Er kann’s nicht lassen (D 1962) #Filmfest 52

Filmfest 52 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftDas schwarze Schaf auf dem Felsen

Im Grunde schon eine Altersrolle von Rühmann, aber eine sehr schöne. Kein anderer deutscher Schauspieler war so familiär und so liebenswürdig und – als Pater Brown – gewitzt. Das, was ihn hier auszeichnet, die Mischung aus Humor und Seelengüte, war in vorherigen Filmen schon angelegt, nur der Akzent war hier etwas anders.

Ob die beiden Pater-Brown-Filme mit Rühmann (der erste war „Das schwarze Schaf“ von 1960) adäquate Verfilmungen sind, darüber werden vor allem Leute, welche die Vorlagen kennen und aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammen und der deutsche Zuschauer womöglich unterschiedlicher Ansicht sein.

Doch unbestreitbar brilliert Rühmann wieder einmal und „Er kann’s nicht lassen“ hat in Maßen den skurrilen Charme, den auch die besseren der Edgar-Wallace-Verfilmungen deutscher bzw. deutsch-dänischer Provenienz aus den frühern 60ern auszeichnen.

Technisch ist einiges gut und atmosphärisch gemacht, anderes weniger, darüber wird in der -> Rezension zu sprechen sein. Fraglos gelungen aber sind die Dialoge. Sie haben über die Jahre kaum von ihrem Witz eingebüßt; auch deswegen, weil sie eben von Heinz Rühmann mitgestaltet werden.

Handlung

Pater Brown kann’s nicht lassen, er wurde extra vom Bischof auf die ruhige Inselgemeinde Abbotts Rock versetzt, damit er sich nicht mehr in Kriminalfälle einmischen kann, und somit nicht mehr ständig auf den Titelseiten der Zeitungen erscheint. Aus Langeweile verfolgt er eine Katze, die ihn zu einem verschollenen Gemälde führt. Das gibt natürlich wieder Schlagzeilen, was dem Bischof gar nicht gefällt. Er lässt ihn wieder versetzen, diesmal in eine Gemeinde, wo das letzte Verbrechen vor sechs Jahren stattfand – ein gestohlener Golfball. Doch schon bei seiner Ankunft muss er einen Streit zwischen zwei Lords schlichten. Er erfährt von einem Fluch, welcher auf den Schlossherrn von Darroway liege. Er glaubt natürlich nicht daran und vermutet hinter den angeblichen Unfällen Mord.  ter Brown schlichtet einen Streit zwischen rauen Gesellen auf Abbot’s Rock und zerschlägt anschließend das Streibobjekt – ein kleines Fass Whisky.

Pater Brown begibt sich auf die Spuren einer streunenden Katze und findet im Keller ein verstaubtes Meisterwerk. Er stellt das Madonnenbild zugunsten seiner wohltätiger Zwecke aus und bald wird es gestohlen.

Pater Brown gerät wieder einmal in die Schlagzeilen, sein Bischof ist nicht amüsiert und will Pater Brown aus dem Verkehr ziehen, indem er ihn auf einen internen Posten in der Steuerabteilung versetzen will. Pater Brown fleht um Gnade und Sekretär Malone, sein Intimfeind am Bischofssitz, freut sich.

Nachdem er das gestohlene Bild wiederbeschafft hat, wird Pater Brown hingegen in die friedliche Gegend von Schloss Darroway versetzt, wo in Jahrzehnten lediglich einmal ein Golfball gestohlen wurde. Doch was ein Verbrechen ist oder nicht, hängt von der Sichtweise ab – und Pater Brown hat den Verdacht, dass gewisse Unfälle Morde waren. Just, nachdem er in der stillen Grafschaft eingetroffen ist, stirbt der letzte direkte Erbe auf Schloss Darroway auf mysteriöse Weise, indem er vom Gerüst einer Maschine stürzt, mit der die Sümpfe um das Schloss trocken gelegt und urbar gemacht werden sollen. Pater Brown schaut sich die Konstruktion genauer an.

Rezension

  1. Kein schwarzes Schaf, sondern ein guter Hirte mit kriminalistischem Gespür

Es ist vor allem Heinz Rühmanns Schauspielkunst zu verdanken, dass der Film „Er kann’s nicht lassen“ heute noch ansehnlich wirkt. Auch Ruth Maria Kubitschek als Haushälterin Mrs. Holland, die sich als letzte Erbin der Darroways entpuppt, welche  mit Hilfe einiger Gangster die anderen aus dem Weg räumt, schafft eine gute und präsente Vorstellung, ebenso Lina Carstens als Browns Haushälterin Mrs. Smith und Rudolf Forster als von Brown gleichermaßen genervter wie faszinierter Vorgesetzter im Amt des Bischofs.

Die übrigen Schauspielleistungen sind allenfalls routiniert, die Anteile am Geschehen aber auch gering, denn dies wird eindeutig von Brown dominiert. Man sieht übrigens Horst Tappert in einer Vor-Derrick-Rolle als Gangster, aber sein Part gehört zu denen, die zu kurz geraten sind, als dass sie Eindruck hätten hinterlassen können. Trotzdem werten wir das nicht neutral, denn an der Ausgestaltung der Nebenrollen sieht man, was man an diesem Film hätte besser machen können. Es gibt beeindruckende Figuren, die mit wenigen Sätzen auskommen, um etwas Bleibendes zu hinterlassen, solche enthält „Er kann’s nicht lassen“ nicht.

Rühmann konnte jeden Film adeln und musste gewiss von Regisseur Axel von Ambesser nicht groß geführt werden, um seinen Pater Brown lebendig und sympathisch zu  machen, zusammen mit der irischen Landschaft und dem Nebel in manchen Szenen bringt er eine gute Atmosphäre auf die Leinwand, Irland-Kenner müssen beurteilen, wie  „echt“ sie ist – wobei man nicht vergessen darf, dass der Film nun ca. 50 Jahre alt ist und das Land sich stark gewandelt hat.

  1. In den frühen 60ern

Der (west-) deutsche Film der frühen 60er war arm an Höhepunkten – die Edgar-Wallace-Serie und die Karl-May-Filme waren und sind heute noch die bekanntesten Produktionen. Der junge oder neue deutsche Film war noch nicht geboren.

Mit Axel von Ambessers Regieleistungen geht die Kritik nicht immer gütig um, häufig wird die steife Inszenierung bemängelt. Andererseits hat sein Film „Der brave Soldat Schwejk“ (1960), ebenfalls mit Heinz Rühmann in der Titelrolle, es als einer der ganz wenigen deutschen Film jener Zeit geschafft, in den USA einen Golden Globe zu erringen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob der Film unter der Regie von Harald Reinl oder Alfred Vohrer nicht etwas thrilliger geworden wäre, unter Inkaufnahme einiger billiger Effekte.

Die gibt es allerdings auch in der vorhandenen Version. Die Szene, in der Rühmann auf einem Motorroller durch Dublin braust, auf amerikanische Art im Studio vor bewegtem Hintergrund gefilmt, ist so künstlich, dass wir meinen, man hätte besser darauf verzichtet. Zudem haben die verfolgenden Verbrecher plötzlich den Wagen gewechselt; von einem Peugeot 403, der vor ihrem Versteck stand; jenem abgelegenen Anwesen, auf dem sie auch Pater Brown gefangen hielten, auf ein zeitgenössisches britisches Modell, das wir nicht genau identifizieren konnten.

  1. Qualität als Krimi

Wenn wir Plotschwächen bei den Tatort-Rezensionen recht genau unter die Lupe nehmen, können wir bei einem Kriminalfilm oder einer Kriminalkomödie nicht komplett darauf verzichten, auch wenn diese aus den frühen 60ern stammt und bestimmt nicht wegen ihrer ausgefeilten Konstruktion heute noch sehenswert ist.

Das erste Problem des Films ist, dass er zwei Verbrechen chronologisch nacheinander abhandelt, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben – zunächst den Gemälderaub in dem Fischernest an der Küste, dann die Mordserie auf Schloss Darroway. Die Lösung des ersten dient zwar als Antwort auf die Frage, wie Pater Brown in seine neue Gemeinde kam, nimmt aber zu viel Raum ein. Auch, dass ein Täter des ersten Verbrechens ins zweite verwickelt ist, mag der Buchvorlage entsprechen, wirkt aber auch zufällig.

Dass Mrs. Holland nicht die vornehme Haushälterin ist, als die man sie zuerst sieht, wird zwar in einem Satz von Pater Brown („Mrs. Holland braucht mehr als alle hier einen Menschen“) angedeutet, aber kommt in der Konstellation als quasi Chefin einer Verbrecherbande, die sie zum Erbe an Schloss Darroway führen soll, sehr plötzlich.

Darüber hinaus ist die Handlung zwar ein Whodunit klassischer Art, aber auch sehr linear. Aus den einzelnen Figuren und der Hadlung wird zu wenig Spannung erzeugt, der Film ist in der Tat etwas betulich – vor allem für heutige Verhältnisse. Die Frage ist natürlich, wäre er noch Rühmann-gemäß, wenn er anders gestrickt wäre. Was für einen Krimi an sich schlecht ist, hilft Rühmann, in aller Ruhe seine Figur ans Publikum zu vermitteln.

Trotzdem gibt es überflüssigen Schnickschnack, wie das Thema Münzsammlung, das überhaupt nichts mit den beiden Kriminalfällen zu tun hat, allenfalls darstellt, dass auch der trickreiche Pater mal überzieht und in seinem Chef auch seinen Meister findet. Vielleicht war das wegen der Kirchenhierarchie nicht ganz unwichtig, aber die Zeit für diesen Part hätte man gut in die differenziertere Ausgestaltung der Figuren in der Haupthandlung investieren können.

  1. Musik

Martin Bötcher hat die Pater-Brown-Musik geschrieben; der Komponist, der auch die berühmte Winnetou-Melodie erfunden hat. Wir finden, das kann sich hören lassen.

Finale

Jeder Film von Heinz Rühmann ist mehr oder weniger sehenswert, deswegen ist es einfach, zu schreiben, dass „Er kann’s nicht lassen“ wegen seiner Ausgestaltung der Pater-Brown-Figur die 90 Minuten Lebenszeit wert ist. Aber genau das ist die Wahrheit. Sein Spiel erfüllt den Film mit Leben und Charme; allerdings mit einem national begrenzten Charme. Die deutschen Top-Schauspieler der Zeit waren dem Publikum in anderen Ländern vom Typ wenig geläufig – bei den weiblichen Stars aus dem deutschsprachigen Raum sah es etwas besser aus. 

Besonders auf Heinz Rühmann und seine Kleiner-Mann-Figuren der Nachkriegszeit trifft das zu. In ihm spiegelt sich aber eine ganze Generation von Nachkriegs-Aufbaumenschen und viele wären gerne so gewesen wie er und hätten sich gewünscht, die Welt und die eigene Historie wären gewesen wie er: Bescheiden, mild, verständnisvoll, verzeihend und mit einem lebensklugen Humor ausgestattet. Im Grunde sind Heinz Rühmanns Filmcharaktere der Spiegel einer speziell deutschen Sehnsucht nach Normalität und Bodenständigkeit, nach Vertrauen in die kleine Form der Lebensbejahung, die er so schön verkörperte.

Hatte das Publikum den jungen Rühmann während der NS-Zeit als Bruchpilot („Quax, der Bruchpilot“, 1941) oder später Schüler-Lausbub („Die Feuerzangenbowle“, 1944) ins Herz geschlossen, stand er in den 50er und frühen 60er Jahren wie kein anderer deutscher Schauspieler gleichermaßen für Kontinuität und Wandel. Er konnte den Hauptmann von Köpenick, den braen Soldaten Schwejk, einen Briefträger, einen Ziehvater, einen Familienvater oder Pauker spielen, das alles war glaubwürdig. Die großen Helden und Liebhaber, die konnte er nicht, aufgrund seiner Statur und seiner Ausstrahlung. Und das war gut so.

Jede Rezension über einen seiner Filme ist auch eine Hommage an den noch heute beliebtesten deutschen Mimen der Adenauer-Ära, der außerdem zum deutschen Schauspieler des Jahrhunderts gewählt worden ist. In die Bewertung seiner Filme fließt das durchaus ein, aber natürlich spielt auch deren individuelle Qualität eine Rolle. Den sehr großen Abstand zwischen „Das schwarze Schaf“ und „Er kann’s nicht lassen“, den zeitgenössische Kritiker herausstellen (siehe unten), sehen wir allerdings nicht.

66/100

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kritiken

„Schwerfällige Fortsetzung von Chestertons Detektivgeschichte „Das schwarze Schaf“. Pater Brown, vom Bischof zuerst auf eine kleine Insel, dann in ein entlegenes Dorf strafversetzt, klärt diesmal einen Gemäldediebstahl auf und löst anschließend eine Erbschafts-, Rauschgift- und Mordaffäre.“

„Zum zweiten Mal nach „Das schwarze Schaf“ (1960) spielte Heinz Rühmann den Pater mit dem kriminalistischen Instinkt nach einer Vorlage von G.K. Chesterton. Auch hier stimmen die Zutaten – es bleibt also dem Zuschauer überlassen, ob er ‚Er kann’s nicht lassen‘ als wenig originellen Abklatsch oder unterhaltsame Weiterführung des ersten Teiles sieht.“

Moviemaster.de[2]

„Von der Pfiffigkeit des kriminalistisch veranlagten Geistlichen ist nichts mehr geblieben. Ab 16 möglich, aber ohne Empfehlung.“

Regie Axel von Ambesser
Drehbuch Carl Merz,
Egon Eis
Produktion Utz Utermann
Claus Hardt
Musik Martin Böttcher
Kamera Erich Claunigk
Schnitt Walter Boos
Besetzung

 

 

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