Ein mörderisches Märchen – Tatort 464 #Crimetime 587 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #Menzinger #BR #Märchen #Maerchen #Mord

Crimetime 587 – Titelfoto BR,

Vorwort 2020: „Ein mörderisches Märchen“ gilt immer noch als einer der besten München-Tatorte, auch neun Jahre nach der Erstveröffentlchung unserer Rezension. Wir zeigen diese heute im Original-Layout, denn sie ist sozusagen historisch: Es war die zweite Kritik für die neue Reihe „TatortAnthologie“ im ersten Wahlberliner, die heute Hauptbestandteil der Rubrik „Crimetime“ ist. Die Rezension wurde im April 2011 verfasst. Beigefügt haben wir lediglich die wichtigen Copyrights für das verwendete Bild und unseren Text sowie die Angaben zu Stab und Besetzung, die noch nicht Gegenstand unserer ersten Rezensionen waren.

TH

Tatort-Nr. 464, Jahr: 2001

Ausstrahlung: RBB, 11.04.2011

Die Münchener Tatortkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) waren schon beinahe zehn Jahre lang zusammen im Einsatz, als sie das mörderische Märchenrätsel lösen mussten, das ihnen der todkranke Schreinermeister Ludwig Gruber (Hilmar Thate) aufgegeben hatte.

‚NO:GINIK‘ und ‚KCRABAU‘ – was mag das bedeuten? Alles beginnt mit dem Mord an dem Postbeamten Werner Klett. Aufgrund einer Zeugenaussage müssen die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr den Schreiner Ludwig Gruber verhaften, einen Mann aus Batics Nachbarschaft, der bei den Kindern als ‚Märchenonkel‘ sehr beliebt war. Gruber ist geständig, aber er entpuppt sich als ein Mörder mit vielen Gesichtern. Die beiden Kommissare haben eine harte Nuss zu knacken, denn der sterbenskranke Gruber benutzt im Verhör Zitate aus ‚Grimms Märchen‘ und entwindet sich so jeder Logik.

Andererseits weist alles darauf hin, dass Gruber klug ist und sich gezielt in die Hände der Ermittler begeben hat. Wenig später stößt die Polizei auf eine zweite vergrabene Leiche – trotzdem kommen die Kommissare dem Rätsel Gruber nicht näher. Sie sehen sich gezwungen, einer Abfolge geheimnisvoller Zeichen nachzugehen, die sie immer tiefer in die traumatische Vergangenheit Grubers führen. Was aber tatsächlich auf die Polizisten zukommt, ist selbst für die beiden hart gesottenen Münchner Ermittler unfassbar. (Zusammenfassung des Inhalts zitiert aus: TV Movie Online.)

Nachdem wir gestern einen brandneuen Tatort mit dem Münchener Ermittlerduo rezensieren konnten, ergriffen wir heute die Gelegenheit, zehn Jahr zurückzugehen. Ein interessanter Vergleich.

Der 464. Tatort hat starke Thrillerqualitäten und ist erstklassig gespielt. Überzeugende Leistung von Nemec / Wachtveitl. Aber dazu gehört auch ein gutes Drehbuch und eine adäquate Regie. Ein wegen Hirntumors zum Sterben Verurteilter führt das Kommissare-Duo bewusst auf seine Spur, um in deren Personen die Polizei zu demütigen – und am Ende, im Sterben, macht es den Eindruck, als wolle er ihnen im letzten Moment helfen, denn die Zeit arbeitet gegen sie. Die wirklich außergewöhnliche Kombinationsgabe, welche die Dramaturgie des Films von den Polizisten einfordert und bekommt, erscheint dem Außenstehenden ein wenig unwahrscheinlich, aber wir lernen ja im Verlauf der Handlung, dass die beiden auch innerhalb ihrer Zunft Topkräfte sind (sehr schön gemacht, anhand einiger Zeitschriftenausschnitte, die Gruber auf die Rückseite eines Bildes geklebt hatte, zusätzlich einer von vielen Rätselsprüchen).

Dieser äußerst präzise und in dieser Präzision grenzglaubwürdige Ablauf von Handlungselementen, von denen jedes eine perfekte Interaktion zwischen dem, was Gruber den beiden zurechnet und dem, was sie wirklich leisten, darstellt, mag, wie gesagt, ein wenig übertrieben sein, aber es ist höchst effektvoll und man ist sehr schnell drin, in diesem Krimi – und bleibt es bis zur letzten Sekunde. Dieses Mal wird nicht der Mörder gesucht. Den Mann, der mehrere Personen umgebracht hat, weil sie seinem verhassten, sadistischen Vater ähneln, und seinen Vater selbst, dem wird man schnell habhaft. Doch sein Vater war Polizist und Gruber hat den Plan, die Polizei noch einmal zu demütigen, indem er ein Mädchen entführt und in Märchenrätseln zu den Ermittlern spricht, als er schon inhaftiert ist.

Er weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat, und diese Art von Mensch, das ist nicht neu, gehört zu den gefährlichsten. Seine Psychologie, ganz vom Kindheitstrauma eingenommen, ein scharfer Verstand, von einer zerrissenen Seele zum Guten (der Märchenonkel, die Marionetten, die er für Kinder bastelt) verwendet, zum Bösen, indem er Morde begeht, die nie aufgeklärt werden, bis er selbst die Polizei auf seine Spur führt; ein talentierter, künstlerischer Mensch, dessen grausame Kindheit die Seele zerrissen hat, die innere Spannung, die nicht mehr auszuhalten ist (der symbolische Tumor), das ist eine der großartigsten Tatort-Täterfiguren (als  Verbrecher mag man den Mann ja trotz seiner Taten kaum bezeichnen). Man hasst ihn dafür, dass er das kleine Mädchen versteckt hat, man leidet mit ihm, als seine Vergangenheit Stück für Stück ans Licht kommt, man fühlt mit den Ermittlern, die mit ihm kaum weiterkommen.

Dazu geraten diese selbst mehrmals in dramatische Situationen. Für Tatort-Verhältnisse ist der Film ein Schocker. Die zusätzliche Dramatik, die das Wetter einbringt, wird allerdings nicht durchgezogen (Auflösung 1). Es macht sich auch schön im Umfeld von so viel Symbolik, wie der Wind durch das verschwiegene Dorf bläst, als die Polizisten aus der großen Stadt kommen, in diesen verschwiegenen, kleinen Ort, in dem die Leute die Vergangenheit der Grubers ruhen lassen wollten, voll des schlechten Gewissens, weil sie damals nichts merken wollen. Ein Dorfpolizist ist nun einmal eine Autorität und da schaut man noch weniger hin als sonst, wie der mit seinen Kindern umgeht. Die Münchener Krimis sind gar nicht selten sozialkritisch angehaucht. Im Tatort 464 ist das Schweigen des Dorfes das wichtigste Element und eine Allegorie auf jedes Verbrechen, das geschehen kann, weil Menschen wegschauen. Es dominiert den Film aber nicht, wie die Armutskritik in der gestrigen neuen München-Folge 797.

Wenn man will, kann man auch eine Haltung zu Grimms Märchen erkennen, die offenbar in Grubers schlimmer Kindheit eine Rolle gespielt haben und zu der Art, wie sie geschrieben und früher illustriert waren (dem Verfasser sind Grimms Bücher in dem Stil, in dem sie hier als Requisite verwendet werden, aus dem Fundus der eigenen Familie bekannt). Ja, da liegt schon etwas Brutales drin, manche von ihnen sind im Grunde keine Kindergeschichten und  sie gehören hier mit zum Szenario einer erschreckenden Kindheit, die dazu geführt hat, dass auch nach der Ermordung von drei Männern (der Vater und zwei Männer, die ihm ähnelten – äußerlich und als Zigarrenraucher) der Wunsch nach Rache noch nicht gestillt ist, der Zwang weiterwirkt.

Ob die Kombinationsfähigkeiten der Polizisten komplett realistisch sind? Wir geben sie für gut, schließlich sind Ermittler darauf geschult, schnell und sicher zu kombinieren, und hier handelt es sich um besonders fähige Kriminalisten. Die vielen Aspekte, Anspielungen, psychologischen Momente – da waren von Seiten Regie, Drehbuch, Produktion Leute am Werk, die sich viele Gedanken gemacht und sie filmisch gut umgesetzt haben. Großartig auch die Dekors. Grubers Wohnung, dieser Aberwitz, komplett überzogen mit einer alten, gelblichen Tapete, deren Muster floral-harmoniebedürftig sein will, aber in Wirklichkeit ein enges Geäst, ein Gitternetz darstellt, aus dem eine Psyche kein Entkommen findet. Sogar Licht und Dunkelheit werden mit all ihrer Symbolkraft in die Matrix von Psychogramm und Dramaturgie eingebunden. Ein Psychothriller im Tatort-Format.

Vergleicht man diesen Tatort mit dem gestrigen, um zehn Jahre jüngeren, muss man sagen, die beiden Münchener Kommissare waren auch zu Beginn des neuen Jahrtausends schon ein Spitzenteam und der Tatort 464 ist, die filmischen Mittel betreffend, mindestens so sehr auf der Höhe der Zeit wie die gestrige Nummer 797. Weit mehr als der neuere ähnelt der ältere Tatort auch den düsteren Nordland-Krimis, die vor zehn Jahren hierzulande noch gar nicht den Bildschirm bevölkert hatten.

Bewertung (nachträglich beigefügt, nachdem wir uns für das übliche Bewertungsschema entschieden haben):

8,0/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kommissar Carlo Menzinger – Michael Fitz
Kommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Norbert Gruber – Hilmar Thate
Maria Santiago – Jasmina Djaballah
Klett – Hans Georg Nenning
Paul Balzer – Johannes Silberschneider
Klara Werdin – Ellen Schwiers
Wenger – Gilbert von Sohlern
Alte Frau – Renate Grosser
Bauer – David Bibring
Wächter – Johannes Thanheiser

Drehbuch – Daniel Martin Eckhart
Regie – Manuel Siebenmann
Kamera – Peter Döttling
Musik – Andreas Hoge

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