Die große Schuld (Man On Fire, USA 1957) #Filmfest 149

Filmfest 149 A

Spielt Bing Crosby sich selbst in einem Vorläufer von „Kramer gegen Kramer“?

Was es im Videoarchiv nicht alles gibt. Der große Crooner, das amerikanische Idol Bring Crosby, dessen „White Christmas“ die bis heute weltweit bestverkaufte Schallplatte ist, gibt einen ziemlich rauen Typ, der sich durch sein stures und gegenüber der Exfrau und deren jetzigen Ehemann wenig empathisches Handeln in eine dumme Situation hineinmanövriert – die ihn das Sorgerecht für seinen Sohn kostet.

Das Interessante, um nicht zu schreiben Faszinierende ist, dass seine Darstellung so real wirkt, in einem Film zu einem Thema, das damals auf der Leinwand neu war. Es wird behauptet, dass Bing Crosby zwei Gesichter hatte – das freundliche öffentliche und das weniger angenehme familiäre. Das heißt, er hat sich vermutlich gegenüber seinen Kindern ähnlich verhalten hat wie hier gegenüber der Ex-Frau und deren Mann. Einen weiteren Bezug zur Realität erhält der Film dadurch, dass die weibliche Hauptdarstellerin Inger Stevens tatsächlich eine Affäre mit Crosby hatte und gerne seine Frau geworden wäre. Mehr zu all dem steht in der -> Rezension.

Handlung

Earl Carleton und seine Ex-Frau Gwenn stecken mitten in einem erbitterten Rechtsstreit über das Sorgerecht für ihren Sohn Ted. Gwenn hat wieder geheiratet und will den Jungen für sich. Obwohl Earls Rechtsanwalt Sam Dunstock einen recht starken Prozess führt, geht der Streit für den Vater des Kindes verloren. Earl ist deprimiert, er beginnt zu trinken. Kurz bevor er sich jedoch selbst zu Grunde richtet, bewahrt ihn der fürsorgliche Einsatz von Nina, der Assistentin des Rechtsanwaltes, vor dem Schlimmsten.

Als Teds Mutter die seelische Belastung, die der Prozess und die neuen Lebensumstände für ihren Sohn bedeuten, erkennt, schickt sie ihn zurück zu seinem Vater. Earl muss endlich erkennen, dass seine Ex-Frau ihren Sohn wirklich liebt (Handlung bis hierher: MOVIEPILOT). Er gibt ihn ihr zurück, zusammen mit der Verzichtserklärung, die sie unterschrieben hat, und geht mit Nina davon.

Rezension

Eine Ambivalenz prägt Crosbys Spiel über die Jahre hinweg, und da man sie im künstlerischen Bereich als Bandbreite bezeichnet, muss man konstatieren, diese ist beachtlich und hat gewiss dazu beigetragen, dass Crosby als einer der vielseitigsten Stars des 20. Jahrhunderts gilt. Normalerweise erhalten Sänger und Komödianten keine Oscars, Bing Crosby aber hat einen und wenn wir seine ernsten und musiklastigen, die leichten und die seichten und die tieferen Filme vergleichen, müssen wir festhalten, er hat eine enorme Bandbreite. Einen Oscar als bester Hauptdarsteller bekommt manz zweifelsohne eher für eine dramatische Rolle, Bing Crosby erhielt seinen für „Going My Way“ / „Der Weg zum Glück“ im Jahr 1945. In „Man on Fire“ singt er zwar das für die fünfziger Jahre typische, pathetische Titellied, aber sonst sieht man ihn nur als Eigentümer einer Maschinenbaufirma – und als Vater.

Der Film ist nicht besonderst gut dokumentiert oder gar umfangreich professionell rezipiert, deswegen haben wir auch eine recht kurze Inhaltsangabe verwendet (in der deutschen Wikipedia ist der Film z. B. nicht zu finden).

  1. Scheidungs- und Familienrecht in den 50er Jahren

Wir müssen unsere Leser leider enttäuschen. Wir können keine synoptische Gegenüberstellung der Grundzüge des Familienrechts in den 50er Jahren im Vergleich zu heute machen, schon gar nicht über Kreuz zwischen der Situation in den USA und der in Deutschland.

Wenn aber der Part der Handlung, der im Familiengericht spielt, die legale Lage richtig wiedergibt, dann war man in den USA damals schon recht weit. Grundsätzlich haben demnach beide Eltern gleichermaßen die Möglichkeit, das Sorgerecht für Kinder zu beantragen, wenn es zu einer Scheidung kommt. In „Man on Fire“ hatte die Mutter das ihre aufgegeben, freiwillig und gleichwohl unter Druck. Es kommt offenbar nicht darauf an, ob die Scheidung jemandem zur Schuld gelegt wird („schuldige Scheidung“), sondern auf das Kindeswohl. Ein Halbwüchsiger (der Schauspieler Malcom Broderick, der den Sohn Theodore „Ted“ Carleton spielt, war zur Drehzeit 13 Jahre alt) wird auch gehört, seiner Stimme kommt entscheidendes Gewicht zu bei der Zusprache des Sorgerechtes. Das Sorgerecht für Kinder kann auch geteilt werden, ganz wie es heute bei uns üblich ist.

Hier verblüfft die Familienrichterin alle am Prozess Beteiligten mit ihrer Entscheidung. Nachdem die Mutter den Prozess verloren glaubte und der Vater sich im Recht und auf der Siegerstraße, weil der Junge bei ihm bleiben will, spricht sie das Sorgerecht der Mutter zu. Und  zwar deswegen, weil der Junge sie gar nicht wahrnimmt, sie gar nicht in sein Bewusstsein aufgenommen hat, nicht glaubt, dass sie ihn so liebt, wie der Vater das offenkundig auf eine kumpelhafte und von Crosby ganz wunderbar gespielte Weise tut.

Da laufen mehrere emotionale Linien ineinander. Zum einen kann Crosby noch so hartleibig wirken, sein Gesicht lässt Mitleid aufkommen und man ist schockiert – richtig schockiert – dass die Richterin ihm den Sohn, mit dem er so eng ist, ganz wegnimmt. Zum anderen, selbst wenn man davon ausgeht, dass er sich selbst in diese Lage gebracht hat, weil er keine friedliche und kompromissweise Einigung wollte, ist es der Mann im Rezensenten, der aufstöhnt. Hieß es nicht, die  Mutterschaft an sich sei kein Recht eigener Art, das über dem des Vaters stehe? So hatte die Richterin die Lage einführend erläutert und das fanden wir modern und gerecht. Nach der Logik ihrer Argumentation, dass der Junge nun auch die Mutter kennen lernen soll, hätte sie nach allen Abwägungen das Sorgerecht beiden Eltern zursprechen müssen.

Wäre dem aber so gewesen, hätte der Film nicht biblisch werden können.

  1. Ist die Einbindung von König Salomons Richtspruch über das Kind, das von zwei Frauen begehrt wird, hier richtig?

Wir erinnern uns. Zwei Frauen beanspruchen die Mutterschaft für ein Kind. König Salomon erklärt, er sehe angesichts unklarer Beweislage keine andere Möglichkeit, als das Kind zu teilen. Wir erinnern uns wieder: Zu Salomons Zeiten gab es noch keine DNA-Tests, 1957 ebenfalls nicht, aber da geht es ja auch nicht darum, wer die Mutter von Ted ist. Das ist eindeutig Gwen, die geschiedene Mrs. Carleton.

Es kommt so, dass die wirkliche Mutter, die den Jungen mehr liebt, ihn loslässt. Lieber will sie auf ihn verzichten, als dass ihm ein Leid geschehe. Salomon reibt sich die Hände. Es hat funktioniert. Er spricht der richtigen Mutter den Sohn  zu.

Liegt der Fall hier anders, wie einige der wenigen Rezensenten auf der IMDb behaupten? Das Gericht spricht der Mutter den Sohn zu. Sie lässt ihn aber dem Vater, weil sie nicht will, dass er leidet. Soweit alles okay. Sie ist also die Person, die den Jungen mehr liebt. Das ist sinngemäß auch der Spruch von Salomon, es geht nicht um den tatsächlichen Nachweis der leiblichen Mutterschaft. Jetzt kann  man spitzfindig argumentieren, Carleton / Crosby gibt ihn ja am Ende des Films wieder seiner Frau quasi zurück, nachdem diese das Gezerre nicht mehr durchsteht, also liebt er doch seinen Sohn am meisten.

Wir finden diese Art von Argumentation formallogisch. Der Sohn würde ja immer hin- und hergereicht, wenn man das weitertreiben würde. Wir meinen, der Richterspruch des weisen Salomon wurde hier richtig ins Feld geführt, die letzte Wendung wendet auch den salomonischen Spruch in die richtige Richtung – beide Elternteile lieben das Kind gleichermaßen und erst der aufeinanderfolgende beidseitige Verzicht macht dies deutlich.

  1. Erwachsen werden

Verblüffend, wie Carleton im Verlauf immer wieder handelt – wie ein kleiner Junge. Einer, dem  man etwas wegnimmt. Die Frau geht ihren eigenen Weg, nachdem er sie jahrelang vernachlässigt hat. Der Junge bleibt, mit ihm entwickelt  er eine richtige Freundschaft, doch dann schlägt die einst gedemütigte Frau einen neuen Weg ein und will ihrem Jungen wieder näher kommen. Wie schwer sich dieser Unternehmer mit den Frauen tut, wird auch anhand seines Verhaltens gegenüber der 20 Jahre jüngeren Nina Wylie (Inger Stevens in einer frühen Rolle) deutlich, die ihn liebt und die er bis beinahe zum Ende des Films ebensowenig wahrnimmt wie zuvor über viele Jahre hinweg seine Frau.

Ohne dass dieser Film zu viel psychologisiert, erklärt er explizit eine Menge und das war damals wohl auch richtig. So offensiv und intensiv wurde das Thema Kindeswohl nach Scheidung zuvor sicher nicht behandelt, somit steht „Man on Fire“ ganz typisch fürs Kino der 50er Jahre, in deren Verlauf Hollywood ein schwieriges Thema nach dem anderen angepackt hat und in denen Tabus reihenweise fielen. Die Figuren in „Man on Fire“ sind zwar etwas theatralisch überhöht, zeittypisch, aber auch kräftig gezeichnet, in jedem Moment des Films nachvollziehbar handelnd und man identifiziert sich nicht nur mit einer von ihnen, sondern mindestens mit dreien – beachtlich, das Thema Scheidung mit Kind so ausgewogen und klar strukturiert darzustellen. Wenn an so will, eine reife, erwachsene Leistung.

  1. Seiner Zeit etwas voraus, aber nicht in allen Punkten

Vermutlich war der Film aber gerade wegen seiner Offenheit und seines schwierigen Themas kein großer  Erfolg, auch wenn pflichtschuldig erwähnt wird, dass eine Scheidung immer eine schlimme Sache ist, die zulasten der Kinder geht. Wer würde dem widersprechen? Der Hays Code sicher nicht. Und über die Spielzeit hinweg bleibt das Gefühl, dass Carleton das alles verbockt hat, am Ende sagt er es auch selbst. Dass eine Trennung unter bestimmten Umständen besser ist, als diese Umstände unbedingt fortzusetzen, wird noch nicht als zulässige Sichtweise dargestellt. Trotzdem ist dieser Film sehr fair gegenüber allen beteiligten Figuren und gegenüber beiden Geschlechtern.

Mit seiner zweiten Partnerin Nina Wylie, das darf man zum Schluss annehmen, wird der geläuterte Carleton den Fehler nicht noch einmal machen, dass er den Aufbau einer Familie in eine Linie mit dem Aufbau seiner Firma  stellt – nämlich eher als Vervollkommnung des Besitzes oder Lebenswerks denn als eine emotionale Bereicherung und als Notwendigkeit, sich ganz auf andere Menschen einzulassen.

Ranald McDougall, der diesen Film inszeniert hat, wurde nie ein großer Regisseur, meist arbeitete er als Drehbuchautor, sein bekanntestes Buch dürfte das zu der wundervollen Gaunerkomödie „We’re no Angels“ (1955) mit Humphrey Bogart und Peter Ustinov in den tragenden Rollen sein. Trotz der Tatsache, dass McDougall eher selten im Regiestuhl saß, wirkt seine Schauspielerführung in „Man on Fire“ gekonnt – und die Drehbuchroutine kommt ihm insofern zugute, als der Plot logisch wirkt, die Psychologie der Figuren stimmig.

Gewiss ist „Man on Fire“ als ein früher Film über geschiedene Eltern und deren Kinder ein  Kind seiner Zeit, doch das Thema ist heute noch relevant. Der Stil ist für damalige Verhältnisse sehr typisch, somit ist „Man on Fire“ sowohl filmhistorisch als auch kulturhistorisch interessant. Gerade die Entwicklung der Darstellung dieses Themas in den kommenden Jahrzehnten (vergleiche „Kramer vs. Kramer“ aus 1979) belegt viel. Zum Beispiel, dass man in den späten 50ern ernsthaft und ambitioniert an bisherige Tabus heranging und Ende der 70er schon der aufkommende Konservativismus der Reagan-Jahre spürbar war, dass zudem sehr viel subjektiver berichtet und auf die Tränendrüse gedrückt wurde. Heute würde man wohl wieder etwas distanzierter und ausgewogener mit dem Sujet umgehen und manches Überagieren vermeiden, das in „Man on Fire“ vorhanden, aber nicht ausgeprägter ist als in anderen Filmen der Dekade.

Familientrennungen bringen viel Leid für alle Beteiligten und die USA hatten offenbar schon früh ein sehr ausgefeiltes System entwickelt, mit dem man die emotionalen Schäden so gering wie möglich halten und so viel Gerechtigkeit wie möglich in eine höchst schwierige Situation hineinbringen wollte. Bemerkenswert ist, dass es keine desolaten Verhältnisse gibt, sondern sich alles in Wohlstand und Ordnung abspielt, sowohl beim Vater wie bei der Mutter und deren neuem Mann. Ein Sozialdrama ist „Man on Fire“, angesiedelt im gehobenen Mittelstand, also bewusst nicht – Scheidungen waren und sind nicht milieugebunden. Zudem waren die späten 50er tatsählich eine Epoche des beinahe allumfassenden Wohlstandes.

Finale

Damals begann im Film wie in der Wirklichkeit eine modernere Zeit, in der man es sich erlaubte, den Fokus auf Missstände außerhalb der puren Existenznot zu richten, mal mehr, mal weniger gekonnt, und in der sogar in den USA so etwas wie ein Common Sense dafür herrschte, dass die Dinge nicht so einfach liegen und Gerechtigkeit ein diffizieles Werk ist, das bei bestem Willen nicht allen Menschen gleichermaßen zuteil werden kann, dass Antworten auf komplizierte Situationen nicht einfach und menschliche Probleme nicht mit billigen Parolen zu lösen sind.

Die Bibel wird zwar zitiert, damit das Fundament des Handelns klar erkennbar bleibt, aber das ist zum Verständnis nicht wichtig und man dachte wohl, ohne das Alte Testament nicht auskommen zu können. Kein modernes Recht ohne Herleitung aus der Heiligen Schrift, wenn man so will. Letztlich ist es aber gleich, ob eine moderne, soziale Haltung aus philosophischen oder weltlich-ideologischen Anschauungen oder christlichen Fundamenten rekrutiert wird, solange das Menschliche siegen darf, wie in „Man on Fire“, der mit einer Art gemäßigtem Happy End schließt. Es gibt zwar keine eheliche Wiedervereinigung, aber einen guten Kompromiss und für die männliche Hauptfigur Earl Carleton eine neue Liebe, mit welcher seine alten Fehler  korrigieren darf. Das wirkt realistisch und optimistisch zugleich.

70/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Bing Crosby … Earl Carleton
Inger Stevens … Nina Wylie
Mary Fickett … Gwen Seward
E.G. Marshall … Sam Dunstock
Malcolm Brodrick … Theodore ‚Ted‘ Carleton
Richard Eastham … Bryan Seward
Anne Seymour … Judge Randolph
Dan Riss … Mack

Regie: Randall MacDougall

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