Sterben für die Erben – Tatort 670 #Crimetime 651 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Erben #Sterben

Der Elefant, das Gras, der Sanierungsbedarf

Der 670. Tatort, Premiere im Jahr 2007, war für Lena Odenthal der 42. Tatort und die damalige „mittlere Phase“ ihres Schaffens gilt als die erfolgreichste. Zehn Jahre nach seiner Erstausstrahlung haben wir die -> Rezension zu diesem Film geschrieben.

Handlung

Der Seniorchef Karl Grimm wird tot im Vestibül seines Hotels aufgefunden. Anlass für seine erwachsenen Kinder, Heike, Walter und Pia den Erbenkrieg zu beginnen. Keiner der drei ist sich zu schade, den Verdacht auf die Geschwister zu lenken und sich selbst in einem möglichst guten Licht darzustellen. Lena Odenthal muss eine Mauer von Lügen, Intrigen und Verdächtigungen überwinden – und dabei kann sie nicht einmal auf die offizielle Hilfe ihres Kollegen Mario Kopper zählen, denn der müht sich in der Küche des Hotels ab.

Durch eine Verwechslung hält Tochter Pia den Kommissar für den neuen Koch und schickt ihn – ehe er die Verwechslung aufklären kann – schnell in die Küche. Dort versucht Mario Kopper zwischen Kartoffelsalat und Jägerschnitzel über die Angestellten an wichtige Informationen zu dem Mordfall heranzukommen – eine schweißtreibende Angelegenheit selbst für einen Hobbykoch. Währenddessen versucht Lena Odenthal das Rätsel zu lösen, wieso Karl Grimm nachts umein Uhr über das Treppengeländer stürzte, während seine Wohnungstür abgeschlossen war und der Schlüssel in der Wohnung hing. 

Krimizeit mit Anni und Tom (Auflösung inkludiert im roten Text!)

Anni: Nun haben sie also in Ludwigshafen eine Familien-Blackbox für uns geöffnet. Die Bemerkung trifft natürlich auf gut 500 Tatorte zu.

Tom: Und mehr oder weniger auf die Hälfte aller Krimis. Ich fand die Auflösung lapidar. Das Drehbuch hat sich irgendwie verfanst, weil man den Mord bei keiner der Parteien wohl technisch so richtig darstellen konnte.

Anni: Umgekehrt. Ursprünglich war es der kräftige Walter, aber dann dachten sie, es wär doch cooler, wenn die ganzen miesen Möppe eben doch nicht so mies sind, dass sie morden können, sondern alles viel mehr heiße Luft als echte Fähigkeit. Die haben ja auch sonst nix drauf. Da hat sich der alte Grimm lieber selbst umgebracht, wegen seiner Krankheit und weil seine Tochter ihn nicht mehr im Hotel wollte. 

Tom: Und die Jurastudentin-Praktikantin, die war ursprünglich nicht im Skript. Eigentlich sollte der Vogelfreund-Rechtsanwalt dem Zuschauer alles zum deutschen Erb- und Schenkungsrecht erklären, was für den Film wichtig ist, aber dann hatten sie nicht genug passende Szenen für ihn und ein einziger Talking Head wäre in dem Film mit diesen vielen Infos zu nervig geworden, also haben sie die nervige Jurastudentin eingeführt. Guter Schachzug, jemanden zu bringen, der eh womansplaining so drauf hat, dass man mit den Augen rollt.

Anni: Tja, wir haben aufgeholt. Im Film ist das noch selten, dass eine Frau als Informationsfigur eingesetzt wird, ist dir das schon aufgefallen?

Tom: Lena konnten sie es nicht machen lassen, das wäre bei Rechtsfragen unglaubwürdig gewesen. Und Kopper musste schon Kloß mit Soß erklären, der war für die kulinarischen Infos gebucht. Im Vergleich zu vielen anderen Undercover-Missionen, die wir schon gesehen haben, ist diese ganz witzig konstruiert. Nicht glaubwürdig, aber witzig. Dafür ist die Handlung doch irgendwie etwas lahm.

Anni: Es ist jetzt nicht der schnellste und wendungsreichste Krimi aller Zeiten, aber die Figuren fand ich köstlich. Ich hab mich weggeschmissen. Wie war das noch? Wo die Elefanten toben, hat das Gras den Schaden. Das ist so gut.

Tom: Das ist doch nur eine angebliche indische Übersetzung von „Wo der hintritt, wächst kein Gras mehr.“

Anni: Ja, aber diese Pseudo-Übersetzung ist ja grad so cool. Alles leicht ins Philosophische gedreht, wegen Buddha und Mahatma. Quark natürlich, aber … verstehst du?

Tom: Ich tu mein Bestes, hoffentlich reicht’s. Was auf jeden Fall gut kommt, ist das Hotel. Wo haben sie das nur gefunden? Ich meine, die Zimmer kann man ja in diesem schreiend unharmonischen Stil der 1970er einzeln dekorieren, die Bäder auch noch gerade so einrichten, aber der Essraum, die Flure und die Lobby waren ja auch passend, das wäre doch ein ziemlicher Aufwand gewesen, das alles zu zimmern. Also einiges an dem Haus muss echt gewesen sein.

Anni: Und das fahrende Maklerbüro als One-Woman-Show. Köstlich. Man beachte die rosa Kuhfänger des kleinen Geländewagens, passend zum Kostüm von Schwester Heike. Ach Mann, warum ist Erfolg nur so schwierig? Mir haben die Leute eher leid getan.

Tom: Die Pia fand ich sogar ganz süß. Ihren Sohn nicht so. Hat der die Gasleitung aufgedreht und der Papagei fiel tot um. Gut, dass wenigstens Lena Odenthal resistent gegen Gaseinwirkung ist.

Anni: Sonst wäre Pia draufgegangen und dein gedanklicher Beistand hätte ihr gar nichts genützt. Aber so ist ja alles gut. Alleinerbe müsste man sein. Einzelkind. Oder?

Tom: Glaubst du, ich wollte so eine Schüssel von Hotel haben, wo der Sanierungsbedarf höher ist als die zu erwartenden Einnahmen aus zehn Jahren? Okay, wenn man es mit seiner Innenstadtlage gut verwerten und Wohnungen mit sozialer Mietpreisbindung reintun oder stattdessen bauen könnte.  Am schlimmsten fand ich fast die viel zu beengte Küche, in der Kopper hantieren musste. Die ist kompletter Quatsch, ein Hotel dieser mittleren Größenordnung braucht eine wesentlich geräumigere Küche. Hier können ja nicht mehr Leute arbeiten als ein dicker Koch und eine dünne Küchenhilfe.

Anni: Ich bleibe dabei, dass das ganze Haus echt ist, also ein einheitliches Gebäude, inklusive Küche. Aber die Ivanka fand ich auch sehr gelungen. Irgendwie haben alle diese materialistischen Typen ein wunderbares Ensemble ergeben. Ja, die Handlung geht so, aber gefilmt ist es richtig gut, ungewöhnlicher Ton für Ludwigshafen, weil Lena hier nicht so ihre Betroffenheit einbringen kann.

Tom: Das Parodistische hatte auch was Klamaukhaftes, aber die Figuren und viele Menschen auch in der Realität sind wirklich so basic, denken immer nur an die Knete und sind eben auch so alltäglich, weil letztlich niemand so weit gehen würde, den Erblasser zu ermorden. Der Fichtensarg und die recycelten Blumen aus dem Kranz sind auch eine Art Mord am Andenken des Herrn Papa.

Anni: Im großen Reich der Odenthal-Tatorte – im Moment sind es ja 65, wo siedeln wir den Film da an? Jedenfalls im oberen Drittel von denen, die wir schon gesehen haben. Ich geb 8,5/10.

Tom: 7,5/10. Das Nervige der Figuren ging zeitweise auf meine eigene Stimmung über, ich konnte da nicht mehr so lachen. Mir hat etwas der Schliff an der Satire gefehlt.

Anni: Mir nicht.

8/10

© 2020, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Ulrike Folkerts: Lena Odenthal Andreas Hoppe: Mario Kopper Peter Espeloer: Peter Becker Annalena Schmidt: Frau Keller Claudia Fritzsche: Viktoria Merz Naomi Krauss: Pia Grimm Maximilian Mauff: Jonas Grimm Traugott Buhre: Karl Grimm Karla Trippel: Heike Martinek Leopold von Verschuer: Theo Martinek Josef Ostendorf: Walter Grimm Sabine Orleans: Walburga Grimm Nikola Kastner: Ivanka Irshad Panjatan: Pundarik Heinz Gerhard Lück: Anwalt Rose Hans-Joachim Feist: Herr Schulz-Böcker Annalena Schmidt: Frau Keller Achim Buch: Dr. Herzog

Regie: Lars Montag, Drehbuch: Dorothee Schön

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