Road to Perdition, USA 2002 #Filmfest 46

Road to Perdition (USA 2002) – FilmAnthologie 7 Edit this entry

Filmfest 46 A

Generationengangsterballade

Newman, Hanks, Law, das ist eine erlesene Besetzung und natürlich hatte Regisseur Sam Mendes nach seinem Sensationserfolg „American Beauty“ keine Probleme, diese hochrangigen Schauspieler für sein Projekt zu gewinnen. (Jude Law hatte gerade seine erste Toprolle als talentierter Mr. Ripley hinter sich und dafür eine Oscar-Nominierung bekommen.) Wie der Nachfolger von „American Beauty“ auf uns gewirkt hat, beschreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Der Film spielt in der Kleinstadt Rock Island und beschreibt sechs Wochen im Winter des Jahres 1931. Michael „Mike“ Sullivan ist ein so genannter Enforcer („Durchsetzer“). Er arbeitet für John Rooney, den alternden Boss einer irischen Gangster-Bande, dessen Interessen er durchzusetzen hat – bei Bedarf auch durch Morde. Für Mike, der vaterlos aufgewachsen ist, ist John Rooney eine Art Ersatzvater, und auch Rooney schätzt Mike sehr und vertraut ihm mehr als seinem eigenen Sohn Connor. Zur Beerdigungsfeier eines Bandenmitglieds besucht Mike Sullivan mit seiner Frau Annie und den Söhnen Peter (9) und Michael junior (12) das Anwesen des Bosses, den die Kinder als eine Art Großvater wahrnehmen. Sie treffen im Haus auch auf Connor Rooney, der sich wenig für Mikes Kinder interessiert und sie nicht auseinanderhalten kann.

Peter und Michael wissen nicht, womit ihr Vater den Lebensunterhalt verdient. Er spricht nicht über seine Arbeit, nur die Verpflichtungen der Familie gegenüber Rooney sind offensichtlich. Am Tag nach der Beerdigung versteckt sich Michael junior im Kofferraum des Buicks, mit dem der Vater „zur Arbeit“ fährt. Er weiß, dass sein Vater bewaffnet ist, und will herausfinden, was er tut. Zusammen mit Connor Rooney besucht Mike Sullivan an diesem Tag in einem illegalen Spirituosenlager den Bruder des beerdigten Gangsters, der sich auf der Feier unklug verhalten hat, um ihn zur Rede zu stellen. Der Mann macht in dem Gespräch Andeutungen, wonach Connor Geld des Syndikats ohne Wissen seines Vaters abzweigt. Die Rooney-Bande leistet ihren Tribut an die Cosa Nostra in Chicago. Connor Rooney erschießt den Mann entgegen den Anweisungen seines Vaters; Mike Sullivan tötet die bewaffneten Begleiter. Michael junior hat das Geschehen durch einen Türspalt heimlich beobachtet und ist traumatisiert. Als Mike und Connor seine Anwesenheit bemerken, versichert Sullivan, sein Sohn werde den Vorfall für sich behalten; Connor akzeptiert das zunächst. Am nächsten Tag erhält die Familie Sullivan unerwartet Besuch von John Rooney, der Michael junior ermahnt, über Geheimnisse zu schweigen. Connor Rooney wird für seine Eigenmächtigkeit vor der versammelten Führungsebene seines Vaters getadelt und bloßgestellt.

Anschließend soll Sullivan allein zu einer üblichen Runde des Geldeintreibens aufbrechen. Connor steckt ihm ein verschlossenes Schreiben für einen weiteren Schuldner zu, einen Bordellbetreiber. Dabei handelt es sich jedoch um einen Uriasbrief, in dem der Empfänger zur Tötung des Überbringers aufgefordert wird. Der Bordellchef, dem Connor einen Schuldenerlass in Aussicht gestellt hat, versucht, Sullivan zu erschießen. Sullivan ist jedoch schneller und tötet den Mann und dessen Leibwächter. Connor ist inzwischen in das Haus der Sullivans eingedrungen und ermordet Mikes Ehefrau sowie seinen jüngeren Sohn. Michael Junior entgeht dem Anschlag, weil er erst während der Tat nach Hause kommt und Connor ihn nicht bemerkt. Wenig später trifft Mike Sullivan ein, entdeckt die Leichen und verlässt das Haus mit seinem überlebenden Sohn für immer.

Rezension

Das Zusammenspiel der Darsteller funktioniert hervorragend. Man glaubt  Newman und Hanks die Freundschaft, das Beinahe-Vater-Sohn-Verhältnis, man glaubt Hanks den unversöhnlichen Hass, den er entwickelt und die beinahe melancholische Art, wie der alternde Mobster John Rooney das Ende seiner Tage hinnimmt, wohl wissend, dass sein Sohn Connor, sein Erbe, keinen Deut mehr Überlebenswillen wert ist – er ist nicht der Mann, der seine düstere, aber einträgliche Arbeit fortführen könnte. Daniel Craig als gewalttätiger, aber nicht gerade strategisch denkender Junior hat die undankbarste aller Rollen, aber man sieht schon, dass in ihm mehr steckt. Der einzige Charakter, bei dem wir manchmal dachten, er ist fehlbesetzt. Vielleicht sind wir diesbezüglich aber auch von seiner Entwicklung zum besten Bond seit Sean Connery beeinflusst, wo er sein Können anders einsetzen kann, wo er auf der guten Seite gute Arbeit verrichtet – und von einigen kleineren Produktionen, in denen er differenziertere Rollen spielt als in „Road To Perdition“.

Eine Erwähnung verdient Jude Law als Maguire, der „Reporter“. Er gibt sich als Fotojournalist aus und lichtet tatsächlich die Menschen ab, welche er tötet. Dieser Dokumentar der eigenhändig im Auftrag begangenen Morde ist ein pathologischer Outlaw. Sullivan im Grunde ein Familienmensch, der mehr oder weniger durch die Umstände in einen heiklen Beruf geraten ist. Er selbst kann nicht mehr umkehren, das bleibt seinem Sohn vorbehalten. Paul Newman hat schon in anderen Filmen seine Ausstrahlung wunderbaren Altersfiguren verliehen (z. B. in „Goodfellas“) und das gelingt ihm auch hier wieder.

Wir waren sehr gespannt, wie Tom Hanks eine so negative Figur spielen würde. Er hat es hinbekommen, sie auszudifferenzieren und als im Grunde sehr menschlich zu vermitteln. Er ist einer der besten Schauspieler unserer Zeit, von Forrest Gump bis Michael Sullivan kann er eine Menge bewältigen. Allerdings war diese menschliche Dimension doch notwendig. Denn ein Actionheld ohne Netz und doppelten Charakterboden, das ist er nicht und das will er, deutlich erkennbar, auch nicht sein.

Große Momente, von einer grandiosen Kamera eingefangen (Oscar postum für Conrad Hall), bestimmen den Film mehr als eine besonders exquisit konstruierte Handlung: Eine Gangsterballade und – selbstverständlich – eine Parabel. Selbst ein Tom Hanks als Michael Sullivan senior überlebt nicht, wenn er auf der dunklen Seite lebt. Dafür aber sein Sohn Michael junior (Tyler Hoechlin), der den Killer Maguire nicht erschießen konnte, im Showdown des Films. Das musste noch einmal sein Vater tun. Seine letzte Handlung. Bilder aus dem Film bleiben im Gedächtnis: Wie Paul Newman und Tom Hanks zusammen am Piano spielen, auf einer Trauerfeier. Der stumme Totentanz der Iren-Gang im strömenden Regen, den Sullivan inszeniert. Die Schüsse sind nicht zu hören, auch der Regen nicht – nur leise Musik. Der Showdown in dem weißen Zimmer auf der kleinen Farm am See, in dem Sullivan blutüberströmt stirbt. Die vielen Totalen, die den Roadmovie-Teil des Films dominieren, das weite Land, die hohen und die weiten Perspektiven, in denen die Fahrt von Sullivan senior und Sullivan junior aufgenommen ist, dieser Reise zu ihrer Bestimmung.

Diese ruhige, ganz und gar selbstsichere Dramaturgie, die emotionalen Momente, die sich zwischen den irischen Männern Sullivan und Rooney abspielen, diejenigen zwischen Suillvan senior und junior, nehmen uns mit und wir folgen der Reise. Die gewaltgetränkten Szenen setzen wie Kontrapunkte den Rhythmus. Diese Abfolge beinahe lyrischer und düster dramatischer Momente erinnert ein wenig an David Leans Epen der sechziger Jahre, auch wenn die Handlungsdichte von „Road To Perdition“ und das Figurentableau nicht vergleichbar mit „Lawrence von Arabien“ oder „Doktor Schiwago“ sind.

Dass nicht ein so gewaltiges Panorama wie in jenen Filmen oder in „Es war einmal in Amerika“ aufgemacht wird, an den uns einige Momente ebenfalls erinnert haben, ist kein Vorwurf. Immerhin ist „Road To Perdition“ eher kammerspielartige Tragödie als große Oper und nur knapp zwei Stunden lang. Die Konzentration auf wenige, starke Figuren ist richtig und auch sonst hat der Film keine schwachen Momente. Das Vater-Sohn-Verhältnis, das zu Anfang sehr distanziert ist (der Junge nennt seinen Vater „Sir“), wandelt sich zwar, das wird von einer kundigen Regie langsam, ja behutsam vorgenommen. Diese Bedachtheit erhöht die Plausibilität einer Handlung, die an sich nicht sehr glaubwürdig ist. Das Ansichbringen der Vermögenswerte des Syndikats, das Sullivan ausführt, um etwas gegen Rooney senior in der Hand zu haben, ist zu einfach, auch diese schematische Darstellung der Bankiers – ja, die passt gerade derzeit gut ins Bild. Der Komplex um die Erleichterung von Banken, in dem sehr präzise lediglich Schwarzgeld den Besitzer wechselt, das Auffinden von belastenden Dokumenten, das ist sehr schematisiert und auch ein wenig jenseits der Realität. Wohl auch der Realität zur Hochzeit des Gangsterwesens und in den wilden Zeiten der amerikanischen Prohibition.

Und natürlich sind manche Seltsamkeiten ausschließlich der Tragödie und ihrer Symbolik geschuldet. „Road To Perdition“ bedeutet wörtlich „Straße nach Verdammnis“, übertragen: „Weg in die Verdammnis“. „Perdition“ heißt auch das kleine Nest, in dem die Schwester der ermordeten Mrs. Sullivan lebt. Dorthin wollen Michael Sullivan, Vater und Sohn, fliehen. Und sie kommen auch dort an. Aber kein Ort der Welt heißt Verdammnis, wenn er nicht das Ende der Tragödie zeigt.

Verglichen mit schön gefilmten Abrechnungsballaden à la „Last Man Standing“ (der im selben Jahr spielt wie „Road To Perdition“, 1931), ist der Hanks / Newman-Film sehr differenziert. Manche Kritiker sehen ihn in der Nähe von „Der Pate“ angesiedelt, aber dazu fehlt uns die Generationen überspannende Epik.

Ein exzellenter Film, einer der besten im Entstehungsjahr 2003, auch wenn von seinen vielen Oscar-Nominierungen nur die Kamera letztlich prämiert wurde.

81/100

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Sam Mendes
Drehbuch David Self
Produktion Sam Mendes
Dean Zanuck
Richard D. Zanuck
Musik Thomas Newman
Kamera Conrad L. Hall
Schnitt Jill Bilcock
Besetzung

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