Bildersturm – Tatort 388 #Crimetime 854 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Bilder #Sturm

Crimetime 854 - Titelfoto © WDR

Verbrannte Erde und brennende Herzen

In ihrem vierten Fall haben es Max Ballauf und Freddy Schenk mit zwei Morden zu tun, die offenbar etwas mit einer Ausstellung zu tun haben, welche die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg vor allem fotografisch dokumentiert. Alles weist auf einen rechtsradikalen Hintergrund hin und es zeigt sich, dass auch Freddys Onkel Richard in ein Massaker verstrickt gewesen sein könnte, dieser leugnet jedoch hartnäckig die Beteiligung. Eine Spur führt nach Belgien, woraufhin sich die beiden Kommissare auf schnellstmöglichem Weg begeben. Was dort geschieht und mehr besprechen wir in der -> Rezension.

Handlung

In einem Waldgebiet bei Köln wird die Leiche des Bankiers Brenner gefunden. Getötet wurde der alte Mann durch einen Kopfschuß; neben ihm liegt ein Bündel verkohlter Banknoten. Ballauf und Schenk ermitteln in dem mysteriösen Mordfall und müssen sich außerdem auf einen weiteren Schauplatz konzentrieren: Anne Klee, Leiterin eines Kölner Museums, hat eine massive Morddrohung erhalten – offenbar aus der rechtsradikalen Szene. Anlaß ist eine Ausstellung, die anhand von Fotos Verbrechen deutscher Wehrmachtsangehöriger im Zweiten Weltkrieg dokumentiert.

Die beiden Kommissare sind tief betroffen von all dem Grauen. Schenks Onkel Richard wiederum, der selber Soldat war, hätte es lieber, wenn man Vergangenes ruhen ließe. Dann geschieht ein zweiter Mord: Diesmal ist es der Rentner Ernst Waldmann, der durch einen Kopfschuß exekutiert wurde – neben ihm liegt ein Häuflein verbrannter Geldscheine.

Mit Hilfe von Waldmanns Witwe finden Ballauf und Schenk eine Spur: Sie führt direkt ins Museum, zum Foto Nr. 73. Es zeigt drei deutsche Soldaten bei der Erschießung belgischer Zivilisten. Die Kommissare stellen zweifelsfrei fest, daß es sich bei zwei Schützen um Brenner und Waldmann handelt – aber wer ist der dritte? Wird er – sofern er überhaupt noch lebt – das letzte Opfer eines verzweifelten Rachefeldzuges sein? Für die Kommissare beginnt ein Wettlauf mit der Zeit – bis Freddy Schenk eine fast unglaubliche Entdeckung macht.

Rezension

Die frühen Ballauf-Schenk-Tatorte waren das Modernste und Radikalste, was es damals im weiten Tatortland gab und „Bildersturm“ spiegelt das besonders gut wieder. Die rasante Filmweise, der unverblümte Umgang mit einem zu der Zeit ganz heißen Thema, der gut und gerne zu Anfeindungen seitens rechter und rechtsextremer Kreise hätte führen können, die heute noch ansehnliche Art, das Persönliche und den Humor trotz allem Ernst der Dinge nicht zu kurz kommen zu lassen, überzeugen sehr – und weit mehr als in manch jüngerem Tatort. Aus jedem Schnitt und jeder Einstellung dieses Films sprüht das Engagement, mit dem der WDR das damals noch junge Team inszenieren ließ.

Es wirkt beinahe wie eine Befreiung von allen alten Tatortzöpfen und als habe man endlich die Chance, alles so zu filmen, wie man es wirklich will, frei von Zurückhaltung und allzu vielen Konventionen. Das war wirklich eine toller Kölner Zeit, auch die anderen Filme der „frühen Phase“ von Max und Freddy sind immer noch Favoriten der Fans. „Willkommen in Köln“ und „Bombenstimmung“, die ersten beiden der neuen Ära ab 1997, haben wir bereits rezensiert. Mit „Bildersturm“ ist jetzt erst eine Lücke entstanden, weil wir „Manila“ noch nicht im Programm haben.

Das Thema der Zeit

Im Laufe ebenjener Zeit geriet manches zum Manierismus, wie etwa die Würstchenbude zum Abschluss eines jeden Films, aber diese gibt es in „Bildersturm“ noch nicht. Man hat sich irgendwann richtiggehend daran gewöhnt, dass die Kölner kein brisantes Sozialthema auslassen, dabei aber eine ziemlich statische Form entwickelt haben (den sogenannten „Thesen-Krimi“, den manchmal, aber nicht so intensiv, auch die Münchener und andere Duos verwenden – ein Kommissar hat eine bestimmte Meinung zu einem gesellschaftlichen Thema, der andere relativiert oder vertritt gar die gegenteilige, also eine dialektische Aufbereitung von These und Antithese).

In „Bildersturm“ gibt es auch das noch nicht, weil es beim WDR, bei den Machern und vermutlich sogar bei den Schauspielern keine zwei Meinungen zur Sache gab. Es hätte unnatürlich gewirkt, wenn einer von beiden die Wehrmacht verteidigt hätte. Um trotzdem die andere Seite lebendig werden zu lassen, hat man Freddys Onkel erschaffen, der als Wehrmachtssoldat bei dem Rückzug im Weseten Ende 1944 an der Erschießung einer Lehrerfamilie in Belgien beteiligt war. Dass er dies so hartnäckig leugnet, dass es wirklich glaubhaft erscheint, finden wir, ist eine der besten Leistungen des Films – denn nicht wenige sind wirklich so weit gegangen, alles abzustreiten, was doch offensichtlich war, bis hin zur Abspaltung von sich selbst mit den unausweichlichen psychischen Folgen.

Sachlich müssen wir einschieben, dass es sich hier um die erste der beiden Wehrmachtsausstellungen „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ handelt, die nach großen Kontroversen 1999, kurz nach Entstehung des Tatorts, zurückgezogen worden war. Das Bomben-Attentat auf die Ausstellung, das im März 1999 in Saarbrücken stattfand, konnte in den Film nicht mehr eingearbeitet werden, weil er schon Ende 1997 entstand und im Sommer 1998 gezeigt wurde. Gerade deswegen und weil die sachliche Kontroverse ja erst mit der Zeit entstand, ist es erstaunlich, wieviel sich im Tatort davon bereits wiederfindet. Man hat Rechtsradikale, rechtskonservative Politiker und die Verteidiger der Ausstellung sehr geschickt auf wenige Personen reudziert, die exemplarisch für die jeweilige Gruppe stehen und damit eine weitere Überfrachtung dieses ohnehin sehr reichhaltigen Tatorts vermieden.

Das Thema war kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, da haben die Kölner schon einen Tatort daraus gemacht, insofern ist „Bildersturm“ eines der prägnantesten Beispiele dafür, was sich diese Tatortschiene auf die Fahnen geschrieben hatte. Damit waren sie auch Wegbereiter für die heute gängigen Politkrimis innerhalb der Reihe.

Gewisse Unglaubwürdigkeiten eingeschlossen. Dass sich zum Beispiel der nette Professor, der die Ausstellung wissenschaftlich begleitet und in einer Fernseh-Diskussion gegen einen Rechtsausleger der CSU antritt, als Rächer mit belgischer Herkunft herausstellt, ist over the Top, aber ich denke, das wussten die Macher des Tatorts auch, es entspricht zudem der Linie, jede Position, jedes Schicksal mit einem griffigen Charakter zu verdeutlichen. Generell ist das in einem Film kaum anders möglich, wenn er nicht zu trocken-dokumentarisch wirken soll. Warum er am Ende den Onkel von Freddy ziehen lässt, erschließt sich uns auch nicht – weil’s einfach genug ist? Immerhin hat er ihn aus einer Klinik entführt, wie Professoren das eben tun, wenn sie wirklich hinter einer Sache und einem Menschen her sind.

Insofern doch ein Ritual. Die Entführung von Menschen, die unter Personenschutz stehen, ist nicht nur in Köln, aber gerade dort, ein running gag geworden, es gab sogar schon die Variante, dass einer der Ermittler sich quasi als Lockvogel zur Verfügung gestellt hat, um einen Verbecher überführen zu können, nachdem alle anderen Mittel versagt haben . Und es ist auch ein Gag, denn wenn die Polizei wirklich so doof wäre, wie sie in dem Zusammenhang wirklich jedes Mal dargestellt wird, wären die Medien voll von aus der Klinik entführten Verdächtigen, Zeugen und anderen Menschen, die in irgendeiner Form mit einem Verbrechen zu tun haben. Aber auch das war 1998  noch nicht so zum Gähnen wie heute. Es reizt eben, weil es anders kaum möglich ist, Menschen wieder in Gefahr zu bringen, bei denen der Personenschutz so zwingend ist, dass dessen Ausbleiben wohl ähnliche Diskussionen unter den Krimifans hervorrufen würde wie die schlechte Ausführung.

Ein weiteres Merkmal des Films ist die eher rudimentäre Konzentration auf die Ermittlungslinien, die heute zwar ebenfalls häufig anzutreffen ist, damals aber war’s noch nicht so, dass zugunsten von Emotion und Aktion die Kriminaltechnik in den Hintergrund gedrängt wurde. In Köln hatte man in der Folge immer wieder den Eindruck, diese sei eher lästig, deswegen hat man am Schluss oft eine schnelle Wahrheit per DNA-Analyse produziert, während sich die Ermittlungen zuvor so dezent und schleppend dahinzogen, dass das gesellschaftlich relevante Thema nicht bei der Entfaltung gestört wurde.

„Bildersturm“ war in jeder Hinsicht ein sehr trendiger Tatort, das heißt, sie hatten beim WDR das Ohr am Puls der Zeit. Dazu trägt auch die für damalige Verhältnisse beachtliche Privatinvolvierung der Ermittler bei, die hier bei beiden Kommissaren zu betrachten ist. Freddy muss seinen Onkel bei der Familie unterbringen, damit dieser geschützt ist – komplett unrealistisch, aber so lernt man mal seine Tochter kennen, die zumindest in den ersten beiden Köln-Tatorten nicht zu sehen war, Freddys Familienleben kommt also erstmalig ins Spiel. Gleichzeitig endet – vorerst – das raue Verhältnis zwischen Max und Freddy zugunsten des wichtigen Themas. Freddy wirkt hier nicht mehr wie ein Typ, der als Cop selbst an der Schwelle zur Gefängniszelle agiert, dafür zeichnet sich das Buddy-Verhältnis der beiden ab, wobei Max eindeutig der Chef ist und das auch raushängen lässt, worauf Freddy ironisch anmerkt: „Harry, hol schon mal den Wagen“. Wir wissen, das ist ein Kultzitat aus „Derrick“.

Max hingegen bekommt zum ersten Mal ein Love Interest, die Ausstellungsleiterin oder –kuratorin. In der Rolle sehen wir Sabine Vitua, die uns bisher kein Begriff war, obwohl sie in vielen Serien mitwirkt. Vermutlich liegt’s daran, dass unser Serieninteresse sich weitgehend auf den Tatort beschränkt, also auf ein Premiumprodukt des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, während wir uns beim Thema Kinofilm keine Grenzen setzen. Diese Anbahnung einer Romanze fanden wir sehr schön gespielt, und da hatte Max, obwohl geschieden, wie im Film erwähnt wird, noch nicht die Stellung eines einsamen Wolfes und einer Leidensfigur in Sachen Beziehungen, das ihn heute als eine besondere Aura umweht. Die Darstellerin war eine echte Überraschung für uns. Da wir bei Schreiben für den Wahlberliner nicht an objektivierende journalistische Vorgaben gebunden sind, hauen wir mal raus, dass wir sie, wenn wir eine Liste aller bisher in Tatorten zu sehenden Schauspielerinnen in Punkto erotischer Ausstrahlung ganz weit vorne einordnen würden. Zudem haben die frühen Kölner Tatorte ja auch noch Anna Loos als Assistentin, die wir ebenfalls in diesem persönlichen Ranking sehr hoch ansiedeln. Vor allem passen die Frau und Max typmäßig sehr gut zueinander, und das macht natürlich viel aus, was die Glaubwürdigkeit einer Romanze angeht.

Wir haben’s genau gesehen, in einer Nahszene mit Vitua hat Klaus J. Behrendt einmal geschluckt – das sollte eigentlich nicht passieren, aber verstehen können wir’s. Wenn  man bedenkt, was ihm beziehungsmäßig alles bevorstehen wird, wär’s besser gewesen, aus der Sache wäre was geworden – aber vermutlich taucht die Ausstellungsmacherin im nächsten Film schon gar nicht mehr auf. Hoffnung gibt es dennoch. Im  nächsten neuen Tatort der Kölner, der in wenigen Wochen laufen wird („Wahre Liebe“), ist die blonde Polizeipsychologin Dr. Rosenberg wieder dabei, die erkennbar an Max interessiert ist – wer weiß, vielleicht wird diese On-Off-Geschichte ja mal wieder eingeschaltet.

Als im Jahr 2001 die zweite Variante der Wehrmachtsausstellung eröffnet wurde, die zumindest gemäßigte Kritiker der ersten mit ins Boot nehmen konnte, war „Bildersturm“ schon Geschichte, dessen Titel sich auf die Angriffe gegen Bilder der Ausstellung inklusive Hakenkreuz-Schmierereien bezieht. Doch bereits in diesem Film wird über ein Foto diskutiert, das offenbar nicht historisch korrekt ist, und darum drehte sich ja ein guter Teil des wissenschaftlichen Streits zur wohl meistdiskutierten Ausstellung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, die in ihrer Nachwirkung wohl nur von der Show „Entartete Kunst“ (1937) übertroffen wird, die einen tatsächlich diffamierenden Charakter hatte – und ebenfalls auf ein riesiges Publikumsinteresse stieß.

Finale

Den Kölnern gebührt die Ehre, dieses Thema im Ganzen sachgerecht und einprägsam in eine Form zu bringen, die gar nicht so leicht ist, denn es ist naturgemäß nicht möglich, differenzierend und mit allen Hintergründen zu operieren – vielmehr hat man sich eindeutig auf die Seite der Vergangenheitsbewältigung gestellt. „Bildersturm“ gehört für uns trotz einiger Schwächen im Plot und der Glaubwürdigkeit einiger Aspekte, die aber nicht die Ausstellung an sich betreffen, zum Kanon der Kölner, die man gesehen haben muss.

Es bleibt anzumerken, dass es die gezeigten Massaker an der Zivilbevölkerung wirklich gab. Wir haben gerade „Die Mörder sind unter uns“ für die FilmAnthologie des Wahlberliners rezensiert und können daher konstatieren, schon 1946 wusste man im Wesentlichen Bescheid, dass nicht nur SS-Sondereinheiten, sondern auch die Wehrmacht Kriegsverbrechen verübt hat. Es ist festzustellen, dass man sich in „Bildersturm“ aber doch geschickt einem bestimmten Aspekt ferngehalten hat: Was wäre, wenn die Soldaten auf Befehl gehandelt hätten? Es ist bekannt, dass Befehlsmissachtung sehr schnell zum eigenen Tod führen konnte. Man hat diese Diskussion in der Diskussion vermieden, indem man die handelnden Soldaten als einen Trupp dargestellt hat, der auf dem Rückzug befindlich, Rache an Zivilisten geübt hat, aus dem üblichen Grund: irgendwer hat auf einen der Soldaten aus dem  Hinterhalt geschossen und ihn sogar getötet.

Wie die psychologische Situation der Soldaten anhand von Freddys Onkel Richard erläutert wird, ist noch einmal ein Beweis dafür, wie geschickt man hier vorgegangen ist: Wie auch immer er argumentiert, die Tötung wehrloser Zivilisten, dazu noch solcher, die den Schuss gar nicht abgegeben haben können – auch da hat man noch einmal eine Sicherung eingebaut, damit nicht relativiert werden kann – was geschehen ist, bleibt ein Verbrechen und Mord verjährt bekanntlich nicht. Das Ende lässt offen, was mit Onkel Richard passieren wird.

8/10

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Lissie – Anna Loos
Onkel Richard – Traugott Buhre
Professor Koning – Hark Bohm
Anne Klee – Sabine Vitua
Frau Waldmann – Gerda Gmelin
Witwe Brenner – Gisela Uhlen

Drehbuch – Robert Schwentke, Jan Hinter
Regie – Nikolaus Stein
Kamera – Arthur W. Ahrweiler
Schnitt – Corina Dietz
Musik – Loy Wesselburg
Produktion – WDR

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