eines der ältesten im Tatortland und andere haben den Humor mittlerweile auch nicht nur als Beigabe, sondern als Transportmittel für ihre Botschaften entdeckt, wie etwa das aktuelle Dresden-Team. Wenn sie es in Münster bloß schaffen würden, dem Ganzen nochmal einen neuen Drive zu geben und sich nicht zu sehr auf den Lorbeeren auszuruhen, wären Thiel, Boerne & Co. immer noch ein Top Act unter derzeit 21 Teams.  So, wie es derzeit läuft, kommt es aber sehr darauf an, ob der Einzelfall gut gemacht ist.

Und wenn schon Steven King Bücher schreibt, in denen Verbrecher die sieben Todsünden nachbilden, wenn sie Menschen umbringen, dann muss auch eine gequälte Künstlerseele das Recht haben, die Verfehlungen derer, die sie um die Ecke bringt, anhand von Skulpturen darzustellen.

7,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Kommissarin Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Rechtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Taxifahrer Herbert „Vaddern“ Thiel – Claus D. Clausnitzer
Künstler G.O.D. alias Zoltan Rajinovic – Aleksandar Jovanovic
Künstlerin Swantje Hölzel – Raphaela Möst
Künstler Jan Christowski – Christian Jankowski
Nika Wenger – Gertie Honeck
Wengers Tochter und Kuratorin Klara – Victoria Mayer
Wengers Sohn und Künstler Roland – Matthias Bundschuh
Studentin – Marie Meinzenbach
u.a.

Drehbuch – Christoph Silber, Thorsten Wettke
Regie – Lars Jessen
Kamera – Rodja Kükenthal
Szenenbild – Simon Schläger
Ton – Erik Seifert
Musik – Stefan Wulff, Hinrich Dageför

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