Eine Frage des Gewissens – Tatort 923 #Crimetime 418 #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Gewissen #Frage

Titelfoto (c) ARD / SWR, Sabine Hackenberg

Wann, wobei und warum wir lügen dürfen

Im 923. Tatort, dem 15. Ihrer gemeinsamen Ermittlerkarriere, wird die Freundschaft zwischen Torsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) – nicht zum ersten Mal – auf eine harte Probe gestellt. Ein seltsamer Überfall in einem Supermarkt, Lannert schießt auf einen Geiselnehmer, trifft ihn tödlich, Bootz gibt bei der späteren Anhörung an, alles genau gesehen zu haben, aber stimmt das?

Lannert und Bootz gehen mit großen Vorschusslorbeeren spazieren, wenn ein neuer Tatort kommt, denn sie liegen gemäß Auswertung des Tatort—Fundus auf Platz 2 aller mittlerweile 21 Ermittlerteams, knapp hinter Klaus Borowski aus Kiel. Wir meinen nur die Qualität der Tatorte, die man den Teams zumisst. Das mag ein wenig überraschen, weil sie nicht so spekatkulär auftreten wie einige der neueren Mann- und Frauschaften, sie sind, wenn man so will, eines der letzten „normalen“ Teams, die ins Rennen gegangen sind, nach Bienzles Abschied 2007. Woran man merkt, wie die Zeit vergeht, denn 2008 war ihr Konzept der symmetrisch-asymmetrischen Figurenanlage eines der modernsten. Dazu gehörte die dramatische Vergangenheit Lannerts ebenso wie das Familiäre von Bootz. Der eine kommt und erklärt sich aus dem Gestern, der andere lebt im Hier und jetzt. Noch heute ist diese Grundkonstruktion für spannende Schauspielertatorte geeignet, in denen die Kommissare viel zeigen dürfen.

„Eine Frage des Gewissens“ ist eine interessante Kombination aus Whodunit und Thriller, das Rätsel des Mörders an einer Zeugin des Thriller-Teils der internen Ermittlungen und Anhörungen, ist ebendiesem Thriller entgegengestellt und balanciert diesen Tatort aus. Derzeit liegt er in der angesprochenen Auswertung des Tatort—Fundus bei etwa 7,26/10 Punkten und damit punktgenau im Durchschnitt aller bisherigen Lannert-Bootz-Filme. Das heißt auch, er ist unter allen Tatorten weit überdurchschnittlich bewertet – aber auch, er ist einer der schlechteren Fälle des aktuellen Stuttgarter Teams. Wie sehen wir’s? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

Im Einsatz bei einem Raubüberfall erschießt Thorsten Lannert den Räuber, der eine Geisel genommen hat. Die Anhörung wegen Verhältnismäßigkeit dieser Handlung sollte eine Routineangelegenheit sein, der Täter war gefährlich und völlig unberechenbar. Doch die Mutter des Toten hat die Anwälte Christian und Sabine Pflüger engagiert, die Lannert wegen fahrlässiger Tötung angeklagt sehen wollen.

Sebastian Bootz entlastet Thorsten Lannert in der Befragung – obwohl er eigentlich im Hinblick auf die entscheidenden Sekunden gar nicht sicher ist … Eine weitere Zeugin wird ermordet, bevor sie aussagen kann. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Überfall im Supermarkt und dem Mord?

Die Kommissare wollen ermitteln, doch Sebastian Bootz, der die Zeugin aufgesucht hatte, um seine eigene Aussage zu untermauern, wird wegen des Versuchs der Einflussnahme vom Fall abgezogen. Nun fragen sich beide Kommissare, ob sie nicht Fehler gemacht haben. Und belasten damit auch ihre Zusammenarbeit.

Rezension

Die zentrale Frage ist im Grunde nicht die des Gewissens, dem Titel zum Trotz. Sondern, ob es in Ordnung ist, einen Kollegen, einen Kameraden zu decken, ihm mit einer Aussage zu helfen, die es ihm ermöglicht, in einer Anhörung gegen einen versierten Opferanwalt zu bestehen, in einer Anhörung, in der es an glaubwürdigen Zeugen ebenso mangelt wie an einer kompletten Darstellung: Lannert hätte sich darauf berufen können, dass der Täter im Supermarkt den Revolver an den Kopf der Geisel gehalten hat und rückwärts gezählt, damit Lannert seine Waffe fallen lässt. Hätte der Polizist Letzteres tun müssen? Sicher nicht, einen Warnschuss muss er allerdings abfeuern. Die Notwehrlage, Rechtsgut Leben eines Dritten, scheint aber nach dem Gesehenen eindeutig. Und mehr als eine subjektive Einschätzung („er hätte geschossen, ich sah es in seinen Augen“) kann es niemals geben, solange kein Tatbestand vorliegt. Und den zu verhindern, sind Lannert und Bootz in diesen türkischen Supermarkt gefahren, für den eine Filiale der in Berlin gut bekannte „Gazi“-Kette Pate gestanden haben dürfte. Jedenfalls ist der Supermarkt-Räuber tot, nachdem Lannert geschossen hat. Sofort.

Die erste Frage, die sich bezüglich der Handlung aufdrängt, liegt schon in dieser Anfangszene begründet: Muss ein Supermarkt wie eine Bank überfallen werden, mit, wie sich herausstellen wird, vier Beteiligten, mit Geiselnahme? Häufig kommt das gewiss nicht vor, aber wäre es nicht so, wäre das ganze Handlungskonstrukt nicht denkbar, in dem vor allem die Z euginAlice Gebauer (Luise Berndt) eine ebenso wichtige wie zwielichtige Rolle spielen wird, denn in Wirklichkeit ist sie Tatbeteiligte. Sie wird von den Opferanwälten zur Kronzeugin aufgebaut. Die Crux ist: Sie kann gar nicht gesehen haben, was geschah, weil Kollege Bootz sie mit sich zu Boden gerissen hat, um sie zu schützen. Beide haben also nichts gesehen. Würde Bootz aber in der Anhörung darauf abstellen, wäre klar, dass dies auch auf ihn selbst zutrifft. Er muss sehr wohl fürchten, dass sie die Wahrheit sagt, deswegen sucht er sie auf.

Warum bloß? Ab diesem Moment hatten wir das Gefühl, die Polizisten hier sind wieder mehr Menschen als Profis, denn dass das ausgeschlachtet werden wird, wie auch immer das Gespräch ausgeht, dass der Opferanwalt den Besuch bei Frau Gebauer gegen die Polizisten im Sinn einer versuchten Beeinflussung der Zeugin in Stellung bringen wird, liegt auf der Hand. Bootz ist offenbar doch nicht in einem Optimalzustand, wie auch Lannert bemerkt, und dann kommt der Suspense: Lannert beobachtet den anderen ganz genau, weil dieser nicht mehr berechenbar ist. Dass Bootz ihm trotz bester Absichten schaden kann. Obwohl alle dies wissen, auch die OStA, die StA, welche die Ermittlungen leitet, dürfen aber Bootz, der Unzuverlässige und Lannert, der Belastete, den Fall am Tod der Zeugin aufklären. Das ist mit Sicherheit nicht nur in Relation zu den übrigen kleineren Logikproblemen ein Klops. Wir hatten beim Anschauen nur noch die Augenbrauen hochgezogen. Das hätte der Opferanwalt viel stärker ausspielen dürfen, und die Vertuschungsgefahr, die darin liegt. Staatsanwältin Alvarez schickt Bootz zwar in Urlaub, das Mindesten, was sie tun kann, aber sie hätte auch Lannert vom Fall abziehen müssen. Wer ermittelt objektiv, wenn er die Gelegenheit hat, ein gegen ihn laufendes Verfahren durch die Ermittlungsrichtung zu steuern?

Wir hatten vier Täter im Supermarkt, die aber sind nicht irgendwelche Räuber, wie sich im Lauf der Zeit herausstellt, sondern gehören einer linksradikalen Gruppe an und sind vielleicht auch deshalb übermotiviert, eine Geiselnahme im Supermarkt betreffend. War da nicht bei der ganz frühen RAF so ein Kaufhausanschlag? Gut. Jedenfalls werden die Leute sehr einseitig dargestellt, und das verwundert uns schon deswegen, weil hier die PC übergangen wird, und es ist nicht das erste Mal in einem Tatort, dass der SWR ein vergleichsweise konservatives Weltbild vermittelt – im Vergleich zum NDR oder zum WDR, um es präziser zu benennen. Uns wär’s lieber gewesen, man hätte den politischen Hintergrund und diesen überdimensionalen Hass, den die männlichen Mitglieder der Polit-Räuber hat, der hätte dann andere, persönliche, biografische Gründe gehabt. Aber so passt es natürlich, dass der Opferanwalt mit ihnen eine Wellenlänge hat, weil er gegen jede Staatswillkür angeht. Doch dann die Wende.

Es stellt sich heraus, dass ebenjener Anwalt Bielfeldt einst in Tübingen ansässig war, genau zu der Zeit, als Alice Gebauer, das Opfer, dort studierte. Und dass er der Vergewaltiger war, von dem zuvor schon die Rede ist. Die Tat wurde nie aufgeklärt, die Umstände sind auch recht mysteriös, der Zufallsfaktor ist exorbitant, die Reaktion des späteren Opfers bei der Anhörung ist mehrdeutig und die Motivation, sich der Opfer von Staatsgewalt anzunehmen, weil man etwas abbüßen will, kann es geben, und auch der Schutzpanzer, den Bielfeldt sich aus einer Art Robin Hood-Haltung heraus und mit einem großen Maß an Arroganz aufbaut, der könnte darauf zurückzuführen sein. Oder auch nicht, denn zum Zeitpunkt seiner Tat gegen Alice Gebauer war er schon 35 Jahre alt, also doch ausgeformt.

Manche Fragen in diesem Fall sind nicht so einfach abzuwägen, dieses Überkonstruierte mit dem Anwalt als damaligem Vergewaltiger – nun gut, wir leben in einer Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern und hatten hier auch schon zufällige Begegnungen, die ziemlich außerhalb der statistischen Wahrscheinlichkeit liegen. Der Unterschied zur Fiktion ist, die Realität darf sich mehr erlauben. Was wir nämlich Unglaubwürdigkeit nennen, das beruht im Bereich der geringen Wahrscheinlichkeit als Urheberin der Unglaubwürdigkeit darauf, was wir von einem Film erwarten, nicht vom Leben. Die Art, wie die Tat gegen Alice Gebauer aufgelöst wird, ist dann übrigens noch unwahrscheinlicher – aber wir kennen das ja, dass am Ende etwas gehudelt wird. Dramaturgisch gab es schon schlechtere, geradezu aufgepropft wirkende Auflösungen.

Fazit

Keine Frage, dass „Eine Frage des Gewissens“ besonders von den beiden Kommissar-Darstellern Müller und Klare sehr anständig gespielt ist, sie verfügen über das, was die Handlung stellenweise vermissen lässt: Glaubwürdigkeit. Sie tragen diesen Tatort auch sehr gut und wir hatten nie Langeweile – wegen dieser beiden Figuren, wegen der Anhörungssituation, deren Bedrohlichkeit für Lannert wir nachempfinden konnten und wie wir es toll fanden, dass er so die Ruhe bewahrt hat. Unbesonnenheit würde auf mangelnde Selbstkontrolle in einer Gefahrensituation schließen lassen – und nicht etwa auf einen berechtigten, emotionalen Umgang mit der Situation, von einer Seite bedroht zu werden, die so hartnäckig wirkt wie der Anwalt Bielfeldt.

7/10

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Alice Gebauer – Luise Berndt
Christian Pflüger – Michael Rotschopf
Gerichtsmediziner Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Holm Bielefeldt – Daniel Christensen
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Mimi Fiedler
Oberstaatsanwalt Blesinger – Holger Kunkel
Peer Schmiedle – Isaak Dentler
Sabine Pflüger – Caroline Ebner
Staatsanwältin Emilia Àlvarez – Carolina Vera
u.a.

Drehbuch – Sönke Lars Neuwöhner, Sven Poser
Regie – Till Endermann
Kamera – Jürgen Carle
Schnitt – Sabine Garscha
Musik – Jens Grötzschel

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