Nemesis – Tatort 1100 / Crimetime 421 // #Tatort #MDR #Dresden #Sachsen #Gorniak #Winkler #Schnabel #Nemesis #Tatort1100

Crimetime 421 - Titelfoto MDR / Wiedemann & Berg Television, Daniela Incoronato

Es muss nicht immer Mafia sein

Das war also der eintausendeinhundertste Tatort. Was für einen weiten Weg ist diese Serie gegangen und doch: Immer wieder ist Anfang. So, wie in Dresden erst kürzlich von Sieland zu Winkler gewechselt wurde. An die Macke mit dem Feuerzeug hatten wir gar nicht mehr gedacht, sonst hätten wir sie in der Vorschau erwähnt. Außerdem erweisen sich die meisten Morde am Ende als Beziehungstaten. Manchmal im engeren, manchmal im weiteren Sinne. Und der Chef hat das Essen mit dem Armenier nicht korrekt abgerechnet. Armenier sind seit „Babylon Berlin“ in Mode, weil politisch korrekt. Es gibt keine armenische Mafia in Deutschland. Und sonst? Es steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Der bekannte Dresdner Szenegastronom Joachim Benda wird erschossen in seinem Restaurant aufgefunden. Für die Ermittlerinnen Karin Gorniak und Leonie Winkler weist einiges darauf hin, dass Benda um Schutzgelder erpresst wurde. Bendas Ehefrau Katharina berichtet, dass die Familie zu Hause von maskierten Männern überfallen und bedroht wurde. Die Polizei kann eine der Kugeln vom Tatort mit einer Waffe in Verbindung bringen, die bereits bei einem Mord im Rotlichtmilieu benutzt wurde. Vor allem für Kommissariatsleiter Schnabel, der Benda kannte und schätzte und der den tragischen Mordfall schnell aufklären möchte, ist die Sache damit klar.

Doch als die Aussage eines verdeckten Ermittlers an Bendas Mafiaverbindungen zweifeln lässt, rückt Katharina Benda wieder in den Fokus der Ermittlungen. Die Kommissarinnen finden heraus, dass Benda seine Frau in die Psychiatrie einweisen lassen wollte. Doch ihr Alibi für die Tatnacht ist lückenlos. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, suchen Gorniak und Winkler Zugang zu Viktor Benda, dem älteren Sohn des Ehepaars, der durch seine Mutter jedoch immer mehr unter Druck gesetzt wird.

Rezension

Sohn Benda: Die beiden Typen hatten sone schwarzen Masken auf, wo nur die Augen sichtbar sind.
Gorniak: Wir lassen ein Phantombild machen!

DIeser und andere Dialoge lassen uns immer wieder daran zweifeln, dass Drehbücher ordentlich redigiert werden. Eigentlich müssten es auch die Darsteller merken, dass ihnen Quatsch in den Mund gelegt wird – und dann könnte man doch mal spontan bzw. aus dem Lernen der Rolle heraus noch was ändern. Dieser Fail fiel sogar den Betreibern des offiziellen Tatort-Accounts der ARD auf, hier der passende Tweet. Einbetten findet aber hier nur statt, wenn jemand was gefunden hat, was uns nicht beim Schauen selbst aufgefallen war.

Es gibt noch mehr solcher Highlights in „Nemesis“. So fährt der Dienstwagen von Gorniak offenbar mit Wechselkennzeichen, obwohl ein neuer VW Passat, hat auch schon einen Nebelleuchten-Ausfall, zumindest auf eines der verwendeten silbernen Fahrzeuge trifft das zu. Dreckig dürfen die Autos aus Marketingründen heute nicht mehr sein. Egal, wie das Wetter ist – der Lack bleibt glänzend. Deswegen wirkt auch das Treffen in der Waschanlage pittoresk, schön konspirativ, ist aber sachlich unnötig.

Und, Mann, sind diese Bendas unsympathisch dargestellt. Kinder, die schon älter als 10 Jahre sind, im fetten SUV zur Schule und wieder zurück fahren, eine dieser typischen, eiskalt eingerichteten Protzbuden, die beiden Jungs selbst sind schon halbe Psychopathen, vor allem der Jüngere – und erst die Mutter. Hätte der jüngere Sohn den Vater nicht erschossen, wäre der vermutlich selbst irgendwann in den Suizid-Modus übergegangen, angesichts der Familie, die er da entwickelt hat. Wie schwierig sowas zu inszenieren ist.

Wir haben den Regisseur nicht beneidet. Auch nicht die beiden jungen Darsteller, die Valentin und Viktor gespielt haben. Vor allem in der total schrägen Schlussszene auf dem Dach zeigt sich, da wurde psychologisch total überzogen und niemand kann sich da irgendwie richtig verhalten. Auch Gorniak krakeelt nur mit auf dem Dach rum. Dass es dabei nicht zu weiteren Todesfällen kam, ist sehr verwunderlich. Das wenig überzeugende Ende eines sehr auf Kante genähten Plots, der wieder so einen Instant-Eindruck macht. Dinge zeichnen sich nicht langfristig ab, sondern kommen ganz plötzlich zur maximalen Eskalation.

Und erst weinen die Jungs furchtbar um ihren Vater, selten wurde eine Familie in Trauer so intensiv gezeigt wie in diesem Film, und dann stellt sich heraus, dass die Jungs ihn selbst erschießen sollten und einer hat es wirklich getan. Auweia. Das alles nur, um den Zuschauer hinter die Fichte zu führen. Klar klappt das auch, wenn man das Verhalten von Figuren so unglaubwürdig zeichnet, dass kein Mensch darauf kommen kann, was sich tatsächlich zugetragen hat. Die Zeiten, als man es noch verstand, alles in der Schwebe zu halten, ohne dabei den Zuschauer nicht ernst zu nehmen, sind wohl endgültig vorbei. Ja, vielleicht hätte man angesichts der langen Trauerszene im SUV darauf kommen können, dass da was nicht stimmt, aber das ist eben eine Art von Interpretation, die sich gegen den Film richtet, und wir wollen doch sowas nicht. 

Der Tatort 1.100 wird das Dresdner Team vermutlich nicht weiter liften, jedenfalls nicht sehr stark. Dazu ist er nicht überzeugend genug. Aber er macht auch nichts kaputt und das ist auch viel wert. Der Kontrast zwischen den beiden Ermittlerinnen ist nicht mehr so stark wie bei Sieland / Gorniak, die Unterschiede liegen jetzt eher in den Nuancen. Und darin, dass Leonie Winkler einen Background hat und aus einer bekannten Polizeifamilie stammt, Gorniak hingegen hat einen Sohn. Den man in „Nemesis“ nicht sieht, wohl aber den Vater von Winkler, von dem sie sich, noch ganz in seinem Schatten im Vorgängerfall, eiligst emanzipiert. Ja, damals, da haben alle irgendwie gemauschelt, aber heute? Das Finanzamt bescheißen ist eben Business. Und niemand will Sand im Getrieben, daher ist ein Mafiamord absurd. Tatsächlich? Allein diese Prämisse ist Unsinn, denn Macht- und Verteilungskämpfe kann es immer wieder geben. Es wird ja schließlich nicht Geld aus dem Verkauf von Wattestäbchen, sondern aus dem Drogen- und Menschenhandelbusiness gewaschen. Aber okay, es ist kein Mafiamord, obwohl zunächst alles darauf hindeutet. 

Wer gerne vom Titel eines Films auf das Geschehen schließt, konnte dieses Mal Schwierigkeiten bekommen, denn war die Täterin eine Nemesis-Figur? Wohl kaum.  Vielleicht handelt es sich sogar um eine bewusste Irreführung. Es gibt eine Menge Unstimmigkeiten im Detail in diesem Film, die fallen den Menschen in den sozialen Medien natürlich auch auf. Auch wir fanden die Klingel für ein solches Haus kläglich und die Haare von Gorniak zu fettig und seltsam gefärbt und die der Mutter auch, aber bei der stimmte ja auch was nicht, die Häuser sind  in Relation zur sozialen Stellung der Bewohner meist etwas übertrieben, insofern nichts Neues, aber natürlich auch ein Kommentar zu unserer Lebenswirklichkeit: Die wird in Tatorten häufig genauso verzerrt wie die Darstellung der Ermittler*innen und ihrer Arbeit. Nur, wer will die Dinge schon so sehen, wie sie sind, anstatt sich Anregungen darüber zu holen, wie sie sein könnten, wenn denn die Realität nicht so anders wäre. 

Auch wenn das Team Schnabel-Gorniak-Winkler nicht sehr realitätsnah ist – es ist das Pfund zum Wuchern, in diesem Film. Denn es ist immer noch weitaus griffiger als einige andere Crews und Schnabel ist eben nicht nur eine Kunst-, sondern auch schon eine Kultfigur. Die beiden Frauen werden gemäß Zeitgeist ein bisschen roboterhaft dargestellt, aber sie machen auch keine unendlichen Sperenzchen. Nicht divenhaft oder ultraprätentiös, sondern geradeaus, das ist ein Deal, mit dem die meisten Zuschauer*innen leben können – sollten. 

Finale

Gelungen ist auch die unangenehme, angespannte Stimmung, die der Film erzeugt. Wenn die Blackbox Familie sich dann, wenn sie doch mal geöffnet wird, als die Keimzelle aller Gewalttaten erweist, dann hat man einen Kommentar vor sich, mit dem man etwas anfangen kann. Zum Beispiel, was zu viele Krimis schauen auslösen kann. Im Moment wieder sehr in der Diskussion und es werden Artikel aus berufener und aus eher naiver oder konventioneller Feder dazu geschrieben.

Auch für uns ist es nicht einfach, jeden Tag dem Verbrechen in die Augen zu schauen, und sei es nur in der flachen Darstellung. Verursacht wurde dieser Auftrieb durch die Entscheidung, auch die Parallelreihe Polizeiruf zu bebaochten – dadurch kamen fast 400 Filme hinzu, die wir seit März sichten. Wir sind also den gleichen Gefahren ausgesetzt wie die Jungs mit ihrer gruseligen Mutter (kaltes Badewasser ist die häusliche Folter unserer Zeit!) und der Xbox und den Ballerspielen.

Nur: Es gibt ein Alter, in dem das nicht mehr sofort dazu führt, dass man sich umzingelt fühlt und sich eine Waffe aus niederländischen OK-Beständen besorgt. Der  Zustand tritt erst nach etwa einem halben Jahr ein. Si vis pacem, para bellum!

6,5/10

Vorschau: gewendet und geehrt

Die Krimi-Geschichte, welche der MDR bisher geschrieben hat, ist wechselreich und nicht immer glücklich gewesen. Treffer wie Schmücke und Schneider beim Polizeiruf, Teilakzeptanz von Ehrlicher und Kain vor allem im Westen, Probleme mit den Nachfolgern Saalfeld und Keppler, beim Magdeburg-Polizeiruf werden die männlichen Ermittler schnell verschlissen und der Ton ist zu düster, die Figuren zu hermetisch – das genaue Gegenteil im Weimarer Kasperle-Theater. Erfurt ging komplett schief und wurde nach nur zwei Filmen abgesetzt. Auch Dresden II hatte anfangs zu kämpfen, weil man zu aufgekratzt und schrullig war, doch es sieht im Moment aus, als gelänge dem MDR etwas, was auch die erfahrenen Westsender selten schaffen: Nach einem halben Fehlstart die Nerven zu behalten und ein Team so anzupassen und weiterzuentwickeln, dass der Erfolg sich einstellt. Mit Saalfeld und Keppler, den Vorgängern, gelang das trotz langem Festhalten an den beiden noch nicht überzeugend. Wir müssen allerdings einwenden, dass wir nicht zu den Saalfeld-Bashern zählten und deswegen insgesamt mit Leipzig II besser klarkamen als viele andere, die sich mit den Tatorten befassen.

Die letzten Tatorte von Gorniak, Schnabel und damals noch Sieland sind also gut angekommen. Die Drehbücher haben funktioniert, der Ton wurde etwas zurückgenommen, ohne dass er zu standardmäßig wirkt. Die Inszenierungen waren ohnehin das, was in Dresden II von Beginn an überzeugt hat und ein deutlicher Fortschritt gegenüber den früheren Jahren. Der Rückzug von Alwara Höfels als Henni Sieland muss als Rückschlag bezeichnet werden, denn sie war gerade dabei, sich ihr Terrain neben der zackigeren Karin Gorniak zu erobern – aber ihre Nachfolgerin Cornelia Gröschel, welche die Leonie Winkler spielt, hat zumindest noch nichts falsch gemacht. Darauf kann man nun gut aufbauen und mit Martin Brambach als Schnabel hat man einen der profiliertesten Dienststellenleiter aller Tatort- und Polizeiruf-Teams verpflichten können. Ein paar Lorbeeren gibt es auch: Immerhin ehrt man die Dresden-Schiene damit, dass Gorniak & Co. den Tatort mit der Nummer 1100 bekommen. Vielleicht eine hintersinnige Anspielung auf die Parallelreihe Polizeiruf 110, auf jeden Fall aber haben viele Teams nie einen dieser „Meilensteine“ für sich verbuchen können. Die 700 hatten einst Saalfeld und Keppler für „Todesstrafe“ erhalten, ihren ersten Fall – Indiz für die Ambitionen, die man mit diesem Team hatte. Die Nr. 1000 war ein Film namens „Taxi nach Leipzig“, der dem NDR gebührte, der auch den allerersten Tatort auf die seinerzeit noch gewölbten und überwiegend Schwarzweißbilder ins Wohnzimmer sendenden Bildschirme brachte – im Jahr 1970. Der Titel ist eine Wiederholung gewesen, der Plot hingegen spielte nicht aufs Original an.

Dies ist nicht unser erster Beitrag für heute, der sich mit Dresden befasst und die sächsische Politik lässt sich nie ganz ausblenden, wenn wir über die Tatorte schreiben – gerade in Dresden nicht. In Leipzig, das wir auch besser kennen, war es durchaus einfacher. Wir verlinken aus gegebenem Anlass ausnahmsweise einen politischen Aufruf in einer Tatort-Vorschau.

Wir freuen uns auf morgen Abend und würden gerne den Weg nach oben, den Dresden eingeschlagen hat, gerne weiter mitgehen.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Oberkommissarin Karin GorniakKarin Hanczewski
Oberkommissarin Leonie WinklerCornelia Gröschel
Kommissariatsleiter Peter Michael SchnabelMartin Brambach
Katharina BendaBritta Hammelstein
Viktor BendaJuri Sam Winkler
Valentin BendaCaspar Hoffmann
Levon NazarianMarko Dyrlich
RechtsanwaltThomas Stecher
SpiroAtheer Adel
Otto WinklerUwe Preuß
Kriminaltechniker Ingo MommsenLeon Ullrich
Gerichtsmediziner Falko LammertPeter Trabner
Musik:Ali N. Askin
Kamera:Hendrik A. Kley
Buch:Mark Monheim
Stephan Wagner
Regie:Stephan Wagner

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