Drei Affen – Tatort 422 #Crimetime 642 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Affe #Affen

Crimetime 642 - Titelfoto © WDR, Kerpenisan

Die Leiden des noch leidlich jungen Max B.

1997 kehrte Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) zurück in die Tatort-Serie, als leitender Ermittler und mit Freddy Schenk (Dietmar Bär) an seiner Seite. Da hatte Ballauf bereits einmal den Dienst in Düsseldorfquittiert; wollte mit Familie nach Kanada, ging dann ohne. In seiner Kölner Zeit spielt diese Bindung keine Rolle mehr.

In einem späteren Tatort wird ihm die neue, große Liebe vor der Nase erschossen („Direkt ins Herz„), und hier, 1999, wendet er sich einem jungen Kollegen zu, fördert ihn und wird grausam enttäuscht. Immer, wenn Ballauf sich auf Menschen einlässt, passiert etwas Furchtbares. Kein Wunder, dass es immer schwieriger für ihn wird, dieses auf andere zugehen. Darüber und über weitere Aspekte von „Drei Affen“ denken wir in der -> Rezension nach.

Handlung

Ben Keller, junger Sunnyboy bei der Kölner Kripo, feiert seinen fröhlichen Ausstieg bei der Drogenfahndung und seinen Einstieg bei „Mord und Totschlag„. Leider kann seine Zukünftige nicht dabei sein, Monika Fenner, ebenfalls bei der Kripo, hat Dienst und muss „Dealer jagen“. Am nächsten Morgen wird sie in ihrem Wohnviertel tot aufgefunden.

Die Kommissare Ballauf und Schenk sind erschüttert, wie brutal die Kollegin umgebracht wurde. Unerklärlich bleibt, warum keiner der Anwohner der Frau zu Hilfe kam. Monika Fenner hat sich gewehrt und geschrien. Der Täter hat mehrmals mit einem scharfen Gegenstand zugestossen. Doch die Mieter schweigen, aus Angst, aus Gleichgültigkeit und Scham. Sie behaupten, darauf vertraut zu haben, dass ein anderer aktiv werden wird. Ben Keller ermittelt spontan auf eigene Faust und jagt unabhängig von Ballauf und Schenk einen kleinen Drogendealer, der sich schon längere Zeit an Monika rächen wollte. Doch diese Spur erweist sich als falsch und Ben wird erstmal von der Polizei beurlaubt.

Immer wieder kreist die Tätersuche um die Mitschuld derer, die durch mangelnde Hilfsbereitschaft diesen Mord zugelassen haben, bis schließlich eine junge Türkin den Tatverdächtigen entlastet. Doch über den Mörder kann sie keine Angaben machen. Obwohl sie der Schlüssel zur Wahrheit ist, schweigt sie aus Angst vor der familiären Rache. Wenn Ballauf und Schenk in ihrem Mordfall weiterkommen wollen, müssen sie Mihriban dazu bringen, dass sie über ihren eigenen Schatten springt. Gleichzeitig kommt es bei Monika Fenners Beerdigung zu einem Eklat im Kollegenkreis.

Rezension

Damit ist Ballauf unter den männlichen Tatort-Ermittlern die Passionsfigur. Und sein sensibler, verletzlicher Gesichtsausdruck passt dazu auch so gut wie bei keinem anderen Kommissar. Meist ist dieses persönliche Eingebunden-Sein auch noch gut gemacht, das sehen wir auch hier so. Wir nehmen ihm das ab. Wenn er sich mal an jemanden herantraut, dann vielleicht ohne die gebotene kritische Distanz.

Wie schwer es ihm fällt, dem jungen Polizisten Ben Keller, dem er den Wechsel vom Drogendezernat zur Mordkommission vermittelt hat, die entscheidenden Fragen zu stellen. Es ist ganz eindeutig, dass Ballauf den Draufgänger innerlich adoptiert hat und sich in diesem spiegelt. Wir erinnern uns an Ballaufs Zeit in der rheinischen Landeshauptstadt, wo er immer wieder angeeckt ist und sich haarsträubende Alleingänge geleistet hat.

Natürlich gibt es einen Unterschied, den hat der emotionale Ballauf nicht im Blick. Dass er selbst niemals eines Mordes aus Eifersucht oder gar verletzter Eitelkeit fähig wäre. Denn eitel ist Ballauf nicht, im Gegensatz zu Ben Keller, dem „Riesenbaby“.

Die Figuren sind exzellent und der Tatort wirkt angesichts seines Alters von nunmehr 12 Jahren überraschend modern gefilmt, wenn auch ohne Dolby Surround und ohne stilistische Schnörkel und Extravaganzen, die es in neueren Köln-Tatorten hin und wieder gibt.

Hinzu kommt, dass das Thema Zivilcourage gerade wieder ganz aktuell ist, der Brunner-Mord in München hat es besonders ins Bewusstsein gerückt. In Berliner U-Bahnen hängen wieder Plakate mit Anti-Gewalt-Aufrufen, in denen es darum geht, wenigstens den Hilfeknopf zu drücken, wenn mal wieder gepöbelt, geprügelt, getreten – und im Extremfall getötet wird. Die heikle Zivilcourage kommt nicht aus der Mode.

Die drei Affen sind überall. Die drei Affen, von denen einer sich den Mund, der  zweite sich die Augen, der dritte sich die Ohren zuhält, gelten als Symbol der Verschwiegenheit und spielen selbstredend eine große Rolle im gleichnamigen Tatort. Die getötete Polizistin hat einen Schlüsselanhänger mit diesen Tierfiguren geschenkt bekommen. Krass ist das Plakat mit den drei Affen im Hintergrund, während Ballauf mit Assistentin Lissy (Anna Loos) eine Gewaltszene in der Öffentlichkeit durchspielt und niemand hilft bzw. eingreift.

Ebenfalls keine Hilfe erhält der alte Trinker Erwin Tischler, der in der Mordnacht einiges beobachtet haben muss, als er, von den Medien gehetzt, im Supermarkt zusammenbricht. Er stirbt unter den Augen der gaffenden Menge.

Das alles wirkt ganz real. Dass Helfer sogar verspätet an Unfallorten eintreffen, weil sie durch Gaffer behindert werden – auch dies wurde schon tatortmäßig verarbeitet und kommt bei größeren Autounfällen in der Wirklichkeit vor. Auch damals fragten wir uns anlässlich der Rezension, wie wir selbst handeln würden. Sicher nicht auf der Autobahn stehen bleiben, um uns am Unglück Dritter zu weiden. Das können wir mit Sicherheit sagen. Aber stehen bleiben, um zu helfen? Wir waren trotz vieler Autobahnkilometer noch nicht in der Situation. Will man die Entwicklung der Zivilgesellschaft an der Zivilcourage einerseits und der Sensationsgier andererseits festmachen, steht es mörderisch schlecht um diese Gesellschaft. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Darstellungen im Tatort „Drei Affen“ nicht einen Deut untertrieben.

Kein mediales Einzelereignis kann die Dinge vermutlich ändern. Das ist eine Erziehungsfrage und da jetzt ja schon Internet als Schulfach gefordert wird, damit das Pöbeln via Netz, der Hang zur Anonymisierung von Aggressionen kanalisiert, der Nutzen durch Nutzung an sich aber gefördert werden kann – dann steht Zivilcourage innerhalb eines Faches „Sozialverhalten“ mindestens genauso auf dem Programm. Denn dies alles ist nicht voneinander zu trennen. Wer Unfallvideos ins Netz stellt, um sich über die hohen Klickzahlen zu freuen, der kann auch ungerührt einen Mord filmen und wird gewiss keine Hilfe holen, welche das tödliche Ende abwenden könnte.

Die mentalen Hintergründe der Entwicklung des Sozialverhaltens sind in diesem Rahmen nicht darstellbar, aber wir sind sicher, ein simpler Appell, sei es auch in Form eines gut gemachten und wohlmeinenden Tatortes, wird es nicht richten und hat es bisher auch nicht gerichtet.

Die Figuren im Film – und der Plot. Auch Ben, der junge Polizist, ist, wenn man so will, ein Systemopfer. Von seiner Mutter nach dem Tod des Vaters vergöttert in einem engen, idealistischen Verhältnis, selbstbezogen, eitel, mit niedriger Frustrationsschwelle ausgestattet. Dass so etwas in den psychologischen Untersuchungen, die Polizeianwärter und Polizisten sicher dann und wann über sich ergehen lassen müssen, nicht auffällt, halten wir für möglich. Er ist ja auch charismatisch, ein Kumpel, der mal gerne einen zu viel trinkt und optisch ein angenehmer Typ, dem das Leben leicht fällt – oder fallen sollte. In Wirklichkeit tut es dies absolut nicht.

Seine Freundin geht fremd, bekommt von dem Kollegen Bütschek (Jan Gregor Kemp) ein Kind. Sogar versetzen lassen will sie sich – heimlich. Da muss einiges in der Beziehung mit Keller schief gelaufen sein, was uns niemand erläutert. Was uns leider auch niemand nahebringt ist, wie ein offensichtlich und tatsächlich schwer betrunkener Mann wie Keller nach der Abschiedsparty im Drogendezernat einer ist, zwei oder drei Stunden, nachdem Ballauf und Muttern ihn endlich ins Bett verfrachten konnten, nochmal loszieht und seine (Ex-) Freundin umbringt. Den Vorwurf kann man auch diesem Tatort nicht ersparen: Man versucht, den wahren Mörder auf eine für den Zuschauer unfaire Weise lange verdeckt zu halten. Indem man ihn auf eine Weise handeln lässt, die bei einem Schwerstbetrunkenen bei verständiger Betrachtung nicht mehr möglich ist.

In diese Falle sind wir schon öfter getappt und haben uns jedesmal darüber geärgt, dass man uns mal wieder für dumm verkauft hat. Und genau der Punkt ist es auch, der dafür sorgt, dass „Drei Affen“ eine gute, aber keine überragende Wertung erhalten wird. Noch einen Abzug gibt es für das Ende. Entweder entsolidarisiert sich Ballauf von Ben, den er angeschossen hat, und dann setzt er sich nicht für philosophische Gespräche und eine letzte Zigarette mit ihm auf den Balkon, während unten das große Tatütata auf den Einsatz wartet – oder er holt um Himmels willen so schnell wie möglich Hilfe und lässt nicht kostbare Zeit verrinnen, bis Ben stirbt. So genau kann er nicht wissen, ob dieser nicht doch eine Überlebensschance hätte, würde man ihm schnell Ersthilfe gewähren.

Ist das ein subtiles, letztes Aufflammen der „Drei Affen“? Ist Ballaufs Enttäuschung so groß, dass er nicht mehr das Richtige in gebotener Geschwindigkeit tun kann? Dass er starr dem Abgesang einer Männerfreundschaft huldigt, anstatt Ben zu retten, ihn aber als Freund zu verlieren? Wir wollen es so nicht interpretieren. Würden wir das, gäbe es keinen Abzug für diesen Part, aber das ist uns dann wohl doch eine Nummer zu subtil gedacht.

Gutes Kino. Ansonsten ist „Drei Affen“ echt gut. Hervorragend sind die Ermittlerrollen gespielt, dieses Mal besonders von Ballauf. Schenk wirkt ein wenig wie noch nicht auf dem Höhepunkt seiner Schauspielerei, seine Familie, mit welcher die Dienstrolle spiegeln könnte, spielt genau jene Rolle nicht. Dafür ist der Gute schon massiv genug, um einen davonhinkenden Tatverdächtigen von oben anzuspringen und ihm damit das Bein zu brechen. „Das ist etwas ganz Schweres draufgefallen“. Bei Freddys heutigem Format wäre wohl Exitus der mit diesem Gewicht auf so plötzliche Weise belasteten Person zu bedauern.

Ist aber klasse, wie Freddy den zunächst verdächtigen Hönninger (Wilfried Hochholdinger) verfolgt und der Hinkende noch genauso schnell ist wie der dicke Polizist. Da muss er schon springen, um den Mann irgendwie zu kriegen. In späteren Folgen rennt Freddy dann viel schneller – vermutlich hat sich jemand aus dem Apparat darüber beschwert, dass Polizisten auf dem Bildschirm so unsportlich daherkommen.

Auch die gespielte Gewaltszene zwischen Ballauf und Lissy ist schön gemacht, dann gibt Günter Lamprecht, zu der Zeit schon aus dem Berliner Tatort-Kommissarsdienst entlassen, einen Säufer, der zum schweigenden, großen Wohnblock gehört. Auch gut gespielt. Allerdings wirft die Figur wie einige andere auch, eine weitere Frage auf: Wie konnte Ben Keller, der sein Gesicht offenbar ganz offen zeigt, davon ausgehen, dass niemand ihn beobachtet und niemand die Polizei ruft oder ihn mindestens gut beschreiben kann? Tausend Fenster! So wirkt er nun nicht, der Junge, dass er die dramatisch uncouragierte Mentalität unzähliger Bewohner einer Großwohnanlage vorausberechnet hätte. Und warum irgendwo draußen, wo so viele Leute zusehen? Vielleicht war es kein Mord, sondern Totschlag. Am Ende ist es gleich, der Täter stirbt.

Das Verhältnis zwischen Ballauf und Schenk wirkt noch nicht ganz ausgeformt, hat nicht die Intensität wie heute, die Handlung hingegen ist straff organisiert und weitgehend frei von unnötigen Volten.

Man kann allerdings geteilter Meinung darüber sein, ob die Nebenhandlung mit der jungen Türkin, ihrem Vater, der bei Ford arbeitet und ihrem heimlichen Freund eine unnötige Volte ist. Interessant eingebaut ist sie auf jeden Fall. Vielleicht, wenn auch sehr verdeckt, soll die Haltung der Zivilgesellschaft in einer anderen Frage kritisiert werden: Nämlich, was die repressiven und antidemokratischen Strukturen next door angeht, wo Zwangsverheiratung und dergleichen Maßnahmen zum Standardrepertoire gehören. Heute nennt man das „Parallelgesellschaft“. Eine solche kann offenbar auch existieren, wenn z. B. eine junge Türkin nach außen westlich wirkt. Wie jemand da eingreifen soll, bleibt allerdings offen. Zum einen können Dritte nicht automatisch wissen, was hinter Türen vor sich geht, sofern es sich nicht in für alle sicht- oder hörbarer Gewalt äußert; zum anderen neigt sich die Tendenz dahin, Tradition Tradition sein zu lassen, auch wenn sie noch so sehr den verfassungsseitig verankerten Menschenrechten widerspricht.

Es gibt da auch einen Unterschied zwischen 1999 und heute. Das war damals ein demokratisches, optimistisches Zeitalter, auch wenn die deutsche Vereinigung vor allem wirtschaftlich in jenen Jahren ein Desaster zu werden drohte. Aber in den USA war noch Bill Clinton im Amt. Der 11. September 2001, der sich gerade zum zehnten Mal jährt, war noch eine Zeit voraus. Man war im Ganzen noch einen Tick unbefangener als heute. Die Radikalisierung, die seitdem stattgefunden hat, hat noch einmal andere Anforderungen an Darstellungen von Minderheiten mit sich gebracht. Einerseits zu recht, weil man nicht zu sehr Klischees nachhängen darf, gerade bei fundamental weltanschaulichen Themen – zum anderen bringt das auch Probleme, weil hinter Tausenden von genau analysierten und wohlmeinend aufgezeigten, oft sogar positiven Einzelfällen, die es längst gibt, allgemeine Probleme verborgen bleiben können.

Finale

„Drei Affen“ erzeugt die Nähe zu den handelnden Personen, die typisch für Kölner Tatorte ist. Selbst die Folgen, die wir weniger gut fanden, haben uns nie kalt gelassen. Ein großes Verdienst der Schauspieler Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, aber auch der Macher, die das Tableau so erstellt haben, dass wir immer etwas haben, was uns emotional anspricht oder fordert. Dazu kommt, dass das Team 1999 noch erkennbar „unverbraucht“ war und einige Attitüden noch nicht festgefahren wirkten – ein Effekt, der in Köln – aus der 2011-Perspektive betrachtet – stärker wahrnehmbar ist als z .B. in München. Die Münchener sind einfach reifer geworden, während die Kölner manchmal auch ein wenig verbraucht wirken. Man kann auch diesen Zustand wieder ein neue Höhen heben, das eine oder andere justieren. So ist das Melancholische zum Beispiel ein bestimmendes Element einiger der neueren Folgen. Dafür ist besonders Max Ballauf zuständig, dessen Alterungsprozess deutlicher wahrnehmbar ist als der von Freddy Schenk und in Kombination mit der Grundeinsamkeit etwas wie Herbststimmung aufkommen lässt. Egal, in welcher Jahreszeit gedreht wurde. Wer die Rezension aufmerksam gelesen hat, weiß schon die Punktzahl. Da wir für zwei wesentliche Schwächen jeweils einen Punkt abgezogen haben, sonst nicht viel zum Kritisieren fanden, kommen wir auf

8/10.

© 2020, 2013, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Besetzung:Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk – Dietmar Bär
Lissy – Anna Loos
Ben Keller – Henning Baum
Ilse Keller – Brigitte Janner
Oliver Bütschek – Jan Gregor Kremp
Mihriban Aslik – Emel Gültekin
Hönninger – Wilfried Hochholdinger
Erwin Tischler – Günter Lamprecht
und andere

Stab:

Kamera – Arthur W. Ahrweiler
Ausstattung – Frank Polosek
Buch – Robert Schwentke und Jan Hinter
Regie – Kaspar Heidelbach

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