Spielverderber – Tatort 194 #Crimetime 578 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #Hänschen #WDR #Spielverderber

Crimetime 428 - Titelfoto © WDR

Schimmi, der Spielverderber

Es muss in jenen 1980er Jahren gewesen sein, als der schlechte Ruf des BKA begründet wurde – dass es im Grunde nur dazu da ist, die Arbeit der braven Ermittler vor Ort zu hintertreiben. Aber mit den heutigen Darstellungen ist das, was wir sehen, trotzdem nicht zu vergleichen. Wie es begann und wie es noch nicht war, steht in der -> Rezension.

Handlung

Schimanski und Thanner haben einen Dirnenmord aufzuklären. Im Verlauf der Ermittlungen ergeben sich Hinweise darauf, daß die Frau von einem „Kunden“ aus dem Weg geräumt wurde, der in einer schwachen Stunde über illegale Geschäfte geplaudert hatte und damit von ihr erpreßt wurde. Die Spur führt zu einem Mann namens Grüber. Seine Im- und Exportfirma, die mit abgewrackten Fabrikanlagen handelt, könnte eine hervorragende Tarnung für Waffenschmuggel abgeben. Dieser Verdacht erhärtet sich, als ein Spezialist vom BKA Wiesbaden in Duisburg auftaucht.

Tumler kennt sich im internationalen Waffengeschäft bestens aus. Er bittet Königsberg, ihm einen ortskundigen Kollegen zur Seite zu stsellen, am besten Kommissar Schimanski. Der zeigt allerdings wenig Neigung, sich „zuordnen“ zu lassen; auf die Dauer kann er jedoch nicht verhindern, daß ihm Tumlers Auftreten mächtig imponiert. Anders Thanner, der ist eher skeptisch – und auch ein bißchen eifersüchtig.

Nachdem ein Informant Schimanskis tot aufgefunden wird und ein Undercover-Agent mit dem Leben bezahlen muß, verstärkt sich Thanners Mißtrauen. Einiges deutet darauf hin, daß der BKA-Mann nur nach Duisburg gekommen ist, um die Ermittlungen zu erschweren. Aber dann haben die Beamten plötzlich Erfolg. Grüber geht ins Netz – und weitere Überraschungen folgen.

Rezension

Die gute Nachricht: So schlecht ist der Tatort 194 nicht. Die Handlung wird im Verlauf immer unrealistischer, aber „Spielverderber“ wäre kein richtiger Tatort aus Duisburg, wenn sich alles zu einem famos logischen Schluss formen würde. Andererseits wird das theatralische Ende des Weges, welcher der BKA-Mann nur für dieses eine Mal beschreiten wollte, vor allem vom eifersüchtigen Thanner als Ausdruck erlesener Schauspielkunst identifiziert. Wenn man davon absieht, dass Götz George in seiner Schimanski-Rolle immer eine Geste und einen Ausdruck und ein paar hingeschnodderte Worte zu viel produziert, ist der Film sehr amüsant gestaltet. Doch man hat die Clowns eben nicht erst mit der Erschaffung des Münster-Tatorts hereingelassen. Schon Zollfahnder Kressin, der Vor-Vorgänger von Schimanski, hatte außerordentlich viel Humor und war ein lockerer Vogel, auffällig, im gesellschaftlichen Umfeld der frühen 1970er.

Doch warum sollte jemand, der kurz vor dem letzten großen Karrieresprung steht, alles dadurch aufs Spiel setzen, dass er sich an illegalem Waffenhandel beteiligt, für den sogar in ein Munitionsdepot der Bundeswehr eingebrochen werden muss? So jemand, zumal als Beamter, bekommt ganz sicher 100.000 DM Kredit, falls er nichts angespart hat, um seinen Sohn operieren zu lassen. Da hat Thanner wohl leider recht, Schimanski hingegen wirkt erst einmal betroffen darüber, dass es so enden musste.

Selbstverständlich ist in diesem Film wieder viel Milieu zu sehen. Ein Schimanski-Film, in dem keine Halb- und Unterwelt vorkommt, ist möglich, aber nicht sinnvoll, denn der Zuschauer erwartet, dass es rau und anstößig zugeht. Dafür zahlt er Gebühren. Wie er dann das feudale Polizistenfrühstück empfindet, ist eine andere Sache. Uns hat’s gefallen. Ein Stück Genf mitten im Ruhrpott. Die Schweiz, das ist, wo alles sich dreht, was mit der Schattenwirtschaft zu tun hat. Daran hat sich bis heute nichts geändert, das Land hat sich als Geschäftsmodell zulasten der übrigen Welt aufgebaut. Aber da gibt es ja mittlerweile viele Nachahmer, die beweisen, dass auch ein ganz kleines Territorium ausreicht, um den großen Reibach zu machen. Die Kavallerie! Dass jemand in die Schweiz fliegt, reicht also schon aus, damit jeder weiß, es geht um etwas Illegales.

Als Destinationen fürs Schießgerät werden beispielhaft der Irak und der Iran erwähnt, die im Jahr 1987, als „Spielverderber“ entstand, Krieg miteinander führten. Selbstredend verkauft ein Waffenschieber, der auf sich hält, Material an beide Seiten. Wenn alle so vorgehen, herrscht Waffengleichheit und für weitere Aufträge ist gesorgt. Dieser Gedanke hat uns gerade zu einem mindestens einstündigen Exkurs in die Welt von Tim und Struppi angeregt, in der es einen Waffenhändler namens Basial Bazaroff gibt, dessen reales Vorbild am Vorabend des Zweiten Weltkrieges eine rege Geschäftstätigkeit mit vielen verfeindeten Kleinstaaten entwickelte. Schade, dass man sich von diesen exzellenten Comics keine Tatort-Drehbücher abschauen kann, wegen der doch zu zahlreichen surrealistischen Elemente darin. Aber Schimanski und Thanner waren vor der ebenfalls vom WDR produzierten Münster-Schiene doch von allen Tatortermittler*innen am deutlichsten an Comic-Figuren angelehnt und die Handlungen und der Inszenierungsstil wurden dieser Ausrichtung angepasst. 18 Mal sagt er in dem Film „Scheiße“, der Film referiert also sieben Jahre nach dem Start von Schimmi bereits sein heftig diskutiertes Alleinstellungsmerkmal. Dadurch erfahren wir am Ende auch, was Thanner sich da immer notiert: Es sind nicht etwa Fakten zum kriminellen Geschehen, sondern wie oft der Kollege „Scheiße!“ sagt. Als Running Gag ist das aber kaum zu verstehen, weil man nicht weiß, was Thanner aufschreibt. Wenn man so will, gehört es zur Falllösung.

Finale

Bei den Schimanski-Filmen kann man sagen: Ja, der Typ ist aus den 1970ern heraus konstruiert und war Ende der 1980er schon ein veraltetes Gegenmodell zum gerade herrschenden konservativen Rollback. Tatorte sind hervorragende Zeitdokumente, das betonen wir immer wieder. Aber bei Schimanski muss man schon einen starken Filter darüberlegen. Keine Frage, dass die Alltagskultur in diesen Produktionen so schräg wiedergegeben wird, dass sie diese wiederum beeinflussen konnte.

Die Filme wurden nicht in ein wie auch immer verdichtetes und verfremdetes reales Ruhrgebiet hineingestellt, sondern erschaffen eines, das es nach Schimanski und durch ihn in der Außenwahrnehmung wohl eher gab als zuvor. Wer macht schon Duisburg zu einem Umschlagplatz des internationalen Waffenhandels? Allenfalls wegen des Hafens könnte der Standort besonders geeignet sein, aber der größte europäische Binnenhafen spielt im Film keine Rolle. Die Verbindung versucht man herzustellen, indem ein Import- und Export-Händler alte Industrieanlagen ins Ausland verkauft. China! Die Zeiten sind auch vorbei, in denen man dort Ausrangiertes aus Deutschland dankbar angenommen und die alten Dreckschleudern in Asien wieder aufgebaut hat. Schon damals gab es Kritik an diesem Verfahren, weil man befürchtete, dass man sich die künftige Konkurrenz selbst schafft.

Dann jedoch trat die Wende ein und plötzlich schien es, als sei im nunmehr fast vollständig kapitalistischen Universum Platz für alle. Heute ist klar, dass das Ganze nun ausgereizt ist und der Niedergang des Ruhrgebiets als Industriestandort, der einigen Schimanski-Filmen neben dem Popukulturellen auch etwas leicht Dystopisches gibt, den darf man sich ruhig mal genauer anschauen, denn die bis heute nicht bewältigte Konversion lässt sich leicht auf Gebiete übertragen, in denen es derzeit noch einigermaßen gut läuft. Schimanskis Halb- und Unterwelt funktioniert übrigens auch nur, wenn oberflächig noch genug erwirtschaftet wird, um die andere am Laufen zu halten.

Vorschau: Schimmi, du Spielverderber!

Es wäre ja auch zu schön gewesen. Wir suchen in der Beitragsliste des Wahlberliners nach „Spielverderber“ und – eine bereits veröffentlichte Rezension zeigt sich. Wir müssen keinen weiteren Artikel schreiben! Leider ist die Kritik dem Tatort 963 „Spielverderber“ von Charlotte Lindholm gewidmet. Schimmi, du Spielverderber! Das ist natürlich Quatsch, verwechselt Ursache und Wirkung. Lindholm setzt sich ja gerne über alles hinweg, warum nicht darüber, dass der Titel schon vergeben war?

Leider zählt auch „Spielverderer“ (Schimanski) zu den weniger geliebten unter den 29 Filmen des Ruhrpott-Kultkommissars, wie immer gemäß Tatort-Fundus-Rangliste. Warum leider? Weil es tatsächlich so ist, dass der WDR, nachdem er vor einigen Jahren die bekannten und berühmten Fälle ausgestrahlt hat, zuletzt ausschließlich auf die untere Hälfte der Rangliste zugreift. Der Vollständigkeit wegen finden wir das klasse, aber – gerade bei den Schimanskis haben die Fans leider meistens Recht: Die Drehbücher der Filme, die jetzt ausgestrahlt werden, wirken nach dem, was wir bis jetzt gesehen haben, ziemlich grottig.

Das führt zu Probleme beim Anschauen und Rezensieren und so stapeln sie sich nun (vier, mit dem heute Abend aufzuzeichnenden Werk) auf dem Media-Receiver, während wir gleichzeitig eine Menge Polizeirufe „abarbeiten“. Hinzu kommt die unrestaurierte, schlechte Bildqualität der Schimanskis aus den 1980ern und die Darstellung dieser doch sehr zeitgebundenen Typen. Alles zusammen erzeugt eine Art „Olle Klamotte“-Gefühl, aber nicht den Eindruck, man habe es mit Klassikern der Reihe zu tun. Doch wir stellen uns selbstverständlich auch dieser Aufgabe und die Freude, dass die TatortAnthologie sich immer mehr vervollständigt, wird am Ende überwiegen, da sind wir uns sicher. Ein Klassiker ist hingegen der Begriff „Dirne“, der von der Prostituierten abgelöst wurde, welche wiederum durch die Sexarbeiter*innen verdrängt wurde. Kaum ein anderer Beruf erfährt in jüngerer Zeit so viele Wandlungen im Zugang der Allgemeinheit zu ihm wie ausgerechnet der älteste der Welt.

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Schimanski – Götz George
Kommissar Thanner – Eberhard Feik
Königsberg – Ulrich Matschoss
Hänschen – Chiem van Houweninge
Grüber – Lutz Reichert
Tumler – Wolfgang Wahl
Jenny – Jenny Evans
Geibel – Heinz Wanitschek
Toni – Guntbert Warns
Mottenpaule – Erich Will

Buch – Felix Huby und Hartmut Grund
Regie – Pete Ariel

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