Der Traum von der Au – Tatort 677 #Crimetime 581 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Traum #Au

Crimetime 581 - Titelfoto © BR / Bavaria, Erika Hauri

Der Sanierungs-Alptraum auf der Au

Der 677. Tatort ist der 47., den Ivo Batic und Franz Leitmayr von der Münchener Mordkommission zusammen zu lösen haben. Und es ist der letzte, in dem sie dabei von Carlo Menzinger unterstützt werden. Es geht um eine höchst dissonante Hausgemeinschaft aus Gentrifizerern und der Verdrängung ausgesetzten Bewohnern und was sich daraus an mörderischen Gefühlen und Handlungen ergeben kann.

„Der Traum von der Au“ lebt von seinen Figuren. Von den drei Ermittlern angefangen bis zu jedem Bewohner in diesem gelb getünchten Objekt der Begierde in einem gepflegten Münchener Altstadtviertel wird hier eine Menge geboten. Drama, Blut, skurriles Dasein und Tun, Humor mit Überraschungseffekten. Ein echter Fullsize-Tatort mit Lokalkolorit, höchst unterhaltsam und hinreichend überdreht. Mehr vom Lob und im Ganzen steht in der -> Rezension.

Handlung

Manch einer sieht sich schon als Eigentümer einer großzügigen Dachgeschosswohnung in einem der romantischen Viertel Münchens, bis dieser Traum an den berüchtigten Immobilienpreisen der Landeshauptstadt zerplatzt …
Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr stehen im Keller eines zum Großteil bereits luxussanierten Mietshauses. Dort liegt die Leiche des ehemaligen Hausmeisters Grassl. Der Tote hat schwere Kopfverletzungen. Grassls thailändische Frau Malee und ihr Sohn Ton sind verschwunden. Der neue Hausmeister Mikosz öffnet den Beamten diensteifrig alle Türen und würde am liebsten selbst Ermittler spielen.

Gerti von der Metzgerei im Parterre kennt sie alle: die Wohngemeinschaft um Pierre Traublinger und seine freizügige Gespielin Naomi, den geheimnisumwitterten Professor, die schicke Frau von Helmstedt mit den wechselnden Männerbekanntschaften sowie Konrad Strobl, den Installateur, der um seinen Vater trauert und der seine Werkstatt im Hinterhof hat. Auch der renditebewusste Besitzer Peter Bachinger lebt selbst hier im Haus.
Ein Mordmotiv hätten die meisten gehabt. Doch zum Ärger der beiden Hauptkommissare leiden die ohnehin schwierigen Ermittlungen auch noch unter dem wenig hilfreichen Verhalten ihres sonst so geduldigen Oberkommissars Carlo Menzinger: Statt Batic und Leitmayr die lästigen Recherchen abzunehmen, entwickelt Menzinger rätselhafte Aktivitäten, die mit den Ermittlungen im Fall Grassl offensichtlich nichts zu tun haben. 

Rezension

Zugegeben, Immobilien und damit Immobilienkrimis interessieren mich, weil ich das Gezeigte einigermaßen  mit der Wirklichkeit abgleichen kann, ich werde dieses prinzipielle Interesse oder diesen Zugang aber nicht positiv in die Bewertung einfließen lassen.

Ja, diese Variante gibt es, dass Wohnungen einzeln saniert werden und die bisherigen Mieter schrittweise verdrängt, damit man die Wohnungen sehr gewinnbringend verkaufen kann, im Vergleich zu dem, was man für das unsanierte Haus und die Sanierung aufgewendet hat.

Einen Teilungsplan wird der mittelgroße Immobilienbesitzer-Hai Bachinger schon rechtzeitig gemacht haben und auch einen Plan gehabt haben, wie man die Altmieter so drangsaliert, dass sie weichen. Eigentum ist sozialpflichtig, so steht es in Art. 14 des Grundgesetzes, aber das Eigentum, das am kontroversesten debattiert wird, die fremdgenutzten Immobilien oder die Projekte, in denen aus Globalzinshäusern Einzelwohnungen werden, zeigt, dass zu groß angelegter Immobilienbesitz per se ein Problem darstellt. Die Art, wie damit im Sinn der Profitmaximierung umgegangen wird, kollidiert nicht nur mit der Menschenwürde der Bewohner nach Art. 1 GG und mit dem Grundrecht auf die Unversehrtheit der Wohnung, sondern sorgt auch für Verwerfungen aller Art, besonders, wenn die Konjunktur einigermaßen läuft. So wie im Jahr 2007, als der Film herauskam, dem letzten Jahr vor der Bankenkrise, so auch jetzt wieder, dank eines immer stärkeren Nachfrageüberhangs auf dem Wohnungsmarkt in Großstädten.

Dass der Batic Ivo ausgerechnet in einm besonders mörderischen Haus eine Wohnung kaufen will und anfangs gar keine Ahnung hat, wie sein Wunsch nicht nur seinen Geldbeutel strapazieren kann, sondern auch ein soziales Gefüge, ist sicher ein wenig konstruiert, ebenso wie der Abgang von Carlo Menzinger, nachdem er ein echtes Immobilienvermögen geerbt hat. 14 Millionen Euro für 80 Wohnungen mitten im München, das klingt gar nicht so viel, aber es kommt natürlich auf Einheitengrößen und Lage an. Doch der Carlo wird das alles verkaufen und vermutlich darf eine Heuschrecke seinen Wohnblock mampfen.

Schade, der dritte im Bunde der Münchener Ermittler war sehr beliebt und hat im Herzen vieler Tatort-Fans einen leeren Platz hinterlassen. Wir haben bisher wenige Fälle mit ihm gesehen, der Akzent lag bislang eher auf den neueren Münchener Tatorten, in denen er nicht mehr mitmacht. Qualitativ waren diese vermutlich nicht schlechter, denn im Grunde ist jede weitere Figur schädlich für die Konzentration der Spielzeit auf den Plot. Man sieht das auch im Tatort 677, wo gefühlt eine Viertelstunde für Carlos Abschied draufgeht. Was angesichts der recht komplizierten Handlung und der vielen guten Figuren dafür sorgt, dass die Handlung ein wenig gequetscht wirkt.

Wenn man bedenkt, welch aggressives Personal hier am Werk ist, wirkt das Geschehen psychologisch nicht undenkbar, aber natürlich ist es in dieser Dichte unrealistisch. Mehrere Morde und Selbstmorde in einem einzigen, mittelgroßen Altbau, das hat etwas von Parodie. Dazu trägt auch die exzessive Zurschaustellung von Blut bei, die uns sagen soll, dass im Umfeld des Themas Wohnen stets für hohen Blutzoll gesorgt ist. Die drastische Bildsprache entspricht den Überzeichnungen. Vom bösartigen Hausmeister bis zum Muttersöhnchen, das von den Eltern eine Wohnung geschenkt bekommt (der Fall ist in Berlin real allerdings häufig zu beobachten), von einer geknechteten, sanften Thailänderin als Frau des Hausmeisters über eine in jeder Hinsicht robust wirkende Metzgerin, den Vermieter in der Trachtenjacke und das seltsame Vater-und-Sohn-Gespann, das mitten im Geschehen ist.

Der folgende Absatz enthält Angaben zur Auflösung!

Beide bringen sich im Verlauf um, der Hausmeister hingegen ist Opfer eines überholenden Ereignisses – oder doch nicht? Ja, die Abgrenzungen anhand des Kausalverlaufs von Tötungshandlungen. Jedenfalls gibt es beim Hausmeister zwei Täterpersonen, der Vermieter hingegen fällt dem Herrn Strobl. Jun. zum Opfer, welcher sich dann selbst im Krankenbett umbringt. Puh. Eigentlich alles schwere Kost. Die sozialen Umstände werden aber eher per Bildsprache und schlaglichtartig beleuchtet. Das ist sehr gut inszeniert, keine Frage und weit weg von den Sozialdramen, die auf mehr oder weniger gelungene Weise ans Tatortformat angepasst werden.

Trotzdem ist die Metzgerin als Teil-Mörderin des Ex-Hausmeisters Grassl nicht recht glaubwürdig. Ihr Motiv und ihr Verhalten zuvor lassen diese in der Tat überraschen Auflösung des Hauptfalls oder des die Handlung initiierenden Mordes als an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Die natürliche Mörderin wäre die malträtierte Ehefrau des Opfers gewesen, doch die  zarte Malee darf es nicht sein, wegen der PC. Dabei hätte jeder verstanden, dass sie die in Deutschland verbotene quecksilberhaltige Hautcreme verwendet, um ihren Mann langsam zu vergiften. Es wäre auch ein typischer Frauenmord gewesen. Okay, war es durch die Anreicherung der Wurst auch, Verwendung von chemischen Substanzen anstatt einer Streitaxt zur Lösung unlösbarer Konflikte in der Ehe.

Finale

Ein wunderbar gespielter Krimi, der alles zeigt, was die Münchener so beliebt macht. Interessante Charaktere, Soziales ohne einen zu deutlich erhobenen Zeigefinger, Bayerisches, das authentisch wirkt, auch in der Stadt München, die ja nicht so bayerisch ist wie das Umland. Ein Plot, der grundsätzlich nicht fehlerhaft ist, wenn auch etwas verwurschtelt. Wir entschuldigen das, weil Wurst eh eine wichtige Rolle in diesem Film spielt. Wer sich davor schützen will, dass er durch Wurst zu Tode kommt, sollte sich vegetarisch ernähren. In der Salattunke könnte man allerdings auch … ich möchte das Thema aber nicht vertiefen, sondern komme zur Bewertung:

8/10 für einen unterhaltsamen Abend mit Ivo, Franz, Carlo und den Leuten aus dem idyllisch klingenden Viertel mit dem Namen „Au“. Verständlicherweise ein Kunstname, nicht der wirkliche des gezeigten Münchener Quartiers.

© 2020, 2016, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Oberkommissar Carlo Menzinger – Michael Fitz
Metzgerin Gerti – Johanna Bittenbinder
Hausmeister Mikosz Michalowski – Volker „Zack“
Malee Grassl – Young-Shin Kim
Ton Grassl – Patrick Gehrhardt
Naomi – Vaile Fuchs
Frau von Helmstedt – Andrea Wildner
Dr. Stoll – Hubert Mulzer
Immobilienmaklerin Inga Uhl – Tina Bordihn
Polizeipathologe Dr. Simon Rössle – Jan Messutat
Anwalt – Gerhard Wittmann
Walter Strobl – Gerry Scott
Frau Silin – Soogi Kang
Ärztin im Krankenhaus – Julia Koschitz
Professor – Norbert Heckner
Pierre Traublinger – Dennis Grabosch
Hausbesitzer Peter Bachinger – Alexander Held
Handwerker Konrad Strobl – Fritz Karl

Regie – Tim Trageser
Kamera – Eckhard Jansen
Buch – Peter Probst
Musik – Andreas Weidinger

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