Kleine Prinzen – Tatort 979 / Crimetime 429 // #Tatort #Schweiz #SF #Luzern #Flückiger #Ritschard #Prinzen #Ölprinz #Tatort979

Crietime 429 - Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Exterritorial legal oder rechtsstaatlich gesehen illegitim

Am deutschen Super-Sonntag mit drei Landtagswahlen, die einen deutlichen Rechtsruck gebracht haben, ein Tatort aus der Schweiz, in dem viele Vorurteile gegenüber Arabern bestätigt werden. Ob das geschickt war und wie der Film selbst angekommen ist, nach einer deutlichen Aufwärtsentwicklung, die das Team Flückiger-Ritschard sei längerer Zeit nimmt, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ava Fleury (Ella Rumpf) ist Schülerin eines Eliteinternats im Raum Luzern. Sie wird nachts auf einer Landstraße von einem Lastwagen erfasst. Der Fahrer ist am Steuer eingeschlafen und hat die junge Frau in der Dunkelheit nicht gesehen. Am nächsten Tag verhaften Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) den Verdächtigen, Fritz Loosli (Urs Jucker). Er gesteht, Lenker des Fahrzeugs gewesen zu sein und den Unfallort panikartig verlassen zu haben. Im Präsidium begegnet er unerwartet dem Vater des toten Mädchens, Laurant Fleury (Luc Feit). Dieser lässt seine ganze Trauer in einem Wutausbruch an Loosli aus. Man ahnt schnell, dass Fleury den Tod seiner Tochter nicht ungesühnt lassen will.

Nach der Autopsie der Leiche steht aber fest: Loosli trifft keine Schuld. Ava war bereits tot, als sie von seinem Lastwagen erfasst wurde. Jemand hatte sie mit einem schweren Gegenstand erschlagen und auf der Straße platziert. Die Kommissare Flückiger und Ritschard beginnen, im Internat sowie in Avas Freundeskreis zu ermitteln. Sie treffen auf die Sprösslinge der politischen und wirtschaftlichen Elite aus der ganzen Welt. Für Flückiger, dem jegliches Machtgehabe gegen den Strich geht, sind die Untersuchungen kein einfaches Unterfangen – umso mehr als die Spuren zum Bruder eines Emirs führen, der als Minister in Luzern zu Besuch ist und diplomatische Immunität genießt.

Flückiger gerät zusehends in einen Interessenskonflikt mit der Bundespolizei und riskiert, dass aus den Ermittlungen eine Staatsaffäre wird.

Rezension mit Anni und Tom

Wir erwarten nach den gemischten Meinungen der Vorab-Rezensenten nicht wieder einen Kracher wie „Ihr werdet gerichtet„, den ersten einer Reihe von Tatorten mit Flüchtlingsthematik, wie sie nach der Sommerpause 2015 vermehrt gezeigt wurden. Bis jetzt ist „Ihr werdet gerichtet“ mit das eindrucksvollste Werk aus dem neuen Subgenre. Aber dieses Mal ist es ein Internatskrimi. Kann ein Internatskrimi besser sein als „Herz aus Eis„, der gar nicht fern der Schweiz entstanden ist? Und wie ist es mit den politischen Aussagen, die in diesem Tatort zu erwarten sind? Politische Tatorte – nicht Tatorte mit sozialen Kernthemen- tendieren entweder zum Ausfasern oder zur starken Verkürzung, weil die politischen Zusammenhänge oft zu komplex sind, um innerhalb eines Krimis glaubwürdig darstellbar zu sein.

Klischee oder Pointierung?

Mimi: Wie hat Reto Flückiger gesagt? Mein zweiter Name ist Respekt! Ich mag ihn, weil er so dezent ist, aber Respekt vor den Grenzen des Rechtsstaates, den er ja andererseits in Bezug nimmt, wenn er die Systeme der Schweizer Demokratie und die autoritären Kleinstaaten im Nahen Osten vergleicht, hatte er nicht wirklich. Stichwort: Illegale DNA-Analyse. Oder den Prinz Fahd mit einem fiesen Trick aus seinem Hotel zu locken.

Tom: Es ist dem Reto halt gegen den Strich gegangen, dass er nicht mehr real ermitteln darf, weil die Bundespolizei sich einschaltet, weil alle auf Zehenspitzen gehen, Mordfall hin oder her, nur wegen der bilateralen Beziehungen zu einem halbfiktiven Emirat, das sicher ein Teil der VAR ist. Ich glaube, damit sollte ausgedrückt werden, dass die Schweiz immer noch ein Furzklemmer-Staat ist, dessen Rechtsstaatlichkeit bei den finanziellen Interessen endet, wie schon zu Nazi-Zeiten. Und ein aufrechter Cop wie Reto kann das nicht billigen. Er steht für die echte, gute, die Schweiz an der Basis, die sich nicht immer wieder neu korrumpiert.

Anni: Wirklich? Warum dann diese Klischee-Araber und dieses wirklich blöde Ende, als es scheint, dass er Verständnis für Fahd hat und es nicht mehr so schlimm findet, dass der nicht verurteilt werden kann, obwohl er seine Freundin erschlagen hat. Mit einer Magnum-Flasche Schampus, wie sich das für einen Wüstenprinz gehört. Apropos: Der Tatort erinnert schon sehr an „Der Wüstensohn“ (TO 916) aus München, oder?

Tom: Ja, in vieler Hinsicht. Vor allem natürlich wegen des Themas der diplomatischen Immunität, nach der sich diejenigen, die durch sie geschützt sind, alles erlauben dürfen. In Berlin fällt das vor allem durch die weit überproportionalen Verkehrsdelikte von Diplomatenautos auf, und es gibt auch bestimmte Staaten, die sich dabei besonders hervortun. Womit ich nicht andeuten will, dass es arabische Staaten sind. Was ich an der Konstruktion nicht ganz verstanden habe: Okay, Fahd ist Schüler, aber hätte die Familie ihm nicht auch einen Posten  zuschanzen können, der ihm Diplomatenstatus sichert? Dann wären die Ermittlungen gegen ihn allerdings von vornherin obsolet gewesen.

Frauenfeindlichkeit nicht nur in Arabien

Anni: Mich stört, dass die Araber – und klar, die sind auch in der FIFA und okkupieren den ach so sauberen europäischen Fußball, diese Miesnicks, so furchtbar platt rüberkommen. Du erfährst nichts über ihre Persönlichkeit, das gilt übrigens in diesem Tatort für alle außer den Ermittlern. Sie sind Abziehbilder, und erst die Frauen! Böse Mädchen gehören abgemurkst, aber ihr habt vergessen, dass sie dann in den Himmel kommen, und diejenigen, die sie erschlagen, sicher nicht. Klar, dass dieses Drehbuch von Männern stammt.

Tom: Bist du sicher, dass das die Botschaft des Films ist? Und nicht doch eher, dass der Rechtsstaat sich der Macht beugt, und dass das ein wenig dadurch geheilt werden soll, dass man Fahds Motiv verständlich gemacht hat? Diese Affekthandlung aus einer Situation der Demütigung heraus, die für einen stolzen arabischen Jungen aus der Oberschicht mega-peinlich ist?

Mimi: Dann hätte er doch seinen Bruder erschlagen sollen, das Schwein, das ihn manipuliert, nur, um ihm klarzumachen, wie dekadent der Westen ist. Die Darstellung dieser Freundin namens Ava geht gar nicht, weil sie jeden machomäßigen Übergriff rechtfertigt. Wenn Männer sich so nasführen lassen, ist das auch deren Sache. Aber ich glaub, heute Abend rede ich gegen eine Wand, du hast einfach keinen Bock auf die Entschlüsselung von Subtext aus Frauensicht. Für mich dominiert dieser Punkt sogar gegenüber allem, was man kritisch zu den Grenzen des Rechtsstaats für Diplomaten sagen kann.

Tom: Also, ich mag den Flückiger auch, da bin ich ganz bei dir. Aber ich fand den Film schon sehr gedehnt, und es gab kein Schicksal außer dem des Vaters von Ava, das so rüberkam dass man sich ein wenig identifizieren konnte. Dessen Handeln allerdings ist ziemlich seltsam, und wenn ich der Fernfahrer gewesen wäre, der sich einfach von dem schmächtigen Akademiker zusammenschlagen lässt, ich glaub, die Sache wäre anders ausgegangen.

Anni: Jaja, ich hab verstanden. Ich fand die Figur „Vater Laurent Fleury“ auch etwas kurios. Erst kümmert er sich nur moneywise um seine Tochter, dann bricht die Schuld aller bisherigen familiären Versäumnisse aus ihm heraus und er fängt an, privat den Ermittlungen beizuwohnen und bringt sich auch aktiv ein. Vielleicht sind die Besitzer von Medizinlaboren in der Romandie so gestrickt. Die Kritik an den Reichen, die ihre Kinder solchen Institutionen überlassen, um sie aus dem Weg zu haben, nicht etwa, damit sie wirklich eine gute Bildung bekommen, ist ein weiterer Punkt, der für mich allerdings ziemlich hinter dem, was wir oben besprochen haben, zurücksteht.

Kein packender Internatskrimi

Tom: Als Internatstatort, der die verschobenen Persönlichkeiten reicher Früchtchen zeigt, war „Herz aus Eis“ allerdings um Längen besser. Auch, weil er sich auf dieses Thema konzentriert hat. Die Welt eines Elite-Internats wirklich ausgeleuchtet hat. Bei dem Arabaer Fahd zum Beispiel kannst du nicht ansatzweise verorten, ob er wegen seiner Herkunftsprägung, wegen seines Asylums in der Welt des Elite-Internats und allem, was dort auf ihn einwirkt, wegen seiner sensiblen Künstlerpersönlichkeit oder was auch immer so eine niedrige Frustschwelle hat, dass er schließlich im Affekt tötet.

Ich wollte, ich hätte auch so ein Talent zum Akte zeichnen, ich wüsste auch, wenn ich wegen Modell sitzen fragen würde.

Anni: Lass mich raten – nein, nimm lieber die Nachbarin aus dem ersten Stock, die dich sich immer so gern mit dir austauscht, die ist so wunderbar kurvig, mit der kannst du die Schwünge gut üben.

Okay, das Internat ist zwar sehr etepete, dargestellt in Person seiner Leiterin, aber das kommt doch alles ziemlich fl … äh, wenig ausdifferenziert daher.

Tom: Dieser Tatort leidet ganz sicher unter seiner Inkonsequenz. Was will er nun wirklich zeigen? Die verwahrlosten, moralisch verdorbenen Reichen-Kids, die Probleme der Nichtverfolgbarkeit von Straftaten, die von Angehörigen diplomatischer Vertretungen begangen werden, die Rechtsstaatlichkeit contra Autorkratie, Westler gegen Araber? Oder gar einfach Menschen? Nein, dazu werden zu viele Linien reingebracht, die zudem klischeehaft wirken und die Menschen gar nicht recht hervortreten lassen. Da hast du schon Recht.

Anni: Ah ja. Also, ich schreib mal meine Punkte auf … hier ist der Stift.

Tom: So, und hier sind meine. Ich geb 6,5/10. Auch wegen Mattmann (Jean-Pierre Cornu), der mir als letztlich doch standhafter Bürokrat immer gut gefällt, und weil Reto eine Liaison hat, bei der ich zwischenzeitlich dachte, jetzt kommt das erste vollständige Schwulen-Outing eines Tatort-Ermittlers. Aber die Sache wird nicht aufgelöst. Was für ein Cliffhanger!

Das Fazit und der beschissene Tag

Anni: Ich hab 5,5/10. Du weißt ja, ich bin dagegen, dass Frauen ohne Konsequenzen für den Täter erschlagen werden und dann auch noch dieses hinterfotzige Schlampen-Ding als Rechtfertigung herhalten muss. Und obenauf noch, dass die Zimmerkollegin von Ava sich dann für die Polizei hergibt, um den Fahd noch einmal zu pflanzen. Das ist so … mies, wie hier Frauen rüberkommen. Fuck! Entschuldigung für das Wort, aber so unterhalten sich die Mädels ja heutzutage permanent, wenn man den männlichen und gewiss etwas älteren Drehbuchschreibern dieses Tatorts glaubt. Sehr verräterisch, diese Szene, oder? Gib meinen Zettel her, ich ändere nochmal, ich hab zu viel gegeben.

Tom: Nee, nee. Bei einer Wahl kannst du auch nicht zum Wahlhelfer sagen, kippen se ma die Urne um und suchen se meinen Schein raus, ick gloob, ick hab ma vertan.

Anni:  Gut, dass ich heut nicht wählen durfte. Ich hätte mich mitschuldig gefühlt, egal, wo ich mein  Kreuzchen gemacht hätte. Und dann dieses Araber-Klischee in dem Tatort, das so übel unterminiert wird von dem anderen … Nein, ich hör schon auf. Ich bin so sauer auf diesen ganzen, beschissenen Tag.

Tom: Und dann noch die Magnumflasche auf das arme Frauenköpfchen. Schau, nächste Woche kommt ein neuer Tatort, und dann sind die Emotionen vermutlich nicht vorher so aufgeheizt. Flückiger ist nicht schuld, wirklich. Der hätte auch sicher nicht die AfD gewählt. Das hätte er nicht getan, Wut auf die diplomatische Immunität und was noch alles von Wüstenprinzen hin oder her. Und ich glaube, er hat am Ende in dem Prinz auch nur das kleine Menschlein gesehen, das er ja ist, trotz all der Kohle seiner Family aus dem Ölgeschäft und der Künstler-Zeichenkohle – deswegen heißt der Film auch „Kleine Prinzen“.

Anni: Wirst du jetzt aufhören, mich so redundant manipulieren und das Ganze ins Lächerliche ziehen zu wollen?! Taschentuch, bitte!

6/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser
Kommissarin Liz Ritschard – Delia Mayer
Kriminaltechnikerin Corinna Haas – Fabienne Hadorn
Polizeichef Eugen Mattmann – Jean Pierre Cornu
Fahd Al-Numi – Hassan Akkouch
Ali Al-Numi – Nadim Jarrar
Abdul Malik – Kay Kysela
Laurent Fleury – Luc Feit
Ava Fleury – Ella Rumpf Capron
Silvan Bühler – Mario Fuchs
Tom Hoffmann – Flurin Giger
Fritz Loosli – Urs Jucker
Matthias Fischer – Jürg Plüss
Swantje Beck – Julia Sewing
Jonas Escher – Silvio Kreschmer

Regie: Markus Welter, Drehbuch: Lorenz Langenegger, Stefan Brunner

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