Amoklauf – Tatort 268 #Crimetime 618 #Tatort #Hamburg #HH #Stoever #Brockmöller #NDR #Amok #Lauf

Crimetime 618 - Titelfoto © NDR

Vorwort 2019

Zugegeben, wir sind ein wenig ungeduldig geworden. Der NDR macht es derzeit nicht möglich, viele Rezensions-Wiederveröffentlichungen an Wiederholungen der alten Fälle „aufzuhängen“. Daher tun wir’s nun unabhängig davon, weil wir endlich unser Archiv ein wenig leeren müssen. Wie schon die Kritik zu „Blindekuh“ gestern, zeigen wir auch die zu „Amoklauf“, der am 3. Januar 1993 Fernsehpremiere feierte. Bis auf die Copyrighthinweise oben und am Ende zeigen wir die Rezension wieder im Original-Layout. Sie wurde erstmals veröffentlicht im September 2011 als „TatortAnthologie“ Nr. 95.

I. Kurzkritik

18 Jahre nach der  Erstausstrahlung hinterlässt „Amoklauf“ ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits wird ein damals besonders brisantes Thema, die Verfolgung der Kurden in der Ost-Türkei, sehr offen dargestellt, andererseits wird die zweifelsfrei vorhandene Spannung, die den Tatort mehr zu einem Thriller als zu einem klassischen Whodunnit macht, durch Pannen beim Personenschutz verursacht, die so auffällig sind, dass man von mangelnder Professionalität der Polizei sprechen kann.

Schade auch, dass einer der seinerzeit offenbar beliebtesten Nebenrollen-Ermittler, Oswald Meyer, genannt Meyer II, hier auf dramatische Weise verstirbt. Die frühen 90er waren hart, das zeigt nicht nur das viele Blut im Film, sondern auch die recht ruhige Reaktion von Hauptkommissar Stoever auf den Tod des Kollegen.

Was vor allem heute nicht mehr ginge, wäre, die Kurdenproblematik als solche zu zeigen. Nicht, dass die  Zustände in Ostanatolien unterdrückungsfrei geworden wären, aber da die Türkei mit großer Macht und Beharrlichkeit an die Tür zur EU klopft, wäre man vorsichtiger dabei, die türkische Geheimpolizei zu zeigen, wie sie in Deutschland mordet, weil die deutschen Gerichte mit der Auslieferung terrorismusverdächtiger Kurden nicht voran machen.

II. Handlung, Besetzung, Stab

Im Tatort „Amoklauf“ dreht sich zunächst alles um einen Außenseiter der Gesellschaft. Brandner fährt im Auftrag des Unternehmers Hattkämper aus Hamburg als „Schlepper“ Wirtschaftsflüchtlinge kurdischer Herkunft illegal über die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Er lebt von dem Honorar welches er für die Fahrten kassiert. Im Übrigen lebt er sehr zurückgezogen in einer Fabriketage zusammen mit seiner sechs Jahre alten Tochter Aische.

Doch es gibt eines Tages Streit. Ein herzkranker und alter Kurde ist auf der Fahrt im Transporter gestorben. Der Fahrer Brandner kann allerdings nichts dafür. Doch die rechte Hand von Hattkämper, der Kurde Messud, nennt ihn im Zorn einen „Mörder“. Danach kommt es zu einem Kampf bei dem Messud von Brander eine Stichverletzung zugefügt bekommt. Der Kurde Messud droht Brander im Zorn damit, das er seine Tochter entführt.

Die Tochter von Brander ist kurz darauf verschwunden. Brander hält Messud und seinen Bruder Levent für die Täter dieser Entführung. Er stellt den beiden Brüdern ein Ultimatum. Darin verlangt er das Kind innerhalb von zwei Stunden zurück oder er wird die beiden erschießen. Er ist zum Äußersten entschlossen. Doch die Drohung von ihm trifft die Falschen.

Besetzung der Tatort – Folge „Amoklauf“:
Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Hattkämper – Werner Tietze
Menzel – Wolf-Dietrich Sprenger
Nuril – Suavi Eren
Meyer Zwo – Lutz Reichert
Messud – Hussi Kutlucan
Brandner – Peter Lohmeyer

Stab
Regie: Werner Masten
Kamera: Lothar Elias Stickelbrucks
Buch: Dieter Hirschberg

(Handlung, Besetzung, Stab: TATORT-FANS)

III. Rezension

Der Tatort „Amoklauf“ zeigt, daß der seit Jahren andauernde, immer wieder aufflammende Krieg zwischen Türken und Kurden nicht nur „hinten weit in der Türkei“ stattfindet. Seine Auswirkungen erstrecken sich bis in unser Land und betreffen uns unmittelbar. (Produktionsnotiz, zitiert nach TATORT-FUNDUS)

Zur Geschichte des Kurdenkonfliktes in der Türkei

Die Geschichte der Kurden in der Türkei ist in der WIKIPEDIA ausführlich dargestellt – dass das Thema trotz verschiedener rechtsstaatlichen Reformen seit den frühen 90er Jahren und Erleichterungen für die Kurden in der Türkei, die ca. 20 % der Gesamtbevölkerung ausmachen, nicht ausgestorben ist, zeigt dieser Ausschnitt, den wir hier wiedergeben:

Ab 2004 haben die Kämpfe zwischen der türkischen Regierung und der PKK wieder an Intensität zugenommen. Im Juli und August 2005 wurden von heftigen Kämpfen zwischen dem türkischen Militär und der PKK im Südosten der Türkei berichtet. Am 10. Juli 2005 und 16. Juni 2005 verübten die Teyrêbazên Azadiya Kurdistan Anschläge in Çeşme und Kuşadası, wobei bewusst Touristen das Ziel waren. Auch in den Folgejahren wurden immer wieder Bombenattentate in Großstädten der Türkei verübt.[35]

Am 9. Juni 2007 erklärte die Armeeführung in Absprache mit der Regierung das Gebiet um Siirt, Hakkari und Şırnak zu einer vom Militär kontrollierten „Sicherheitszone“, was Ähnlichkeit mit dem Notstand der früheren 90er Jahren hat.[36] Am 8. März 2009 wurde zum ersten Mal die Chutba auf Kurdisch abgehalten. Die Chutba wurde in der Ulu Cami in Diyarbakır vorgetragen.[37]

Die politischen und kulturellen Interessen der kurdischen Minderheit werden seit 2008 durch die Barış ve Demokrasi Partisi vertreten.[38]

Traditionspflege beim NDR mit Stoever / Brockmöller

Die Hauptkommissare Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) gehören zu den inaktiven Teams mit der größten Popularität – das liegt nicht nur daran, dass sie lange Dienst taten. Die Peter & Paul-Connection ermittelte in 38 bzw. 41 Fällen und führte damit lange Zeit die Hitliste der Kommissare mit den meisten Folgen an. Erst heute noch aktive Teams konnten diese hohe Zahl im Zuge der allgemeinen Verstetigung toppen (Batic und Leitmayr in München, Lena Odenthal in Ludwigshafen, Ballauf und Schenk in Köln).

Der NDR tut aber mehr als andere Sender dafür, dass die Erinnerung an sein beliebtes Duo wach bleibt. Ketzerisch könnte man sagen: Ist klar, angesichts der aktuellen Misere des Hamburg-Tatortes, der sich mit dem türkischstämmigen Sonderermittler Cenk Batu offenbar einen Irrweg geleistet hat. Wir haben noch keinen Batu-Tatort rezensiert und damit noch keinen persönlichen Eindruck wiedergegeben, aber es ist bereits beschlossene Sache, dass es in Hamburg nach nur sechs oder sieben Folgen wieder einen Wechsel geben wird.

Was die beiden Figuren Stoever und Brockmöller auszeichnet, ist der Realismus, den sie ausstrahlen. Manfred Krug hat unbedingt die Statur für dominante Rollen und muss gar nicht viel dafür tun, dass er einen kompakten Ermittler abgibt, den man ihm jederzeit abkauft. Anfangs war seine Rolle wohl zu hart ausgelegt, obwohl wir das bei „Haie vor Helgoland“, dem ersten Stoever (Rezension hinter diesem Link) nicht so empfanden. Jedenfalls hat man kurz darauf mit Peter Brockmüller einen Partner beigegeben und diese Beziehung hat viele Jahre lang gut funktioniert.

Die beiden sind im Grunde weder symmetrisch noch asymmetrisch angelegt. Sie haben charakterliche Unterschiede und manchmal wirkt Brockmöller im Vergleich zum resoluten Stoever nicht nur weicher, sondern auch schusseliger (so auch in „Amoklauf“, wo er mit dafür sorgt, dass der  Fall ein dramatisches Ende nimmt). Aber sie sind gleichberechtigt und Brockmöller kann die soziale Karte sehr gut spielen, die in einem Tatort nun einmal wichtig ist. Dafür kann sich Stoever ganz auf seine Präsenz als einer der gewieftesten Tatortkommissare konzentrieren.

Ein Mann dreht durch

Peter Lohmeyer ist der Lieferwagenfahrer, der für den Schleuser Hattkämper (Werner Tietze) kurdische Flüchtlinge über Dänemark illegal nach Deutschland bringt. Auf einem der Transporte stirbt ein älterer Mann und damit beginnt der Fall in der Form, dass Stoever und Brockmöller mit dem Ermitteln anfangen. Die Ausländerpolizei führt eine Razzia durch, die türkischen Kollegen sind mit Beobachterstatus dabei, aber unzufrieden damit, dass die festgenommenen kurdischen Helfer aus der Familie Barnat (Suavi Eren, Hussi Kutlucan) nicht ohne Weiteres an die Türkei ausgeliefert werden. Deshalb entführt die türkische Polizei die halbkurdische Tochter des Fahrers Lohmeyer, die sein Halt im Leben ist.

Worauf dieser Rot sieht, weil er die Familie Barnat verdächtigt, die immer der Meinung war, das Mädchen sollte zur Familie der Mutter zurückkehren, aus der Lohmeyers verstorbene Frau stammte. Messud Barnat stirbt als erster, aber es ist nicht Lohmeyer, der mit dem Gewehr an ihn herantritt, der ihn umbringt – vielmehr trifft ihn in diesem Moment ein Schuss von hinten, ausgeführt von der türkischen Geheimpolizei. Diese Szene ist etwas seltsam und insofern entscheidend, als sie früh klarmacht, wer die Täter sind. Nicht der vorgebliche Amokläufer Lohmeyer, der sich aber im weiteren Veraluf Meyer II aufs Gewissen lädt (weshalb Stoever und Brockmöller nicht ernsthaft in Aussicht stellen können, dass die Tochter zu Lohmeyer zurückkehren wird).

Lohmeyer spielt den Fahrer Brandner emotional eher zurückgenommen und wirkt anfangs gar nicht besonders traurig, als ihm im Auto ein Flüchtling stirbt. Überhaupt sind die Emotionen in „Amoklauf“ insgesamt sehr zurückhaltend – man kann auch sagen, dem Handlungsort gemäß strahlt der Fall eine beachtliche nordische Kühle aus. Befördert wird dies noch durch die Handlung im Winter, genauer gesagt an Weihnachten, in welcher die Weihnachtsmänner eher unheilvolle Absichten haben. Selbst der Amokläufer wirkt eher verschlossen. Das finden wir gar nicht schlecht gemacht, schließlich ist er ausgebildeter Einzelkämpfer und hat gelernt, sich zu beherrschen. Wenn so jemand aus persönlichen Gründen die Kontrolle über sein Leben verliert, dann schafft er es dennoch, mit viel Ideenreichtum seinem Ziel näherzukommen. Ob ein solcher Mensch auf diese Weise seine Tochter suchen wird und ob die türkische Polizei in Deutschland ein Mädchen entführt, um eine Kettenreaktion auslösen zu können, darf gleichermaßen angezweifelt werden. Zudem ist es für jemanden wie Lohmeyer leichter, an seine Zielpersonen heranzukommen, wenn die Polizei mit einer ganzen Reihe von wenig intelligenten Handlungen dabei hilft, und das hat uns wiederum nicht so gut gefallen.

IV. Fazit

„Amoklauf“ ist ein spannender Tatort, in dem die Ermittler nicht so recht zu glänzen vermögen, weil ihnen bei der Ausführung des Personenschutzes von Nuril Barnat haarsträubende Fehler unterlaufen. Da nimmt es nicht wunder, dass der Mann still im Hotelzimmer sitzt und sich ausdauernd mit seiner Gebetskette beschäftigt. Das Stoßgebet wird wohl immer das Gleiche sein: Allah möge diese Polizei erleuchten, damit ich mich ein wenig sicherer fühle.

Die Tatmotive und die Handlungen, zu denen sie führen, wirken, aufeinander bezogen, nur begrenzt stimmig. Das gilt gleichermaßen für Lohmeyer wie für die türkischen Polizisten, die auf deutschem Boden PKK-Mitglieder liquidieren. Das mag es vielleicht sogar gegeben haben, aber ob sie sich dafür den Zufällen aussetzen würden, die entstehen können, wenn sie einen Dritten sozusagen als Strohpuppe verwenden, wirkt zu übersetzt. Apparate verlassen sich in der Regel auf sich selbst und ihre Profis. Selbst ein gedungener Killer, der gar nicht weiß, wer seine Auftraggeber sind, wäre eine wahrscheinlichere Option als dem Lohmeyer seine Tochter zu stehlen und sich darauf zu verlassen, dass dieser genau in der gewünschten Weise gegen die Familie Barnat zu Felde zieht, auch wenn der Konflikt mit dieser zu Anfang schon offensichtlich wird und die türkischen Polizisten dies mitbekommen.

Was ebenfalls nicht sehr glaubwürdig wirkt – dass die an der Schleusung beteiligten Personen einfach laufen gelassen werden, weil man angeblich nichts gegen sie in der Hand hat. Dadurch, dass alle auf freiem Fuß bleiben, kann die Handlung erst ins Rollen kommen, aber logisch wirkt es deshalb noch nicht.

„Amoklauf“ hat  zwar starke Momente und zeigt einen wichtigen Teil der deutsch-türkisch-kurdischen Geschichte der letzten 20 Jahre, überzeugt aber konstruktiv nicht und deshalb geben wir 6,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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