Ein ganz normaler Fall – Tatort 818 #Crimetime 657 #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Fall #normal

Crimetime 657 - Titelfoto © BR, Barbara Bauriedl

Ein zu normaler Fall und eine fragwürdige Akzentsetzung

Der Wahlberliner ist kein Leitmedium und kann sich demgemäß etwas sorgloser äußern. Wir meinen aber auch, es gibt keinen Grund zur Sorge, wenn wir schreiben: Mit „Ein ganz normaler Fall“ wollte man genau das nicht zeigen, nämlich einen normalen Fall – und hat daneben gegriffen. Das 60er-Jubiläum, das uns klar macht, kein anderes Team hat jemals so viele Tatort-Fälle gelöst wie die beiden in Ehren ergrauten Müchener Batic (der Ivo) und Leitmayr (der Franz), ist hoch ambitioniert – und einer der langweiligsten Tatorte, die wir bisher zu rezensieren hatten.* Dennoch gibt es viel zu ihm zu schreiben, das tun wir in der -> Rezension.

Handlung

Die junge Leah Berger wird in München auf dem jüdischen Friedhof beerdigt, ganz hinten an der Friedhofsmauer, denn Leah hat Selbstmord begangen. Ihr Vater Rafael Berger steht unter Schock. Die Münchner Hauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic befinden sich in einem betriebsinternen Wettbewerb, nur einer kann „Polizist des Jahres“ werden. Dann der Anruf: Ein Toter in der neuen jüdischen Synagoge, vermutlich Fremdeinwirkung. Der zuständige Staatsanwalt mahnt „Fingerspitzengefühl“ an. Die Ermittler gehen den Fall an wie jeden anderen auch.

Der Tote ist Rafael Berger. Er liegt im jüdischen Gemeindezentrum am Ende einer schmalen Treppe. Die Todesursache ist Genickbruch. Wurde er gestoßen? Die Buchstaben M O S E R sind bei der Blutlache zu erkennen. Jonathan Fränkel, ein orthodoxer Jude, fand die Leiche. Der Vorstand der Synagoge Martin Hirsch vermittelt ihnen den Kontakt zu Justiziarin Claudia Schwarz, doch die Ereignisse überstürzen sich. Aaron, der Schützling von Rabbiner Grünberg, droht von einer Empore zu springen. Aaron ist seit einer Gehirnhautentzündung leicht behindert. Er ist aufgebracht, dass durch die Anwesenheit der Polizisten seine gewohnten Abläufe durcheinander geraten. „Seinem“ Rabbi Grünberg hat man in der großen Synagoge „Asyl“ gewährt, denn Grünbergs Gebetshaus wird gerade renoviert. Zu Batic fasst Aaron Vertrauen.

Die Ermittler begegnen mehr und mehr einer religiösen Welt, die ihnen nicht vertraut ist. Jonathan Fränkel, so ergeben die Nachforschungen, war abhängig und ist wegen Körperverletzung vorbestraft. Doch er konnte eine Kehrtwende in seinem Leben erreichen. Durch die engagierte Teilhabe von Rabbiner Grünberg hat er seine Frau Miriam kennengelernt, mit der er inzwischen drei Kinder hat. Weil die finanziellen Verhältnisse der Familie eingeschränkt sind, hat Leah die Familie umsonst wohnen lassen. Nach Leahs Tod schickt Vater Berger den Fränkels eine Räumungsklage: ein starkes, ein sehr starkes Mordmotiv.

Die Münchner Kommissare ermitteln in alle Richtungen und finden heraus, dass Leah mit Grossmann, dem verheirateten deutschen Geschäftspartner ihres Vaters, eine Liebesaffäre hatte. Ihr Kind wäre unehelich zur Welt gekommen. Mit Hilfe Rabbi Grünbergs – den besonders Leitmayr lange im Verdacht hat, er sei der Vater von Leahs ungeborenem Kind – kommen sie dem Rätsel um Bergers Tod näher. Din Moser, das Gesetz über den „Verrat eines Juden durch einen Juden an einen Nichtjuden“ sagt, „wenn ein Jude im Begriff ist, einen anderen Juden zu verraten, darf man ihn töten“. Gilt dieses mittelalterliche Gesetz heute noch?

Rezension

Eine gewisse ruhige Hand beim Filmen schätzen wir durchaus, aber hier ist der Fall zu normal im Sinn von wenig attraktiv aufbereitet, inhaltlich alles andere als innovativ – und er geht beinahe unter, weil man allen Aspekten des heutigen Judentums in Deutschland gerecht werden wollte. Die jüdische Anwältin sagt den beiden Ermittlern zwar mit anderen Worten, sie sollen ihre Arbeit tun und nicht in historischen Kategorien denken, aber sie halten sich nicht daran, weil sie vom Drehbuch und durch die Geschichte und in die Enge getrieben werden – Franz landet am Ende sogar in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Es handelt sich hier eindeutig nicht um einen normalen Fall.

Es ist aller Ehren wert, dass man im jüdischen Gemeindezentrum der Ohel-Jakob-Synagoge (der Hauptsynagoge) in München und in der Synagoge selbst filmen durfte – im Gang der Erinnerung sogar eine Verfolgungsjagd. Vor allem Letzteres hätte man auch als Entweihung verstehen können. Eine tiefere Symbolik haben wir in dieser Szene jedoch vergebens gesucht. Wer ist alles konsultiert worden, als der Tatort 818 entstand? Wieviel an unverrückbaren und belegbaren Tatsachen steckt darin und wie sind diese gewichtet? Durch den jüdischen Teil des Drehbuchteams, Daniel Wolf, ist sicher einiges an Authentischem eingeflossen, auch wissenschaftliche Unterstützung war selbstverständlich gegeben. Zudemgab es ein Preview in der jüdischen Gemeinde mit viel Prominenz, unter anderem mit Charlotte Knobloch, der prominentesten Funktionärin der Juden in Deutschland, sie war u. a. Präsidentin des Zentralrats  von 2004 bis 2010.

Wie viel Sachverstand wurde in eine ausgewogene Darstellung des „immer noch fremden Milieus“ gesteckt? Ja, wir haben einiges dazugelernt übers Judentum – nicht bezüglich der deutsch-jüdischen Geschichte, sondern die religiösen Bräuche und die verschiedenen Weltanschauungsvarianten innerhalb des Judentums betreffend. Insofern waren die 90 Minuten nicht vergebens. Aber als Tatort ist „Ein ganz normaler Fall“ der schwächste bisher rezensierte aus München. Edel in Absicht und Aufmachung, aber blutarm und emotional unterkühlt. So kennen wir die Münchener Ermittler nicht und eine solche Vorstellung haben wir auch nicht von Mitbürgern, die in den tragischen Tod eines jungen Mädchens verstrickt sind, gleich, welcher Religion oder Weltanschauung sie zuzuordnen sind.

Die Nachrichten des Tages. Erst die gute: Angesichts der gezeigten Handlung und der Darstellung des Judentums in Deutschland in heutiger Zeit wird keine Aufregung entstehen. Der Tatort „Ein ganz normaler Fall“ ist nicht giftschrankgefährdet. Die schlechte Nachricht folgt auf dem Fuß: Es besteht auch keine Gefahr, dass diese Folge einmal zu den Klassikern der Serie gezählt werden wird.

Dazu ist sie zu konventionell. Man hat filmischen Schnickschnack sicher bewusst vermeiden wollen, dabei aber vergessen, dass es sich nicht um einen Lehrfilm handelt. Tatorte, die in „besonderen“ Milieus spielen, sind generell der Gefahr ausgesetzt, dass zu viel Infodropping die Handlung marginalisiert. Wir meinen auch, das wäre Silvia Koller nicht passiert, die für die teilweise großartigen Münchener Folgen lange Zeit verantwortlich gezeichnet hat. Es war eine Stärke der BR-Tatorte unter ihrer Ägide, dass Soziales und Kriminalistisches, dass Infos und Dynamik meist in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander standen.

Niemals ein normaler Fall. In „Ein ganz normaler Fall“ hat man nicht einmal den Titel mit Leben erfüllt. Ein ganz normaler Fall in einem Tatort ist heutzutage auch ein dynamisch aufbereiteter Fall. Hier aber wollte man vor allem bloß keinen falschen Zungenschlag und schon gar keinen möglicherweise unfreiwilligen Humor risikieren. Die Belastbarkeit des jüdisch-nichtjüdischen Verhältnisses in Deutschland wird erkennbar nicht als besonders hoch angesehen. Kritiker, die vorab schrieben, man hat in diesem Film jüdische Mitbürger jenseits des Holocausts zeigen wollen, haben zwar recht insofern, als während der Ermittlungen die Shoah nicht zwischen den Ermittlern und den Angehörigen der jüdischen Gemeinde thematisiert wird – aber in den Köpfen der Ermittler ist sie sehr präsent.

Ivo hat es etwas leichter, weil kroatischer Herkunft, aber Franz muss sich selbst als Klischeebrecher beweisen. Beide schenken einer Zeitungsmeldung viel Beachtung, die es so vermutlich niemals geben würde und wirken dabei unbehaglich bis verkrampft. Die Nebengeschichte „Polizist des Jahres“ ist mehr Klamotte und Beiwerk als sinnvolle Ergänzung oder Kontrapunkt des Hauptstranges der Handlung – des Mordes an dem jüdischen Geschäftsmann Rafael Berger.

Wir sind nicht in Amerika. Manchmal kommt uns der Gedanke, man sollte es lassen. Nämlich ethnische oder religiöse Minderheiten filmisch ausarbeiten. Man könnte auch diesen Menschen gegenübertreten, wie es im Geschäftsleben üblich ist: sachlich und sachdienlich. Man könnte ihre ethnische oder religiöse Zugehörigkeit in etwa so kenntlich machen, wie man etwa ihren Familienstand behandelt, und wenn sich aus der Zugehörigkeit besondere Ermittlungswege und Fragen oder sogar Verdachtsmomente ergeben, diesen nachgehen. Oder man lässt bei Regie und auch schauspielerisch vermehrt Kräfte arbeiten, die dazugehören. Die mit einer gewissen lässigen Ironie und einer größeren inneren Freiheit an die Aufgabe herangehen können, einen Film zu machen, der in ihrer Community spielt. Gerade der jüdische Humor, der selbst in Gefahr ist, klischeehaft betrachtet zu werden, eignet sich dafür besonders gut.

Verständlicherweise ist man in den USA wesentlich weiter und spielt lässig mit solchen Klischees. So viel erwarten wir gar nicht, wir wissen, dass es hierzulande einen anderen  Hintergrund für alles gibt, was ethnische oder religiöse Unterschiede angeht.

Wir können aber auch offenbar daraus keine Spannung schöpfen – und spannend ist das Judentum allemal. So dezent, wie hier selbst die unterschiedlichen Strömungen und letztlich tödlichen Verstrickungen gezeigt werden – da muss schon jemand als Täter her, der, vorsichtig ausgedrückt, zu Missinterpretationen von Glaubenssätzen neigt, damit die politische Korrektheit nicht ins Wanken gerät. Ja, es gibt einen chassidischen Juden namens Fränkel, der sogar vorbestraft ist und einmal drogenabhängig war. Welch eine Normalisierung – seht her, wollen uns die Macher des Tatortes damit sagen, auch Menschen mosaischen Glaubens sind nicht immer perfekt und ganz und gar unterschiedlich, beinahe wie die Christen und die Atheisten.

In diesen angeblich normalen Fall ist eine Menge Didaktik und Belehrung eingebettet, er wirkt geradezu norddeutsch-bremerisch oder hannoveranerisch. Lasst uns unser Klischee, dass die Juden alles besser wissen und können und irgendwie furchtbar dynamisch und effizient sind, möchte man beinahe ausrufen. Was soll diese Banalisierung, dass es auch unter ihnen Abweichler, Normalos, beinahe Gestrauchelte gibt? Fränkel hat sich sowieso gefangen, dank einer liebenden Frau, alles ist gut. Damit kann jeder leben, aber ein Ausrufezeichen hinter der Anwesenheit einer neuen Normalität ist seine Figur gewiss nicht.

Fallen, in die man leicht geraten kann. Wir werden nun aber nicht schreiben, „Ein ganz normaler Fall“ werde den Besonderheiten des jüdisch-deutschen Verhältnisses nicht gerecht, weil er zu bemüht einen Konsens zwischen alter Schuld und neuer, gemäßigter Normalität zu finden sucht. Damit wären wir schon in die erste Falle getappt, die heißt Selbstgerechtigkeit. Aber wir müssen uns schon damit abfinden, dass noch in tausend Jahren, sofern unsere Zivilisation die nächsten tausend Jahre tatsächlich überlebt, über den Holocaust gesprochen werden wird. Zu Recht, schließlich werden heute Tatbestände im Geschichtsunterricht gelehrt, die weitaus länger zurückliegen. Außerdem ist er nicht vergleichbar mit allen anderen Ereignissen in der deutschen Geschichte. Wir kennen auch das seltsame Gefühl, diese Mischung  aus Neugier und Angst sehr genau, wenn wir jüdischen Mitbürgern gegenübertreten, die anhand des Polizisten Leitmayr thematisiert werden. Es ist ein ganz anderes als bei den Moslems, auch wenn die neun Morde, die jetzt aufgedeckt wurden, neue Schuld erzeugt haben, die ebenfalls nicht kalt lässt.**

Gerade deswegen ist es aber Unsinn, in jedem Film, der sich mit Themen dieser Religionen beschäftigt und ihre Angehörigen zeigt, jeden nur denkbaren Aspekt durchzudeklinieren, bis für den Krimi nur noch 20 Minuten Spielzeit bleiben. Die Geschichte ist im Bewusstsein oder im Unterbewusstsein eines jeden von uns verankert und Teil des kollektiven, seit der Nazizeit stark veränderten Bewusstseins der meisten Menschen.***

Anerkennung des Bemühens – aber: Nicht Mediendarstellungen allein vertrauen, sondern eigene Erfahrungen machen! Es war ein wenig seltsam und auch bezeichnend, dass während der Ausstrahlung das Ergebnis des baden-württembergischen Volksentscheides zu Stuttgart 21 eingeblendet wurde. Dabei ist das die Realität, auch, dass die Wahrnehmung außerhalb eher die war, dass das ganze Land auf den Beinen war, um S 21 zu verhindern. Offenbar war aber die schweigende Mehrheit anderer Meinung. So ist es auch mit der kollektiven Wahrnehmung von Mitbürgern aller Nationen und Religionen: Es gibt keine definitive und letztgültige Sicht der Dinge, die durch Medien vermittelt werden kann, schon gar nicht, wenn die Medien immer wieder beweisen, dass sie, und sei es in bester Absicht, die Realität verzerren.

Gerade diese unglaubliche Ausgewogenheit der Darstellung des Judentums in Deutschland oder auch nur in München hat einen Gültigkeitsanspruch, den sie nicht einlösen kann. Es geht nichts über persönliche Erfahrung. Also im Bewusstsein um die Historie, mit offen Augen für größere  Zusammenhänge, aber auch mit Mut und Herz herangehen an die Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens in der eigenen Stadt und durch Kontakte das eigene Bewusstsein verändern und erweitern. Es wird immer subjektiv bleiben und nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit erfassen können – und das ist gut so, denn dieser Ausschnitt wird meist mehr durch positive Emotionen bestimmt sein sein als das Gesamtthema Vergangenheit und Erinnerungskultur.

Gleichwohl muss man das Bemühen der Macher von „Ein ganz normaler Fall“ anerkennen, zu signalisieren, es handelt sich hier für viele um eine fremde Welt, aber keineswegs um eine der berüchtigten Parallelgesellschaften und archaische Glaubenssätze finden nur Anwendung, wenn sie missverstanden werden, wie Aaron Klein die Racheform MOSER missversteht oder überhöht.

Finale

In eine Falle sind wir mindestens auch getappt – wir haben mehr die Darstellung des Judentums im Tatort 818 reflektiert als den Fall. Da dies aber auch dem gefühlten Verhältnis der Spielzeitanteile entspricht, bleiben wir nun in der Falle sitzen wie Daniel in der Löwengrube.

Möge der gütige Himmel, mögen JHWH, Elohim, Allah und der Herr der Heerscharen dem empathischen Batic Ivo und dem rustikalen Leitmayr Franz beim 61.  Mal einen ganz normalen, guten Kriminalfall bescheren. Damit es zu einer höheren Wertung kommt als zu jenen 6/10, die wir heute leider vergeben müssen.

*Die Rezension entstand als TatortAnthologie Nr. 110 für den „ersten“ Wahlberliner anlässlich der Premiere des Films am 27. November 2011 und wurde für die Republikation im Rahmen von „Crimetime“ nur in Details geändert.
** (Anmerkung 2020: die Morde des NSU, die gerade in den Blick rückten, als die Rezension entstand).
***2011 war der heutige politische Rechtsruck noch nicht erkennbar, daher müssen wir diese Aussage unter den Vorbehalt der damaligen Erkenntnisse stellen.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Jonathan Fränkel – Alexander Beyer
Rabbiner Grünberg – André Jung
Aaron Klein – Florian Bartholomäi
Michael Großmann – Jörg Hartmann
Polizist Kögel – David Zimmerschied
Miriam Fränkel – Annika Blendl
Martin Hirsch – Hans-Jürgen Silbermann
Claudia Schwarz – Ulrike Knospe
Hoppstedt – Moritz Berg
Rafael Berger – Oliver Nägele
u.a.

Regie – Torsten C. Fischer
Buch – Daniel Wolf, Rochus Hahn

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