Die Börsen beben – Gefahr für die Weltwirtschaft und die Ärmeren werden die Zeche zahlen / #Börse #Boerse #Wirtschaft #Wirtschaftskrise #Kapitalanlage #Crash #Finanzmarkt #Geldanlage #Niedrigzinspolitik

Vor einigen Tagen haben wir einen Artikel verfasst, in dem von einer Seitwärtsbewegung der Märkte die Rede ist und warum Aktiensparen als Altersvorsorge für Menschen mit geringem Einkommen Quatsch und für welche mit mittlerem Einkommen gefährlich ist.

14 Tage ist es etwa her, dass wir eine Seitwärtsbewegung des DAX referiert haben, auf einem Niveau, das etwa 10 Prozent Gewinn seit Jahresanfang entsprach. Mittlerweile ist die Börse gerade dabei, den kompletten Gewinn aus den ersten Monaten wieder zu verlieren. Die Zeichen stehen auf Sturm über der Weltwirtschaft.

Am letzten Freitag verlor der DAX über 3 Prozentpunkte, derzeit geht er wieder um 1,6 Prozent zurück. Dafür gibt es mehrere Faktoren. Psychologisch an erster Stelle steht der Trump-Effekt: Das allseitige Säbelrasseln des Präsidenten der USA beschränkt sich ja nicht auf – weitere -Strafzölle gegen China, wie sie gerade beschlossen wurden, sondern verstärkt weltweit die Krisenängste. Diejenigen, die vor einem Jahr, als Trump triumphierend gute Daten vermeldete, der sogenannte Trump-Bonus für die US-Wirtschaft, seine Repatriierungslogik, werden nur kurzfristig wirksam sein, sie werden wohl Recht behalten.

Die Automobilindustrie ist von harten Fakten geplagt, es gab im ersten Halbjahr 2019 einen weltweiten Produktionsrückgang von 7 Prozent, etwa in dem Maß, also nicht überproportional, wie man angesichts ihrer retardierten Modellpolitik denken könnte, verlieren auch deutsche Autohersteller. Die Autokonjunktur ist immer noch das wichtigste Indiz für den Zustand der produzierenden Industrie insgesamt.

Dienstleistungsunternehmen sind weniger betroffen, aber letztlich hängen sie, auch wenn ganz unterschiedliche Kreise diesen Zusammenhang am liebsten aufgelöst sähen, an der Warenwirtschaft. Grüne Nachhaltigkeitstechnologie spielt in der Weltwirtschaft immer noch eine eher untergeordnete Rolle und die Börsen sind nicht auf langfristig orientierte Transformationsvisionen, sondern auf das Hier und Jetzt und die nahe Zukunft ausgerichtet.

Der nebenstehende Sechsmonatschart sieht noch nicht so dramatisch aus wie der 5-Tage-Chart weiter oben: Das Jahr 2019 zeigt noch einen leichten Gewinn.

Die dritte Darstellung, die eine Entwicklung des DAX von fünf Jahren umfasst, erklärt aber wieder, dass den Börsen nicht erst ein paar Tagen die Fantasie ausgeht. Der Aufschwung im ersten Halbjahr ist traditionell, daher die Losung „(Buy in January), sell in May and go away“ sehr simpel, aber nicht die schlechteste. Meistens beherzigen Amateur-Anlager sie nicht, deshalb haben wir für Normalmenschen wie uns, die es – im Gegensatz zu uns – tatsächlich mit den Börsenprofis aufnehmen wollen, einen Link zu ein paar wichtigen Regeln. Der Beitrag ist etwas älter, aber die Psychologie ist dieselbe geblieben.

Nun heißt es aber, die kippeligen Aktienmärkte treiben Kapital trotz Negativzinsen in Anleihen. Gut für Staaten wie die Bundesrepublik Deutschland, die sogar mit Negativzinsen noch Abnehmer für ihre Papiere finden und sich daher billigst verschulden können – oder könnten, wenn sie die Chance erkennen würden, jetzt endlich mehr in die Infrastruktur der Zukunft zu investieren.

Leider aber wird häufig eine Anlageklasse nicht erwähnt, auf die nun auch weiteres Kapital zukommen wird, das an den Aktienmärkten keine Chancen mehr verspürt.

Wir hatten in früheren Beiträgen schon erwähnt, dass eine Wirtschaftskrise nicht unbedingt und sofort bedeutet, dass auch bei dieser Anlageklasse die Preise zurückgehen. Angesichts der jüngsten Entwicklungen ist der Moment gekommen, daran zu erinnern.

Wir befürchten, dass nun noch mehr Druck auf die Immobilienmärkte entstehen wird. Die Renditen sinken dort auch immer weiter, aber da die Zentralbanken immer noch munter Geld drucken und für einen Kapitalüberschuss sorgen, muss das Geld irgendwo hin, das eben nach neuesten Börseninformationen nicht mehr in Unternehmen investiert wird. Es werden mit dem Billiggeld auch marode Unternehmen durchgeschleppt, aber der positive Effekt dieses Verhaltens der EZB auf Innovation und Expansion ist in Europa sehr gering. Wir sehen dieses ausgegebene Ziel eher als Vorwand an, in der Hauptsache geht es darum, dass der Kapitalkreislauf nicht zusammenbricht und die Schwächen des Systems nicht auf einen Schlag offensichtlich werden. Man wollte mit dieser Aufstellung auch Zeit kaufen, aber wenn in dieser Zeit, es sind bereits zehn Jahre, keine gemeinwohlorientierte Revision des Wirtschaftsmodells erfolgt, ist sie vertan, und so sieht es im Moment aus.

Angesichts der aktuellen Lage gibt es, wenn man nicht die oben angesprochenen Negativzinsen als Ausgleich für gute Schuldnerbonität akzeptiert, nur eine Mögilchkeit: Trotz inzwischen irrer Preise weiter in die Immobilien zu gehen.

Wir sehen in Berlin mittlerweile Kaufpreise, die mehr als das 40-Fache der JKNM, der Jahresnettkaltmiete, die ein Haus einbringt, betragen. Vor zehn Jahren,  noch vor fünf Jahren, wäre jeder Investor von seinen Anlegern, falls er börsennotiert ist, strikt  zur Rechenschaft gezogen worden, hätte er zu solchen Preisen gekauft. Und nun lesen wir von Vertretern der Immobilienwirtschaft, die markroökonomisch dringend Nachholbedarf haben, dass man diesen Kapitalmarkt-Irrsinn doch unbedingt an den Mieter*innen aus lassen muss – die nun wirklich nicht die Erfinder dieser Blase sind – indem man ihre Wohnungen unbezahlbar macht. Kann das wahr sein? Es ist leider wahr.

Der Mix aus fast zwanghaft erwarteten immer weiteren Wertsteigerungen und der Anlagedruck sorgen im Moment dafür, dass fast alles geht, egal, ob die Renditen noch nach kaufmännischen Maßstäben dafür stehen. Kein aufgerufener Kaufpreis ist zu absurd und es ist kein Ende der Fahnenstange abzusehen. Falls nicht die Realwirtschaft dermaßen ins Wanken kommt, dass die Refinanzierbarkeit auch von Immobilien nicht mehr gegeben ist, weil zum Beispiel zusätzlich auch die Nachfrage auf diesem Sektor einbricht.

Leerstand ist im gegenwärtigen Szenario zwar nicht entscheidend, aber könnte der Auslöser für einen Crash sein. Auch daran merkt man wieder, dass die private Immobilienwirtschaft ein echtes Probleme mit dem Nachdenken hat und ganz sicher in vieler Hinsicht nicht zur Leistungselite zählt: Zu viel bauen bei sinkendem Bevölkerungszuwachs, wie er sich derzeit wieder abzeichnet, kann gefährlich für ihre eigenen Interessen sein. Oder ist alles nochmal anders?

Es gibt mindestens eine weitere Lesart: Bei Luxustürmen, die ohnehin nur für Anleger, nicht für den Bedarf der Mehrheit gedacht sind, spielt dieser Aspekt kaum eine Rolle. Wer diese Art von Bauen als Politiker*in unterstützt, weiß also auch, dass er die in normalen Jobs arbeitenden Mieter*innen anlügt, wenn er behauptet, das alles sei für sie gedacht und das Dringendste, was zu tun sei.

In der Hauptsache aus diesem Grund hat die Immobilienwirtschaft aber auch Angst vor Maßnahmen wie dem Mietendeckel, weil er aufzeigen wird, dass dies eine Falschdarstellung ist – und weil er die derzeit lemminghaft auf immer weitere Steigerungen setzende Anlegerpsychologie empfindlich treffen wird. Nicht wegen der Rendite an sich, die ja immer noch höher ist als bei anderen halbwegs sicheren Anlagen und in den allermeisten Fällen locker ausreicht, um Immobilien zu erhalten, ist das Problem, sondern was sich in den Köpfen von gierigen Menschen abspielt.

Das auf immer weiteren Wertsteigerungen aufgebaute Blasengebilde könnte also in Schwierigkeiten geraten. Anleger, die börsennotierte Unternehmen mit Kapital versorgen, ziehen sich dann vermutlich auch aus diesem Kapitalmarktsegment zurück, – die Amateure unter ihnen natürlich wieder viel zu spät und mit Verlusten – Banken können oder wollen nicht mehr finanzieren, so, wie sie auch Unternehmen seit der Krise 2008 und trotz der Niedrigzinspolitik nicht mehr so finanzieren, wie es sich die Architekten ebenjener lockeren Geldpolitik offiziell vorgestellt haben.

Wer sich dann freut, dass die Immobilienwirtschaft die lange verdienten Einbußen hinnehmen muss, springt aber leider zu kurz, solange sich sonst nichts ändert.

Denn eine ernsthafte Krise der Realwirtschaft wäre dieses Mal schwerwiegend und hätte für uns alle größere Folgen als 2008, 2009. Damals spielten sich die Probleme, soweit sie uns Mitteleuropäer betrafen – anders im südlichen Europa – vor allem im Kreislauf der Finanzwirtschaft ab. Dass mit unserem Geld die verzockten Banken gerettet wurden, war für die meisten ein eher abstrakter Vorgang, der sich nicht an einem bestimmten Punkt und spürbar aufs tägliche Leben auswirkte und daher auch keine politischen Konsequenzen nach sich zog.

Angela Merkel regiert dieses Land nur deshalb noch, weil mit allerlei Tricks die Alltagsfolgen der Krise gemindert oder auch kaschiert wurden. Die Niedrigzinspolitik, die Kapitalisten unendlich privilegiert und Normalverdiener dafür zahlen lässt, ist einer dieser Tricks gewesen. Es gab auch für die Mehrheitsbevölkerung relevante Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld und die Abwrackprämie, die aber nur einen besänftigenden Effekt haben konnten, weil die exportorientierte deutsche Wirtschaft schon 2010 wieder ansprang und 2011 bereits das Vorkrisenniveau überschritt – gemessen am BIP, nicht an der Zahl der Arbeitsplätze im hoch wertschöpfenden industriellen Bereich.

Womit wir wieder bei den Tricks wären, zum Beispiel bei einer Arbeitslosenstatistik, die suggeriert, es gebe heute viel weniger Unterbeschäftigung als etwa in den krisenhaften frühen 2000ern. Das stimmt nicht, sie wird nur besser versteckt, indem viele ihrer Varianten gar nicht in die Arbeitslosenstatistik einfließen. Auch die Grafik, welche DIE LINKE jeden Monat verwendet, um sie mit den Monatszahlen der BA zu vergleichen und die derzeit ca. 900.000 zusätzliche Arbeitslose gegenüber deren Statistik ausweist, ist bei weitem nicht realistisch. Diejenigen, die sich damit häufiger auseinandersetzen, kommen, je nach Berechnungsmethode, schon jetzt auf Unterbeschäftigungsquoten zwischen 6 (so auch wir) und 8,5 Millionen Betroffenen.

Wir reden damit von einem Szenario, wie es in den letzten Jahren bestand, das noch besteht und das junge Menschen überwiegend als normal empfinden dürften. Die nächste Krise wird sich nicht mehr mit Kaschieren und Lavieren und Probleme in die Zukunft verschieben regeln lassen. Das Arbeitszeitangebot wird massiv abnehmen, außer im sozialen Bereich, falls dieser mit geringeren Mitteln aufrecht erhalten werden kann. Nun haben Menschen in Deutschland ohnehin die weltweit kürzesten Arbeitszeiten, Tendenz weiter abnehmend. Dies ist einer der Gründe dafür, dass die Einkommen real nicht steigen. Die Tendenz zur Teilzeit sorgt auch dafür, dass immer neue „Beschäftigungsrekorde“ vermeldet werden können.

Wenn jetzt nicht bald umgesteuert wird und das sich überall ansammelnde leistungslose Kapital nicht gerechter besteuert wird, so dass es mehr zur Erhaltung der kleinen Einkommen – von Zuwächsen reden wir lieber nicht – beitragen kann, werden diejenigen, die sich jetzt über einen möglichen Crash am Immobilienmarkt freuen, weil Rache Blutwurst oder auch veganes Tofu ist, mit voller Wucht von der nächsten Krise getroffen werden.

Eine Erfahrung spielt dabei eine Rolle, die ältere Menschen aus 1970ern bis 2000ern bereits kennen: Während jeder Konjunkturdelle fielen mehr hochwertige Arbeitsplätze weg, als im folgenden Aufschwung neu entstanden – die Generation, die in den letzten 15 Jahren ins Arbeitsleben eingetreten ist, hat diese Folgen einer sich verändernden Weltökonomie noch nicht erlebt.

Die Weltwirtschaft ist auch wegen ihrer für die Zukunft nicht gerüsteten Ausrichtung, unter anderem ihrer Privilegierung innovations- und leistungslosen Großkapitals, in der Krise. Doch wenn das so ist, sollte die Politik wenigstens die Chance nutzen, von diesem Kapital mehr abzuschöpfen, um in Nachhaltigkeit für eine Zukunft zu investieren, in der es kein quantitatives Wirtschaftswachstum mehr geben darf, in der aber trotzdem allen Menschen ein würdiges Leben möglich sein muss.

So, wie es jetzt läuft, werden aber wieder die arbeitenden Menschen, die Nichtkapitalisten, die Zeche für den nächsten Fail de Geldadels zahlen. Ein Immobilienanleger mag im Extremfall nur noch 100 anstatt 200 Millionen in den Büchern stehen haben, um ein Größenbeispiel aus dem sogenannten Merz-Mittelstand zu nehmen, aber diejenigen, die keine Reserven besitze, weil sie von ihrer Hände oder Köpfe Arbeit leben und von jenen Kapitalisten dafür sehr schlecht bezahlt werden, die werden sich darüber wundern, dass sie am Ende wieder die Verlierer sind, weil es zu Fehlern kam, die im Verhalten einer anderen Klasse und damit im ausschließlich an dieser Klasse orientierten System liegen.

Natürlich wird die Elite (die Geldelite, nicht die „Leistungselite“) versuchen, denjenigen in der Politik die Schuld zuzuschieben, die versucht haben, den Menschen ein wenig zu helfen, damit sie beispielsweise nicht aus ihren Städten verdrängt werden. Dieses Märchen wird mit großer Medienmacht propagiert werden. Mit allen vom Kapital bewusst eingegangenen Risiken für die Gesellschaftsentwicklung und für die Demokratie.

Auch wenn sie für die meisten, die uns lesen, eher ein suspekter Platz sein dürfte, an dem ein paar Zocker ihre Zelte aufgeschlagen haben, ist der Zustand der Börse in einem finanzmarktorientierten Wirtschaftssystem ein besonders wichtiger Indikator für die reale, aber auch für die psychologische Seite der Wirtschaft. Und beide Seiten sind derzeit nicht gut drauf.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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