Pauline – Tatort 640 #Crimetime 521 #Tatort #Hannover #LKA #Lindholm #NDR #Pauline

Crimetime 521 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Das Land ist nie bunt und schön

Ein etwas frühreifes zwölfjähriges Mädchen wird nach einem Feuerwehrfest umgebracht und außer den Eltern sind alle verdächtig, die mit Pauline zu tun hatten, und das ändert sich während des gesamten Krimis kaum, so lange Charlotte Lindholm auch auf dem Dorf ermittelt. Ist der Film deswegen eintönig und ist Frau Lindholm wieder übergriffig, wie meistens, wenn sie auf Reisen ist?Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

 Handlung

Nach einem ausgelassenen Feuerwehrball in einem kleinen Dorf bei Jesteburg wird die zwölfjährige Pauline Kandis tot aus einem nahe gelegenen Flusslauf geborgen. Das Mädchen ist ertrunken. Doch die Leiche weist Verletzungen auf, die die Kommissarin Charlotte Lindholm auf ein Gewaltverbrechen schließen lassen. Pauline lebte mit Vater, Opa und älterer Schwester auf einem abgewirtschafteten Bauernhof, um dessen Überleben die Familie kämpft. Um so mehr, seitdem die überforderte Mutter von Pauline den Hof verlassen hat. Das Dorf stemmt sich gegen die Vorstellung, dass das Kind durch jemanden aus ihrer Mitte zu Tode gekommen ist. Doch wer kennt schon seinen Nächsten? Wo beginnt das Desinteresse zum Versäumnis zu werden?

Charlotte kämpft gegen ihre eigenen Klischees und gegen die Erschütterung der Dorfpolizistin an. Sie muss die Trauer der Beteeiligten stören, um zum Täter zu gelangen. Ein Dilemma, das Charlotte zu Genüge kennt. Doch wenn sie zu einem Ergebnis kommen will, dann muss sie auch Menschen verdächtigen: den Jungbauern vom Nachbarhof, in den Pauline heimlich verliebt war; den Patenonkel, der es nicht schafft, eine Beziehung zu einer Frau in seinem Alter aufzubauen; den gewalttätigen Nachbarn, der seine Frau blaue Augen schlägt und seinem Sohn kein Vorbild sein kann. Einzig der Rechtsmediziner aus Lüneburg ist Charlotte ein Partner, analysiert mit ihr mit der nötigen Distanz die Abläufe und die Beweislage. Ein winziges Indiz führt Charlotte so zur Lösung und damit nicht nur zum Täter, sondern auch zu einem weiteren Opfer der Umstände. 

Rezension

Wir hatten vor einigen Tagen die Gagen der Tatortkommissar*innen gecheckt – nicht wegen Maria Furtwängler aka Charlotte Lindholm, sondern um die Verteilung der Produktionskosten zu eruieren, aber da sie an erster Stelle steht (2016) war es kaum möglich, nicht zu registrieren, dass die für ihr Erscheinen in einem Tatort das Doppelte oder fast das Dreifache gezahlt bekommt wie gestandene und gelernte Schauspieler*innen, die sich große Verdienste um das Format erworben haben.

Dadurch werden viele Klischees bestätigt, die sich wiederum gut mit den arroganten Auftritten der Lindholm-Figur auf dem Land zu einem Gesamtbild formen lassen – und wenn der NDR mal wieder soziale Themen in seine Krimis einbaut, werden wir uns vermutlich nicht immer verkneifen können, in den Rezensionen darauf hinzuweisen, dass auch bei diesem Sender viel Moos kriegt, wer schon viel Moos und gute Connections bzw. in eine einflussreiche Medien-Familie eingecheckt hat.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Die blonde Herrenmenschin vom Hannoverschen LKA ist nicht ganz so pentetrant  wie in einigen zuvor gesehenen Dorfkrimis, sie muss die Frage, ob sie eigene Kinder hat, hier noch verneinen, und die ebenso logische wie unvermeidliche ländliche Polizeifigur, gespielt von Johanna Gastdorf, hat Konturen und wirkt nicht ausschließlich als das typisch Landei, das man häufig antrifft, wenn die Überpolizistin zwischen Wäldern und Feldern und in verwickelten Dorfgemeinschaften nach dem Rechten sieht. Regisseur Niki Stein hält alles recht gut in der Balance, das dürfen wir an dieser Stelle schon vermelden.

Zudem ist dies ein echter Schauspielerfilm. Die Besetzung ist eine der hochkarätigsten, die wir in einem Lindholm-Tator gesehen haben. Es wirken u. a. mit: Martin Wuttke, ab dem Folgejahr 2007 und bis 2015 Ermittler in Leipzig, hier als Vater von Pauline, Corinna Harfouch in einer eher kleinen, aber trotzdem wahrnehmbaren Rolle als deren Mutter, Anna Maria Mühe als ältere Schwester sowie Wotan Wilke Möhring, mittlerweile in Hamburg ebenfalls zum Tatort-Kommissar aufgestiegen, als Reiterhofbesitzer und Schwarm von Pauline.

Unterstützt wird der gute Eindruck von einer zurückhaltenden und doch mutigen Regie und von einem Drehbuch, das recht clever gemacht ist und keine groben Fehler aufweist. Die Tatsache, dass Lindholm es bei ihren Ermittlungen nicht hinbekommt, den einen oder anderen Tatverdächtigen auszuschließen, bis sie am Ende – naja, wieder mal – durch einen Zufallsfund in Tatortnähe auf die richtige Spur kommt, macht diesen Whodunnit spannender als viele andere nach diesem klassischen Schema gestrickte Tatorte.

Nicki Stein (mit vollem Namen Nicki Stein von Kamienski, vielleicht hat sich Furtwängler auch wegen seiner Herkunft einigermaßen führen lassen) ist ein Tatort-Routinier, das hatten wir gar nicht so im Blick. Zum Zeitpunkt 2013, als der Entwurf zu dieser Rezension entstand, hatten wir erst zwei seiner Arbeiten rezensiert.  Insgesamt waren es vor sechs Jahren elf Filme, die Stein für die Reihe gedreht hat

Wenn wir unter vielen guten eine Schauspielerleistung besonders herausheben können, dann die von Martin Wuttke. Als Bauer auf Abruf, der seinen Hof nicht mehr halten kann, dem die Frau ausgerückt ist und der sich mit seinen Kindern und dem Vater durchschlagen muss, der so gedämpft wirkt, bis er dann nur zwei Mal, dafür aber heftig, aus sich herausgeht, erreicht er eine beinahe maximale Präsenz, in einer Episodenrolle, in welcher er sich die Spielzeit mit vielen anderen Darsteller*innen teilen muss.

Sein Leipziger Kommissar Keppler an der Seite von Eva Saalfeld (Simone Thomalla) ist dem Gepräge, das er in „Pauline“ zeigt, nicht unähnlich. Halb traumatisiert, dann wieder aufbegehrend, wandelt er durch den Osten und reibt sich am Verbrechen als solches auf und referiert selten übers Soziale oder Beziehungsmäßige. Als Bauer in Niedersachsen tut er das selbstverständlich gar nicht, sondern darf sich ganz auf seinen Ausdruck verlassen. Vielleicht wirkt er doch einen Tick zu intellektuell hinter der zurückgenommenen Fassade, aber da muss man bezüglich der eigenen Wahrnehmung aufpassen, weil manim Hinterkopf hat, dass er ein profilierter Theaterschauspieler ist.

Dass Maria Furtwängler im Starensemble von „Pauline“ nicht herausragen kann, kommt dem Film und ihrer Rolle zugute. Es macht sich im Sinn der Ausgewogenheit besser, als wenn die Dörfler auch noch so hölzern gespielt werden, dass man sofort versteht, warum Lindholm freidreht (legendär in „Schwarzes Herz“, den wir zum Anlass nahmen, die Figur näher zu analysieren) und nur die Abscheu gegen dieses chauvinistische Schema dafür sorgt, dass man ebenjenes Schema stark reflektiert.

Den Gefallen, sich zu produzieren, hat man ihr in „Pauline“ nur einmal getan: Da darf sie den Dorfpfarrer und Ehemann der Dorfpolizistin zurechtweisen, weil dieser sich an sie heranmachen will. Damit sie nicht gekränkt ist, wird ihre Attraktivität mehrmals verbal herausgehoben – in einer Deutlichkeit, wie wir das bei anderen attraktiven Ermittlerinnen noch nie gesehen haben. Geschweige denn bei attraktiven männlichen Ermittlern. Im Jahr 2019 dürfen wir ergänzen: Diese Zuschreibungen sind in fast allen ihren Filmen vorhanden.

Schwamm drüber, dies ist und bleibt ein guter Tatort.

Die Handlung basiert auf der gut funktionierenden Idee, einen Mord so ausführen zu lassen, dass es keine Spuren gibt, welche den ziemlich großen Verdächtigenkreis einengen könnten. Also muss immer wieder befragt, verhört, insistiert werden und es kann natürlich dazu kommen, das bringt der Beruf mit sich (Binsenweisheit, von Lindholm an einer Stelle trotzdem mal erwähnt), dass Unschuldige ins Visier kommen und allerhand ertragen müssen, vor allem, wenn man es ihnen so unerträglich wie möglich macht.

Dabei kommen notabene unangenehme und peinliche Dinge ans Licht, die keine Verbindung zum vorliegenden Kapitalverbrechen ergeben, jedoch ein Sittenbild. Subtiler als in anderen Lindholm-Tatorten, aber doch deutlich wird das Land als ein Ort trostloser Gefangenheit vorgeführt, an dem man sich nicht, wie in einer Großstadt, immer wieder selbst neu erfinden kann, ohne dass diese Metamorphosen jemanden stören oder zur Ausgrenzung führen. Im Gegenteil, für jedes neue Leben gibt es die richtigen Begleiter, anders als vor den Toren, wo die Auswahl an passenden Menschen drastisch eingeschränkt ist und wenige Menschen zwangsläufig immer wieder miteinander zu tun haben.

Da wirkt es stimmig, dass ein Patenonkel in die Internet-Welt entflieht, dort seinen sexuellen Phantasien Lauf lässt und eine Polizisten einen Pfarrer zum Mann hat, der zwar jedem Rockzipfel hinterherrennt, aber von dem sie sagt, er mache sie glücklich. Da hat sogar Lindholm etwas wie Verständnis für.

Das Opfer ist in ihrem Umfeld der Kriminalautor Felser, der sie gerne hätte, aber nie bekommen kann und in jüngster Zeit aus der Serie herausgeschrieben wurde. Man hatte Einsehen mit dieser unglücklichen Figur und Ingo Naujoks, sein Darsteller, bekam eine eigene Reihe. Sollte dieser  Mitbewohner ebenfalls auf eine Idee Furtwänglers zurückgehen, lässt das tief blicken. Aber auch diesen Part, der später, als sie schon ein Kind von einem anderen Mann hat, noch schräger wird, nimmt man in „Pauline“ achselzuckend in Kauf, um sich den Spaß am guten Krimi zu erhalten.

Finale

Eine der stimmigsten Landkrimi-Inszenierungen aus der Sicht einer Städterin, die wir bisher für die Rubrik „Crimetime“ des Wahlberliners besprochen haben. Ein Lob allen Beteiligten vor und hinter der Kamera. Die offenbar nicht komplett zu vermeidenden Lindholm-Überhöhungen kosten nur etwa einen halben Punkt. Mehr wäre unfair gewesen, vor allem den vielen kapablen Mitspieler*innen gegenüber.

8/10

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Niki Stein
Drehbuch Martina Mouchot
Produktion Kerstin Ramcke
Musik Jacki Engelken,
Ulrik Spies
Kamera Wedigo von Schultzendorff
Schnitt Barbara Hennings
Besetzung

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