Das Beste für mein Kind – Polizeiruf 110 Fall 366 #Crimetime 676 #Polizeiruf #Pollizeiruf110 #Polen #Brandenburg #Lenski #Raczek #RBB #Kind #Bestes

Crimetime 676 - Titelfoto © RBB, Andrea Hansen

Eine Familiensache

So privat war ein Polizeiruf selten. Es geht nur um wenige Menschen und um ein sechs Monate altes Kleinkind. Das Verbrechen wird mehr oder weniger eingebaut, um das Drama an einem Krimi aufhängen zu können. Am Ende passt es aber besonders gut. Warum das so ist und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Der sechs Monate alte Leon Hallmann wird aus der Kinderstation eines Krankenhauses in Frankfurt (Oder) entführt. Zutiefst besorgt, rufen seine Eltern Sabine und Robert Hallmann die Polizei. Wenige Stunden später wird das Baby an einem Krankenhaus im polnischen Gorzów Wielkopolski ausgesetzt. Der Entführer, identifiziert als Pawel Rozanski, wird kurz darauf tot aufgefunden. Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek stoßen im Umfeld des entführten Kindes schnell auf ein kompliziertes Beziehungsgeflecht. So offenbart sich, dass der kleine Leon von den Hallmanns adoptiert wurde.

Die leibliche Mutter Anna Kowalska lebt mit ihrem Ehemann Bartosz Kowalski, einem Lkw-Fahrer, und Tochter Halina in Polen und arbeitet in einem Kinderheim. Angeblich hatte Robert Hallmann ein Verhältnis mit Anna und Leon ist der gemeinsame Sohn. Alles deutet auf eine „wilde Adoption“ hin, denn ein erneuter Vaterschaftstest zeigt: weder Robert Hallmann noch Annas Ehemann Bartosz sind mit Leon blutsverwandt.

Unglücklicherweise hängt bei Adam Raczek auch noch der Haussegen schief. Seine Frau Lydia würde gerne wieder arbeiten gehen und in die Stadt ziehen. Doch Adam findet, es sollte alles so bleiben, wie es ist. Kurzerhand setzt Lydia ihren uneinsichtigen Gatten vor die Tür.

Rezension

Ausgerechnet zu diesem Film haben wir keine Handlungsbeschreibung gefunden, die ausführlich bis zum Ende geht. Ganz eindeutig finden wir die letzten Bilder nämlich nicht. Aber letztlich haben die beiden Kommissare Lenski und Raczek wohl doch die arme Anna, die den Vater des umstrittenen Jungen Leon, ihres Kindes, getötet hat, der Gerechtigkeit übergeben müssen. Wäre es so viel besser gewesen, wenn ihr Mann sich geopfert hätte? Zum Ende hin löst sich die Logik ein wenig im Drama auf, weil die Motive sehr schwer darzustellen sind – wer hatte nun wirklich genau was vor? Und warum hatte Anna den Vater des Kindes getötet? Weil sie sich nicht einig über die künftige Lebensgestaltung waren?

Auf der Seite Hallmann ist eigentlich alles klar. Tragisch, dass die Frau, die das Kind vom ersten Tag an wie eine Mutter umsorgt hat, es verliert, weil sie einen illegalen Weg gegangen ist, um Leon zu bekommen. Wir können uns vorstellen, wie es ist, einen Kinderwunsch so viele Jahre wegen Zeugungsunfähigkeit nicht realisieren zu können, er wächst sich immer mehr zu einer Obsession aus, wenn man nicht in der Lage ist, sich ein anderes Ziel oder einen anderen Traum zu suchen.

Jenseits der Grenze wird wohl aus einem Fremdgehen erst eine Affäre dadurch, dass ein Ehepartner es nicht mitansehen kann, wie eine fremde Frucht im Körper seiner Frau heranreift. Gerade weil es erwähnt wird, wirkt es seltsam, dass sie dafür auch ihre ebenfalls noch kleine Tochter allein gelassen hat – um die Schwangerschaft woanders zu beenden. Klar hingegen wiederum, warum Anna bei den Hallmanns auftaucht. Um nachzusehen, ob Leon nach seiner Absetzung vor der Klinik wohlbehalten zurückgefunden hat.

Aber vielleicht sind die Motive auch nicht immer so leicht zu erklären. Je weniger materialistisch Personen orientiert sind, desto schwieriger wird es, sie psychologisch einzuordnen. Vielleicht auch deshalb die optische Abhebung der deutschen von der polnischen Seite und die größeren Ausdeutungsmöglichkeiten auf Letzterer. Die komplexeste Figur ist sicher Anna, die Mutter von Leon, aber auch die beiden Polizisten dürfen sich emotional einbringen. Vor allem Adam Racezk kann etwas beitragen, wenn er bei Befragungen zurückgefragt wird. Nicht nur, dass er ebenfalls Familie hat, was uns überraschte, denn zu Beginn der Zusammenarbeit mit Lenski dachten wir, er sei Single. Nein, es findet auch gerade eine Ehekrise statt und die Rollläden gehen runter. Aber seine Frau geht nicht fremd, da ist sich Raczek sicher. Bei Olga Lenski hingegen hält sich das Familienleben knapp. Einmal sieht man sie mit ihrer Tochter und da kann sie sich nur schwer von dem Mädchen trennen. Das haben wir verstanden.

„Das Beste für mein Kind“ ist der erste Fall mit dem deutsch-polnischen Kommissariat unter denen, die wir schon kennen, der auch am alten Standort Potsdam hätte spielen können. Natürlich erzählt das Verkaufen von Kindern wieder eine Geschichte vom Wohlstandsgefälle, das gibt es aber auch innerhalb von Brandenburg. Man hätte den Plot leicht verändern müssen, um innerhalb der deutschen Rechtslage eine illegale „Kindesübernahme“ zu zeigen – oder der Konflikt wären nach einer legalen Adoption dadurch entstanden, dass, wie hier, seitens der Pflegeeltern ein Irrtum über den wirklichen Kindsvater herrscht und es dadurch zu Problemen kommt.

Finale

Traditionell kommen Brandenburg-Polizeirufe ein wenig langsam in Fahrt, das gilt, abgeschwächt allerdings, auch nach der Verlegung an die polnische Grenze. Aber „Das Beste für mein Kind“ steigert sich sehr schön und hatte einige Momente, die uns emotional mitgerissen haben. Das bedeutet etwas, angesichts des hohen Arbeitsvolumens, das wir derzeit haben und das uns jeden Tag mindestens ein Krimidrama beschert. Wir sehen die Gefahr durchaus, dass einiges geboten werden muss, damit wir noch richtig in einen Film einsteigen. Andererseits hat ein wenig semiprofessionelle Distanz auch Vorteile. Wir sehen dadurch besser die Schwächen und auch die Besonderheiten jedes Tatorts oder Polizeirufs.

Diejenigen Kritiker, die Ende 2017, als der 366. Polizeiruf Fernsehpremiere hatte, vom bisher besten Polizeiruf im deutsch-polnischen Grenzgebiet schrieben, haben wohl Recht – unter Vorbehalt, uns fehlen noch zwei dieser Filme.

„Das Beste für mein Kind“ ist ansprechend gespielt, hat einen im Ganzen doch überzeugenden Plot und vor allem wirken die Figuren authentisch, inklusive des Ermittlerduos. Raczek erholt sich zwar im Dienst immer augenfällig schnell von seinem höchst unbequemen Privatleben, aber dass man sich dann so richtig in die Arbeit stürzt, mit einer Portion Extra-Energie, soll es geben. Es hängt wohl vom Typ ab, dem jene Unbilden des Lebens widerfahren.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jakob Ziemnicki
Drehbuch Jakob Ziemnicki,
Elke Rössler
Musik Dirk Dresselhaus
Kamera Gunnar Fuss
Schnitt Kilian von Keyserlingk
Besetzung

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