Schlaraffenland – Tatort 499 #Crimetime 660 #Tatort #Konstanz #Blum #SWR #Schlaraffenland

Crimetime 660 - Titelfoto © SWR, Hollenbach

Der Beginn als Ende

Erstaunlich, dass man eine neue Kommissarin gleich mit einer solchen Hypothek, um nicht zu sagen, mit einem Trauma ins Rennen schickt – nämlich, dass ihr Mann im ersten Fall umgebracht wird. Das wird sich auf ihr späteres Verhalten noch auswirken, wir werden uns diesem Aspekt und vielen anderen in der -> Rezension widmen.

Handlung

Kommissarin Klara Blum feiert mit ihrem Ehemann und den Kollegen feiert das Sommerfest der Polizeidirektion Konstanz. Da zerstört eine Nachricht die Stimmung: Auf der Halbinsel Hallnau wurde ein zehnjähriger Junge tot aufgefunden.

Klara Blum eilt los und ihr Mann Martin, normalerweise eher Innendienstler, kommt mit. Auf der anderen Seeseite treffen die Blums auf Spuren des verheerenden Feuerbrandes, der sich auf den Apfelplantagen rund um den See ausgebreitet hat. Der Rauch der verbrennenden Bäume und der Lärm der Sägen künden schon von weitem von der Misere der Apfelbauern. Am Fundort der Leiche wartet Bülent Isi auf die Kommissarin. Bülent ist Streifenbeamter, wartet aber sehnsüchtig auf seine große Chance. Den mutmaßlichen Täter hat er bereits festgesetzt. Es ist der 25-jährige Wolfi Osburg, der neben dem toten Butz gefunden wurde. Wolfi gilt als „besonders“: Er ist zurückgeblieben, redet kaum und hat häufig mit Butz gespielt. Und er weist dieselben Teerspuren auf wie Butz. Wolfi, der völlig verstört wirkt, wird zum Hauptverdächtigen. Doch während des Transports nach Konstanz gelingt es ihm zu fliehen. Ausgerechnet Kripochef Blum ist durch seine Nachlässigkeit dafür verantwortlich. Klara löst die Fahndung aus.

Osburg Senior, der Vater von Wolfi, ist ein einflussreicher Mann in der Region. Er baut nicht nur selbst Obst an, sondern verkauft auch Düngemittel und Chemikalien an die kleineren Bauern. Osburg gibt sich lautstark überzeugt davon, dass sein Sohn niemandem etwas zuleide tun könne und will seine Macht ausspielen, um an der Suche nach seinem Sohn beteiligt zu werden. Um den Vater zu beruhigen, bietet der ältere Sohn Hanno seine Hilfe bei der Suche nach Wolfi an. Klara ist nicht begeistert, einen Zivilisten an der Fahndung zu beteiligen, aber sie kann Hannos Überzeugungskraft nicht widerstehen. Als die Ermittler sich auf Wolfis Spuren setzen, ist Hanno dabei, argwöhnisch von Martin beobachtet.

Der Druck erhöht sich, als Wolfi an einer Tankstelle eine junge Frau zur Herausgabe ihres Wagens zwingt. Jetzt haben sie es mit einem Entführer zu tun, denn in dem Wagen schlief die siebenjährige Biene. Klara ist beunruhigt: Schon wieder hat Wolfi ein Kind in seiner Gewalt.

Während sie zur Vorsicht rät, ruft Martin, der seine Panne wieder wettmachen will, eine Großfahndung aus. Polizeiwagen und Hubschrauber treiben Wolfi auf einem Stoppelfeld in die Enge und damit in Panik. Als einer der Polizisten auf ihn schießt, verschärft sich die Situation. Beherzt stellt sich Klara gegen ihren Mann. Sie bläst die Großfahndung ab und übernimmt das Kommando. Gemeinsam mit Hanno Osburg und den Bauern der Umgebung plant sie eine Falle für den Flüchtigen. Während Klara auf Hannos Unterstützung baut, entdeckt Martin, wieder eingetroffen im Präsidium, einen verblüffenden Zusammenhang. Plötzlich präsentiert sich der Fall in einem neuen Licht, bestehen ernste Zweifel an der Täterschaft Wolfis. Wer aber ist dann für den Tod des kleinen Butz verantwortlich? Martin Blum macht einen fatalen Fehler, als er noch einmal zum Hof der Osburgs aufbricht.

Rezension

Der erste Klara-Blum-Tatort ist ein riskantes Drama, dessen Ende nur den erstaunt, der die späteren Fälle nicht kennt. Für die anderen war der Tod ihres Mannes und Kollegen Martin Blum zu erwarten. Auch der Täter zeichnet sich ab einem bestimmten Punkt ab, das Ende ist sowieso eher als Thriller angelegt, der Whodunit tritt in den Hintergrund.

Dem dramatischen Appeal stehen einige Holperer gegenüber, die weniger in Logikfehlern zu suchen sind als in Fragwürdigkeiten der gesamten Konstruktion. Jedenfalls ist einiges faul im Obstbauernland, nicht nur die Äpfel, bei denen ja kräftig nachgeholfen wurde.

Die neue Ermittlerin. Der Tatort 499 wirkt heute ein wenig fremd, weil Klara Blum (Eva Mattes) nicht nur mit Ehemann, aber ohne Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) in ihren ersten Fall geht, sondern auch, weil sie als Figur erkennbar anders gezeichnet ist als heute – man hat die spätere Anlage aber durchaus schon im Blick. Sie wirkt zunächst unbeschwerter und lachender als in den späteren Folgen, und das hat einen Grund. Nämlich den Tod ihres Mannes, des Kriminalrats Martin Blum, am Ende des Filmes.

Damit scheint die Figur für alle Zukunft geprägt – zumindest für die nächsten zehn Jahre kann man das sicher sagen. Sie kann sich später noch an Männer annähern, aber ein Einlassen ist nicht drin, und warum soll es das nicht geben. Es handelt sich ja nicht um einen ruhigen Tod im Bett, sondern um einen Mord seitens eines Tatverdächtigen im Fall des toten Jungen Butz Osburg, den Martin Blum (Michael Gwisdek) erleidet. Das erklärt die zurückgenommene Spielweise, die sie fortan beherzigt, die ist konsequent durchdachte, von den Tatortmachern vom Bodensee; dass diese Figur nicht herumspringt, dass sie sich auch nicht ständig positioniert, wie andere Tatort-Kommissarinnen. Dafür war der persönliche Einschnitt zu tief.

Was auch gut ist: Dieser Hintergrund für ihren Charakter wird sofort in der ersten Folge hergestellt, nicht später nachgeschoben, nur, um eine Figur besser zu erklären, die man schon viele Folgen lang nicht richtig nachvollziehen konnte. Das passt auch zu der Art, wie wir die Bodensee-Tatorte wahrnehmen. Nicht vorwiegend spektakulär, sondern durchdacht.

Später hat man Klara Blum dann den jungen Kommissar Perlmann zur Seite gestellt, da sie ja keine eigenen Kinder haben konnte und ihr so eine halbe Mutterrolle zugebilligt. Und mehr Leichtigkeit reingebracht, mit diesem nett aussehenden und sonnig-unbeschwert veranlagten Typ, der, ganz im Gegensatz zu ihr, immer auf der Suche nach der Begegnung und dem Erlebnis ist.

Klara Blum hingegen ist auf ihre Art introvertiert, horcht in Leute hinein, schaut, handelt auch, aber alles in einer gewissen Demut vor dem Schicksal, die aus der ersten Folge gut verständlich ist. Nur, wer leidet, kann sich weiterentwickeln, wer mit dem Schicksal konfrontiert wurde, kann sich zurücknehmen und hat es nicht mehr nötig, ständig auf den Barrikaden zu stehen, um sich selbst wahrzunehmen und legt auch weniger Wert darauf, unbedingt von anderen wahrgenommen zu werden.

Für uns hat die in „Schlaraffenland“ gegebene Erklärung zur Figur Klara Blum konstitutiven Status für die künftigen Bodensee-Rezensionen insofern, als wir schauen können, ob die Zeichnung der Figur zu dem passt, was „Schlaraffenland“ vorgibt. Bisher war dies der Fall in „Der Kormorankrieg“ und „Blutsbande“ sowie weitgehend in „Engel der Nacht„, . Allerdings nicht im Sinn einer Aufwärtskorrektur, die ist gar nicht nötig, weil uns die klare, beherrschte, wahlweise besonnene Art von Klara Blum sowieso schon gefallen hat. Sie ist uneitel und kennt ihre Grenzen. Sicher kann es auch bei ihr wieder etwas geben, was ihr Leben verändert, wir sind gespannt auf die künftigen Tatorte vom Bodensee.

Da gibt es noch einiges an Zwischentönen, der Streit der Eheleute Blum, dass Klara sich ein wenig vom später als Mörder enttarnten Hanno  Blum (Martin Feifel) einwickeln lässt, was gewiss das eine oder andere Schuldgefühl nach dem Tod ihres Mannes hervorrufen könnte. Schon vorher ist da eine nicht zu übersehende Melancholie drin, in diesem Verhältnis der Eheleute, die sich gerade wieder versöhnt haben, als das Schicksal seinen Lauf nimmt – alles nicht so schlecht gemacht.

Knder und geistig Behinderte sind schwierig, aber offenbar nicht so schwierig wie die Inszenierung einer guten Verfolgungsjagd. Die Episode 499 ist in vieler Hinsicht mutig gestaltet, das trifft unter anderem auf die große Rolle zu,  die Wolfi Osburg (Alexander Beyer) als geistig zurückgebliebener junger Mann zu spielen hat und ein kleines Mädcen, das er in seine Gewalt bringt – mehr oder weniger, ohne es zu wollen, sie sitzt in dem Wagen, den er stiehlt, um zu fliehen. Solche Parts tragend zu machen und die Verfolgungsjagd dazu, die hier inszeniert wird, dafür ist hoher schauspielerischer und plottechnischer Aufwand nötig. Schauspielerisch ist alles weitgehend gelungen, Beyer wirkt recht glaubwürdig – auch am Ende, als er mit einem Mal umschwenkt und seinem bösen Bruder eins mit einem Ruder über den Kopf gibt, als dieser gerade Eva Mattes mit der Waffe bedroht.

Die Verfolgungsjagd an sich ist nicht frei von Problemen. Zum einen wundert man sich, dass die Polizei solche Mühe hat, einen Mann im Auto zu stellen, der nicht einmal eine Fahrlizenz hat und erkennbar Probleme, den Wagen zu beherrschen, zum anderen bricht man die Verfolgung nach einem dilettantischen Manöver ab und fängt an, aus atmosphärischen Gründen die Gegend mit Feuern zu erhellen, um den jungen Mann in die Enge zu treiben. Da hatten Zweifel, ob das psychologisch und auch örtlich durchdacht ist. Manchmal stellen sich Tatorte selbst ein Bein, um abwechslungsreicher und weniger vorhersehbar zu wirken. Wir sehen es lieber, wenn die Wendungen in gut gezeichneten Figuren angelegt sind, uns zwar so, dass man sie mindestens für möglich hält und weniger darauf basieren, dass die Polizei anfängt, seltsame Experimente zu machen, anstatt dem, was sie für solche Fälle gelernt hat, zu folgen.

Außerdem wird an der Stelle auch die Figur von Wolf Osburg ein wenig unglaubwürdig, es sei denn, man sagt, Fluchtinstinkt und daraus folgende Handlungsmöglichkeiten einerseits und intellektuelle Fähigkeiten andererseits können ja komplett unterschiedlich entwickelt sein.

Übles Obst. Keine Nebenhandlung, sondern Grund für beide Morde im Film ist die Tatsache, dass der Obstgroßhändler Osburg um seine Existenz kämpft, die ihm durch die zunehmende, ökologisch fundierte Selbstständigkeit der Bauern, denen er zuvor die Äpfel abgenommen hat, schwieriger geworden ist. Es bleibt auf immer ein Geheimnis des Films und von Herrn Osburg, warum dieser nicht die neuen Apfelzeiten annimmt, warum er nicht seine Vertriebskanäle nutzt und zusammen mit den Bauern viel höhere Gewinnspannen mit Ökoobst erzielen will, stattdessen deren Äpfel mit Bakterien infiziert. Es ist   richtig und beweist sich jedes Jahr deutlicher, dass der ökonomische Sachverstand von Managern bei weitem nicht immer den langen Studienzeiten entspricht, die sie aufgewendet haben, um ihn zu erlangen – aber so ein Instinktunternehmer wie Osburg macht einen solchen Blödsinn? Und glaubt, einen Metattrend hin zu ökologischen Lebensmitteln aufhalten zu können, indem er ein paar Bäume anritzt? Und wenn es ein paar mehr sein sollen, hätte ihm klar sein müssen, dass er irgendwann einmal beobachtet wird. Wie geschehen und Auslöser des Geschehens.

Es ist offenbar ebenfalls richtig, dass der ökonomische Sachverstand von Drehbuchautoren nicht immer ausreicht, um ökonomische und sonstige Denkweisen eingefleischter Unternehmer einigermaßen sinnvoll  darzustellen. Man kann auch sagen, das haben sie meist gar nicht gelernt und dementsprechend dilettantisch geraten auch Figuren wie Osburg. Dass der Typ mal die ganze Gegend beherrscht hat, kann man sich kaum vorstellen, angesichts seiner Verstrickung in alle möglichen Verbrechen innerhalb kürzester Zeit. Viel zu wenig koordiniert, dito sein Sohn Hanno (Martin Feifel), der wahre Täter, man kann auch sagen, das ausführende Organ seines Vaters.

Finale

Einer starke Einführung für Klara Blum als Ermittlerfigur steht eine in wichtigen Teilen konstruiert wirkende und in bezüglich einiger Figurenmotive nicht überzeugende Handlung gegenüber. Stilistisch ist der Film gut gemacht, mit starken Bildern, die alle Emotionen gut transportieren. Die ruhige Hand späterer Bodensee-Tatorte ist hier nicht zu spüren, dafür aber darf Klara Blum einmal und nur dieses eine Mal ganz aus sich herausgehen. 

7/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Klara Blum – Eva Mattes
Martin Blum – Michael Gwisdek
Wolfi Osburg – Alexander Beyer
Heinz Osburg – Mathias Gnädinger
Bülent Isi – Ercan Özcelik
Annika Beck – Justine Hauer
Hanno Osburg – Martin Feifel
Manfred Steinert – Max Hopp
u.a.

Drehbuch – Stefan Dähnert
Regie – Nina Grosse
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Szenenbild – Jörg Höhn

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