Der Ruhm meines Vaters (La Gloire de mon père, F 1990) – #Filmfest 53

Filmfest 53 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Vorwort 2019

Ab und zu machen wir es in der Rubrik „Crimetime“, beim Filmfest bisher sehr selten: Wir zeigen „Original“. Eine Rezension, wie sie in diesem Fall am 3. Juni 2011 veröffentlicht wurde.

Der Film ist gedreht nach den Erinnerungen von Marcel Pagnol, dessen eigene Filme wir damals noch nicht rezensiert hatten. Derzeit besteht die Erwägung, die Rezensionen z. B. zur berühmten „Marius-Trilogie“ im Anschluss an die Erinnerungsfilme aus den 1990ern zu zeigen (der zweite ist „Das Schloss meiner Mutter“). Auch für uns sind derzeit „Erinnerungstage“, heute war das beispielsweise sehr ausprägt (Tag der nachträglichen Publikation, 17.08.2020). Auch deswegen rühren wird diesen Originaltext nicht an, obwohl wir bei einer Rezension nach heutigem Kenntnissstand u. a. die Verbindungen seiner Kindheit zu Pagnols eigenem künstlerischem Schaffen in der Zeit des poetischen Realismus mehr in den Vordergrund rücken würden.

Der Ruhm meines Vaters (La gloire de mon père, F 1990)

  1. Inhalt
    1. Marcel kommt als Kind eines Lehrers und einer Schneiderin auf die Welt. Schon früh nimmt er am Unterricht teil und lernt so nebenbei lesen. Als er 11 Jahre alt ist, mieten seine Eltern und sein Onkel Jules ein Haus in der Provence. Marcel, sein Bruder Paul, seine Schwester, seine Eltern sowie Tante Rose, Onkel Jule und deren Baby verbringen dort die Sommerferien. Marcel lernt Edmond von den Schmetterlingen (Edmond des Papillons) und Lili kennen. Mit Lili verbindet ihn bald eine Freundschaft und durch ihn lernt er intensiv die Umgebung und die Natur kennen. Damit sein in der Jagd unerfahrener Vater nicht von Onkel Jules übertroffen wird, begleitet Marcel heimlich die Jäger. Er scheucht durch Zufall Alpensteinhühnerauf und sein Vater trifft zwei davon. Mit dem Ruhm dieser Jagd schmückt sich der Vater und Marcel ist froh, dass er dazu beigetragen hat (Zusammenfassung aus der Wikipedia).
    2. Marcel kennt sie viel zu früh, die kleinen Geheimnisse des Lebens. Das meint jedenfalls seine Mutter und versperrt den Bücherschrank vor dem frühreifen Jungen. Daß es außer Papas Büchern noch andere Welten zu entdecken gibt, erfährt Marcel erst, als seine Familie die Ferien in der Provence verbringt. Sein neuer Freund Lili entführt ihn in die unschuldigen Abenteuer einer Idylle aus Sonne und Lavendel (Zusammenfassung aus moviepilot.de).
    3. In dem südfranzösischen Ort Aubagne kommt im Jahr 1895 der kleine Marcel zur Welt. Sein Vater Joseph ist Lehrer, Marcels Mutter Augustine ist Schneiderin. Nach Zwischenstationen in kleineren Städten wird Joseph nach Marseille befördert. Hier stellt sich weiterer Nachwuchs ein: Marcel bekommt einen Bruder. Während dieser sich normal entwickelt, ist der aufgeweckte Marcel ein wahrer Überflieger. Bereits lange vor der Einschulung kann er lesen und schreiben. Während sein Vater stolz auf dieses Talent ist, gerät die Mutter in Panik und versteckt sämtliche Bücher vor dem Kleinen.
      Damit der wissbegierige Marcel seine Freizeit nicht nur mit Lesen verbringt, geht seine unverheiratete Tante Rose häufig mit ihm in den Stadtpark, nicht ganz ohne eigennützige Hintergedanken, denn bei den gemeinsamen Ausflügen trifft Rose immer wieder einen wohlhabenden Herrn, der sie schließlich zu seiner Ehefrau macht. Ein paar Jahre darauf bringen Marcels Mutter und Tante Rose gesunde Töchter zur Welt. In den großen Sommerferien mieten die beiden Familien gemeinsam ein Landhaus in der Provence. Hier findet Marcel in dem Bauernjungen Lili einen Freund fürs Leben. Lili macht das Stadtkind Marcel mit den Geheimnissen und der Schönheit der Natur vertraut. Gemeinsam verleben die Jungen unbeschwerte Tage voller Entdeckungen und Abenteuer.
    4. Für Marcel beginnt eine neue aufregende Zeit, doch auch die schönsten Ferien gehen einmal zu Ende, der Abschied naht. Marcel mag sich nicht von seinem Freund Lili trennen, und so beschließen die beiden, heimlich in den Bergen als Eremiten zu leben, doch noch vor Sonnenaufgang beenden sie ihr Abenteuer – in der Nacht ist die Natur gar zu unheimlich. Und so geht eine wunderbare Zeit in der Provence zu Ende, doch es wird kein Abschied für immer sein (Zusammenfassung aus RBB online.de anlässlich der Ausstrahlung am 7. Mai 2011).
  1. Kurzkritik

Der Film wurde gedreht nach den Erinnerungen des französischen Theater-  und Filmemachers Marcel Pagnol und ist erkennbar bemüht, die Atmosphäre und den Stil dieser Erinnerungen in Bilder umzusetzen.

„Der Ruhm meines Vaters“ ist poetisch, schön gefilmt und lebt von den Figuren und der Landschaft der Provence.

Ruhig fließt die Handlung dahin und selbst die Höhepunkte sind eher leise erzählt. Kein Film für Freunde des rasanten Kinos, sondern für solche, die sich auf eine Reise in eine Zeit mitnehmen lassen möchten, die mittlerweile mehr als 100 Jahre zurückliegt und die in diesem Film sehr lebendig wird.

An „Der Ruhm meines Vaters“ schließt sich „Das Schloss meiner Mutter“ an, noch im selben Jahr 1990 gefilmt und ebenfalls auf Marcel Pagnols Erinnerungen basierend.

III.             Rezension

  1. Die Figuren

Das sind alles wunderbare Charaktere. Die Lebenserinnerungen des Erzählers, Theatermachers und Filmers im poetischen Realismus der 30er Jahre, Marcel Pagnol, haben reiches Material geboten, das Regisseur Yves Robert verwendet hat, um einen Film nicht ganz ohne Kontroversen, aber ohne größere Konflikte und Kontraste in den Figuren zu machen.

Allesamt sind sie von großer Liebenswürdigkeit, die Menschen, die uns im Lauf des Films begegnen und zu dem Sonnenschein, der immer über der Provence liegt – bis auf eine Regen- und Gewitterszene – kommt die sonnige Poesie, die in den Menschen angelegt ist.

Zunächst ist es ein Film mit wunderbaren Kinderdarstellern. Julien Ciamaca spielt den intelligenten, neugierigen und feinfühligen Marcel großartig und die vielen Nahaufnahmen auf dieses außerordentlich hübsche Jungengesicht verfehlen ihre Wirkung nicht. Man liest in der Mimik des Jungen gerne, auch, weil er so eine angenehme Erscheinung ist.

Die Erwachsenenfiguren, hauptsächlich Marcels Fater Joseph (Philippe Caubère), sein frommer Onkel Jules (Didier Pain), der dem Vater das Jagen beibringt und natürlich die hübsche Mutter Augustine (Nathalie Roussel), treten dahinter nur wenig zurück. Man merkt, wie viel Liebe und Aufwand in der Zeichnung dieser Figuren steckt und sie sind innerhalb des Films sehr konsequent und authentisch (wenn man ihn mit „Das Schloss meiner Mutter“ vergleicht, nicht mehr ganz, dazu mehr in der betreffenden Rezension).

Vor allem  hat man den Eindruck einer unglaublich liebenswürdigen Umgebung, in welcher Marcel beinahe konfliktfrei aufwächst und die es ihm erlaubt, sich eines Tages künstlerisch zu entfalten, ohne dabei die Kämpfe durchstehen zu müssen, die andere Künstler mit sich und anderen ausfechten mussten, um sich zu behaupten.

Man wird geradezu ein wenig neidisch auf diese Art von Kindheit ohne Sorgen und offenbar auch ohne innere Nöte. Das wirkt ein wenig stilisiert. Marcel kann sich aber deshalb auch ganz auf seinen Vater fixieren, auf dessen Rolle als Vorbild, als überlegener, agnostischer Widerpart des frommen Onkel Jules. Als die beiden Familien ein Landhaus in der Provence anmieten, um dort die großen Ferien gemeinsam zu verbringen, ändert sich die in Marseille hergestellte Rangordnung –  zumindest sieht es so aus. Weil Jules ein passionierter Jäger ist und Marcels Vater Joseph sich darauf einlässt, das Jagen von ihm zu erlernen. Aber am Ende ist der Ruhm des Vaters wiederhergestellt, als dieser zwei Alpensteinhühner trifft, die Marcel, der seinem Vater und seinem Onkel heimlich gefolgt ist, aufscheucht.

Reizend ist, wie der Vater aus intellektueller Überlegenheit die Eitelkeit der Menschen ablehnt, etwa, als ein Lehrerkollege sich mit einem großen Fisch fotografieren lässt, und mit den anderen Kollegen darüber witzelt. Am Ende lässt er sich dann mit den beiden Hühnern und Marcel an seiner Seite fotografieren. Wenn man will, kann man darin etwas Urfranzösisches sehen. Über alles lästern, aber, wenn’s darauf ankommt, genauso handeln wie das Objekt des vorherigen Spottes. Man hat Prinzipien, nimmt sie aber nicht allzu ernst. Diese Haltung, die alle Figuren in Roberts Film auszeichnet, lässt sie sehr menschlich wirken.

Das Kind Marcel lernt auf diese Weise auch abzuschichten zwischen absolutem Wahrheitsanspruch und Lügen, die zum Vorteil des Belogenen gedacht sind, sein Onkel Jules bringt das sehr schön auf den Punkt.

Dieser Humor kommt hier sehr sanft  und man lächelt eher, als laut loszulachen.

  1. Die Pagnol’sche Welt und was man aus ihr mitnehmen kann

Gerade heute können uns einige der Elemente im Film etwas sagen. Der Junge Marcel würde nach unseren Maßstäben wohl als hochbegabt gelten, er kann schon lesen, bevor andere mühsam das Buchstabieren lernen und langweilt sich in der Schule – ohne aber dabei offenbar zum schlechten Schüler zu werden. Seine Mutter will ihn zunächst vom Lesen abhalten, weil sie befürchtet, das schade seinem Kopf, und man muss aufpassen, dass man nicht zu sehr in heutige Denkmuster verfällt und die Mutter zu naiv findet. Denn im Ganzen ist Marcel ein normaler Junge, der in den Ferien eine neue Welt entdeckt und sich mit dem Bauernsohn Lili (Joris Molinas) anfreundet, der seinerseits ein ganz unprätentiöses, liebenswertes Kind ist.

Erkennbar legt die Familie Wert darauf, dass Marcel eine freie und unbeschwerte Kindheit verleben kann und daraus können wir etwas lernen. Würde Marcel heute leben und wären seine Eltern so gepolt, wie es derzeit Standard ist, würde er mit zwei oder drei Jahren in einen Fasttrack-Kindergarten gesteckt. Er spräche mit sieben Jahren schon vier Fremdsprachen und wäre mit zehn so überfüllt, dass er später mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Künstler von Rang würde. Ihm würde schlicht die Zeit fehlen, in sich selbst zu horchen, nicht nur staunend forschendes, sondern vor allem beobachtendes Kind zu sein und dadurch seine eigene Ausdrucksform zu entwickeln. Denn das ist eine der Gaben, die Marcel Pagnol zu einem Schriftsteller gemacht haben, die heute noch zum Kanon an französischen Schulen gehören.

Die Entwicklung dieser künstlerischen Gabe erfordert Kontemplation und die Konzentration, die aus einer an Eindrücken reichen, aber nicht reizüberfluteten und nicht komplett durchgestylten Kindheit erwächst. Wir lernen aus dem Film auch, dass die Panik von Eltern, dass ihre Kinder später vielleicht nicht in Toppositionen kommen könnten, nur, weil man sie hat Kind sein lassen, eine Haltung ist, die hinterfragt werden darf und dass es möglicherweise nicht optimal ist, alles, was Kinder unter Berücksichtigung ihrer Maximalkapazität aufnehmen können, in sie hineinzustopfen, auch nicht unter dem Label „spielerisches Lernen“ . Marcel wächst in einem Umfeld auf, das man vor allem als anregend bezeichnen kann. Und das auf ganz selbstverständliche Art. Wäre das nicht so gewesen, hätte Marcel Pagnol niemals eine Hymne auf seinen Vater und seine Mutter geschrieben und sie auch niemals schreiben können.

Zudem darf man festhalten, dass Marcel im gängigen Schulsystem leicht, ja spielerisch Erfolg hatte und dass jeder Reformpädagogik mindestens beigestellt sein muss: Ein Elternhaus, in dem man sich Zeit für Kinder nimmt und sie so ernst, wie zum Beispiel seine Mutter Augustine es mit Marcel tut, wenn sie ihn liebevoll leitet, ohne sich über ihn zu stellen und ohne intellektuelle Programmatik.

Es ist ja nicht nur so, dass Marcel ein berühmter Künstler wurde, sondern dass seine Kunst auch zutiefst humanistisch ist. Und dies kann eher aus dem täglichen Vorbild im Elternhaus erwachsen als durch noch so ausgeklügelte sozialpädagogische Spielsysteme.

  1. Die Handlung

Sehr ruhig erzählt „Der Ruhm meines Vaters“ die ersten neun Jahre der Kindheit des Jungen Marcel. In dieser Ruhe liegt nicht nur poetische Kraft, sondern auch der fehlerlose Aufbau begründet. Selbstverständlich war dies relativ einfach, da die Handlung den Erinnerungen von Pagnol an seine reale Kindheit folgt. Deshalb wirkt der Film aber auch so authentisch. Dass die Handlung nur einen sehr flachen Spannungsbogen aufbaut – immerhin, es gibt ihn – hat Regisseur Yves Robert erkennbar in Kauf genommen. Über aller Spannung, bei der Jagd, während der Gewitterszene, in der die beiden Jungen Lili und Marcel in einer Höhle unterkriechen und von einem großen Uhu beobachtet werden, oder als Marcel vor einem Geier in eine Schäferhütte flüchtet, über all diesen Szenen liegt die Gewissheit, es wird nichts geschehen. Alles ist liebevolle Erinnerung, auch die natürliche Furcht eines Kindes beim Entdecken der ungezähmten Natur.

Die Erzählweise war in diesen Kinojahren aber nicht unüblich. Gerade in Frankreich hatte man sich der ruhigen, konzentrierten Beobachtung verschrieben, wobei es zuweilen ins Dialoglastig-Verquaste abrutschte. Interessanterweise vor allem dann, wenn die Jugend sich in solchen Filmen ausdrücken sollte. Das vermeidet „Der Ruhm meines Vaters“ aber, indem er den Gefühlen und Ausdrücken viel Raum gibt und sich in weiten Teilen auf die Kraft seiner Bilder verlässt.

  1. Der Stil und die Dekors

Man hat sich sehr viel Mühe mit den Details gegeben. Im Gegensatz zu anderen historischen Filmen haben wir nichts gefunden, was zum Beispiel nicht zeitkonform wäre. Keine Platzierung von Dekors, kein Zeigen von Gegenständen, die nicht hineinpassen würden. Gemäß der unverkennbaren Ästhetisierung sind aber nicht nur die Hauptdarsteller auf eine reizend sanfte Art von angenehmer Optik, besonders Augustine und der junge Marcel, sondern auch die Dekors und die Kleidung. Wir meinen auch, eine ganz unauffällige Modernisierung zu erkennen, ganz unabhängig davon, dass diese Familie eines Volksschullehrers außerordentlich adrett wirkt und damit ein wenig over the top.

Zu den schönen Bildern des Films passt dies natürlich und wirkt harmonisch. Wo die Handlung bewusst dezent ist, kann das Auge darin schwelgen, hübschen Menschen in hübschen Stoffen und in hübscher Landschaft zu folgen.

Selbst die Dialoge entsprechen dem Schema, vor allem ästhetisch zu sein, da hätten wir uns, bei allem Verständnis für das Konzept des Filmes, manchmal etwas mehr Pfeffer gewünscht. Im zweiten Teil, „Das Schloss meiner Mutter“ wird diesbezüglich auch etwas mehr gezeigt.

  1. Fazit

Man muss sich auf die Poesie einlassen können, die den Film auszeichnet, sonst hat man keinen Spaß daran. Man muss ein wenig Kind sein können oder sich gerne an seine Kindheit erinnern. In der IMDb, die wir beinahe bei jeder Rezension zwecks Abgleich mit statistischem Material heranziehen, steht zu lesen, dass der Film bei Menschen, die noch dem Alter Marcels nahe sind (bei den unter 18jährigen) und dann wieder den über 45jährigen Usern am besten ankommt. Bei Männern und Frauen gleichermaßen. Wer die Kindheit noch positiv in sich fühlt, gleich, ob selbst noch beinahe Kind oder älterer Erwachsener, der sich auf reflektierte Weise erinnert und die Philosophie des Werkes schätzt, der wird „Der Ruhm meines Vaters“ mögen.

Wir mochten ihn und geben 8,0/10 (Anmerkung 2019: Filmfest: 80/100).

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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