Dschungelbrüder – Tatort 544 #Crimetime 930 #Tatort #Berlin #Ritter #Kain #Stark #Dschungel #Bruder

Crimetime 930 -   Titelfoto © RBB

Sag nicht Bruder zu mir!

„Dschungelbrüder“ ist der neunte von bisher 28 Fällen des Berliner Ermittlerduos Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic).*

Der Titel wirkt reichlich seltsam und auch diskriminierend, denn es geht ja gerade darum, das Gegenteil zu belegen. Weder kommen alle Afrikaner in Deutschland aus einem archaischen Dschungel, noch sehen sie sich als Brüder. So suggeriert es der Film und lässt einen Mörder die differenzierte Welt der afrikanischen Einwanderer erklären. Sie haben nach eigener Ansicht keine gemeinsame Kultur oder Religion, wie etwa die Türken, die als Vergleichsgruppe herangezogen werden; vielmehr sind sie unterschiedlichen Stämmen und Religionen zugehörig, kommen aus unterschiedlich diktatorischen, manchmal sogar halbwegs demokratischen Staaten und nicht immer aus West- oder Zentralafrika, wie im Tatort 544. Dies dazu und mehr zum Film in der -> Rezension.

Handlung

Als Kremlin, der Chef einer ausländischen Putzkolonne, nach getaner Arbeit in einem Hochhaus auf die Straße tritt, liegt vor seinen Füßen ein Toter: sein afrikanischer Putzmann Koffi. Kremlin beseitigt den Toten, der für ihn illegal gearbeitet hat. In seiner geschlossenen Hand findet er die goldene Mitgliedsnadel eines Golfclubs. Kremlin weiß damit, wer der Mörder ist und beginnt ihn zu erpressen.

Als Koffis Leiche in einer Grünanlage aufgefunden wird, tauchen Ritter und Stark ein in eine ihnen fremde Kultur der afrikanischen Gemeinde Berlins. Freda Amadou, die schöne und schwangere Freundin des Toten, schweigt. Will sie so den einzigen Kronzeugen des Mordfalls, den afrikanischen Studenten Taribo, schützen?

Und was hat der schwarze Geschäftsmann Willy Amadou mit dem Fall zu tun? Erst nach und nach kommen die Kommissare dahinter, dass es sich hier um eine dramatische Vater-Tochter Geschichte in einem buchstäblich dunklen Milieu handelt.

Rezension

m Grunde ist der Vergleich mit Europa nicht so falsch. Von außen werden die Europäer noch lange nicht vorwiegend als solche, sondern vor allem als Nationalitäten wahrgenommen, weil ihre Länder eine langfristig eigenständige, gut dokumentierte und auf andere Erdteile erheblichen Einfluss nehmende Geschichte haben. Sehen wir uns intern eher als Europäer oder wollen wir gegenwärtig doch lieber die Guten sein, die noch nicht pleite sind? Die Grenzen der meisten heutigen afrikanischen Länder sind hingegen kolonialgeschichtlich bedingt; willkürlich von eben ebenjenen Europäern gezogen, was immer wieder zu Konflikten in diesen Ländern zwischen den dort ansässigen Volksstämmen führt, die sich nicht freiwillig zu einem Land vereinigt haben.

Deswegen ist der Film wichtig, denn das Wissen darüber, wie Afrikaner übereinander denken, ist bei uns zu sehr von amerikanischen Verhältnissen bestimmt, wo Schwarz gegen Weiß ein großes Thema über mehr als zwei Jahrhunderte ist, ohne dass irgendwer danach fragen würde, von welchem Ort auf dem großen schwarzen Kontinent die Vorfahren der heutigen Afroamerikaner als Sklaven in die USAverschleppt wurden.

Dass sich zusätzlich auch ökonomische Unterschiede unter den hierzulande lebenden Einwanderern aus Afrika herausgebildet habe, inklusive des üblichen Snobismus der Aufsteiger, ist mehr oder weniger eine allen Völkern eignende Banalität, aber der Hinweis darauf ist im Kontext okay. Es gibt keine Brüder, keinen Großstamm namens „Afrika“, keine soziale Gleichheit zwischen einem besonders erfolgreichen Kameruner und illegalen Immigranten aus Nigeria, die nicht als politische Flüchtlinge anerkannt wurden und sich mit Niedriglöhnerei durchschlagen müssen, weil sie offiziell gar nicht auftauchen und arbeiten (dürfen). Im Wesentlichen gibt es diese Missstände auch heute noch, 10 Jahre nach dem Dreh von „Dschungelbrüder“.

Im Film redet Kriminalhauptkommissar Till Ritter an einer Stelle von fünf Millionen Arbeitslosen. Das war im Jahr 2003, als der Film entstand. Diese hohe Zahl hat sich reduziert, wobei wir bekanntermaßen unsere eigene Ansicht zu „Arbeitslosigkeit“ und „Unterbeschäftigung“ und „unterbezahlter Beschäftigng“ haben. Wir haben sie vor allem deshalb nicht, weil das illegale Lohndumping von der Regierung Schröder legalisiert wurde und zu Millionen von prekären Arbeitsverhältnissen geführt hat. Jetzt versucht man mit dem Mittel der Mindestlöhne gegenzusteuern, man bekämpft einen systemfremden Sozialabbau mit einer logischerweise systemfremden Gegenmaßnahme. Im Reinigungsgewerbe, das in „Dschungelbrüder“ eine zentrale Rolle spielt, gibt es diesen Mindestlohn mittlerweile – zumindest für die legal Beschäftigten.

Für die „Illegalen“ in Deutschland, von denen es heute vermutlich noch mehr gibt als in 2003, hat sich nichts geändert. Es ist eine Herausforderung, hier anerkannt zu werden und darüber hinaus auch noch akzeptiert, wie Willi Amadou aus Kamerun. Er hat es in den Golfclub in und wohl auch in die Spaghetti-Connection geschafft, viel mehr geht in Berlin nicht. Man hat die Nationalitäten mit Bedacht gewählt. Kamerun als ehemalige deutsche Kolonie hat auch heute hierzulande einen vergleichsweise guten Ruf und dass der Mann „Willi“ heißt, ist nicht komplett abwegig, denn es gibt in Kamerun, man glaubt es kaum, wenn man nicht durch Dokumentationen informiert wurde, eine gewisse Verehrung für die früheren Kolonialherren. Dies bedeutet auch, die Anpassungswilligkeit und –fähigkeit ist relativ groß, wenn Menschen von dort nach Deutschland auswandern.

Wir erleben es immer wieder, dass gerade Aufsteiger sich zwar ihrer Wurzeln bewusst sind, sich aber auch gerne abgrenzen gegen alles, was sie hinter sich gelassen habeen. Und das sind zum Beispiel die armen, entfernten Verwandten aus anderen afrikanischen Ländern (Brüder sind sie nicht, wie wir festgestellt haben). Willi hatte eine deutsche Frau und in der Ehe wurde eine sehr hübsche Tochter namens Freda geboren, die studiert und alle Voraussetzungen hat, in Deutschland dort heimisch zu werden, wohin ihr Vater sich vorgekämpft hat (mit sicher nicht immer legalen Mitteln, denn, wie der niemals voreingenommene Großstadtcowboy Till Ritter weiß, in der Baubranche haben alle Dreck am Stecken). Die Wirklichkeit ist, dass in allen Branchen, in denen es um größeres Geld geht, fast alle Dreck am Stecken haben, aber das konnte man 2003 noch nicht in der Deutlichkeit sehen wie heute, wo klar ist, dass ein gewisser Verdacht, dass das Bankgewerbe geldgeile Hasadeure und unfähige Spießer-Manager anzieht, zur belegten Gewissheit verdichtet ist.

Dass man den Film als „Howcatchem“ angelegt hat, wäre nicht notwendig gewesen, denn es ist sowieso klar, dass der Mörder des jungen Afrikaners Koffi gefasst wird. Nur, auf welchem Weg, das ist zu zeigen – und auf diesem Weg gibt es manches Schlagloch. Die Intelligenz der Beteiligten, auch der Ermittler, und die Plotanlage sind allenfalls mittelmäßig. Es dauert viel zu lange, bis Willi erstmalig in Verdacht gerät, aber dann wird ihm gleich sein hochqualifiziertes Alibi nicht geglaubt. Die Mordszene im Hochhaus wirkt technisch nicht sauber, denn die Fenster lassen sich ja anscheinend nicht öffnen. Solche aus Sicherheitsgründen nicht zu öffnenden Elemente sind aber normalerweise mit dickerer, außerdem mehrfacher Verglasung ausgestattet, durch die man jemanden nicht so einfach – durchfallen lassen kann.

Denn Willi Amadou, so wirkt es, wollte Koffi, den Freund seiner Tochter, den er nicht akzeptiert, nicht umbringen, sondern ist auf ihn losgegangen und dieser fiel dabei rückwärts aus dem Raum und auf die Straße. Eine häufige Variante in Krimis, der nicht geplante Tötungsfall, aber das erhöht nicht die Glaubwürdigkeit. Ein geöffnetes Fenster wäre besser gewesen und da das Auto von Mr. Clean, der Koffi weggeschafft hat, um seinen eigenen Nutzen aus dem Mord zu ziehen, bei der polizeilichen Untersuchung sowieso keine Spuren aufwies (er ist halt Reinigungsprofi), macht das Glas auch keinen Unterschied. Einzig der optische Effekt der Szene ist besser und es hat etwas Komisches, als Koffi am im EG sitzenden Mr. Clean (ein Herr Kremlin, dargestellt von Armin Rohde) vorbeifällt. Dabei lässt eine solche Szene aber auch an das Trauma von 9/11 denken, als derlei Vorgänge in großer Zahl zu beobachten waren und das Geräusch Aufschläge auf dem Boden, während diese nicht im Bild sichtbar waren, vergisst man niemals, wenn man eine Dokumentation zum Thema gesehen hat.

Wir nehmen an, man hat den Film nicht als Rätselkrimi, aber auch nicht als Thriller inszeniert, um eine tragische und mit einem Verbrechen belastete Figur zu haben, die sich in die Vergangenheit verstricken kann und gemeinsam mit allen anderen Nebenrollen unser Informationsbedürfnis über die Zustände in Afrika und die Umstände, unter denen bestimmte Einwanderergruppen in Deutschland leben, zu stillen.

Ob es daran liegt, dass die PC 2003 noch nicht so ausgefeilt war wie heute oder ob man sie bewusst umgangen hat, jedenfalls wirkt die Handlung dadurch für ein Einwandererthema recht differenziert, dafür müssen wir uns jetzt aber an der PC vergreifen. Die Schauspielleistungen besonders der Immigranten wirkt hölzern, wir kennen das Deutsch der Afrikaner in Berlin als viel intuitiver gesprochen als das der Figuren im Film. Dieses Steife steckt offenbar auch die Ermittler an, die manchmal grobkörnig dargestellt werden. Zum Ausgleich gibt es deftige und witzige Momente, zum Beispiel durch Herrn Kremlin, der am meisten von allen Charakteren eine Type ist und in etwa so, wie man sich einen ausbeuterischen Reinigungskolonnenführer vorstellt.

Finale

Gehört „Dschungelbrüder“ zu den von uns häufig geforderten, echten Berlin-Krimis? Eher als viele andere Filme, die sich an Hochglanzfassaden und austauschbaren Hochglanzfiguren delektieren. Die Fassaden, die Gesellschaftsmenschen, die gibt es zwar hier auch und wie sie dargestellt werden, ist durchaus anderen Tatorten neuerer Produktion aus Berlin ähnlich – aber die Gegenseite wird auch gezeigt und dazwischen liegt das Studentenmilieu, in dem Ritter und Stark sich Gedanken machen, ob sie zur Intelligenz gehören, weil die Mensa anscheinend besser ist als die Kantine im LKA. Dass die Aufklärungsquote in diesem Zusammenhang in Bezug genommen wird, ist eines der kleinen Geheimnisse einer Dialogführung, die eben nicht immer der Logik, sondern dem Infodropping verpflichtet ist. Die Mordaufklärungsquote sollte auch 2003 übrigens schon oberhalb der erwähnten 85 % gelegen haben, es sei denn, Berlin wäre auch auf diesem Gebiet unter dem Bundesdurchschnitt und würde sich in mehrere Kommissionen aufteilen, denn Ritter und Stark sind eben doch intelligent und haben bisher alle ihre Fälle aufgeklärt. Waren ja auch erst 8, vor der Folge 544.

Dramaturgisch ist „Dschungelbrüder“ zu flach geraten. Er wirkt ein wenig heruntergespult, was aber auch der Anlage als Howcatchem und der erwähnten Sprechweise mehrerer Figuren geschuldet ist, beides senkt die Spannung und erhöht die Distanz des Zuschauers.

Trotzdem der Film seine Qualitäten hat und ein wichtiges Thema aus einer ungewöhnlichen Perspektive behandelt, kommen wir nur auf mittelplusgute

7/10.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Alle Angaben im Text bezogen auf die Erstveröffentlichung der Rezension im August 2013.

Till Ritter – Dominic Raacke
Felix Stark – Boris Aljinovic
Taribo George – Chima Oneyle
Freda Amadou – Annabelle Mandeng
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Willi Amadou – John E. Yamoah
Kremlin – Armin Rohde
Wiegand – Veit Stübner

Musik – Frank Wulff, Hinrich Dageför, Stefan Wulff
Buch – Lars Becker
Kamera – Benedict Neuenfels
Regie – Lars Becker

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