Des Alleinseins müde – Polizeiruf 110 Fall 47 #Crimetime 645 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Subras #allein #Alleinsein

Crimetime 645 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Man müsste Klavier spielen können (II)

Der 47. Polizeiruf widmet sich einem Heiratsschwindler. Wir waren zunächst erstaunt, dass es diesen Typ, der auf Partnerschaftsannoncen reagiert und versucht, den einsamen Frauen das Geld aus der Tasche zu ziehen, in der DDR überhaupt gab, aber warum eigentlich? So war es ja nun nicht, dass persönlche Verbindungen von Vertrauensleuten in den Betrieben organisiert oder eine übergeordnete Stelle ihnen hätte zustimmen müssen. Und einsam durfte man auch im Sozialismus sein. Raus aus der Einsamkeit durch Anzeige? Wozu das führen kann, darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Gisela Kühn erscheint mit einem großen Umzugswagen in Wittenberge, wo sie mit ihrem Verlobten Ewald Schulz ein Haus beziehen will. Schulz hat den Kauf in ihrer Abwesenheit geregelt; Gisela hatte ihm dafür ihr gesamtes Bargeld überlassen. Als sie nun vor dem Haus von Frau Schindler steht, eröffnet die ihr, dass sie das Haus längst an andere Interessenten verkauft habe. Schulz hätte sich nach der Besichtigung nie bei ihr zurückgemeldet. Gisela erleidet einen tödlichen Schock. Oberleutnant Peter Fuchs und Kriminalmeister Lutz Subras übernehmen die Ermittlungen. Gisela war eine einsame Frau. Zu den Nachbarn hatte sie kaum Kontakt und auch die Arbeitskollegen kannten sie wenig. In ihren Briefen findet sich die Anzeige, über die sie Schulz kennenlernte: In ihr beschreibt der angebliche Industriekaufmann Schulz, dass er des Alleinseins müde sei und eine Frau suche. Über die Anzeigenagentur erfahren die Ermittler, dass Schulz eigentlich Egon Schubert heißt und Musiker ist. Angeblich ist er gerade auf Tournee. Lutz Subras findet allerdings heraus, dass Schulz schon seit neun Monaten kein Engagement mehr hatte. Die Ermittler begeben sich auf die Suche nach Schulz, der einen orangefarbenen Moskwitsch fährt. In seiner Wohnung hinterlassen sie einen Zettel mit der Anweisung, sich auf dem Polizeirevier zu melden.

Schulz hat in der Zwischenzeit eine neue Anzeige aufgegeben, über die er in Dresden die Kunstwissenschaftlerin Marga Lindemann kennenlernt. Sie arbeitet in der Porzellansammlung im Zwinger; auf die Anzeige antwortete in ihrem Namen ihre Kollegin Gina, damit Marga nicht mehr allein leben muss. Marga ist zunächst wenig begeistert, findet jedoch Gefallen am elegant auftretenden Schulz. Der lädt sie in die Oper ein, macht jedoch schon nach kurzer Zeit Andeutungen, bei ihr übernachten zu wollen. Er zeigt zudem Interesse an einem Hauskauf, doch geht Marga auf beides nicht ein.

Schulz fährt zurück in seine Berliner Wohnung, wo er den Brief der Ermittler findet. Er flieht in seinem Wagen zu seiner Freundin Elfriede Hesse nach Bitterfeld, die wie alle anderen Liebschaften glaubt, mit Schulz verlobt zu sein. Er leiht sich ihren Trabant, mit dem er zurück zu Marga nach Dresden fährt. Er findet ihre emotionale Schwachstelle. Marga hat einst eine Asienreise unternommen, die sie gerne wiederholen würde. Sie fährt jedoch nicht im Sommer in den Urlaub, um Kollegin Gina in der Zeit Ferien zu ermöglichen. Stattdessen will Marga im Winter an die Ostsee fahren. Über seine Beziehungen organisiert Schulz angeblich Flugtickets für die Route Berlin–Moskau–Samarkand für Marga und sich. Marga ist außer sich vor Freude und schöpft auch keinen Verdacht, als Schulz die Tickets bar bezahlen will. Sie würde für ihn Geld abheben.

Die Ermittler entdecken Elfriede Hesses Trabant vor Margas Wohnung. Sie suchen Marga in der Porzellansammlung auf und berichten ihr von den Machenschaften ihres Geliebten. Marga arbeitet nun mit den Ermittlern zusammen. Als sie das Geld abgehoben hat, gibt Schulz vor, telefonieren zu müssen. In Margas Abwesenheit versucht er zu fliehen und wird von den Ermittlern festgenommen.

Rezension

Damit, dass eine Sitzengelassene an Herzversagen stirbt, konnte natürlich auch der Herr Schulz alias Schubert nicht rechnen. Da darf man ihm keinen Vorsatz unterstellen und zumindest, wenn er von der Herzschwäche der Frau Kühn nichts wusste, auch keine Fahrlässigkeit. Es geht um Geld, nicht um Mord. Der Film ist kurz, prägnant und – er hat einen bemerkenswerten Ton. Wir haben mal nachgeschaut, was Knut Jung-Alsen noch so für die Reihe Polizeiruf inszeniert hat. Es war zuvor nur ein Film namens „Fehlrechnung“ und danach leider keiner mehr, denn während der Dreharbeiten zu „Des Alleinseins müde“ verstarb er und Routinier Helmut Krätzig stellte den Film fertig. Aber wenn es eine Handschrift gibt, dann ist es wohl die von Jung-Alsen, denn eines haben „Fehlrechnung“ und „Des Alleinseins müde“ auf jeden Fall gemeinsam. Sie zeichnen nicht nur die Charaktere sehr genau, das hatten viele Polizeiruf-Autoren und -regisseure drauf, sondern geben dem Film einen Ton, der deutlich von anderen Fällen der damaligen Zeit abweicht.

Dieser Ton ist von wundervoller Ironie geprägt, befördert durch flüssige, überdurchschnittlich gute Dialoge und durch Charaktere, die bereits darauf hindeuten, dass nicht nur einzelne Menschen fehlgehen, sondern am System etwas fehlerhaft sein könnte. In „Fehlrechnung“, als eine ganze Tankstellenwärter-Schicht Betrug in Millionenhöhe begeht, ist das sicher deutlicher als in „Des Alleinseins müde“, in dem ein Einzeltäter unterwegs ist, aber die Darstellung der Opfer ist ja auch ein Aspekt, den man nicht vergessen darf. Und die Frauen kommen furchtbar naiv rüber – so können doch sozialistische Menschen nicht sein, oder? Und der Industriekaufmann ist wohl eher ein Handelsvertreter. Krass gelungen ist, dass der Mann keineswegs so physisch attraktiv wirkt, wie einige andere Bösewichte in Polizeirufen, die Frauen und Männer gleichermaßen mit ihrer Präsenz beeindrucken. Die enorm dicke Brille, die etwas nagerhaften Gesichtszüge, so stellt man sich eigentlich keinen Verführer vor.

Aber das ist vielleicht gerade der Trick. Man traut dem Mann nicht zu, zu sein, was er ist. Ein abgefeimter Typ, der die Gefühle anderer ausnutzt, um an Geld zu kommen. Hingegen punktet er mit einer versiert ausgetüftelten Biografie, die in Stahlgewittern beginnt und einige Wendungen nimmt – die in der Tat glaubwürdig wirken, unbeschönigt, nicht so geradlinig, dezent, auch selbstkritisch und gerade das scheint einige Frauen anzuziehen. Wir werden uns das merken. Der etwas zurückhaltende, aber kultivierte Typ Frau tritt diesem scheinbar gleich gearteten Mann gegenüber und die Dinge nehmen einen schlechten Lauf. Die ziemlich einfach wirkende Elfriede hingegen scheint eine Art Reserve zu sein, falls die Dinge woanders nicht so recht laufen. Als solche kommt sie ja auch zum Einsatz und der Mann mit em orangenen Moskwitsch muss auf einen grauen Trabbi umsteigen. Dabei kommt es zu urkomischen Szenen, die den Film an die Grenze zur Satire rücken – aber durch die Ernsthaftigkeit der eleganten Marga überschreitet er diese Grenze nicht.

Sehr gut gelungen ist auch die Szene mit dem Vater, einem Fischer an der Ostseeküste. Man sieht also den echten Teil der Biografie von Herrn Schulz / Schubert im Bild, er wird nicht einfach erzählt. Und es kommt etwas wie Verständnis für alle Beteiligten auf, das war in den Polizeirufen der ersten Jahre keineswegs immer so angelegt. Es gibt auch Fragezeichen: Warum provoziert Schubert einen Unfall mit einem Motorradpolizisten? Hätte eine Verkehrskontrolle wegen der defekten linken Leuchteinheiten des Moskwitsch ihn „auffliegen“ lassen? War die Technik damals schon so organisiert, dass er damit rechnen musste, dass Fuchs & Co. ihm auf die Pelle rücken, die in Berlin seine Spur aufgenommen haben? Wir hätten mal abgewartet, Zeit zum Abhauen wäre ja immer noch gewesen, wenn der Verkehrspolizist weitergehende Nachforschungen angestellt hätte. Aber ja, der Herr Schubert / Schulze ist ja auch schon in Panik und reagiert nicht immer rational. Es ist etwas anderes, sich Frauen auf sehr trickreiche Art anzunähern und auf eine plötzliche Situation immer richtig zu reagieren. So super schlagfertig und situationsgewandt ist der Herr S. gar nicht, sondern immer dann im Vorteil, wenn er eine Situation kalkulieren und einigermaßen vorausberechnen kann. Sehr schön sieht man Probleme, wenn etwas sich nicht nach Plan entwickelt, an seiner Mimik, als Marta kundtut, keineswegs ihre hübsche Stadtwohnung verlassen zu wollen, um mit E. S. ein Haus zu kaufen. Da entgleitet ihm deutlich die Miene. Ein aufmerksames Gegenüber kann das als bloße Enttäuschung deuten, aber auch als missglückten Versuch, etwas Bestimmtes zu erreichen.

Eine allgegenwärtige Erzählung pflegt auch „Des Alleinseins müde“ wieder, bei allen Qualitäten, die man ihm sonst zurechnen kann. Menschen, die gebildet und musisch sind, werden ziemlich negativ dargestellt. Wo ein Mensch, der Bach und die Beatles auseinanderhalten kann, da ein Betrüger. Es ist hier wirklich sehr witzig gemacht, etwas schräg und unterhaltsam, aber es ist eben doch der Angriff auf Menschen, die etwas mehr Schliff haben, der dann wirklich zur offenbar geplanten Verprollung geführt hat. Für uns ist es kein Ausweis sozialistischer Gesinnung, nicht mit Messer und Gabel essen zu können. Aber – Obacht: Auch S. spricht ungehemmt mit vollem Mund. Das kann man in gleich mehrere Richtungen deuten. 1.) Es ist „durchgelaufen“, 2.) und wahrscheinlicher: Es wurde als bewusste Abweichung inszeniert, es gibt noch mehr Kleinigkeiten im Verlauf, die darauf hindeuten, dass dies der Fall ist. Wenn aber 2.) zutrifft, dann ist die Frage, was man damit ausdrücken wollte. Dass Schubert keineswegs perfekt in seiner Rolle ist und die jeweilige Gegenseite das eigentlich hätte registrieren dürfen? Oder steckt mehr dahinter, etwa, dass das Meiste eh Fassade und nicht tief verinnerlicht ist? Dann aber nur bei jemandem, der eine Figur quasi adaptiert, nicht tatsächlich in Verhältnisse hineingeboren wurde, in denen man Wert auf Formen legt.

Manchmal werden wir den Verdacht nicht los, dass die Kulturschaffenden mit den vielen Rissen im Alltagskulturgefüge der DDR ihr Missfallen an genau dieser Entwicklung ausdrücken wollten. Da können ein missglückter Handkuss und ein verweigertes In-den-Mantel-Helfen-lassen einigen Symbolwert gewinnen.

Finale

Oberleutnant Fuchs raunzt Meister Subras an, weil dieser es wagt, einen kriminalistischen Diavortrag zu stören, ohne neue Ergebnisse im Fall Schubert vortragen zu können. Aber die Art, wie das abläuft, entspricht dem herzhaften und ungezwungenen Ton dieses Films – und dient natürlich auch der Herausbildung von Kontrasten. Wir hätten dem Katz- und Maus-Spiel noch gerne etwas länger zugeschaut – nicht nur, weil der S. ein wenig nagerhaft wirkt, die Katze unter den Jägern, Vera Arndt, fehlt ja dieses Mal. Vielleicht war ursprünglich eine weitere Fluchtmöglichkeit geplant und durch den Tod des ursprünglichen Regisseurs nicht umgesetzt. 62 Minuten Spielzeit sind für den Polizeiruf-Jahrgang 1977 unterdurchschnittlich.

Es ist aber ein richtiger Plot der Marke „Manhunt“ und man entwickelt, wenn man nicht sehr autoritär veranlagt ist, immer eine gewisse Sympathie für den von der Staatsmacht Gejagten – und denkt in diesem Moment nicht mehr daran, dass er, wenn auch unabsichtlich, den Tod einer Frau verschuldet hat. Bei Typen wie Elfriede kann man sich hingegen behelfen, indem man sagt: selbst schuld. Gutgemachte Movies mit diesem Plottyp sind sogar in der Lage, Zuschauer dahingehend zu manipulieren, dass sie sich auf die Seite flüchtiger Mörder stellen. Dem Film fehlt die Abrundung, die Auflösung wirkt recht hastig, aber dennoch ist der Film sehenswert. Technisch ist er leider nur Zustand B, wirkt wie auf 16 mm gefilmt und vor allem zu Beginn flimmert es stark.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Kurt Jung-Alsen, Helmut Krätzig
Drehbuch Lothar Creutz
Produktion Erich Biedermann
Musik Helmut Nier
Kamera Rolf Sohre
Schnitt Susanne Carpentier

Peter Borgelt: Oberleutnant Peter Fuchs
Alfred Rücker: Kriminalmeister Lutz Subras
Rolf Ludwig: Egon Schubert alias Ewald Schulz
Irma Münch: Marga Lindemann
Marylu Poolman: Elfriede Hesse
Dorit Gäbler: Gina
Christian Stövesand: ABV Keller
Gerhard Lau: Dr. Charlot
Marga Legal: Grete Schindler
Katharina Rothärmel: Gisela Kühn
Hans-Joachim Hanisch: Streifenpolizist
Lothar Kusche: Fritz Mettke
Adolf Peter Hoffmann: Ewalds Vater
Gudrun Wendler: Fräulein in der Anzeigenannahme
Klaus Ebeling: Kriminalist
Gertrud Brendler: Nachbarin

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