Winchester 73 (Winchester ’73, USA 1950) #Filmfest 40

Filmfest 40 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftDie Formel für eine erfolgreiche Schnitzeljagd

Nicht immer ist die Prämisse oder These eines Films so einfach zu finden wie in „Winchester 73″, für dessen moralischen Hintergrund ein simples deutsches Sprichwort hervorragend passt: Unrecht Gut gedeihet nicht. So ist es mit dem Ausnahmegewehr vom Modell Winchester 73, das Lin McAdam (James Stewart) bei einem Preisschießen in Dodge City gewinnt, das ihm entwendet wird und keinem der folgenden Besitzer Glück bringt. Es wandert ohne rechtliche Heilung gewaltsam von einem zum nächsten Mann und alle, die es berühren, sterben – es ist ein Gegenstand der Obsessionen und ein tödlicher Zankapfel, bevor es zum Ende des Films wieder zu McAdam zurückfindet.

„Winchester 73“ ist ein Western des Aufbruchs. Zum einen begann mit ihm die erfolgreiche Zusammenarbeit von Regisseur Anthony Mann und Schauspieler James Stewart, die acht Filme lang währte, davon mehrere hoch bewertete Western wie „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952),  „Nackte Gewalt“ (1953), „Über den Todespass“ (1954) und „Der Mann aus Laramie“ (1955), die wir beide bereits für den Wahlberliner rezensiert haben. Vom Jahr 1951 abgesehen, gab es also vom Beginn bis zur Mitte der 1950er jedes Jahr einen Western von Anthony Mann mit James Stewart in der Hauptrolle. Warum haben wir uns den ersten dieser Filme bis zum Schluss aufgehoben? Darüber und über viele andere Aspekt schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

1876 im Südwesten der Vereinigten Staaten: Lin McAdam und sein Begleiter „High-Spade“ Frankie Wilson verfolgen einen Verbrecher, mit dem Lin eine alte Rechnung offen zu haben scheint (aus für den Kinobesucher zunächst ungeklärten Motiven). Die Freunde finden, wie erhofft, den Gesuchten und zwei seiner Kumpane in Dodge City, wo er unter dem Falschnamen Dutch Henry Brown Station gemacht hat, um an einem Schießwettbewerb zum „Centennial“ (Hundertjahrfeier) der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung teilzunehmen. Eine blutige Konfrontation der Männer wird zunächst verhindert, da in der Stadt ein Verbot privater Waffen vom charismatischen Sheriff Wyatt Earp durchgesetzt wird. Siegespreis des Wettbewerbs ist ein legendäres Präzisionsgewehr – eine „Winchester ’73“ in der Spezialanfertigung „Eine unter Tausend“ (Engl. „One of One Thousand“). Lin McAdam siegt im spektakulären Stechen gegen Dutch Henry Brown. Der Verlierer täuscht eine eilige Abreise vor und Lin muss deswegen auf die übliche, einen Tag in Anspruch nehmende Gravur seines Sieges auf dem Gewehr verzichten, denn er will seinem Widersacher keinen Vorsprung lassen. Ein Duell außerhalb der Stadt scheint unvermeidlich. Doch Dutch Henry Brown schlägt Lin hinterrücks in dessen Hotelzimmer nieder, nimmt ihm die gerade gewonnene Winchester ab und flieht mit seiner Bande, nachdem der Sheriff eingegriffen hat. Der Aufbruch des scheinbar sofort wieder kampfbereiten Lin McAdam und seines Freundes „High-Spade“ Frankie Wilson verzögert sich aus etwas unerfindlichen Gründen stark.

Winchester ’73 als Sequenzgrafik: Inhalt und Sequenzen werden im Verhältnis zur Filmzeit eingezeichnet.

In einer Spelunke am Rand der Wüste verliert Dutch die Winchester beim Kartenspiel an einen dubiosen Waffenhändler, dem sie bei einem Geschäft mit den Indianern von Häuptling Young Bull abgenommen wird. Lin und High-Spade folgen währenddessen Dutchs Spur durch die Wüste nach Tascosa. Eine Indianerattacke zwingt sie zur Flucht in eine Wagenburg der US-Kavallerie, wo auch das junge Paar Lola Manners und Steve Miller Schutz gesucht hat. Mit Hilfe der Neuankömmlinge und ihrer schnell schießenden Repetiergewehre kann am nächsten Morgen ein weiterer Indianerangriff endgültig abgewehrt werden. Der Anführer, kein anderer als Young Bull, kommt ums Leben, aber die Waffe wird erst gefunden, nachdem Lin und High-Spade schon weitergeritten sind. Die Kavalleristen schenken sie ahnungslos Steve zum Schutz von Lola. (…)

Rezension

Nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Mann und Stewart begann mit diesem Western. Der Film steht auch  für den Aufbruch des Westerns in die Phase der Psychologisierung – mit etwas Verspätung zum Beispiel gegenüber dem Film noir, der diese Psychologisierung erheblich vorangetrieben hat. Für diesen Ansatz war James Stewart mit seiner variantenreichen Schauspielkunst, die er im Western immer innerhalb eines Grundtypus anwenden konnte, wie geschaffen. Dieser Grundtypus in den Western mit Anthony Mann war der Typ mit Vergangenheit, der allen Anfeindungen seiner Integrität durch diese Vergangenheit in Verbindung mit aktuellen Herausforderungen widersteht und ehrlich bleibt. In „Winchester 73“ bekommt er dafür nicht nur sein Präzisionsgewehr zurück, sondern auch die Liebe der Barsängerin Lola (Shelley Winters) als Zugabe.

Anthony Mann und sein Mann vor der Kamera: James Stewart. „Dies war das erste von 8 Filmen, bei denen Jimmy Stewart und Anthony Mann am zusammengearbeitet haben, und einer inspiriertesten. Fritz Lang war als Regisseur vorgesehen, diesen A-Western zu filmen (…). [Nachdem dies nicht möglich war, übernahm] der bisherge B-Regisseur Mann, der früher Low-Budget-Films noir-Klassiker schuf, wie T-Men, Desperate und Raw Deal – Werke, die Stewart sehr mochte.

Universal-International nicht leisten konnte Stewart übliche, hohe Gage nicht zahlen und bot ihm ein kleines Gehalt sowie einen bestimmten Prozentsatz des Gewinns, den der Film einspielen sollte. Das erwies sich als eine erstklassige Idee für Schauspieler Stewart, „Winchester 73″ machte ihn zu einem sehr wohlhabenden Mann und veränderte die Art, wie Stars bezahlt werden, bis heute.“ (1)

So also begann eine stilprägende Zusammenarbeit, die Stewarts Karriere Auftrieb gab, die Anthony Mann als A-Regisseur etablierte und die viel für die Weiterentwicklung des Westerns hin zu einem Genre mit tiefer angelegten Figuren und ebenso moralischer wie psychologischer Differenzierung tat.

Stand der Dinge beim Start 1950. „Winchester 73“ ist nicht nur ein Panorama von bekannten Westernsituationen (Bankraub, Indianerüberfall, Saloon, Showdown Mann gegen Mann, Wettschießen u. v. a.), ist in klarem Schwarz-Weiß gefilmt (als erster und letzter der Mann / Stewart-Filme), er ist auch klarer handlungsorientiert und geht noch nicht ganz so in die pychologischen Momente hinein wie spätere Werke des Teams, die Motive sind sehr gut ausgeformt. Dies wird dem Zuschauer allerdings erst klar, nachdem er Schritt für Schritt mit den Fakten konfrontiert wird. Anfangs weiß man nicht, warum Lin McAdam seinen Widersacher Dutch Henry Brown stellen will, erst im Lauf der Zeit wird klar, dass die beiden Brüder sind und dass Dutch den Vater erschossen hat, weil dieser ihn nach einem Verbrechen nicht auf der Farm der McAdams verstecken wollte.

Anders als in späteren Filmen des Teams gibt es starke Bezüge zur amerikanischen Geschichte. Der 4. Juli 1876 als Beginndatum der Handlung ist der 100. Geburtstag der USA, die Winchester-Serie 73 gab es wirklich, Dodge Ciy und seinen weltberühmten Sheriff Wyatt Earp zu der Zeit ebenso. Das konkrete Wettschießen mit der Winchester 73 in Bestqualität ist allerdings fiktional, die Hauptfigur McAdam ebenso.

Neue Aspekte beim Spiel der Emotionen. Vielfach hat sich die Kritik auf die Gewaltausbrüche von James Stewarts Figur Lin McAdam bezogen, die waren demnach etwas Neues und brechen den Positivhelden. Wie wir meinen: in Maßen. Als Lin den Schurken Waco Johnnie Dean (Dan Duryea) körperlich malträtiert und dabei das Gesicht vor Hass verzieht, ist das gewiss damals exorbitant gewesen, zudem kam  die betreffende Nahaufnahme sehr plötzlich, nichts wies vorher darauf hin, dass Stewart so emotional auftreten würde. Heute fällt diese Szene aber nicht mehr so auf, weil man sich an stärker emotionalisierte, wenn man so will: schwache Momente auch positiver Figuren gewöhnt hat und diese als natürlich empfindet.

Ein schöner Kontrast entsteht  dadurch, dass Stewart, wie in vielen seiner Rollen, ansonsten betont langsam spricht und sparsam gestikuliert – und damit ein beherrschtes und überlegtes Wesen und eine gewisse Tiefenentspannung seiner Charaktere suggeriert. Umso erstaunlicher wirkt die Mimik in der erwähnten Einstellung, zumal der „Durchschnittsamerikaner“ und vor allem seit seinen Einsätzen als Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg sehr beliebte James Stewart derlei in seinen früheren Filmen nicht gezeigt hat. In den späteren Mann / Stewart-Filmen wurden diese Eruptionen immer wieder eingebracht, manchmal durch die mentale Situation erklärt, manchmal aber auch nicht, wie in der erwähnten Szene in „Winchester 73“.

Zwar ist die Konfrontation mit einem Subjekt wie Waco ein guter Grund, die niederen Instinkte für ein paar Sekunden freizulassen, doch der Moment ist durchaus willkürlich, denn die Gegnerschaft zum Bruder ist es, nicht dieser lästige Desperado in dessen Gefolge, die Lins Denken und Handeln bestimmt. Auf Dutch ist er konzentriert und ihm gilt die Rache für den getöteten Vater – die er am Ende auch ausführt (in anderen Filmen lässt er zuweilen davon ab oder das Schicksal selbst übernimmt diesen Part, denn dass ein Verbrecher davonkommt, war erst im New Hollywood ab den späten 60er Jahren denkbar, in den 50ern galt nicht nur bezüglich des Verbotes von Sex und bestimmten Darstellungen von Gewalt, sondern auch moralischer der Hays Code und damit faktisch die Zensur).

Showdown, Struktur, Motive. Als es zum finalen Showdown in den Bergen kommt, nach Meinung vieler Kritiker eine der besten je gefilmten Schießszenen, da muss Lin McAdam hingegen ganz ruhig bleiben um zu überleben, und so verhält er sich auch. Sehr gut ist die Logik dieser Szene aufgebaut. Immer, wenn einer der Kontrahenten seine Waffe nachladen muss, kann der andere seine Position verändern – sonst nicht, denn beide sind so gute Schützen, dass sie eine weniger gedeckte Stellung des anderen sofort ausnutzen würden, um diesen zur Strecke zu bringen. Würden einer hingegen langsamer schießen, weniger Munition verbrauchen, wäre der andere ebenfalls in der Lage, seine Position durch rasche Bewegung im Felsmassiv zu verbessern.

Vielfach wurde auf die zwei Strukturen des Films hingewiesen – Kreis und Linie. Die Winchester 73 wechselt von Wyatt Earp zu Lin McAdam, auf legale Art, weil Letzterer das Wettschießen um die „One of 1000“-Waffe gewinnt – im Finale ausgerechnet gegen Dutch Henry Brown, der sich später als Bruder von Lin herausstellt. Anfangs erfährt man nur, dass beide denselben Lehrmeister hatten, später, dass dieser der Vater der beiden war.

Jedoch bringt Dutch das Gewehr an sich, indem er Lin auflauert und ihn niederringt. Vielleicht gelingt ihm das, weil Lin den Bruder nicht mit ganzer Kraft attackieren kann oder mag – oder ihm körperlich leicht unterlegen ist. Wir erfahren das nicht, aber es trägt zum Bild vom „gebrochenen“ oder wenigstens nicht vollkommen überlegenen Helden, zum Realismus des Films erheblich bei. Fortan geht die Winchester in kurzen Abständen in andere Hände über. Der Indianerhändler Jack Riker nimmt Dutch die Waffe durch ein Pokerspiel ab – ob er dabei betrügt, wissen wir nicht, die Szene wirkt ein wenig konstruiert und ist eine derjenigen, in denen man merkt, dass das Psychologische immer bei Regisseur Mann auch zu Situationen geführt hat, in denen man den Figuren attestieren muss, dass sie keineswegs nach AFW-Lehre in ihrer Maximalkapazität sind, sondern sich einfach dumm verhalten.

Dutch hatte sich so exponiert, um das Gewehr zu  kriegen, gegenüber dem eigenen Bruder Gewalt angewendet (ihn aber nicht umgebracht, obwohl er wusste, dass dieser hinter ihm  her war, um den Vater zu rächten!) doch dann ist die Spielsucht in ihm stärker als die Vorsicht und er lässt sich mit dem gewieften Riker auf die Pokerpartie ein, weil er die Winchester nicht verkaufen will, um andere Waffen zu erstehen (nachdem er Dodge zu hastig verlassen musste, um die eigenen Waffen mitzunehmen, die man in Dodge immer abgeben muss; so will es Wyatt Earp, der berühmte Sheriff). Später will er Riker erschießen, doch da war der Indianerhäuptling Young Bull (Rock Hudson mit aufgeklebter Hakennase in einer sehr frühen Rolle) schneller und hat die Waffe bereits durch Töten und Skalpieren von Riker in seine Hände gebracht.  Etwa zu der Zeit kommt das Paar Lola / Steve Miller (Charles Drake) ins Geschehen; Lola sahen wir eingangs bereits, wie Wyatt Earp sie aus der Stadt expediert, weil eine Barsängerin sich allgemein und besonders während der Centennial-Feierlichkeiten nicht schickt. Schon da tritt Lin auf und will sie beschützen, doch sie besteht nicht darauf und so hat er das Glück, nicht von Sheriff Earp eingebuchtet zu werden.

Steve flüchtet mit Lola in ein Armeecamp, das gerade von Indianern mit Young Bull an der Spitze belagert wird, nachdem Young Bull stirbt, gibt Sgt. Wilkes (Jay C. Flippen) die Waffe an Steve weiter. Eigentlich wollte der Soldat sie Lin geben, der auf der Suche nach Dutch ebenfalls im Lager eingetroffen war und sich in der Abwehrschlacht gegen die Indianer sehr kundig gezeigt und bestens bewährt hat. Doch der ist gerade davongeritten und hört die Rufe von Wilkes nicht mehr. Da war Lin seiner Winchester schon einmal ganz nah. Ein schöner dramaturgischer Trick, dass er sie in dieser Situation eben nicht wiederbekommt, das erhöht die Spannung und verstärkt die Bindung des Zuschauers an Lin, das Bedauern über diesen verpassten Moment. Zuvor hat der scharfäugige Lin allerdings auch nicht bemerkt, dass Young Bull mit seinem eigenen Gewehr auf ihn und die anderen Lagerinsassen schießt.

Steve verliert das Gewehr dann an Waco, der ihn solange provoziert, bis auch dieser abwechselnd mutige und feige Mann, Lebenspartner von Lola, sich hinreißen lässt und in diese psychologisch wieder recht rudimentär aufgebaute Falle geht. Waco schließlich muss sich Dutch unterordnen, sodass dieser die Waffe im wörtlichen Sinn wieder an sich reißen kann. Am Ende hilft auch dieses Präzisionsgewehr ihm  nicht, er  verliert den Kampf in den Bergen gegen Lin, der so wieder in den verdienten Besitz der Winchester 73, „One of 1000“, kommt.

Damit ist die erste, die Kreisstruktur des Films beschrieben, die den Weg der Winchester betrifft. Die zweite, lineare Struktur ist die rachegetriebene Verfolgung, die Lin McAdam seinem Bruder angedeihen lässt. In dem Moment, als beide einander waffenlos in Dodge City treffen, dann beim Wettschießen gegeneinander, da sehen wir den Knotenpunkt, der beide Strukturen miteinander verbindet. Das ist sehr geschickt und kundig gemacht, trägt erheblich zur ausgezeichneten Dramaturgie von „Winchester 73“ bei und gibt dem Zuschauer ein Gefühl von Schicksalhaftigkeit der Ereignisse, beinahe vom ersten Moment des Films an. Diese Struktur trägt auch dazu bei, dass vielen „Winchester 73“ als der beste der Mann / Stewart-Filme gilt – als das Beste unter sehr guten Werken, die in der IMDb von den Nutzern alle mit mehr als 7/10 bewertet werden. (2)

Psychologie und Wirklichkeit. Kehren wir zu den Figuren zurück und wie sie sich im Lauf des Films verhalten. Lin McAdam wie auch die anderen Charaktere werden von ihren Darstellern ausgezeichnet verkörpert. Wir schätzen diese Leistungen deshalb noch höher ein, weil es auch hier wieder einige Unschärfen schauspielerisch zu bewältigen gilt. Lin McAdam ist von Anfang an aufs Auffinden seines Bruders fokussiert, nimmt sich aber die Zeit und die innere Einstellung, sich erst wegen Lolas, die er nicht kennt, mit dem Sheriff anzulegen, von dem er zunächst nicht weiß, dass dieser der Sheriff und dann auch noch Wyatt Earp ist. Mit dem Kniff, dass Earp seinen Stern nicht trägt, ist diese Situation von der Logik her betrachtet noch gerettet. Dass Lin die Winchester 73 gewinnen will hingegen finden wir in sich stimmig – auch wenn man ihm nicht unterstellen mag, dass er sich deshalb besonders gut ausrüsten will, weil er mit der besten erhältlichen Waffe den schießtechnisch (beinahe) gleichwertigen Bruder sicherer zu stellen und zu töten beabsichtet. Im Verlauf gönnt Lin sich keine Exkursionen mehr, sondern verfolgt Tag und Nacht den flüchtigen Dutch, da ist eine Besessenheit zu spüren, die in späteren Filmen von Mann / Stewart noch stärker rauskommt, etwa in „Nackte Gewalt“, wo es um ein moralisch weniger einwandfreies Kopfgeld geht. Mit diesem Kopfgeld will der Mann, den Stewart in diesem Film spielt, sich eine verlorene Farm zurückkaufen, aber die Konnotation zwischen dem gnadenlosen Überführen eines Verbrechers gegen alle Gefahren durch die weite Wildnis und der Rache für den Vater in „Winchester 73“ ist doch nicht ganz so direkt und das Motiv nicht so alttestamentarisch erhaben über moralische Zweifel.

Nach heutigen strafrechtlichen Verhältnissen ist Letzteres unerlaubte Selbstjustiz, Ersteres hingegen ein zulässiges geschäftliches Handeln, bei dem Risiko und Gewinn abgeglichen werden sollten, wenn es um die Entscheidung geht, ob man sich so etwas antut. Doch wir sind im Jahr 1876 und außerdem in den USA.

Im Ganzen handelt Lin McAdam stimmig, man kann sogar sagen, zum Ende hin immer mehr überzeugend, immer drängender und immer besser fokussiert.

Bezüglich Dutch hatten wir schon erwähnt, dass es verwundert, dass er Lin nur niederschlägt, um die Winchester an sich zu nehmen. Er hat  zwar keine Waffe bei sich, weil in Dodge alles  Wehrgerät beim Sheriff eingelagert werden muss, doch er hätte Lin auch so erheblich mehr Schaden zufügen können. Vielleicht eben doch ein Zurückzucken, weil Lin der eigene Bruder ist. Am seltsamsten wirkt die Pokerszene. Logisch stimmt der Ablauf, denn Dutch muss die Winchester versetzen, will er bei Riker ausreichend Waffen und Munition erstehen, um sich und seine beiden Kumpane zu versorgen. Dafür hat er aber nicht genug Geld, sodass Riker auch die Winchester fordert und noch was draufzahlen will, nämlich 300 Dollar. Regulär kostete ein solches, besonders präzises Gewehr der Serie 73 „One of 1000“ etwa 100 Dollar, ein Cowboy verdiente damals im Monat etwa 30 Dollar) (3). Dass der Mörder und Serienverbrecher Schultz den windigen Riker nicht überwältigt, mit Hilfe seiner Leute, erkärt sich daraus, dass die Bande noch keine Waffen hat. Aber dass er immer wieder Geld gegen diesen Waffenhändler verliert und damit notwendigerweise auch die Winchester lässt ihn auf uns wie jemand wirken, der berechtigterweise nicht mehr lange auf diesem Erdenrund lebend verweilen wird. Er hätte sich ja auch teilweise ausrüsten lassen können, dann zurückkehren, Riker erschießen und so viele Waffen an sich nehmen, wie er benötigt. Gut, da gibt es noch den Saloon-Inhaber, der auch über ein Gewehr verfügt, aber man hätte auch warten können, bis Riker sich auf den Weg zu den Indianern macht. Im weiteren Verlauf handelt Dutch dann wieder logisch und verblüffend dominant, der böse Waco hingegen wird plötzlich etwas klein, als er sich einfach die Waffe von Dutch abnehmen lässt.

Die flimmernde Figur Steve Miller hingegen ist ein Beispiel dafür, dass es nicht einfach ist, in Nebenrollen die Psychologisierung bis in alle Tiefen zu führen. Sein Wechsel zwischen Feigheit und Mut ist oft abrupt und wenn er mutig ist, macht er doch ein feiges Gesicht dabei, sodass man sich als seine Partnerin Lola durchaus fragen kann, was mit dem Mann eigentlich los ist, besonders, nachdem er ihr tränenreich schwört, nie wieder feige zu sein. So sind wir schonmal im Leben, die meisten von uns jedenfalls und je nachdem, welche Machtposition der Gegenüber hat, aber im Westen war dies etwas Neues und die Typologie der Westernfiguren enthält auch später selten solche Persönlichkeiten – wenn, dann eher in der Form, dass sie eine Wandlung zeigen; das wäre zum Beispiel bei John Ford das Mittel der Wahl gewesen, wenn er schon einen Feigling zeigen muss, weil das Drehbuch es verlangt.

Das Drehbuch und der Plot verlangen es auch, dass man insgesamt Menschen am Werk sieht, bei denen man sich fragt, wie sie im harten und wilden Westen so lange überleben konnten. Es wirkt nämlich nicht so, als wären sie außerhalb der Handlung, außerhabl des kurzen Lebensabschnittes, der hier gezeigt wird, hervorragend aufgestellt, als ob außergewöhnliche Ereignisse sie so unter Druck setzen würden, dass sie auch außerhalb von sich selbst stünden, sondern eben wie sie selbst, und das bedeutet, dass Typen wie Steve oder auch Dutch, vielleicht sogar Lin, in einer Welt, die von Typen, wie wir sie aus anderen Western kennen bevölkert ist, nicht alt werden würden. Vielleicht sitzen wir diesbezüglich aber auch einer Chimäre auf – wir setzen nämlich voraus, dass John Wayne und die Charaktere, die er spielte, dass seine ruchlosen Gegner, seine schönen Geliebten, die Männer von Alamo, dass diese tatsächlich im Westen ansässig waren und eben nicht eher rudimentäre Menschen, wie Anthony Manns sie in „Winchester 73“ zeigt. Eigentlich Alltagscharaktere, aber kenntlicher als die heutigen dadurch, dass sie offener und in dieser archaischen Welt agieren. Der Mittelmanager, der nach unten tritt und nach oben buckelt, der wird in dieser Welt durch diesen leicht sadistisch angehauchten Waco verkörpert, während es diesen Typus in Waynes World so kaum gibt – so könnte man es auf den Punkt bringen.

Das Drehbuch, in dem diese Typen skizziert werden, stammt im Übrigen von Borden Chase, der mehrfach mit Anthony Mann arbeitete und darüber hinaus die Drehbücher den grandiosen, beinahe epischen „Red River“ (1948) und den plottechnisch herausragend linearen und humorvoll gespielten „Vera Cruz“ (1954) schrieb.

Finale

„Winchester 73“ gilt unter den registrierten Nutzern der Internet Movie Database (IMDb), die eine Bewertung abgeben konnten, als einer der 50 besten Western aller Zeiten. Dem können wir uns vorbehaltlos anschließen. Die Schauspielleistungen sind teilweise spitzenmäßig, was wir von James Stewart beinahe für alle Filme sagen können, in denen wir ihn bisher gesehen haben – und der damit grundsätzlich viel zum Erfolg beigetragen und seine hohe, weil an diesem Erfolg orientierte Gage auch verdient hat.

Die Story ist straff und dabei so geschickt angelegt, dass sie viel innere Spannung entwickelt, jenseits der Action, die für damalige Verhältnisse aufgrund der hohen Anzahl von Handlungselementen und der für die Zeit ebenfalls recht expliziten Gewaltdarstellungen nicht zu kurz kam. Ein Psychothriller ist „Winchester 73“ gewiss nicht, trotz des Western-Einstiegs in die Welt des psychologisierenden Films (diebezüglich geht nach unserer Ansicht übrigens der zwei Jahre zuvor entstandene und oben erwähnte „Red River“ ein Stück weiter), aber er zeigt Figuren, die nicht ohne Weiteres vorauszuberechnen sind, um den Preis, dass sie zuweilen etwas unterbelichtet erscheinen. Diesen Eindruck hat Mann in späteren Filmen mit Stewart mindern können, dafür haben diese nicht die grandiose Schwarzweiß-Fotografie, die für zusätzliche Dramatik vor allem in der Schlussszene sorgt, und sie haben keinen eindeutigen historischen Hintergrund.

Die Dekors sind hervorragend, man erlag noch nicht der Versuchung, den Westen interieurmäßig und die Kostüme betreffend stark zu veredeln, wie das wenige Jahre später schon üblich war. Alles wirkt kernig, staubig und authentisch. Und vielleicht sind auch diese Typen authentisch, die nur deshalb auch mal etwas älter wurden, weil die anderen, die sich in der Gegend herumtreiben, noch weniger in der Birne haben. Man spürt eine Art Western-Realismus, der u. a. durch James Stewart und dessen lakonische, in Ausnahmefällen auch eruptive Art in diesem Film hineingetragen wird; man hat aber auch die ganzen Elemente, die es in der Wirklichkeit sicher nicht in dieser kurzen Abfolge gegeben hat, die aber einen gestandenen Western ausmachen. Es gibt nicht die manchmal etwas kammerspielartige Verdichtung späterer Western, die in etwa 90 Minuten Spielzeit hatten und nicht die epischen Ansätze, die manchen Edelwestern kennzeichnen. Handwerklich-plottechnisch ist „Winchester 73“ äußerst solide, wenn man die Handlungen der Figuren als unter den Umständen möglich, wenn auch nicht optimal, akzeptiert und sich vom Modell der „Maximalkapazität“ verabschiedet.

83/100

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Dennis Schwartz, Ozus‘ World Movie Reviews, Rezension 2006-07-01

(2) IMDb.com: Winchester 73, weiter zu „Anthony Mann“ oder „James Stewart“ zum Vergleich mit den übrigen Filmen des Teams

(3) WIKIPEDIA, a. a. O.

Regie Anthony Mann
Drehbuch Borden Chase
Robert L. Richards
Produktion Aaron Rosenberg für
Universal Pictures
Musik Walter Scharf
Kamera William H. Daniels
Schnitt Edward Curtiss
Besetzung

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