Liebeswirren – Tatort 705 #Crimetime 570 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Liebe #wirr

Crimetime 570 - Titelfoto © BR, Julia von Vietinghoff

Vorwort 2020

Wir veröffentlichen diese Rezension, die 2011 entstand, wegen einer baldigen Wiederholung des Films und aus zeitlichen Gründen ohne inhaltliche Änderungen – unter Vorbehalt. Der Vorbehalt bezieht sich auf unsere mittlerweile erweiterten Kenntnisse der LGBTI*-Bewegung.

Zum 50.

Im Jahr 2008 feierten Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ein seltenes Tatortjubiläum: „Liebeswirren“ war ihr fünfzigster Einsatz. Wir hingegen nähern uns deutlich der 100. Tatortrezension und mit „Liebeswirren“ haben wir nun die achte Münchener Kerbe eingeschnitzt.

Nicht selten versucht man anlässlich von Jubiläen etwas Besonderes auf die Beine zu stellen, dies wollen hier auch die beiden Münchener Kommissare bzw. diejenigen, die beim Bayrischen Rundfunk für deren Wirken verantwortlich sind. Und die beiden Schauspieler geben sich alle Mühe, ihre Spiellaune ist eine der großen Stärken des Filmes. Hat er auch Schwächen? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Eine andere ist sicher das Schwulen-Milieu. Es ist sicher ein wenig überzogen und auf einen ganz bestimmten Typ von Homosexuellen reduziert, aber zum einen gibt es da noch den Familienvater, der seine Bisexualität lange verbergen konnte, zum anderen wirkt die unverkrampfte Darstellung der Szene auch sehr komisch.

Die Handlung ist hingegen konventionell, das Ende von der Lösung her betrachtet schwach. Entweder es gibt kein Mitleid mit dem Täter, dann hat er gemordet, oder aber es ist wie bei dem Sohn – der Tod des Exfreundes seines Vaters wirkt beinahe wie ein Unfall und das muss auch so sein, damit der 16jährige Junge möglicherweise mit einer Bewährungsstrafe davonkommt.

Handlung

„Ist Liebe Zufall oder Schicksal?“ Die ewiggleiche bohrende Frage treibt Fritz Alt in sein Stammlokal im Münchner Gärtnerplatz-Viertel, wo er voller Hoffnung auf seine große Liebe Gerd wartet. Kurz darauf finden die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr die Leiche von Fritz verblutet auf einer Baustelle.

Nicht nur Barkeeper Ringo, sondern auch Fritz Alts Nachbarn Tim und Tom rätseln über die Umstände seines überraschenden Todes. Die Gerüchte in der Schwulen-Gemeinschaft kochen hoch. Klar gab es da Ralf Kleinmann, den Ex-Liebhaber von Fritz, der die Trennung von dem angesehenen Fotografen nicht verwinden konnte. Bis zuletzt belauerten die beiden sich gegenseitig.

Sorgen macht sich auch Ehefrau Carla Weißenbach um ihren Mann Gerd. Die Familie droht auseinanderzubrechen.

Anhand eindeutiger Hinweise gelangen die Kommissare in einen bizarren Computer-Chatroom, wo Fritz mittels eines Pseudonyms Kontakte suchte. Ivo Batic lässt sich in Folge der Ermittlungen ein in die bunte, gefährliche Welt anonymer Beziehungswünsche und setzt alles daran, um den Mörder zu finden.

Franz Leitmayr bleibt während der Suche so bodenständig wie gewohnt. Während der kriminalpolizeilichen Erkundigungen steht Batic und Leitmayr Hauptkommissarin Diana Sommerfeld von der Sitte zur Seite. Getrennt und doch gemeinsam entschlüsseln sie das tragische Geheimnis um Fritz. 

Rezension

Eine andere ist sicher das Schwulen-Milieu. Es ist sicher ein wenig überzogen und auf einen ganz bestimmten Typ von Homosexuellen reduziert, aber zum einen gibt es da noch den Familienvater, der seine Bisexualität lange verbergen konnte, zum anderen wirkt die unverkrampfte Darstellung der Szene auch sehr komisch.

Die Handlung ist hingegen konventionell, das Ende von der Lösung her betrachtet schwach. Entweder es gibt kein Mitleid mit dem Täter, dann hat er gemordet, oder aber es ist wie bei dem Sohn – der Tod des Exfreundes seines Vaters wirkt beinahe wie ein Unfall und das muss auch so sein, damit der 16jährige Junge möglicherweise mit einer Bewährungsstrafe davonkommt.

Haben Sie Ivo tanzen gesehen? Die rote Szene in der Schwulenbar, in der Ivo und Franz ein Pärchen geben müssen, gehört sicher zu den Alltime-Highs der beiden.

Wir dachten immer, Schwule erkennen ziemlich schnell, ob ein Mann von ihrem Ufer ist oder vom anderen. In „Liebeswirren“ ist das nicht so. Um sich nicht auf die  andere Art zu outen – nämlich, dass er ein Bulle ist, spielt Ivo Batic also in der Bar den, der dazu gehört. Das tut er, weil er zufällig im Treppenhaus vor der Wohnung eines Tatverdächtigen auf Tim (sehr schön überdreht gespielt von Franz Dinda) trifft und irgendwie nicht dazu kommt, dessen Avancen damit zu beenden, dass er zugibt, im Mordfall Fritz Alt (Andreas Renell) zu ermitteln. Wie dieser Tatort gestrickt ist, kann man schon am Arbeitstitel erkennen, der hieß nämlich „Der alte Fritz“.

Tim hingegen, der jüngste Schwule im Film, könnte ein Zeuge gewesen sein oder immerhin etwas wissen, zum Beispiel über Ralf Kleinmann (Jan Messutat). Auch dieser ist, ebenso wie der Familienvater Gerd Weißenbach (Christoph Waltz) ein Exlover vom alten Fritz und als solcher verdächtig, diesen umgebracht zu haben. Immerhin hat er in der bewussten Bar vor Zeugen gesagt, er sei noch nicht fertig mit Fritz.

So kommt es also zu einer Szene, in der das kulminiert, was die Kommissare in diesem Film und allgemein auszeichnet: Während Ivo der in Maßen Sensible der beiden ist, wirkt Franz doch wie ein echter Polizei- und Bayernmacho, der sich aber auch gar nicht betatschen lassen will, nicht einmal von seinem langjährigen Kollegen und Freund und nicht einmal zum Schein. Selbst eine etwas dezente Art zu ermitteln im Fall des Familienvaters, dessen Frau und Kinder vielleicht nichts von seinem zweiten Leben wissen, lässt er sich nur schwer ansinnen.

Ivo Batic tanzt in dieser Folge wesentlich mehr mit dem Zuschauer als  sein Kollege Franz Leitmayr – es ist nicht das erste Mal, dass wir das beobachten, hingegen können wir uns kaum an eine Folge erinnern, in der es umgekehrt gewesen wäre. Für die Empathie ist also der von beiden mit dem südosteuropäischen Migrationshintergrund zuständig. Irgendwie passt das Gefühlige da auch besser als beim angenommenermaßen Münchener Urgestein Leitmayr.

Man erkennt einen konzeptionellen Unterschied zum anderen symmetrisch angelegten Männerduo unter den aktuellen Kommissaren – Ballauf und Schenk in Köln. Während beim WDR mal der eine, mal der andere in den Vordergrund tritt und Gefühle zeigen darf, sind die Rollen in München eindeutiger verteilt. Zweifelsohne ist das die realistischere Variante und sie funktioniert seit mehr als 20 Jahren ausgezeichnet. Ähnlich wie in Köln funktioniert das Stuttgarter Konzept mit Lannert und Bootz, die sich in kurzer Zeit große Beliebtheit erspielt haben.

Die Bayern haben für ihre Variante hingegen ein Alleinstellungsmerkmal – unter den nicht mehr aktiven Ermittlern sind wohl Stoever & Brockmöller ähnlich angelegt, wenn auch mit größeren Unterschieden in der Ausstrahlung und mit einer manchmal deutlich wahrnehmbaren Rangfolge zugunsten von Stoever – die ist bei Batic und Leitmayr im Grunde nicht zu erkennen, auch wenn Batic wohl derjenige ist, der die Zuschauer mehr einbindet.

Keine verhängnisvolle Affäre

Deswege ist er es auch, auf dessen Kosten hier derbe Witze gemacht werden, mit schlappen Würstchen, die natürlich mit kräftigen Dönern nicht mithalten können. In diesem Gag, der auf Batics verpatzte Liebesnacht mit der neuen Kollegin anspielt, ist der ganz offensichtliche Teil enthalten und ein weiterer impliziert – der immer bereite Orientale. Überhaupt ist der Film politisch erstaunlich wenig korrekt, aber die Schwulenszene hat wohl mittlerweile einen Kultstatus, der es ermöglicht, sie zu überzeichnen. Dies scheint nicht das Gleiche zu sein, als wenn man es bei Ethnien oder Religionsgemeinschaften täte.

Wie das in München so ist, wissen wir nicht, aber in Berlin gewinnt offen gelebt Homosexualität mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, in manchen Vierteln sogar als prägenden Lebensform. Homosexuelle wirken nicht mehr als Minorität, die sich etwas erkämpfen und auf korrekte Darstellung achten muss. Etwas anderes gilt gewiss noch für Männerwelten – im Sport, beim Militär und natürlich auch bei der Polizei. In der angesprochenen Barszene wird auch das thematisiert und nan hat das ungute Gefühl, auch der Kollege Leitmayr wäre jemand, der im Verein mit den richtigen Kumpanen einen Kollegen frotzeln oder mobben könnte, der sich als homosexuell geoutet hat.

Vielleicht ist deshalb „Liebeswirren“ so stark gespielt – weil man nicht ständig die Schere im Kopf wirken ließ, die manche Tatorte und die in ihnen verarbeiteten Themen etwas blutleer und sehr didaktisch wirken lassen. Besonders der Familienmensch in der Zwickmühle (Christoph Waltz) kann von dieser eindeutigen Welt abgehoben werden, weil er zwischen den Welten steht. Den Zwiespalt bringt er hervorragend auf rüber, ohne dabei viel erklären zu müssen. Ein weiterer Pluspunkt – dass die Liebeswirren gezeigt werden – und nicht weitschweifig kommentiert.

Dass Eifersucht gerade unter Schwulen zuweilen hemmungslos ausgelebt wird und in „Liebeswirren“ gleich für zwei Menschen ein Tatmotiv gewesen sein könnte, die dem alten Fritz nahestanden, ist gar nicht so unrealistisch.

Klare Agenda

Die Münchener Tatorte haben einen weiteren Vorteil gegenüber vielen anderen – sie sind eindeutig. Man weiß beim BR ganz offensichtlich, dass man nicht alles in einem einzigen Film haben kann. Manche Folgen von der Isar sind klar auf Spannung, einige sogar auf Thrill angelegt, andere stellen den Humor oder ein Anliegen in den Vordergrund. In „Liebeswirren“ ist es eindeutig der Humor, die Spannung ist bescheiden und die Konstruktion als Krimi eher simpel.

Mit dem Vorteil, dass es keine Fehler gibt, die immer wieder vorkommen, wenn die verzwickten Handlungskonstruktionen eines Tatortes so verzwickt ist, dass weder dem Drehbuchautor noch allen Instanzen, die einen Tatort bis zur  Sendereife begleiten, diese Fehler auffallen. Erst der  Zuschauer, der das fertige Produkt sieht, wundert sich manchmal. Es spricht aber generell für die Qualität der BR-Krimis, dass wir grobe Ausreißer aus der Logik in ihnen relativ selten beklagen müssen. Das trifft auch auf „Liebeswirren“ zu. Nicht alles ist zwingend und das Ende sorgt für Punktabzug, die Ermittlungsarbeit ist auch eher faktisch als systematisch, aber es gibt im Grunde nichts, was das Vergnügen stört, das man hat, wenn man den beiden gestandenen Kommissaren beim nicht ganz störungsfreien Eintauchen in die Homosexuellenszene zuschaut.

Finale

Ein Meisterwerk ist der Jubiläumstatort der Münchener Kriminalhauptkommissare Batic und Leitmayr nicht geworden, aber er ist vorzüglich gespielt und macht viel Vergnügen. Die Figuren sind kraftvoll und lebendig gezeichnet, die Ermittler nicht unbedingt ermittlungstechnisch, aber sonst in vielen Belangen in Hochform. Dass es keine Topwertung für „Liebeswirren“ gibt, liegt vor allem daran, dass er zu wenig Plot zeigt und zuweilen etwas ins Klamaukhafte abgleitet, etwa in den Szenen, in denen ein 3D-Cyberchat als Ermittlungsplattform herhalten muss.

Wir akzeptieren, dass ein Thrill hier nicht gewollt war und durch den Aufbau als lässiger Whodunnit auch nicht möglich ist, aber man hätte das Ende weniger aufgesetzt wirken lassen können, eine etwas ausgefeiltere Herleitung wäre nicht schlecht gewesen. Aber ein Tatort hat, wie ein Fußballspiel, in der Regel nur 90  Minuten, und was nicht reinpasst, passt eben nicht rein.

Wir werten „Liebeswirren“ wegen der sehr guten Schauspielleistungen dennoch mit 8,0/10. 

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissarin Diana Sommerfeld – Anne Diemer
Gerd Weißenbach – Christoph Waltz
Carla Weißenbach – Susanne Schäfer
Werner Weißenbach – Joel Basman
Frieda Weißenbach – Lena Dörrie
Fritz Alt – Andreas Renell
Ralf Kleinmann – Jan Messutat
Ringo – Mark Kuhn
Tim – Franz Dinda
Tom – Oliver Bürgin
Otto – Marco Bretscher-Coschignano
Trainer – Michael Stange
Bruno – Stefan Wilkening
Taxifahrer – Thomas Ibel
Tätowierter – Jan Deichmann

Drehbuch – Christian Limmer
Regie – Tobias Ineichen
Kamera – Martin Fuhrer
Musik – Fabian Römer

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