Blinde Ehemänner (Blind Husbands, USA 1919) #Filmfest 655

Filmfest 655 Cinema

Blinde Ehemänner (Originaltitel: Blind Husbands) ist ein Filmdrama von Erich von Stroheim aus dem Jahr 1919. Es war das Regiedebüt des Schauspielers Stroheim, bei dem er auch eine der Hauptrollen übernahm.

Arte hat diesen Film nun gezeigt, und zwar in einer neuen Restauration, die auf einem Fund aus dem Jahr 2005 basiert:

2005 tauchte in Österreich eine verschollen geglaubte Version des Films auf, die dort 1921 unter dem Titel Die Rache der Berge herausgegeben worden war. Diese Fassung, die etwa neun Minuten länger ist als die bisher bekannte und deutsche Zwischentitel enthält, gilt zurzeit als die vollständigste des Films.

Der damals im deutschsprachigen Raum aufkommende Bergfilm mit seinem stärksten Vertreter, Arnold Fanck, ließ wohl diesen Titel als sachgerecht erscheinen, es wird aber auch im Film erwähnt, dass die Berge mehr sind als totes Gestein. Der Mann, der denkt, sie seien nur dies, muss am Ende sterben. Nach heutigen Maßstäben ist das vorhersehbar, 1919 war es das vielleicht nicht. Schon gar nicht dem amerikanischen Publikum, das bis dahin eher plain strukturiere Filmkost gewöhnt war ohne Mystizismus gewöhnt war. Gut, es gab D. W. Griffith, Erich von Stroheims Lehrmeister, aber er war doch eine Ausnahme. Was es sonst zu „Blind Husbands“ zu schreiben gibt, steht in der –> Rezension.

Handlung (1) 

Der US-amerikanische Arzt Dr. Armstrong verbringt mit seiner Frau die Ferien in den Dolomiten. Im selben Hotel steigt auch Erich von Steuben, ein österreichischer Offizier und Frauenheld ab. Schon auf der Hinfahrt erkennt von Steuben, dass Armstrong seine Frau vernachlässigt. Kaum in Cortina angekommen, beginnt von Steuben, sie zu umgarnen. Gleichzeitig macht er sich auch an Dienstmädchen des Hotels heran.

Beinahe erliegt Frau Armstrong den Avancen, aber Sepp, ein mit Armstrong befreundeter Bergführer, stellt sich den Absichten von Steubens mehrfach in den Weg. Schließlich teilt Frau Armstrong von Steuben in einem Brief mit, dass sie ihrem Mann die Treue halten will.

Als der Arzt und der Offizier gemeinsam einen Berg besteigen, kommt es auf dem Gipfel zur Eskalation zwischen beiden Männern. Armstrong fällt der Brief seiner Frau in die Hände. Er missversteht den Inhalt und glaubt, es gebe eine Affäre zwischen seiner Frau und von Steuben. Er zerschneidet wütend das Seil zwischen ihm und dem Offizier. Er lässt ihn allein zurück und steigt ins Tal ab. Auf halbem Weg findet er den Brief seiner Frau an von Steuben, den dieser zuvor heruntergeworfen hatte und erkennt seinen Irrtum. Armstrong verunglückt am Felsen. Als er von örtlichen Bergsteigern gerettet wird, bittet er sie, von Steuben vom Gipfel zu holen. Von Steuben, der zuvor mit seinen bergsteigerischen Heldentaten geprahlt hatte, gerät unterdessen in Panik und stürzt in die Tiefe, während ein Trupp zu seiner Rettung aufsteigt.

Das Ehepaar reist ab. Armstrong will sich in Zukunft mehr seiner Frau widmen.

Rezension 

Erich von Stroheim, der vor allem als Bösewicht in antideutschen Propagandafilmen bekannt geworden war, bot dem Produzenten Carl Laemmle von den Universal-Studios ein Drehbuch mit dem Titel The Pinnacle nach einer von ihm verfassten Kurzgeschichte an. Durch Beharrlichkeit gelang es von Stroheim, Laemmle von den Erfolgsaussichten seines Projektes zu überzeugen. 

So kam es diesem in der gezeigten Fassung immerhin schon 102 Minuten langen Film, der verblüffend vollständig und ausgearbeitet wirkt, wenn man die Verhältnisse der Zeit berücksichtigt. Dabei wurde von Stroheim zu „The man you love to hate“ und dem wohl ersten Regisseur, der sich selbst als Schauspieler betont negativ in Szene setzte. Genauer geschrieben, zum bis heute einzigen, der so selbstironisch war und so uneitel eitle Figuren wie den Hochstapler spielen kann, der sich hier möglicherweise nur als K.u.K.-Leutnant ausgibt und gar keiner ist. Das würde seiner eigenen Biografie entsprechen, in der sich eine behauptete adelige Abstammung ebenso findet wie eine dazu passende Militärlaufbahn, die er allerdings frünzeitig abbrach und in der Folge in die USA emigrierte. Dort kam er 1914 mit David W. Griffith in Kontakt, machte als Stuntman bei dessen „Birth of a Nation“ mit, assistierte dem damals anspruchsvollsten amerikanischen Regisseurs dann und spielte nach dem Kriegseintritt der USA deutsche Bösewichte, und zwar auf eine Weise, die ihm hierzulande noch jahrzehntelang einen schlechten Ruf eintrug. Danach kam es zu „Blind Husbands“, denn durch diese Kolportagerollen hatte er die Bekanntschaft des Universal-Chefs Carl Laemmle gemacht.

Schon in seinem ersten Film als Regisseur tauchen die Motive und Merkmale Stroheims späterer Arbeiten auf: Detailtreue, Kritik an der bürgerlichen Familie, die Dekadenz der k.u.k. Monarchie, die für die damalige Zeit offen gezeigten erotischen Geschehnisse, Frauen, die nicht nur als hilflose „verfolgte Unschuld“ agieren. Selten zuvor waren Menschen und ihre Nöte, ihre Frustrationen und Sehnsüchte so eindringlich und direkt geschildert worden wie in Blind Husbands. Stroheim inszenierte weitgehend ohne die damals üblichen Sentimentalitäten und Übertreibungen. Ungewöhnlich selbstironisch setzte Stroheim sich selbst als Hauptdarsteller in Szene. Besonders hervorgehoben ist das in einer kurzen Sequenz, in der mehrere Kinder auf der Straße hinter Stroheim herlaufen und sein eitles Gehabe imitieren.

Von den visuell sehr schön gestalteten Zwischentiteln bis hin zu den detailreichen Sets und frühen Bergsteiger-Aufnahmen wirkt der Film für seine Zeit sehr wertig und exakt, unbeschadet der Tatsache, dass es ein paar Sprünge gibt, die möglicherweise nicht dem damals noch nicht sehr regie-erfahrenen von Stroheim zugerechnet werden müssen, sondern den Schnitten, die das Studio vorgenommen hatte. Dadurch sind einige Einstellungen sehr kurz geraten und wirken befremdlich, da in der Regel die Szenen schon sehr gut ausgespielt werden. Verblüffend ist in der Tat das Szenario menschlicher Gefühle und Eigenschaften, das hier schon sehr dezidiert dargestellt wird. Die Rivalität zweier Männer, die erst am Ende entsteht, weil der eine zunächst ein „Blind Husband“ ist, rechtfertigt durchaus den Filmtitel, auch wenn die Mehrzahl übertrieben wirkt, es gibt nur eine Person, auf die man diese Beschreibung anwenden kann, den amerikanischen Arzt Dr. Armstrong.

Die Außensicht in Europa Geborener hat das US-Kino fast von Beginn an sehr bereichert und es verhindert, dass nur Schmalz oder rohe Action produziert wurde. Zwar hat Stroheim, wie oben der Wikipedia entnommen, die K.u.K.-Monarchie auch hier als etwas dekadent porträtiert, aber:

„Das zensurgerechte melodramatische Ende – der Verführer stürzt im Gebirge ab, der Mann sieht seinen Fehler ein – täuscht nicht darüber hinweg, dass der Frau in der Begegnung mit dem Österreicher die Möglichkeit einer Erfüllung aufschien, die sie bei ihrem puritanischen Gatten nicht finden konnte.“ – Ulrich GregorEnno Patalas: Geschichte des modernen Films, Gütersloh 1973

Die hätte sie allerdings mit dem innerlich ebenfalls recht rohen Typ nicht gehabt, der es fertigbringt, am selben Abend zwei Frauen exakt die gleiche Liebespoesie vorzutragen, um sie rumzukriegen. Die Amerikaner sind also hölzern, wie Dr. Armstrong, die Europäer haben mehr Schliff, aber da Erich von Stroheim auch von Artur Schnitzler beeinflusst war, wissen wir: Der österreichische Soldat bringt den Frauen auch kein Glück und der Reigen dreht sich weiter. Der Film wirkt sehr scharf  und gar nicht sentimental, das unterscheidet ihn auch von Griffith’s Werken nach „Intolerance“ (1916), aber das Kinopublikum fand ihn offenbar glaubwürdig, was er, immer hinzugedacht: für damalige Verhältnisse, auch ist. Ein gewisser Humor schimmer ebenfalls durch, in der oben erwähnten Szene mit den Kindern oder als der gute Sepp nicht nur die Menschen rettet, die sich in den Bergen verirren, sondern auch verirrte Frauenseelen vor dem Ehebruch bewahrt und dafür sogar seinen treuen Bernhardiner einsetzt. Ein Witz, der sich nicht in Slapstick ausdrückt, sondern gerade drin, dass eine Situation nicht stattfindet, mag das sensationsgierige Publikum nicht maximal zufriedenstellen, aber die Moral siegt, und das ist ja auch wichtig.

So kann es am Ende zu einer Versöhnung der Eheleute ebenso kommen wie zum tödlichen Ende für den Verführer. Urkomisch ist auch, wie kurz und schmerzvoll damals Actionszenen waren: Der Mann fällt vom Berg, nachdem er offenbar von einem Adler angegriffen worden war, man sieht nur kurz einen Gegenstand vorbeirauschen, aber die kleine Expedition, die zu seiner Rettung unterwegs ist, weiß, dass sie umgehend kehrtmachen kann. Das Duell auf der Bergspitze, nachdem Dr. Armstrong durch einen Brief darauf aufmerksam geworden war, dass sein Seilschaftspartner ein Hallodri ist, ist wiederum recht ausführlich und psychologisch weitgehend stimmig erzählt. 

Der Aufwand war, gemessen an späteren Filmen Stroheims, noch bescheiden, trotzdem überschritt er schon hier Budget und Drehplan, eine Angewohnheit, die später seine Karriere ruinieren sollte. Es kam auch bereits zu den ersten, später legendär gewordenen Auseinandersetzungen mit Stroheims Produzenten. Blind Husbands wurde ein sehr großer Erfolg und etablierte Stroheim als Meisterregisseur. Es war der erste und auch letzte Film, der – abgesehen vom Titel – genau so, wie ihn Stroheim gedreht hatte, in die Kinos kam. Der Film ist dem Bergführer Sepp Innerkofler gewidmet.

Der schon recht beachtliche Aufwand spiegelt sich in den zahlreichen Statist:innen, die durchs Bild laufen, wenn der sehr lebendig wirkende kleine Ort Cortina gezeigt wird, wohl Cortina d’Ampezzo, das zwar schon als Ressort erholungssüchtiger Amerikaner beschrieben wird, aber noch nicht mondän wirkt. Ob man das alles auf dem berühmten Universal-Studiogelände nachgebaut hat? Die Berge wirken durchaus so, als ob sie auch in den USA stehen könnten und natürlich war es die Nordwand. Der Mythos einer jeden Nordwand ist ihre Beinahe-Unbezwingbarkeit, besonders bei der Eiger-Nordwand wurde er zu einem Symbol des Kampfes zwischen Gott und den Menschen. Also, man kann da rauf, wenn man Respekt hat, Bergsteigen mit Achtung vor der Schöpfung, sozusagen, und wenn man etwas fitter ist, als von Stroheim sich selbst darstellt. Auch ein netter Gag, wie er zuvor mit seinen Kletterkünsten prahlt und dann von Armstrong mehr oder weniger zum Gipfel hochgezogen wird. Dass er da alleine nicht mehr runterkommt, versteht sich von selbst, zumal Armstrong seine Ausrüstung mitgenommen zu haben scheint. So richtig anders als ihn einfach umzubringen, ist das nicht, zumal die Vögel schon kreisen und kreisen, man sieht die schwarzen Schatten über dem Todgeweihten, bevor tatsächlich ein Modell auf einem Felsen sitzt und den Mann mit eigentümlicher Unbeweglichkeit anstarrt (soweit das bei der Augenstellung von Vögeln möglich ist, wenn das Objekt der Begierde gegenüber veweilt und der Vogel nicht den Kopf wendet).

Blind Husbands ist der erste Film, den Stroheim inszeniert hat. Noch ist sein Stil wenig profiliert, und man spürt den Einfluss seines Lehrmeisters Griffith, bei dem er als Regieassistent gearbeitet hatte. Aber eines seiner Lieblingsthemen wird hier schon deutlich: die Frustration der Frauen durch die Ignoranz der Männer.“ – Reclams Filmführer, Stuttgart 1973 

Es ist, wie immer: für damalige Verhältnisse, toll, wie Stroheim sich in die Psyche der Ehefrau eingefühlt hat, die vernachlässigt wird und wie lange er die Kamera bei ihr verweilen lässt. Deutlich länger als die Männer wird sie in Großaufnahme gezeigt und nur ihre Mimik beobachtet. Die heute vergessene Francelia Billington spielt diese Frau entsprechend differenziert, soweit man das unter der dicken Schminke konnte, die damals bei Frauen, aber auch bei Männern, üblich war, wenn sie vor der Kamera standen. Interessanterweise hat von Stroheim bei sich und den anderen männlichen Figuren darauf aber verzichtet bzw. ist sparsam damit umgegangen. Dadurch und auch, weil Billington vom Typus vergleichsweise modern ist – man beachte Details ihres Körperbaus, von dem man einen Tick mehr sieht als damals üblich, siehe oben, Erotik in feinen Dosen, hat dieser Film ein eigenartiges Flirren, das von Stroheim als Meister der subtilen Aufforderungen an unsere Emotionen ausweist, und sollten es gar Triebe sein?

Finale

Ein paar Jahre später, während des Jazz Age, wärendiese Darstellungen nicht mehr sensationell gewesen, aber wir müssen berücksichtigen, dass es fast nur Spitzenproduktionen sind, die heut noch ab und zu für Cineasten gezeigt werden, nicht der schnell gekurbelte amerikanische Durchschnittsfilm. Deswegen ist es für uns über 100 Jahre später nicht mehr so einfach, die Stellung eines Werks wie „Blind Husbands“ aus dem Vergleich mit damals üblichen Filmen heraus zu würdigen, wir müssen denen glauben, die uns diese hervorgehobene Stellung überliefert haben. Natürlich nicht komplett, es gab ja auch später noch recht einfach gestrickte B-Filme und bis heute erfahren wir als Rezensenten wichtigeren Filmen nicht, was sich unterhalb einer gewissen Qualitätsschwelle alles tut. Eine Ahnung bekommt man aber, wenn man die vielen Bewertungsportale durchforstet und das, was auf Youtube-Streamingdiensten alles angeboten wird.

Für heutige Sehgewohnheiten bzw. die Art, wie wir Medien über 100 Jahre nach dessen Entstehung wahrnehmen, ist auch „Blind Husbands“ herausfordernd, aber die Story wird gut erzählt, mit nur geringen Abschweifungen und Charakteren, die ansehnlich porträtiert werden.

73/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

(1), kursiv, tabellarisch, zitiert: Wikipedia

Regie Erich von Stroheim
Drehbuch Erich von Stroheim
Produktion Carl Laemmle
Kamera Ben F. Reynolds
Schnitt Frank Lawrence,
Eleanor Fried
Besetzung

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