Die Stunde der Komödianten (The Comedians, USA 1967) #Filmfest 43

Filmfest 43 A  

Casablanca oder nicht und nicht witzig

Vor allem durch die prominente Besetzung gelang Regisseur Peter Glenville eine unvergessliche Verfilmung des Graham-Greene-Romans. Der historische Hintergrund – die Diktatur „Papa Doc“ Duvaliers auf Haiti – hat auch nach dem Ende dieses Regimes keine Patina angesetzt. Nach dem Sturz mehrerer afrikanischer Diktatoren Anfang 2011 gewinnt der melodramatische Thriller mit einer Beschreibung von Menschen, die auf der Suche nach einem tropischen Paradies die Realität eines Terror-Regimes zu ignorieren versuchen, wieder erschreckende Realität.
Mit „Die Stunde der Komödianten“ beendet Das Erste seine Reihe zum 90. Geburtstag des Multitalents Ustinov (Das Erste).

Die obige Kurzkritik der ARD ist einerseits richtig, deswegen drucken wir sie hier ab. Andererseits ist sie natürlich Promotion für den Film. Ein interessantes Stück Starkino der 60er Jahre ist „Stunde der Komödianten“ auf jeden Fall.


Handlung

Auf Haiti geraten einige sehr unterschiedliche Menschen in Konflikt mit der allmächtigen Geheimpolizei, die mit unmenschlichen Methoden das Regime des gefürchteten Diktators Duvalier aufrechterhält. So werden sie aus weltfremden Träumen gerissen und gezwungen, ihre Posen und Eigensüchteleien aufzugeben und sich einer bedrückenden Wirklichkeit zu stellen.
Elizabeth Taylor, Richard Burton, Alec Guinness und Peter Ustinov spielen die Hauptrollen in diesem amerikanischen Film aus dem Jahre 1967 nach einem Roman von Graham Greene.

Der Hotelier Brown (Richard Burton) hat in Amerika vergeblich versucht, sein Hotel auf Haiti zu verkaufen. Es steht jetzt meistens leer, weil immer weniger Touristen auf die Insel kommen, wo Diktator Duvalier mit seiner berüchtigten Geheimpolizei „Tontons Macoute“ herrscht. Von seinem finanziellen Ärger abgesehen, lassen die Gräuel des Regimes Brown weitgehend kalt. Er ist ein zynischer Einzelgänger, der seine ganzen Gefühle in eine leidenschaftliche Affäre mit Martha Pineda (Elizabeth Taylor), der attraktiven Frau eines südamerikanischen Botschafters (Peter Ustinov), investiert. Als Brown aus den USA mit einem Dampfer nach Port-au-Prince zurückkehrt, gehen mit ihm einige Passagiere an Land.

Es sind Mr. Smith (Paul Ford) und dessen Frau (Lillian Gish), die auf Haiti ein vegetarisches Weltzentrum gründen und die Menschheit mit ihren ausgefallenen Ideen beglücken wollen, sowie der charmante, aber auch etwas zwielichtige Major Jones (Alec Guinness). Von ihm weiß man nicht so recht, ob er sich den Majorstitel nicht vielleicht selbst verliehen hat. Jones bekommt als Erster den Terror der „Tontons Macoute“ zu spüren. Er wird verhaftet und erst wieder freigelassen, als er den Häschern des Diktators ein interessantes Geschäft vorschlägt. Währenddessen macht auch das Ehepaar Smith schlimme Erfahrungen mit dem Regime.

Völlig desillusioniert reisen die beiden wieder ab. Als die Geheimpolizei entdeckt, dass ein angebliches Waffenlager von Major Jones nur in dessen Fantasie existiert, beginnt eine erbarmungslose Jagd auf den Engländer. Brown schafft seinen Landsmann bei Nacht und Nebel zu den Pinedas in die Botschaft. Von dort will er ihn später zu einer Handvoll Rebellen in die Berge bringen, obwohl er damit sein Leben riskiert.

(Zusammenfassungen aus Das Erste, Infos zur Sendung)

Rezension

Ein Hauch von Casablanca

Seltsamerweise hat uns der Film an „Casablanca“ erinnert, der in einer anderen Filmepoche entstanden ist. Die Figur des zynischen Hotelbesitzers Brown (Richard Burton), der am Ende doch Stellung bezieht, mehr oder weniger durch die Umstände dazu getrieben, ähnelt auf den ersten Blick dem Charakter des Barbesitzers Rick Blaine (Humphrey Bogart) in „Casablanca.“

Dann gibt es die unerfüllte Liebesgeschichte zwischen Brown und der Diplomatengattin Martha Pineda (Elizabeth Taylor). Und zum dritten den realen politischen Hintergrund. In „Casablanca“ war es der zweite Weltkrieg, die Stadt von den Deutschen besetzt, hier ist es das Regime von François Duvalier („Papa Doc“), das die Bevölkerung mit Hilfe einer Mischung aus Schlägertruppe und Geheimpolizei, den „Tontons Macoutes“ terrorisiert.

Doch nicht Casablanca

Von diesen Grundkonstellationen abgesehen, weicht aber alles mehr oder weniger  von „Casablanca“ ab. Kein romantisches Melodram, selbst die Liebesbeziehung Taylor / Burton, die in Wirklichkeit alles andere als dies war, wird relativ kühl dargestellt. Es ist anfangs von Sehnsucht die Rede, aber dann zerfließt alles in Egoismen. Der große Verzicht, den Elsa Lund (Ingrid Bergman) in „Casablanca“ übt, wird hier zu einer ganz normalen, vernunftorientierten Entscheidung von Martha, bei ihrem Mann, dem Botschafter Pineda (Peter Ustinov) zu bleiben.

Während Rick in Casablanca eine autarke Entscheidung trifft, wird Brown mehr oder weniger durch den Scharlatan und vorgeblichen Major Jones (Alec Guiness) zum Handeln getrieben, ohne sich wirklich wehren zu können. Zumindest, wenn man das Handeln auf die letzte, tödliche Konsequenz bezieht, die Rebellen ohne Erfahrung anführen zu wollen. Das ist eine andere mentale Disposition, die ein wenig lebensmüde wirkt, während Rick in „Casablanca“ nur lakonisch sein Schicksal annimmt und ein realistischer Idealist bleibt.

Ein weiterer Unterschied ist deutlich zu bemerken. Während 1942, als „Casablanca“ entstand, die Welt im Krieg war und der Film im Sinn der Alliierten komplett politisch korrekt, kann man das für „Stunde der Komödianten“ nicht eindeutig sagen. Denn das haitianische Terror-Regime war eines von vielen, welches von den USA nicht nur toleriert, sondern auch gefördert wurde. Wie sich solche Autokraten wie Duvalier nach innen verhielten, war weniger wichtig als die Hoffnung, sie würden Mauersteine im antikommunistischen Schutzwall sein.

Doch wir erinnern uns. Der Film heißt „Stunde der Komödianten“. Und die viel aufgeklärtere und differenziertere Filmwelt von 1967 ließ einen ganz anderen Blick auf die Hauptfiguren zu als „Casablanca“, das ein, zugegeben, hervorragend gemachter und vor allem besetzter, typischer Atmosphärefilm der 40er ist und beinahe ein Film noir.

Komödianten in der Wendezeit des Hollywood-Kinos

Für uns ist „The Comedians“ in erster Linie als „Zwischenwerk“ interessant. Zum einen rechnet er noch zu den großen, psychologisierenden Melodramen der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, die meisten davon, wie hier, Literaturverfilmungen. Zum anderen weist er auf das neue Hollywood hin, was Thematik und Direktheit angeht. Das zusammen ergibt eine seltsame Mischung, die weder dem alten, noch dem neuen Muster des politischen Films der frühen 1970er komplett entspricht.

Die Komödianten spielen noch einmal groß auf für eine untergehende Kino-Epoche. Die Darstellungen von direkter Gewalt und realem politischem Umfeld weisen hingegen schon auf spätere Filme hin. Zwei Szenen zeugen vom Ende des Production Code. In einer wird einem Hahn so realistisch der Kopf abgerissen, dass wir meinen, das muss eine tatsächliche Handlung gewesen sein, mit Trick kaum filmbar. Zum anderen, wie Dr. Magiot (James Earl Jones), der sich zu den Rebellen gegen Duvalier rechnete, mit einer OP-Schere der Hals aufgeschlitzt wird.

Wir erwähnen diese Szenen, weil sie für damalige Verhältnisse offensiv waren und mit den Schauspielerleistungen kontrastieren, die sehr getragen daherkommen, mehr bedeutungsschwer im Dialog als zeigend in der Aktion – und gewissermaßen einen Endpunkt darstellen und an der Schwelle zur heutigen Art und Weise stehen, in der Menschen in Filmen wie diesem platziert werden.

Die Figuren in „Die Stunde der Komödianten“ sind noch erklärend, wohingegen bis in die frühen 50er und später wieder Gefühle vor allem gezeigt werden, man sich also mehr auf das Medium Film verlässt. Sehr filmisch war das psychologische Kino, wie es hier noch zelebriert wird, also nicht, und das verlangsamt das Zeigen von politischen Umständen, die im Grunde viel Stoff für einen abwechslungsreichen Plot bieten, erheblich. Und es überlagert das Politische. Man hat den Eindruck, zwei verschiedene, nicht stets miteinander harmonierende Ebenen zu betrachten. Bei einem Meisterregisseur hätten wir eventuell darauf optiert, dies sei gewollt – und nach den Hintergründen gebohrt. Bei Routinier Peter Grenville jedoch glauben wir eher an eine generische Übergangsversion  altem und neuem Hollywood. Es einige Filme von etwa 1964/1965 bis zum Ende der 60er Jahre, in denen man mit traditioneller Darstellung neue Themen anging – und dabei schrittweise versuchte, neues Terrain zu erobern, auch die Darstellung der Figuren betreffend. Ein schönes Beispiel für einen solchen Film ist auch „Heat of the Night“, auch aus 1967, der aber kompakter wirkt als „Stunde der Komödianten“.

Hinzu kommt etwas, das auch den Tendenzen der späten 50er und frühen 60er entspricht, als die Regisseure sich erkennbar auf die Fahnen geschrieben hatten, anspruchsvolles Kino an normale Kinogänger zu vermitteln. Die Zeit war reif dafür, im allgemeinen Wohlstand. Ein Kennzeichen dieser Filme war die distanzierte Haltung zu ihren Figuren. Das Nachdenken, der Kopf, die Analyse sollten gefordert sein, man wollte kein hemmungsloses Mitgefühl erzeugen, keine romantischen Vorstellungen transportieren.

Vor diesem Hintergrund ist auch die kühle Darstellung aller „weißen“ Charaktere im Film zu verstehen. Unikate mit seltsamen Vorstellungen, wie das ältere Ehepaar Smith, das im traumatisierten Haiti (sinnbildlich die Stadt „Duvalier City“, die ein Vorzeigeprojekt werden sollte und nur einen vergammelten Haufen kleiner Kulissen darstellt) eine vegetarische Lebensmittelproduktion hochziehen will. Da trifft Idealismus ohne Erdung auf höchst irdische, existenzielle Not. Komödianten, die beiden, wenn auch wohlmeinend. Genauso wenig Identifikaitonsfiguren wie Brown, wie Martha und wie Major Jones.

Den wir aber gesondert erwähnen wollen. Weil Alec Guiness dieser Figur, die sich selbst erfunden hat und die an sich selbst scheitert, durch sein Spiel unweigerlich etwas wie Mitgefühl erzeugt – am Ende. Wie er vom schneidigen Offizier zum kleinen Jungen wird, der vertäumt lächelt, panisch flieht und erschossen wird, das ist schon traurig. Er hat die Rolle eines typisch britischen Offiziers, der entzaubert wird und dadurch erst eigene Identität gewinnt, mehrfach gespielt, sehr eindrucksvoll in „Tunes of Glory“ (1960) und natürlich in „Die Brücke am Kwai“ (1957). Wie er als Köchin in die Botschaft der Pineidas geschmuggelt wird, das erkennt man sofort, ist Teil seiner persönlichen Komödie, seiner im Grunde nicht vorhandenen Identität, und wirkt daher kaum komisch.

Weniger Raum als in vielen anderen Film bekommt Peter Ustinov, der sehr dezent und distinguiert spielt und auch dieser Rolle des wissend gehörnten Ehemannes, der immer Diplomat bleibt, politisch weitgehend neutral wie im Privaten, und somit auch Komödiant ist, noch einiges ab.

Die Handlung und die Haitianer

Graham Greene, Autor der Romanvorlage, hat selbst das Drehbuch verfasst, lediglich den Anfang gekürzt und den Schluss verändert. Demgemäß ist die Handlung ausgefeilt und weist keine für uns erkennbaren Aufbauschwächen auf.

Dass der Film trotzdem nur von mittlerer Spannung ist und die Spannungskurve zudem eher flach verläuft, liegt an der vorbeschriebenen Konzentration auf die Charaktere. Die umfangreichen Dialoge sind angesichts des Themas und der Möglichkeiten, die Figuren durch Handlungen und Gesten anstatt Worte sprechen zu lassen, eher belastend, vielleicht wäre hier eine etwas stärkere Abweichung des Drehbuches von der Vorlage nicht die schlechtere Variante gewesen.

Die politischen Geschehnisse sind kein bloßer Hintergrund, aber der Film fragt vor allem danach, wie verhalten sich die Komödianten in dieser Situation und angesichts der Bedrängnis, die einige von ihnen seitens der repressiven Staatsmacht erfahren.

Auch unter den Haitianern gibt es Komödianten. Den Staatschef selbst, der eher musikalisch von Kindern gewürdigt als sichtbar wird, die Gangsterallüren seines Tonton-Personals, selbst die Rebellen spielen eigentlich nur Rebellen, vom Guerillakampf haben sie keine Ahnung, das wird im Kuba-Dialog zwischen Brown und dem jungen Petit Pierre (Roscoe Lee Browne) deutlich.

Der Film beinhaltet damit auch eine Prognose, die sich als wahr erwiesen hat. Nämlich, dass Duvaliers Diktatur (vorerst) kaum wird gestürzt werden können, da die Opposition zu amateurhaft ist.

Finale

Manchmal gibt es Dinge, die man sich erst bewusst machen muss, bevor man einen Film würdigt. Dass hier das Hollywood-Drama an sich, das Mehrfach-Ehepaar Burton / Taylor die Hauptrollen spielt und dass diese Konstellation den Film nicht schauspielerisch, sondern durch die auch damals bekannten Hintergründe dominiert, macht aus einem sehr politischen Stoff ein Starmovie mit spekulativem Cast. Aber es stärkt das Komödiantische, die verschiedenen Rollen-Ebenen. Denn natürlich hat auch das Paar Burton / Taylor hier eine Rolle innerhalb der Rolle gespielt. Da wirkt manches echt und trotzdem vollkommen artifiziell, so, wie diese Menschen, die in einer Hollywood-Scheinwelt groß geworden sind (was insbesondere auf Elizabeth Taylor zutrifft) ihre Gefühle entwickelt und gelebt haben.

Selbst während des Schreibens der Rezension hat sich da noch einiges entwickelt, worüber wir uns zu Beginn nicht ganz klar waren. Im Ganzen zum Positiven, weil wir versucht haben, unserer persönlichen Meinung über Burton / Taylor als Paar und als Schauspieler nicht zu sehr Raum zu geben.

Auch wenn der Film von Komödianten handelt, komisch oder witzig ist er keineswegs.

69/100

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Regie Peter Glenville
Drehbuch Graham Greene
Produktion Peter Glenville für Trianon
Musik Laurence Rosenthal
Kamera Henri Decaë
Schnitt Françoise Javet
Besetzung

 

 

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