Die Abrechnung – Tatort 52 #Crimetime 530 #Tatort #Essen #Haferkamp #WDR #Abrechnung

Crimetime 530 - Titelfoto © WDR

Maria Schell weint – aber nicht so schnell

Vielleicht lief es so: Nachdem klar war, dass man für den 52. Tatort Maria Schell gewinnen konnte, hat man die übrigen Darsteller so agieren lassen, dass sie Schells Spiel etwas näher kommen, als das in den meisten Filmen der Reihe üblicherweise zu sehen ist. Wie diese Idee bei uns ankam und viel mehr zu „Die Abrechnung“ steht in der -> Rezension.

Handlung

Der schwerreiche Stürznickel wird erschlagen, laut Schwiegertochter Evelyn von einem Einbrecher, der ebenfalls tot in der Villa liegt, erschossen von ihr selbst.

Haferkamp verdächtigt sie zwar, ihren Schwiegervater selbst ermordet zu haben, hat aber keine Beweise, so dass Star-Anwalt Dr. Alexander einen Freispruch für sie erwirken kann. Kurz darauf wird Evelyns Stieftochter Angela umgebracht und Evelyn wegen Mordes angeklagt. Haferkamp hält sie für unschuldig und wundert sich über Dr. Alexanders schwache Verteidigung.

Rezension

Über die Handlung und die Haltung, die zu gleich zwei Justizirrtümern führt, kann man geteilter Meinung, sein, nicht aber über die Schauspielkunst. Natürlich, über die auch, aber wenn man ab und zu gerne ins Theater geht und gerne auch mal einen Tatort schaut, in dem die Darsteller*innen agieren, als seien sie im Theater, dann ist dieser Film ein Muss. Einzig Hansjörg Felmy mag nicht so recht mitgehen und vielleicht ist auch dies Absicht. Dass er inmitten der grandiosen Affektiertheit des Anwalts, seines Gegners und natürlich der Schell wie ein in der Tat etwas sehr bürgerlicher Fremdkörper wirkt, dem seine Exfrau, die ihn immer noch liebt, erst einmal attestieren muss, er sei kein Spießer. Um ihn wieder aufzurichten, nachdem der Staranwalt ihn während der Verhandlung des ersten Mordfalls kräftig eingeseift hat. Da wir kürzlich im Tatort „Der Richter in Weiß“ Rolf Bossi in Persona als quasi er selbst haben auftreten sehen, würden wir meinen: Romuald Peknys Rolle hat man an diesem realen Strafverteidiger orientiert.

Trotzdem gibt es schon ein Problem auf Handlungsebene: Es sind jeweils Indizienprozesse, die hier geführt werden, eindeutige Beweise gibt es nicht. Es wird vieles zusammengetragen, aber Mord ist kein Pappenstiel und zweimal lebenslänglich (wird das so wirklich ausgesprochen, in einem Land, in dem es keine kumulative Strafzumessung bei mehreren gleichartigen Delikten gibt?) ist in etwa das Schlimmste, was jemandem passieren kann, gegen den alles spricht – und der doch unschuldig ist.

Die Idee ist natürlich genial, dass eine Frau zu Schluss für ein Verbrechen verurteilt wird, das sie nicht beging, weil sie zu Beginn alle reingelegt hat und der Anwalt ihr glaubte, dass sie seinen Dienstagsfreund nicht mit dieser schweren Statue erschlagen hat. Man soll nie einem Anwalt den Schachpartner wegnehmen, das kann zu Rachegelüsten führen, wenn man ihn dann auch noch täuscht. Hintersinnig ist es auch. Am Ende rächt er den anderen, indem er der bessere Schachspieler ist. Oder: Es ist eine neue Partie und die gewinnt er gegen Evelyn Stürznickel.

Allein der Nachname, den man für die Mitglieder dieser wohlhabenden Familie gewählt hat, deutet darauf hin, dass den Machern des Films satirische Ansätze nicht fremd waren. Nicht nur, weil der Name an sich auf wunderbare Weise rheinländisch ins Komische gedreht wirkt, sondern auch, weil der alte Stürznickel nach seinem Ableben daliegt, als ob er über auf der Zwischentreppe im Erdgeschoss seiner Villa aus dem Tritt gekommen und gestürzt wäre.

Aber es ist auch vertrackt. Gibt es Fingerspuren von Evelyn, ist diese verdächtig. Gibt es keine, macht sie das auch verdächtig, weil es wirkt, als habe sie diese vielleicht abgewischt. Mit der Einführung der DNA-Analyse ging dann doch vieles leichter, nach dem Motto, irgendwelche verwertbaren Spuren von Genmaterial bleiben immer hängen, wenn jemand gemordet hat. Aber davon war man im Jahr 1975, als der Tatort „Die Abrechnung“ entstand, noch etwa 15 Jahre entfernt. Die Mordaufklärungsrate war geringer, die Technik noch nicht so verfeinert und dadurch kam sicher manch spannende Gerichtsverhandlung zustande. In hier zu sehenden beim Fall Nr. 1 wurde offensichtlich noch einmal 15 Jahre zurückgegriffen, auf den Fall Vera Brühne, die in Essen lebte, wo die Haferkamp-Tatorte angesiedelt sind.

Der Film atmet auch eine großbürgerliche Welt, die damals im deutschen Krimi noch eine wichtige Rolle spielte und heute nicht mehr reproduzierbar ist, selbst dann nicht, wenn man Filme im Adelsmilieu ansiedelt. Nicht nur der rechtsgelenkte Rolls Royce Phantom ist eine Pracht, sondern die gesamte Ausstattung, inklusive natürlich der Roben, die Maria Schell trägt. Dagegen der Kommissar mit dem immer gleichen, für die Jahreszeit zu dünnen, hellen Stoffmantel.

Psychoduelle wie das zwischen Haferkamp und Anwalt Dr. Alexander waren in damaligen Filmen Highlights und vielleicht hat man sich tatsächlich ein wenig „Der Richter in Weiß“ vorgenommen, wo es eigentlich einen Dreikampf zwischen dem Polizisten, in dem Fall Kommissar Trimmel aus Hamburg, einem Anwalt und einem Psychiater und Gutachter zu bestaunen gibt. Ganz diese Höhe erreicht „Die Abrechnung“  nicht – was auch daran liegt, dass er 40 Minuten kürzer ist. In 80 Minuten kann man die Charaktere eben nicht so detailreich ausformen wie in zwei Stunden. In beiden, auch vom Tathergang ähnlich gelagerten Fällen aber geht es um die Frage: War sie’s oder nicht bzw. war sie schuldfähig oder nicht und lag eine Notwehrsituation vor?

Finale

Das Spiel in „Die Abrechnung“ ist herausragend. Wir müssen uns auch ein wenig korrigieren, nachdem wir immer mehr Tatorte aus den ersten Jahren gesehen haben zuletzt die Hamburg-Filme der Jahre 1971 und 1972. Wir hatten Kontakt zu Haferkampf-Produzent Helmut Kließ, der leider inzwischen verstorben ist und stellten damals die These auf, dass die frühen Tatorte sich sehr am Neuen Deutschen Film orientiert haben. Der Bruch mit dem Stahlnetz-Stil jedenfalls ist augenfällig. Man wollte dezidiert etwas ganz anderes, das sehen wir immer noch so. Aber einige der Filme sind doch nicht ganz so nüchtern und interpretierbar, so rein zeigend, so kinematografisch, sondern leben auch fort in der vom Theater mitbestimmten Tradition des deutschen Films.

Aber „Die Abrechnung“ ist mehr von dieser Tradition geprägt als viele andere Haferkamp-Fälle und man hat sich vor allem den Gerichtssaal als Bühne ausgesucht. Wir finden Courtroom-Dramen generell sehr spannend, weil wir tolle Dialoge schätzen. Und das Strafgericht, der Kampf um die Wahrheit in einem Verbrechen, ist genau der Ort, wo polarisierende, kräftig ausgeformte Dialoge hingehören, wo es nicht genug von ihnen geben kann und wo sie selten zu stilisiert oder gestanzt wirken. Man hat es hier bis an die Grenze getrieben, aber nicht darüber hinaus, denn – der Film hat einen leicht satirischen Ansatz und die Grenze zum Klamauk wird berührt, aber nie überschritten. Auch die extreme Betonung des Die-Amsel-ist-frei-Indizes durch Haferkamp im zweiten Fall, dem Tod des Mädchens Angela in der Form, dass sie Suizid begangen haben soll, weil sie den Vogel noch freiließ, ist gerade noch hinnehmbar. Wir sehen übrigens, dass in der Zeit vor Angela Merkel der Vorname noch eher romanisch mit einem „sch“ anstelle des „g“ ausgesprochen wurde.

Trotz einiger Schwächen in der Beweisführung, die aber damals wohl nicht untypisch auch für reale Fälle waren, ein Muss unter den Haferkamp-Fällen, in dem das häufig bei ihm schon vorhandene Triste des Ruhrpott-Ambientes keine Rolle spielt. Aber Essen ist durchaus eine Stadt der Millionäre, das wird in „Die Abrechnung“ ausgespielt. Und am Ende weint Maria Schell um ihre Stieftochter, die sie wirklich geliebt hat, nachdem sie zuvor zwei Männer kaltblütig umbrachte, einen, um an dessen Vermögen zu kommen, den anderen, eigens hat sie sich zuvor an ihn herangemacht, um ihn zur Verschleierung des Mordes an dem anderen zu verwenden. So seltsam sind die Menschen. Wenn sie von Maria Schell gespielt werden, glaubt man auch, dass sie so sein können.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Die meisten Tatorte, die in diesem Jahr noch zur Anthologie hinzukamen und nicht Premiere hatten, mithin Wiederholungen, stammten vom WDR. Vor allem haben wir einige Schimanski-Filme erstmalig angeschaut und kamen zu der Feststellung, dass der Sender diejenigen nachgereicht hat, die nicht zu den Highlights des Duisburg-Ermittlers rechnen. Und nun der Endspurt.

Nach „Mördergrube“ aus Köln nun am selben Abend ein Haferkamp. Anders als bei „Mördergrube“ sind wir ziemlich sicher, dass wir den Film tatsächlich noch nie gesehen haben. Denn Maria Schell in einem Tatort, das hätten wir uns gemerkt und auch die Handlung gemäß Beschreibung auf Tatort Fans kommt uns nicht sehr vertraut vor. Tatort-Fundus-Nutzer sehen „Die Abrechnung“ derzeit auf Rang 6 von 20 Haferkamp-Fällen, in der Gesamtrangliste bedeutet das Platz 177 von gegenwärtig 1126 Tatorten – wir freuen uns also auf einen überdurchschnittlichen Film mit klassischem Titel, mit einer Ermittler-Legende und einem legendären Star – und werden in den nächsten Tagen die Rezension dazu verfassen.

Besetzung und Stab

Kommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy
Evelyn Stürznickel – Maria Schell
Angela Stürznickel – Irina Wanka
Dr. Alexander – Romuald Pekny
Dr. Kürschner – Rolf Becker
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Kommissar Konrad – Hans Beerhenke
Frau Neugebauer – Ursula Grabley
Gustav Gottlieb – Hermann Günther
Franz Knoop – Hannes Kaetner
Karin Grund – Andrea L’Arronge
Polizeibeamter – Gerhard Garbers
Richter – Joachim Wichmann
Untersuchungsrichter – Karl Renar
Staatsanwalt – Werner Abrolat
Staatsanwalt – Klaus Münster
Kommissar Veigl – Gustl Bayrhammer

Autor – Karl-Heinz Willschrei
Regie – Wolfgang Becker
Kamera – Gernot Roll

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