Heiße Grüße aus Prag – Tatort 503 #Crimetime 607 #Leipzig #Prag #Ehrlicher #Kain #MDR #Gruß

Crimetime 607 - Titelfoto © MDR, Stepan Lutansky

Czech Connection

Nachbarschaftstatorte gab es mit vielen Ländern, mit Frankreich, mit der Schweiz, mit Belgien – warum also nicht Tschechien, wenn’s so nah an Leipzig liegt? Den Aufwand für einen Tatort, der in zwei Städten spielt und mit Schauspielern aus zwei Nationen besetzt werden muss, stellen wir uns dennoch höher vor als üblich – nicht sehr viel höher, denn zum Ausgleich gibt es keinerlei aufwendige Stuntszenen oder gar Materialschäden, im 503. Tatort aus dem Jahr 2002. Nein, falsch, da ist die Sache mit dem Serienmörder, der mit seinem Transporter in ein anderes Auto fährt – mehr Action haben auch viele mononationale Tatorte nicht. Und wie war’s sonst ,mit dem Sachsen-Ausflug in die goldene Stadt? Wir klären das in der .> Rezension.

Handlung

Es soll ein festlicher Akt werden: In einem noblen Leipziger Hotel wollen der tschechische Musiker Milan Materna und der Unternehmer Jochen Krause in Anwesenheit der Presse einen Vertrag unterschreiben, der sie zu Geschäftspartnern bei der Auflage einer neuen, exklusiven Instrumentenreihe macht. Milan ist der einzige Sohn des traditionsreichen Prager Musikhauses Materna, das Trompeten in Handarbeit herstellt. Er bringt seinen berühmten Namen ein, Jochen Krause sein Gespür für Kommerz und Massenware. Doch da steht überraschend Milans Vater Pavel im Hotel. Der Missbrauch des Namens Materna für eine Massen-Produktion hinter seinem Rücken ist für ihn der Grund, sich endgültig von seinem Sohn loszusagen.

Milan bläst die Veranstaltung ab, sehr zum Ärger des wütenden Krause, der behauptet, er habe schon 5.000 Trompeten vorproduzieren lassen. Kurz darauf ist der junge Musiker tot. Er wurde mit einer massiven Metallfigur erschlagen, die er einst als Preis gewann.

Die Kommissare Ehrlicher und Kain stoßen sofort auf eine Verdächtige, Milans Freundin Eva Honkova. Man hat beobachtet, wie sie fluchtartig das Hotel verließ. Da sie den nächsten Nachtzug nach Prag nimmt, schalten die Ermittler ihren tschechischen Kollegen Major Cerny ein, der Eva tatsächlich am Bahnhof abfangen kann. Als aber Ehrlicher in Prag eintrifft, ist sie schon wieder auf freiem Fuß. Der Leipziger Kommissar findet sie schließlich hinter den Kulissen des „Schwarzen Theaters“. Eva gesteht, die Metallstatue nach ihrem Freund geworfen zu haben – doch sie schwört, dass sie ihn nicht getötet hat.

Während Ehrlicher sich zunehmend über Cerny ärgert, die mit der Jagd nach einem Serienmörder sehr beschäftigt ist, entdeckt Kain in Leipzig die Lagerhalle mit den Trompeten, die im Hotel in den höchsten Tönen als Originale aus dem Hause Materna gepriesen wurden. Es stellt sich heraus, dass die Trompeten asiatische Billigprodukte sind. Jochen Krause präsentiert dem Kommissar einen Vertrag, den Milan Materna noch vor seinem Tod unterzeichnet haben soll. Zum Beweis dafür, dass die Unterschrift echt ist, schenkt er Kain noch eine von Milan signierte CD. Diese Platte hat Kain im Gepäck, als er bei Ehrlicher in Prag ankommt. Die Kommissare suchen Pavel Materna auf und finden heraus, dass beide Unterschriften Milans gefälscht wurden. Außerdem gab es zwischen Vater und Sohn seit langem Disharmonien, weil Pavels Mitarbeiter Klaus Mai eher dem Idealbild eines soliden Stammhalters entsprach. Klaus Mai war es auch, der seinen zukünftigen Adoptivvater auf der Reise nach Leipzig begleitet hatte.

Rezension

Prag ist jedenfalls eine Reise wert, denkt sich auch Bruno Ehrlicher und fährt mal hin, um eine Verdächtige einzufangen. Dass diese Dienstreise im Grunde keinen Zweck hat, weil er in Prag nicht zugreifen darf, sondern berechtigterweise von seinem tschechischen Kollegen immer mal wieder kaltgestellt wird, ist aber schon eine der Merkwürdigkeiten dieses Films – wobei die grenzübergreifenden Ausflüge meistens nicht auf Notwendigkeit, sondern auf dem Gedanken fußen, mehr Lokalkolorit zu inszenieren.

Surrealerl wirkt dann aber die Tatsache, dass alle Tschechen akzentfreies Deutsch können. Bei Schauspielern, die deutscher Abstammung sind (dem Namen nach Jitka Schneiderová), durchaus vorstellbar, aber sicher nicht so fehlerlos. Wenn die Tschechen untereinander reden, hätte man ihre Dialoge untertiteln können und wenige Schauspieler hätten dann im Austausch mit Bruno Ehrlicher ein etwas mehr gefärbtes Deutsch sprechen können. So ist auch die übliche Verfahrensweise, wenn eine Sprache nur ab und zu in einem Film vorkommt. Dann hätte man allerdings die Dialoge etwas mehr aufs Wesentliche reduzieren müssen und andererseits dafür sorgen können, dass es bei der Synchronisation keine Lippenbewegungs-Pannen gibt.

Anders als vor ein paar Wochen im aktuellen österreichisch-tschechischen Tatort „Grenzfall“ spielt die Historie im Grunde keine Rolle, man hätte auch eine deutsche Trompeten-Herstellerfirma nehmen können. Obwohl die grenzübergreifende Zusammenarbeit mit der Prager Polizei überraschend kontrovers dargestellt wird, engt das Szenario sogar den Verdächtigenkreis ein. Da es üblicherweise nicht sein darf, dass Angehörige anderer Nationen oder in Deutschland lebender Ethnien Täter sind, weist schon durch die Personenkonstellation alles auf Klaus Mai als Täter hin. Selten waren wir bei einem Tatort schon im Bilde, bevor der Mord geschah, aber hier zeichnete sich ab, worum es gehen würde. Eva als Mörderin wäre zu schnell ermittelt gewesen, der deutsche Geschäftspartner stand zu sehr im Fokus – ohne dass aber die Sache mit der angeblich gefälschten Unterschrift unter einen Sicherungsvertrag überzeugend gelöst worden wäre – also kann nur der fähige Noch-nicht-Adoptivsohn aus persönlichen Gefühlen heraus die von Eva geschaffene Situation ausgenutzt haben. Weitere Verdächtige waren nicht im Spiel. Auch das Motiv war durch diese familiäre Aufstellung sofort klar. Mag sein, dass wir nach über 400 Tatort-Rezensionen den einen oder anderen Gedankenblitz haben, der uns zu Beginn unserer Arbeit an der TatortAnthologie des Wahlberliners nicht gekommen wäre, aber auch heute ist uns bei vielen Tatorten nicht so rasch ersichtlich, worauf es hinausläuft wie bei „Heiße Grüße aus Prag“.

Ein weiteres Kuriosum ist der Titel. Prag ist okay, aber was es an heißen Grüßen gegeben haben soll, hat sich uns angesichts der mehr herbstlichen Temperatr des Films nicht erschlossen. Herbstlich deshalb, weil Bruno über das kurze Leben nachdenkt, das schon überwiegend hinter ihm liegt. Eine Geliebte hatte er auch mal in Tschechien, als die CSSR noch ein sozialistisches Bruderland war und es sich gewiss um einen offiziell organisierten und sogar genehmigten Austausch handelte, der zu einer privaten Verbindung geführt hat. Niemand weiß, wie es kaum und warum es auseinanderging, die Melancholie über das, was nicht mehr ist, muss ausreichen – und hängt doch in der Luft. Offenbar hat Prag so etwas Erinnerungshaftes an sich. Am Ende recherchiert der tschechische Kollege von Ehrlicher die Tochter von Anna – die aber nach Alter nicht Ehrlichers Kind sein kann. Uns hätte die Begegnung mit einer jungen Frau, die einer verflossenen Liebe als deren Tochter optisch sehr ähnelt, so sehr, dass Ehrlicher zunächst glaubt, eine Halluzination zu haben, eher noch trauriger gestimmt, aber wir warten mal ab, wie wir zu unseren Erinnerungen stehen, wenn wir Ehrlichers dem Dienstende nahes Alter, das er schon 2002  zu haben schien, näher sind.

Weitaus störender als des Kommissars Fahrt in die Vergangenheit aber wirkt der Parallelfall eines Prostituiertenmörders, der in Tschechien gerade bearbeitet wird. Major Czernys schlechte Laune speist sich gewiss auch aus dieser Sache, aber es wird nie thematisiert, dass er vielleicht genervt ist von Ehrlichers Insistieren, weil ihm der Mord in Leipzig nicht wegläuft, wohl aber der Prositutierten-Killer noch frei herumläuft. Wie dieser Fall durch den Einsatz einer hübschen Polizistin als Lockvogel so gelöst wird, dass nur Ehrlichers Eingreifen diese vor dem Tod bewahrt, ist genau das, was man immer so peinlich zu vermeiden sucht: chauvinistisch.

Die Lesart ist, dass die tschechische Polizei diese Undercover-Mission so dämlich organisiert, dass sie ihre eigene Mitarbeitern schon beinahe vorsätzlich in Gefahr bringt. Dass diese nicht beobachtet und von ihren Kollegen unauffällig begleitet wird, ist lächerlich. Vielleicht geht das in der Prager Altstadt nicht so gut, per Auto, außerdem wirken die Gassen teilweise auffällig leer – aber dann darf man einen solchen, das Leben einer Polizistin gefährdenden Einsatz eben nicht durchführen. Über die Lockvogel-Szenarien könnte man eine gesonderte Abhandlung verfassen, vor allem über den viel zu großen Zufallsquotienten darin.

Fazit

Wenn man von den wenig inspiriert dargebotenen binationalen Aspekten absieht, ist der 503. Tatort ein ziemlich an Motiven, Emotionen und guten Schauspielmomenten armer. Auch Peter Sodann und Bernd Michael Lade als Kain und Ehrlicher wirken nicht so humorvoll und schrullig wie sonst meistens, und dass Kain noch schnell ein Techtelmechtel mit der erwähnten Polizistin, die als Straßenmädchen verkleidet tätig war, organisiert bekommt, gehört, wie die Undercover-Aktion, zum Füllmaterial in einem recht dünnen Drehbuch, dem eine kameraseitig zuweilen recht bewegliche, aber ansonsten biedere Inszenierung gerecht wird.

Wir hatten viele Tatort-Rezensionen im „ersten Wahlberliner“ nicht gezeigt, die während seines Bestehens schon geschrieben wurden. Insbesondere diejenigen nicht, die nicht besonders gut ausgefallen waren, dies wiederum kam bei der Dresden-Leipzig-Schiene nicht so selten vor. Aber die Veröffentlichungspolitik ist jetzt eine andere: Wir müssen im Durchschnitt pro Tag drei Beiträge zeigen und das bringt auch die Notwendigkeit mit sich, die Reserven zu heben, zumal wir versuchen, allen Tatorten, die wiederholt werden, vor oder nach der Ausstrahlung eine Kritik zukommen zu lassen.

5,5/10

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Kain – Bernd Michael Lade
Major Cerny – Zdenék Maryska
Techniker Walter – Walter Nickel
Milan Materna – Václav Mares
Irena Veselá – Jitka Schneiderová
Eva Honkova – Michaela Merten
Pavel Materna – Pavel Reznicek
Jochen Krause – Alexander Radszun
Klaus Mai – Rainer Sellin
Frederike – Annekathrin Bürger

Musik – Andreas Hoge
Regie – Sylvia Hoffmann
Buch – Horst Freund
Kamera – Jan Malir

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