Ein Mann wird gejagt (The Chase, USA 1966) #Filmfest 619

Filmfest 6xx Cinema

Ein Mann wird gejagt (The Chase) ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Arthur Penn aus dem Jahr 1966. Das Drehbuch schrieb Lillian Hellman anhand des Theaterstücks The Chase von Horton Foote.

Für diesen Film sind viele großartige Künstler zusammengekommen – Arthur Penn als Regisseur, der ein Jahr später mit „Bonnie und Clyde“ eines der aufregendsten Werke an der Wende zum „New Hollywood“ schaffen würde, Lilian Hellman als Drehbuchautorin, einer der profiliertesten und kritischsten Schriftstellerinnen seit den 1930er Jahren. Die Musik kommt von John Barry, der als Komponist der thrilligen und zeitgeistigen James-Bond-Scores und -Songs sehr angesagt war. Die Besetzung ist noch eindrucksvoller: Marlon Brando als aufrechter Sheriff und die kommenden Stars Jane Fonda und Robert Redford als Eheleute. Der Mann wird gesucht, die Frau versucht, ihm zu helfen. Wir versuchen, den Film in der –> Rezension zu erfassen.

Handlung (1)

Die Handlung spielt innerhalb eines Tages. Sheriff Calder arbeitet in der texanischen Kleinstadt Tarl. Obwohl er großen Wert auf seine Unbestechlichkeit legt, gilt er als Erfüllungsgehilfe des lokalen Ölmagnaten Val Rogers, der ihn einst für das Amt empfohlen hatte. Calder ist eher unangenehm, dass er und seine Frau zu dem 60. Geburtstag von Rogers eingeladen sind und dieser ihnen verschiedene Geschenke machen will. Unterdessen flieht der Kleinganove Charlie ‚Bubber‘ Reeves, zu dessen Verhaftung Val Rogers beitrug, aus dem Gefängnis. Auf der Flucht tötet der Ausbruchskomplize von Bubber einen Autofahrer im Zweikampf, als sie gemeinsam versuchen, dessen Auto zu stehlen. Sein Ausbruchskomplize flieht daraufhin allein mit dem Auto weiter und lässt Bubber zurück. Bubber flieht nun bis zu einem Bahnhof eines ihm unbekannten Ortes und rettet sich in einen Güterzug. Im Zug trifft er Mexikaner, die in einem Viehwagen reisen und fragt diese, ob der Zug nach Mexiko fährt. Dies verneinen die Mexikaner und Bubber verlässt enttäuscht den Zug. Er setzt seine Flucht über offenes Farmgelände und durch Gestrüpp fort. Enttäuscht sinkt er erschöpft vor einem Werbe-Schild des Ölmagnaten Val Rogers nieder und erkennt, dass er sich in der Nähe seiner Heimatstadt befindet. Er entscheidet, seine Flucht dorthin fortzusetzen, um bei seiner Frau oder Freunden Geld und Sachen zu weiteren Flucht zu bekommen.

Zahlreiche Ortsbewohner sind – aus unterschiedlichen Gründen – gegenüber Reeves feindselig eingestellt und über dessen Ausbruch erregt. Edwin Stewart, der als 16-Jähriger Geld aus einem Laden stahl, wofür Reeves beschuldigt wurde und der dafür auch das erste Mal in eine Besserungsanstalt kam, hat Angst, dass sich Bubber an ihm rächen könnte. Stewarts Frau verachtet ihn dafür und bandelt mit dem ebenfalls verheirateten Frauenhelden Damon Fuller an. Damon und mehrere seiner Freunde prahlen damit, dass sie Bubber zur Strecke bringen könnten. Bubbers Frau Anna hat während der Haft ihres Mannes eine Affäre mit Jason, dem Sohn von Val Rogers, begonnen, was auch Gesprächsthema in der ganzen Stadt ist, aber der Geflohene nicht weiß. Jason und Anna verbindet eine tiefe Liebe, allerdings ist Jason ebenfalls bereits unglücklich verheiratet und findet nicht dem Mut, vor seinem Vater zu seiner Beziehung mit Anna zu stehen. (…)

Rezension 

Sicher war der Film eine der bis dahin stärksten Darstellungen einer verrotteten Kleinstädte-Nation mit unglaublichem Aggressionspotenzial, wuchtig und ausgreifend, brutal und für damalige Verhältnisse sehr schonungslos – aber wer erwartet, dass die Jagd nach „Bubber“ Reeves im Mittelpunkt des Films steht, erlebt eine Enttäuschung. Im engeren Sinn ist der Film kein Thriller, sondern ein monumentales Melodram, das nicht ahnen lässt, dass Arthur Penn sich mit seinen folgenden Filmen an die Spitze der Regisseure setzen wird, die „New Hollywood“ einläuten (2).

Denn neben der Tatsache, dass die Jagd eher dem städtischen Szenario untergeordnet wird, ist dies ein ganz und gar traditioneller Film. Sicher, die Sprache, die Handlungen sind bereits frei von den Zwängen des Production Code, die Szene, in der Sheriff Calder von einigen wildgewordenen Kleinstadt-Spießern zusammengeschlagen wird, ist auch für heutige Verhältnisse noch ziemlich gewalttätig, aber die Konstruktion des Films ist reines, traditionelles Hollywood.

Präziser: Sie steht in der Tradition der psychologisierenden Melodramen, die in den 1950ern ihren Höhepunkt hatten. Oft basierten sie auf Bühnenstücken, hier auf dem gleichnamigen Stück von Horton Foote. Das bedeutet zunächst, dass der Dialog sehr viel Bedeutung hat. In den schwülen Szenarien, die wir etwa aus dem Tennessee-Williams-Universum kennen, funktioniert das manchmal ausgezeichnet, weil der Seelenstriptease so atemberaubend ist, dass die Handlungselemente kaum mehr zu tun haben als das Gesprochene zu unterstützen und mit sinnbildlichen Aktionen zu untermauern.

„Die Jagd“ aber ist ein Film, in dem ziemlich viel passiert und der von Lilian Hellmann und Arthur Penn so gestaltet wurde, dass das Bühnenstück fast verschwindet. Man mag sich kaum vorstellen, wie all die Plätze, die Partys, das Büro des Sheriffs, der Schrottplatz, die Straßen der Stadt, in einem Theater mobilisiert werden sollen. Insofern könnte man sagen, die Übersetzung ins Medium Film ist geglückt, die Theaterhaftigkeit vieler Literaturverfilmungen räumlich aufgehoben.

Das gilt aber nicht für die Handlungsführung. „The Chase“ verlässt sich nicht aufs Zeigen, sondern alles wird ganz ausführlich und unzweideutig in langen Dialogen be- und verarbeitet, die den Film zeitweise stickig und langatmig wirken lassen. Von dieser Sprachlastigkeit hat Arthur Penn sich in späteren Werken dezidiert verabschiedet, aber sie ist typisch für das alte Hollywood, das seinen Höhepunkt bereits hinter sich hatte. Auf eine nicht uninteressante Art spiegelt der festgefahrene Stil die festgefahrenen Verhältnisse in der texanischen Kleinstadt, die als Schauplatz des Geschehens dient.

Die Dramaturgie ist nicht schlecht, anfangs deutet kaum etwas auf die Dynamik hin, die fremdgehende Kleinbürger zu Mördern werden lässt, alles gewinnt ganz langsam an Fahrt. Aber eben etwas zu langsam. Wir gehören nicht zu denjenigen, die pausenlose Action brauchen, um einen Film gut zu finden, aber hier mangelt es an Eindeutigkeit, weil es zu viele Figuren gibt, die allesamt ähnlich langeSpielzeit bekommen. Die Hauptfigur ist nicht der junge „Bubber“ oder seine Frau, die ein Verhältnis mit dem verheirateten Sohn des örtlichen Tycoons hat, was für sich schon genug Konfliktstoff  hergäbe, sondern Sheriff Calder. Wir wissen nicht, ob er im Stück auch so dominant ist, aber die Vermutung, dass man dem Superstar Marlon Brando ein paar Extraminuten gegeben hat, liegt nah.

Die Botschaft ist klar, sie passt zu Brandos Ansichten ebenso wie zu denjenigen von Lilian Hellman, daraus hätte man ein packendes Werk aus einem Guss formen können. Das stattdessen zu beobachtende Verweilen bei allen möglichen Subplots mag sich in einem dicken Buch vernünftig lesen lassen, hier bremst es und es ist zu überdeutlich. Vielleicht am Ende auch zu übertrieben. Die große Szene auf dem Schrottplatz und um ihn herum hat etwas Psychopathisch-Pyromanisches, das uns auf eine Weise unangenehm berührt, als sei ein gut gemeinter, aber falscher Ton darin. Sicher sind diese bewaffneten amerikanischen Kleinstädter gefährlich,das zeigt auch die hohe Mordrate in den USA, doch diese Versammlung, dieser große gemeinsame Wille, der hier alle vor Ort zum Mitmachen bei einem Spektakel oder zum faszinierten Betrachten desselben zusammenführt, wirkt ein wenig zu sehr wie das Lemminge-Syndrom verkehrt herum gedacht.

Das Finale vor der Tür des Sheriffbüros hingegen hat uns die letzte Gewissheit gebracht, dass hier Anleihen an einem großen Film namens „Fury“ von Fritz Lang gemacht wurden. Die Perspektive ist die des Sheriffs, nicht des unschuldigen Opfers, wie in „Fury“, aber die Gesichter der Menge, die ganz explizit abgefilmt werden, die hat man bewusst gegen die berühmte Lynchszene in „Fury“ gestellt, in der das Gefängnis mit dem falsch Verdächtigten darin abgebrannt wird. Dort die Extase, hier das stumme, teilnahmslose Warten auf das Verbrechen. Hier wird kein Gebäude der Justiz abgefackelt, sondern durch eine Jacke hindurch mit einem verstecken Revolver auf den möglichen Delinquenten geschossen, für den es keinen fairen Prozess mehr geben wird.

In der Roosevelt-Ära gedreht, ging „Fury“ positiv aus, obwohl der Film natürlich für Kontroversen gesorgt hat, ein tröstliches Ende gibt es dreißig Jahre später nicht. Nicht für den Mann, der gejagt wurde. Für den Sheriff ist es ein offenes Ende, weil er mit seiner Frau aus dieser Stadt weggeht und vermutlich einen ganz anderen Job machen wird als den des Gesetzeshüters, der sich Anfeindungen von allen Seiten gegenübersieht.

Die unvermittelte Art der Erschießung von „Bubber“ legt eine weitere Spur, die dazu führt, dass sich seit den frühen 1960ern auch in dieser traditionellen Art von Kino etwas verändert hatte. Der Mord an John F. Kennedy hatte sich unauslöschlich und als eine Art Sündenfall der amerikanischen Zivilisation eingebrannt und erschreckend ist besonders, dass das in „The Chase“ gezeigte Attentat, so muss man es nennen, gleichzeitig etwas Prophetisches hat: Die Jahre 1967, 1968 sollten die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy bringen, und damit den endgültigen Abschied von einer naiven Hoffnungsfreude, die am Beginn der 1960er dominierte und noch heute in den Filmen der Zeit einen lebensbejahenden Charme verstrahlt, wie ihn das Kino bis heute nicht mehr zurückgewonnen hat. Wie auch, angesichts dessen, was seitdem alles geschah?

Die Hybris, die schwüle Aufgeregtheit jener Zeit nach 1963 kommt in „The Chase“ prächtig zutage, und sie ist so bedrückend, wie die Inszenierung sie darstellen will.

Fazit

„The Chase“ hält nicht alle Versprechen und wirkt antiquiert, aber ein interessantes Statement zu aggressivem Kleinbürgertum, das zum (Lynch-) Mob werden kann, ist er zweifellos. Dank des hochveranlagten Schauspielerensembles bleibt man an den Figuren und es gelingt, sich mit Sheriff Calder zu identifizieren.

Die Handlungsweise der Figuren ist psychologisch nicht so leicht zu durchschauen, wie der psychologisierende Stil es nahelegt, warum jemand so handelt, wie er handelt, bleibt trotz der vielen persönlichen Statements zu moralischen Angelegenheiten weitgehend im Dunkeln. Wenn man so will, kaschieren die Dialoge manchmal mehr, als sie erklären. Vielleicht ist es auch, wie es ist, und es steckt mehr Zufall und Langeweile und Haltlosigkeit angeödeter Mittelständler dahinter, der keine spezielle Raison für all die Niedertracht braucht, die man in „The Chase“ unverblümt serviert bekommt.

70/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
(2) In dem Abschnitt müssen wir etwas relativieren. Auch wenn man klassische Darstellungen eines Kleinstadt-Mobs wie in „Fury“ (1936) weglässt, zeigt sich mit dem Aufkommen ernsthafter Filme über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft Ende der 1950er / am Beginn der 1960er wie „The Intruder“ schon die zerstörerische Macht der Manipulation und wie leicht sich sogenannte ehrbare Bürger zu einem aggressiven, vollkommen enthemmten Mob verdichten lassen.

Regie Arthur Penn
Drehbuch Lillian Hellman
Produktion Sam Spiegel
Musik John Barry
Kamera Joseph LaShelle
Schnitt Gene Milford
Besetzung

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