Tango für Borowski – Tatort 761 / Crimetime 409 // #Tatort #NDR #Kiel #Borowski #Brandt #Jung #Tango

Crimetime 409 - Titelfoto NDR,  Pasi Räsämäki  

Liebe und Tod in finnischen Wäldern

Mit Hannu Salonen hat ein echter Finne bei Klaus Borowskis Go North die Regie geführt. Demgemäß kann nicht viel schiefgehen, sollte man meinen. Tut es auch nicht, was schöne Bilder von einsamen Weiten und schräge Charaktere angeht. Die Finnen sind vermutlich die coolsten Typen in ganz Europa. Angesichts ihrer geografischen Ansiedlung nicht verwunderlich. Die Isländer setzen vielleicht noch eins drauf*, aber schon die Schweden wirken mit ihrem exemplarisch ausbalancierten Staatswesen und ihrer recht effizienten Polizei wesentlich mitteleuropäischer als Finnen auf die Art, wie sie hier einen Tango für Borowski spielen. Wie sie das machen und mehr zum Krimi steht in der -> Rezension.

Handlung

Klaus Borowski soll den deutschen Jugendlichen Ralph Böttcher in Finnland zu einem laufenden Verfahren befragen – eine willkommene Abwechslung im Alltag des Ermittlers. Böttcher, ein 17-jähriger ehemaliger Junkie, lebt im Rahmen einer Resozialisierungsmaßnahme in einem finnischen Camp und soll ein Mädchen aus dem Nachbardorf, Anni, vergewaltigt und ermordet haben. Er bestreitet die Tat, sitzt aber zur Untersuchung in einem finnischen Gefängnis.

Als Borowski und sein finnischer Kollege Mikko den Jungen zusammen nach Helsinki überführen wollen, unterläuft ihnen ein folgenschwerer Fehler: Ralph Böttcher schlägt Borowski nieder, überlistet Mikko und flüchtet in dessen Auto und vor allem mit dessen Dienstwaffe. Mikko, seine Kollegin Tuulia und deren Chef Rane nehmen die Verfolgung auf und untersuchen auch den Fall der toten Anni erneut. Borowski unterstützt sie dabei gemeinsam mit seiner deutschen Kollegin, der Polizeipsychologin Frieda Jung. Sie ist nachgereist, um ihrem Kollegen zu helfen.

Doch die Ermittlungen drehen sich im Kreis – und Borowski weiß irgendwann nicht mehr, was er glauben soll. Schlaflosigkeit, verwirrende Gefühle für Frieda Jung und dieser seltsame finnische Tango bringen den Kieler Kommissar an seine Grenzen.

Rezension

Man staunt über Menschen, die eher aus Werken der finnischen Kaurismäki-Brüder entsprungen sind als aus Nordkrimis à la Mankell oder Nesser. Demgemäß dürfen Polizisten auch weniger durchdrungen sein, als die Polizei erlaubt.

Davon lässt sich sogar der Nordischste unter den deutschen Tatort-Ermittlern anstecken und somit kommt die Handlung in Fahrt. Trotzdem wirkt Borowski gegenüber den örtlichen Co-Ermittlern noch „superior“. Alle wichtigen Ermittlungsschritte und -erkenntnisse gehen von ihm aus, und selbst die sind nicht immer logisch oder fein gesponnen. Kostprobe: Der Serienmörder, der schon so viele Paare auf dem Gewissen hat, der kann die Anni nicht umgebracht haben, weil, der andere Teil des Paares, der junge Deutsche Ralph, der lebt ja noch. Diese Art von rabulistischem Einstieg in Täterpsychologie kann auch parodistisch gemeint sein.

So genau weiß man das beim Regisseur Salonen nicht, von dem wir neulich „Verschleppt“ sahen, wo er sich ganz ins Südwestdeutsche gewagt hat und sicherheitshalber einen Film gemacht, der Vorbilder zitiert, aber nichts mit dem Land zu tun hat, in dem er spielt. Aber auch dort – man bemerke die Ähnlichkeiten – wirken die Figuren schräg und oft nicht sehr helle. Und auch dort trifft das besonders auf die Ermittler zu, die zwar kräftig, aber auch am Rande des Irrsinns agieren.

Zu den verrückten Einfällen von „Tango für Borowski“ gehört es unter anderem, ganz weit im Norden, wo die Sonne monatelang nicht untergeht, die Liebe zwischen dem Kommissar und seiner Psychologin Frieda Jung zu beerdigen. Ein weiteres Opfer eines insgesamt verlustreichen Krimis. Aber welch ein hübsches Gedicht zum Abschied hat sie ihm geschrieben, nachdem Nähe nun doch nicht möglich war.

In Teile teilen. Wenn man ihn einheitlich betrachten will, kommt man dem Tatort 761 nicht bei. Man kann ihn aber zerlegen. Da ist zum Beispiel das Roadmovie à la Kaurismäkis. Das ist recht gelungen, wenn man bedenkt, dass es hier nicht darum geht, in erster Linie eine Reise zu erzählen, sondern einen Täter zu ermitteln. Schließlich ist der 14. Borowski und erste Tatort in Finnland ein lupenreiner „Whodunnit.“

Dass der Film seinen Auftrag als Ratespiel nicht so ernst nimmt, scheint aber typisch für Salonen und diejenigen zu sein, die seine Drehbücher schreiben. Die Mordserie, die wenigen Verdächtigen und wie am Ende der Fall aufgelöst wird, das ist genauso rau wie das Nordland, eckig ohne Feinschliff. Warum auch nicht. Wenn man diesen Tatort von all den skurrilen Einfällen und Typen getrennt als Fall ansieht, gibt er nicht sehr viel her. Sollte er vermutlich auch nicht.

Die Regie verlässt sich sehr auf die Macht von Nadelgehölz-Ablichtungen, auf Männer, wie wir sie aus amerikanischen Roadmovies kennen, in denen irgendein abgeschieden hausender Irrer harmlose Zeitgenossen zu verfolgen beginnt, die zufällig durchs unheimlich weite Land fahren – und auf einen Axel Milberg, der den knurrigen Norddeutsch-Kommissar in Finnland sehr authentisch wirken lässt.

Dadurch kommt das Ganze nicht so satirisch im Sinne des Aufeinanderprallens verschiedener Welten, als wenn man zum Beispiel einen Schwung Rheinländer ins karge Tangoland verfrachtet hätte – in dem die wenigen Straßen besser befahrbar wirken als diejenigen ähnlicher Kategorie in Brandenburg und bestimmt steht dort auch  nicht hinter jedem dritten Baum ein hinterhältiges und sicherheitstechnisch sinnfreies Blitzgerät. Für sowas sind die Finnen einfach zu cool. Aber ob die Polizei da oben wirklich diese alten Saab 99-Modelle einsetzt, die vor mindestens 25 Jahren gebaut wurden? Zuzutrauen ist es diesen Landeiern, von denen fast jedes das Potenzial zum Prollprototyp oder / und zum Serienmörder hat, was ohnehin beinahe das Gleiche ist. Vielleicht sind es mehrheitlich auch Saab 900-Modelle, die wären dann höchstens 15 Jahre alt.

Adieu Frieda, welcome Taiga. Ob es so gedacht war? Dass der einsame Wolf, der Borowski ja im Grunde immer war und bleiben wird, in der Waldeinsamkeit seine zarte Liebe verliert, das finden wir durchaus passend. Ein letztes Rendezvous, getarnt als Ermittlungshilfe, die sachlich gar nicht notwendig scheint, ein Fenster, das sich nicht verhängen lassen will, Zärtlichkeit im sanften und doch alles zeigenden Licht der Mitternachtssonne. Der Tango für Borowski hat seine schönen und intensiven Momente, keine Frage. Er ist genau dort stark, wo man es bei einem Tatort nicht erwartet.

In Wirklichkeit war es so, dass die Schauspielerin Maren Eggert, die Frieda Jung verkörpert, wegen eines hochrangingen Theaterengagements keine Zeit mehr für ihre Psychologinnen-Rolle in den Kiel-Tatorten hatte. Die Macher hatten also nicht vor, sie und Borowski zu trennen. Schön wär’s geworden, da sind wir sicher, die beiden zu sehen, wie sie Nähe wollen und wagen und doch nicht heiraten, denn dann – dann wäre mal wieder eine Geschichte zu Ende erzählt, um einen zuletzt viel strapazierten Satz zu gebrauchen. Der Abgang mit einem Gedicht wirkt gar nicht unschlüssig, und dass so etwas passiert, nur, weil Borowski einen Tango mit einer anderen tanzt und das schon an die Substanz dieser fragilen Beziehung zwischen Polizist und Psychologin geht, das können wir uns vorstellen. Es war nicht so schwierig, Frieda aus den Borowski-Tatorten herauszuschreiben und ein  Hauch von Melancholie und Abschied eignet doch den unendlichen Weiten Finnlands recht gut.

Mit der neuen Assistentin Sarah Brandt wird es keine Fortsetzung geben. Die ist nämlich so jung, dass dies politisch nicht korrekt wäre. Der politischen Korrektheit kann sich die unaufgeregte und in den letzten Folgen richtig urige Kieler Tatortvariante wohl in punkto Darstellung nordischer Völker, jedoch gewiss nicht bezüglich des Altersunterschieds zwischen Sexualpartnern entziehen.

Dort gehen Menschen verloren, die in Wirklichkeit ermordet werden. Am Ende scheitert auch Borowskis Mission, nämlich den jungen Deutschen Ralph auszuermitteln und herauszufinden, ob dieser wirklich ein finnisches Mädchen auf dem Gewissen hat. Zwar kommt die Wahrheit ans Licht, aber aufgrund eines von mehreren Fehlern, die Borowski in diesem etwas halluzigenen Tatort begeht, findet Ralph den frühen Tod.

In der Taiga, da verlieren Polizisten Verdächtige, die fahren einfach mit dem Saab davon. In der Folge verlieren sich die Polizisten gegenseitig aus den Augen und der Verdächtige verliert sein Leben. Gut, dass Borowski kein  Handy mithatte, bestimmt ist diese Taiga ein einziges, großes Funkloch, Nokia als Symbol des anderen, des technischen – aber taigafernen – Finnentums zum Trotz.

Finale

Die Kiel-Tatorte mit Klaus Borowski, die wir bisher für den Wahlberliner rezensiert haben, weisen alle etwas Besonderes auf. Starke Typen, manchmal kombiniert mit viel Stimmung unterschiedlicher Art. Am besten wirkt sie auf den Zuschauer, wenn sie mit Borowskis Typ harmoniert, wie in dem wunderschön melancholisch-zarten „Borowski und die Sterne“, in dem der Ermittler und seine Frieda sich ganz nah kommen und der uns zu Fans dieses Kommissars gemacht hat.

Das Gute an ihm ist, dass seine zurückhaltende, aber wirksame Art zu spielen viel Raum für Atmosphärisches lässt. Ob ein beinahe verlassenes Kieler Hotel oder die finnische Taiga, beides lässt sich raumfüllend mit Borowski verbinden und es ergibt sich ein eigenartiger Swing in Moll. Damit ist Kiel derzeit der einzige norddeutsche Tatort, der das Nordische, das Stille und Große wirklich lebt und nicht unter prätentiösen Ermittlerpersönlichkeiten begräbt, der es nicht zulässt, dass sich Egos so aufbauen, dass der Blick aufs Meer, auf die Sterne und die finnische Waldeinsamkeit komplett verstellt wird.

Deshalb können wir auch diesem plottechnisch eher schwachen Borowski-Krimi keine schlechte Note geben. Die Figuren inklusive derer des Kieler Kommissars und die beinahe epischen Bilder gleichen die handlungsseitigen Mängel in etwa aus, so dass wir im Ganzen auf 7,5/10 kommen und es nicht überbewerten wollen, dass wir nach ca. 65 Minuten mal zur Uhr rüberschauten, weil der Plot da gerade im finnischen Unterholz festhing.

*Die Rezension wurde weitgehend unverändert aus dem Jahr 2012 übernommen, mittlerweile wissen wir, wie cool die Isländer politisch und fußballerisch sind.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Mikko Väisanen – Janne Hyytiäinen
Ralph Böttcher – Florian Bartholomäi
Frieda Jung – Maren Eggert
Vallu – Antti Reini
u.a.

Drehbuch – Clemens Murath
Regie – Hannu Salonen
Musik – Michael Klaukien, Andreas Lonardoni
Kamera – Andreas Doub

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