Unser Leben mit Vater (Life with Father, USA 1947) #Filmfest 276

Filmfest 276 A

Unser Leben mit Vater (OT: Life with Father) ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 1947. Vorlage war das Theaterstück Life with Father von Howard Lindsay und Russel Crouse. Die Hauptrollen spielten William Powell und Irene Dunne. (1)

Ich bin mit großen Erwartungen an dieses Werk herangegangen, weil ich eine Warner-Version der großen MGM-Familienfilme jener Jahre erwartete. Nur eben mit Irene Dunne und William Powell anstatt Walter Pidgeon und Greer Garson in den Hauptrollen. Um den MGM-Touch zu verstärken, hatte man sich von dort die junge Elizabeth Taylor ausgeliehen, die bereits zu dieser Zeit, insbesondere nach „National Velvet“, ein Jungstar war.

Handlung

Der Film spielt Anfang der 1890er Jahre in New York. Clarence Day Sr. ist ein erfolgreicher Broker an der Wall Street und meint, seinen beruflichen Erfolg und seine Methoden auch in seiner Familie umsetzen zu können. Seine hübsche und sehr religiöse Frau Vinnie sieht er als netten Schmuck an seiner Seite. Er erkennt jedoch nicht, dass trotz seiner Verbesserungsideen und seines autoritären Verhaltens sie der eigentliche Kopf der Familie ist. Vinnie weiß über alles in der Familie Bescheid, während der Vater in dem Glauben lebt, er habe die Familie im Griff. So kriegt er auch nichts von den Geschäften seiner Kinder mit, die sich ein Zubrot verdienen, oder von der ersten Liebe seines ältesten Sohnes Clarence Junior, der hübschen Mary Skinner. Die Handlung wird in Form einer Anekdotensammlung erzählt, verbunden durch Vinnies Versuche, ihren Mann davon zu überzeugen, dass er sich endlich taufen lässt, da er sonst niemals in den Himmel kommen könne.

Auch zur Produktionsgeschichte des Films gibt es einige (im Vergleich zur Handlung wesentlich längere) Absätze in der Wikipedia.

Rezension 

Wir lesen in den Notizen zur Produktion, wie sehr der Film ans Theaterstück angelehnt werden musste und so wirkt er auch: recht statisch. Ich werde den Verdacht nicht los, gewisse Darbietungen wirken auf der Bühne doch intensiver als im Film, wenn man im Film nicht einige Freiheiten zum Tragen kommen lassen, die nur dieses Medium bietet. Im Prinzip ist die reine Abfilmung eines Theaterstückes auf Zelluloid ein Rückfall in die Anfangszeit des Kinos um 1900. Aber wenn derlei witzig ist, kann es trotzdem einen vergnüglichen Abend bereiten, schließlich werden ja auch Aufführungen am Theater im Fernsehen live gezeigt und der Eindruck, es handelt sich um Theater, ist absolut authentisch, während der Film es erreichen kann, dass man glaubt,  man stehe direkt in der Wirklichkeit.

Aber da ist mehr, was mich an „Leben mit Vater“ stört. Man hat den Eindruck, er gehört zu den Werken, die das zu jener Zeit stark voranscheitende, erzkonservative Layout der USA für die nächsten zehn Jahre geradezu symbolisieren. Wie kann man als zentrales Element der Handlung und quasi als Running Gag die Konfessionen und ob jemand getauft ist oder nicht installieren? Methodisten? Presbyterianer? Ah ja. Da sind Welten dazwischen.

Was im WASP-Amerika, dem gehobenen Mittelstand an der Ostküste in jener Zeit vielleicht eine Relevanz hatte – gemeint ist die Zeit, in welcher der Film spielt, vor dem Ersten Weltkrieg, das wirkt heute schon ziemlich verschroben. Und auch wenn es nicht gerade theologisch durchdrungen klingt: Ich dachte die ganze Zeit, dass ein Gott, der auf solche Unterschiede Wert legt, ein ziemlich engstirniger und irgendwie rassistischer Typ sein muss. Aber das denke ich sowieso häufig, angesichts des alltäglichen Geschehens auf der Welt. Im Grunde wird hier gespiegelt, wie kleingeistig es auch im Großbürgertum zugeht. Über Religion zu diskutieren und ob ohne einen Schwung Weihwasser über den Schädel der Himmel niemals erreicht werden kann, ist freilich ein schwieriges Thema, vor allem für diejenigen, die solche Riten gar nicht kennen können, weil sie zufällig außerhalb des christlichen Universums geboren wurden und vielleicht ganz andere Ansichten über die Erlangung des Paradieses haben.

Mag dies also noch kurios wirken, wird es lächerlich, als Vinnie ihren Mann ständig mit einfachster finanzieller Scheinlogik übertölpelt. Wir schreiben irgendwie ein Jahr kurz nach 1900, aber es zeichnet sich bereits ab, dass die Wall Street nicht eine Ansammlung der Versiertesten im Finanzgewerbe ist, sondern der Blasiertesten und Ruchlosesten. Das ist auch so ein Gedanke, der bei dem Film nicht fern liegt. Kein Wunder, dass es 1929, 1987, 2008 zu Krisen kam, die kein kaufmännisch denkender Mensch nachvollziehen kann. Es ist alles Voodoo und eine trickreiche Hausfrau ist allemal in der Lage, den IQ ihres Mannes anhand einfacher Verdrehung der Tatsachen schonungslos zu entlarven. Viele Kritiker rühmten Irene Dunne und William Powell in ihren Rollen als Ehepaar Day. Ich finde sie in dramatischen Filmen besser, aber wenn man liest, wer noch alles im Gespräch war, sogar Bette Davis!, denkt man sich: Hätte viel schlimmer kommen können. William Powell als eleganter Lebemann, der dem dünnen Mann an der Seite der kapriziösen Myrna Loy nachjagt oder Greta Garbo in „Ninotschka“ Paris zeigt, steht für mich über seiner Darstellung als Vater Day, obwohl er vom Alter (55) her genau richtig war, als der Film gedreht wurde.

Wären die Filmrechte an MGM gegangen und hätte man Pidgeon / Garson eingesetzt, wäre es dann besser gewesen? Oder Spencer Tracy mit – ja, mit wem?  Sicher nicht mit Katherine Hepburn, in diesem Fall, das wäre eine Fehlbesetzung gewesen. Und Liz Taylor hat nicht genug Spielzeit, um diesem Film ein Glanzlicht aufzusetzen und ist eben nur Teil eines Ensembles, das nebst den Eltern Day aus vier Söhnen besteht, deren Darsteller aus nicht so schwer nachvollziehbaren Gründen keine großen Hollywoodkarrieren gemacht haben.

Regisseur Michael Curtiz hat immer „Casablanca“ und einige weiter hervorragende Kinostücke zu verantworten, vor allem hat er das Duo Errol Flynn und Olivia de Havilland zu Superstars gemacht, aber fremde Länder, weite Meere, große Abenteuer sind eine Sache, ein Familienstück, das weitgehend in einem einzigen Set spielt, eine andere. Man weiß leider nicht, was dabei herausgekommen wäre, wenn er mehr künstlerische Freiheit gehabt hätte, aber er kam nicht vom Theater und das macht schon einen Unterschied, wenn es darum geht, Theaterstücke zu adaptieren und sie eben doch auf eine ganz vorsichtige Weise und ohne die festgeschriebenen Regeln zu verletzen ein wenig filmischer wirken zu lassen.

Zum Beispiel durch eine ausgeprägtere visuelle Note, denn der Film wirkt auf mich auch etwas zu konservativ in seiner Visualität. Sicher, je mehr Mainstream, je mehr Familie, desto weniger Expressionismus, aber für meine Begriffe hat man sich gar zu sehr am etwas schwülstigen MGM-Stil orientiert, anstatt die Tradition der Warner Brothers mit realistischen, schnellen Streifen wenigstens ein bisschen mehr auf „Life with Father“ zu übertragen. Ganz so zuckersüß wie ein MGM-Muscial der Zeit ist das Werk nicht geworden, aber es ist auch kein großer Film als Film.

Mag sein, dass meine Erwartungen auch durch die Filmmusik von Max Steiner mtigeformt wurden, die ich kannte, bevor ich den Film sah: Ich hatte etwas mehr Wald, Wiese, Sonntagsausflug erwartet und nicht so viel von diesem violetten Interieur eines Townhouses, welches man nach meiner Ansicht ohnehin an den Geschmack von 1947 angepasst hat – weniger von der Einrichtung als eben bezüglich der einfarbigen, blauvioletten Wände.

Dass man mit diesem Film viel vorhatte, zeigt sich an den Produktionskosten. 5 Millionen Dollar waren zu jener Zeit ein Wort, zumal für die Warner Brothers, die sich nicht nur ihren Stars gegenüber gerne knickerig und wenig freundlich verhielten, sondern sich auch vor Großproduktionen scheuten, wie sie bei MGM oder Paramount häufiger vorkamen. Der Aufwand habe sich nicht so recht gelohnt, heißt es weiter, der Film bliebe hinter den Erwartungen zurück, schreibt eine deutsche Kritik. Aber was hatte man erwartet? „Life with Father“ war der vierterfolgreichste Film des Jahres und der erfolgreichste der Warner Brothers und spielte ohne spätere Aufführungen ca. 6,5 Millionen Dollar ein. Er war für vier Oscars nominiert und gewann keinen. Die amerikanische Kritik war begeistert.

Vielleicht hilft ein Blick auf das Stück, auf dem der Film basiert. Es ist bis heute dasjenige, das am Broadway am längsten lief und für 25 Jahre das mit den meisten Aufführungen (3.224), bevor es von „Fiddler on the Roof“ übertroffen wurde. Der Erfolg war also riesig und vielleicht waren daran noch einmal andere Erwartungen geknüpft – wie bei mir, wenn auch auf andere Weise.

Finale

Nicht jeder Film muss ein Erweckungserlebnis sein, nicht jeder muss im Sinn der Kinobegeisterung  erst erweckt werden, aber da bleibt doch das Gefühl, es fehlt das, was einen großen Mainstream-Film ausmacht: Dass man einsteigt, mitfiebert, sich mit irgendwem identifizieren kann, wenigstens ein bisschen. Das ist mir bei „Unser Leben mit Vater“ leider nicht gelungen. Mag sein, dass die Amerikaner ihn wunderbar nostalgisch finden, obwohl die meisten von ihnen nicht in Verhältnissen aufwuchsen, wie jenen, die hier gezeigt wurden und die immer gerne auf den Bildschirm gebracht werden, wenn man den amerikanischen Traum um die Ecke herum verkaufen will. Ich mag vielleicht auch deshalb Kleinstadtmelodramen mit etwas Außenwelt lieber, weil ich sie urtümlicher und berührender finde als eine etwas blasiert wirkende Brokerfamilie, die doch sehr in ihrer eigenen Welt zuhause ist, in die höchstens eine Verwandte eindringt, die dann auch vom immer etwas aufgekratzt wirkenden Vater als Eindringling empfunden wird. Aber dass das Stück so erfolgreich war, lässt eben doch einen Blick in die amerikanische Seele zu und darauf, wie die meisten Amerikaner sich von etwas ableiten, was sie oder ihre Vorfahren nie waren. Freilich ist das alles nicht so schlimm wie europäische Adels-Schmonzetten für naive Gemüter. Außerdem kann, man man will, dem Film eine Art frühfeministischen Unterton zurechnen, weil die Frau des Hauses das wirkliche Machtzentrum ist – das tritt für mich aber zurück hinter den eklektischen Streitthemen und dem traditionellen Gesamtsetting.

Aus irgendeinem Grund ist der Film vorzeitig Public Domain geworden und es gibt sowohl im Original als auch mit deutscher Synchronisation viele Möglichkeiten, sich ihn im Internet anzuschauen. Ich hatte vor zwei Jahren auf eine OoU zurückgegriffen.

66/100

© 2020 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Curtiz
Drehbuch Donald Ogden Stewart
Produktion Robert Buckner für Warner Brothers
Musik Max Steiner
Kamera J. Peverell Marley
William V. Skall
Schnitt George Amy
Besetzung

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