Das Gespenst der Freiheit – Polizeiruf 110 Episode 370 #Crimetime 1066 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #vonMeuffels #BR #Gespenst #Freiheit

Crimetime 1066 – Titelfoto BR,

Das Gespenst, das sich Ende der Freiheit nennt

Nein, nein, Freiheit heißt nicht, total freidrehen zu dürfen, das verstehen einige ganz falsch. Freiheit muss gegen ihre Feinde verteidigt werden und Freiheit muss durch Verbote gegen ihre Feinde geschützt werden. Zum Beispiel Verbote, die durch rechtsstaatlich einwandfreie Normen erstellt werden und vor allem müssen diese Normen durchgesetzt werden. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die verfassungsmäßige Ordnung aufrechtzuerhalten, die von Rechtsradikalen infrage gestellt wird. Aber wie? Mit welchen Mitteln? Sicher nicht mit der sächsischen Variante, die immer mehr so wirkt, als habe der Staat bereits in manchen Gegenden a.) resigniert oder b.) er kollaboriert sogar mit den Feinden der Demokratie. In München wird noch um den richtigen Weg gekämpft, zumindest in diesem Film, und um nicht weniger geht es in diesem 370. Polizeiruf. Eine Würdigung in Form einer -> Rezension folgt unterhalb der Handlungsangabe.

Handlung (1)

Vier Jugendliche prügeln und treten einen Mann muslimischen Glaubens brutal zu Tode. Alle vier sind Mitglieder einer neonazistischen Kameradschaft, und der Hauptkommissar Hanns von Meuffels hat es nicht leicht, den wahren Hergang herauszufinden. Den Halbiraner Farim hält er für das schwächste Glied der Gruppe und hofft auf ein baldiges Geständnis. Doch auch Verfassungsschutzmitarbeiter Röhl hat seine Pläne mit dem jungen Mann. Er versucht, ihn mit lukrativen Versprechungen als V-Mann anzuwerben. Nachdem Farim auf das Angebot nicht eingeht, wird er von anderen Häftlingen brutal zusammengeschlagen, und selbst als die Wärter dazwischengehen, schlagen diese mit ihren Stöcken auch auf Farim ein. In dieser Situation erneuert Peter Röhl sein Angebot und fordert als Gegenleistung Informationen über dessen Gruppe, die kurz vor einem blutigen Bandenkrieg mit einer rumänischen Gang steht. Farim, der in der Haft um sein Leben fürchten muss, geht nun auf das Angebot ein und kommt frei.

Hauptkommissar von Meuffels versteht die Welt nicht mehr, als er erfahren muss, dass alle vier Verdächtigen wieder auf freien Fuß sind. Unverdrossen sucht er den Kontakt zu der Gruppe, um ihr zu zeigen, dass für ihn die Sache mit ihrer Entlassung nicht zu Ende ist. Dabei gerät Farim bei seinen „Freunden“ unter Verdacht, ein „Bullenversteher“ zu sein, und muss das verlorene Vertrauen seiner Kumpels zurückgewinnen. Als geeignet scheint Röhl, den Farim regelmäßig kontaktiert, eine Waffenlieferung, die relativ einfach aus Staatsbeständen bereitstellt werden kann. Auch von Meuffels sucht weiter den Kontakt zu Farim in der Hoffnung, von ihm zu erfahren, wer die letztendlich tödlichen Tritte gegen das Opfer getätigt hatte. Dabei kommt er dahinter, dass Farim in die Fänge der Verfassungsschützer geraten ist, die nicht davor zurückschrecken, notfalls den Jungen für ihre Ziele zu opfern. Als Meuffels das erkennt, versucht er Farim zu warnen und ihm klarzumachen, dass er nicht endlos Informationen an Röhl liefern kann und er früher oder später auffliegt, was er nicht überleben würde. Wenn er aussagt und ihm den Mörder nennt, könne er über die Kronzeugenregelung geschützt werden und neu anfangen. Damit liefert sich von Meuffels aber gleichzeitig einen „Krieg“ mit Röhl, dem dessen Bemühungen um Farim nicht verborgen bleiben.

Wie befürchtet, fliegt Farim bei seiner Gruppe auf, und als er Röhl um Hilfe bittet, lässt auch dieser ihn fallen. So bleibt ihm nur von Meuffels als letzte Rettung, der jedoch inzwischen von seinem Vorgesetzten von dem Fall abgezogen wurde und ihm nicht mehr helfen kann. Seine angeblichen Freunde richten ihn gemeinschaftlich hin. Von Meuffels ordnet die Festnahme der drei Verdächtigen an und fordert sofort eine Untersuchung gegen Röhl, ob er diese Hinrichtung hätte verhindern können. Damit kämpft er jedoch gegen Windmühlen, denn gegen den Verfassungsschutz kann er nicht gewinnen. Die drei Verdächtigen werden freigelassen, da sie nun übereinstimmend angeben, Farim hätte den Mann getötet. Beweise für deren Schuld am Tod von Farim liegen der Staatsanwaltschaft angeblich nicht vor. Von Meuffels zieht daraus seine eigenen Schlüsse.

Rezension

„Das Gespenst der Freiheit“ ist nicht brutaler als andere Polizeirufe oder neuere Tatorte, wenn es um die Gewaltdarstellung geht. Er ist nicht exploitativer, wenn es um „Milieus“ geht, als viele weitere Krimis der beiden Primetime-Reihen am Sonntagabend. Das Schockierende, das gerade die München-Schiene sich leistet wie keine andere, ist, uns allein zu lassen mit der Ratlosigkeit, die aus dem Verlust an Ordnung und Sicherheit resultiert. Im Grunde ist das sehr perfide, denn was können wir uns nach einem Film wie „Das Gespenst der Freiheit“ mehr wünschen als einen Staat, der uns zwar einen hohen Preis dafür zahlen lässt, dass etwas von der Freiheit erhalten bleibt, indem er sie in Wirklichkeit massiv einschränken darf? Dieser Kampf ist einer der schwierigsten, denn es geht um die Demokratie oder das, was davon übrig ist oder übrig bleiben kann in einer Welt, in der handfeste Interessen und nicht hehre Ideale die wahren Treiber der Geschichte sind. 

Wir können das hier nicht in alle Winkel hinein ausleuchten, deswegen bleiben wir bei dem, was uns der Film zeigt, der das Nachdenken herausfordert, wie es fast nur noch die Münchener Poizeirufe tun – oder taten, solange ein fast unwirklich intellektuell wirkender Polizist wie von Meuffels dort ermittelte. Es ist nicht so, dass irgendetwas zweideutig bliebe, es sei denn, man kommt nicht darauf, dass die drei Nazis ihre Aussagen abgesprochen haben, den Tod des Syrers betreffend, der den Ausgangspunkt des Films bildet. Einen Toten kann man immer gut belasten. Das gilt für das erste Opfer, jenen Immigranten, das gilt für Farim, der mich im Verlauf der Handlung nicht kaltgelassen hat, weil alles, was ihm widerfährt, so logisch und zwangsläufig ist, weil er gar nicht aus kann, sodass sein Schicksal ungeheuer beklemmend wirkt.

Dafür gebe ich gerne ein paar Fragwürdigkeiten dran, wie zum Beispiel, dass anhand der Tatwaffe und der Tatortspuren im Fall Farim die drei Nazis, die ihn ermordet haben, nicht doch dingfest machen lassen. Das ist nicht eine andere Geschichte, denn für welches Verbrechen sie letztlich verurteilt werden – es ist immer Mord. Hätte man das noch gezeigt, hätte man aber andere Handlungselemente verkürzen oder weglassen müssen. Auch, dass man sagt, ein Polizeiruf muss halt auch mal 100 Minuten lang sein dürfen, hilft nicht weiter, denn der Film wäre ins Leiern kommen und die klare Aussage wäre futsch gewesen: Es gibt keine Gewinner in diesem Spiel, in dem die Freiheit am Ende nur noch ein Gespenst ist. Oder? Wie wäre es mit folgender Interpretation, vorausgeschickt, dass wir alle darüber instruiert sind, wie der Verfassungsschutz unter einem Präsident Hans-Georg Maaßen getickt haben muss, der selbst ein Rechtsaußen ist: Ziel erreicht. Der Störfaktor Farim ist weg, der unsichere Kantonist, irgendwem musste man den Mord an dem Syrer ja in die Schuhe schieben, die drei Erznazis hingegen können ungestört weiter ihr Unwesen treiben.

Mit seinen hübschen Budapestern gibt von Meuffels auch den Kampf um die Freiheit zu Farim in den Sarg und sieht so geschafft aus, wie dieses System tatsächlich ist. Abgenutzt im Kampf gegen seine vielen Feinde, der in manchen Gegenden, siehe oben, schon verloren scheint. Korrumpiert durch die Interessen, die es von innen aushöhlen und dadurch seine Widerstandskraft gegen die Feinde der Freiheit schwächen. Es gibt in diesem Film überhaupt keinen ökonomischen Impetus. Das ist gut so, denn sonst wäre es zu kompliziert geworden. Aber man muss diesen Part mitdenken, wenn man die vielen Gefahren für die Demokratie in ihrer Gesamtdimension wahrnehmen will. Sofern man also nicht mental umkippt und Filme wie „Das Gespenst der Freiheit“ so versteht, dass die Freiheit tatsächlich mit ihr fremden Mitteln vom Staat ausgeformt werden darf, dann ist es ein guter und wertvoller Polizeiruf und auf jeden Fall weniger ärgerlich als die Rostocker Variante, in der zuweilen eine höchst subjektive, persönliche Form von Privatgerechtigkeit rechtsstaatliches Handeln komplett ersetzen darf. Auch dies zu zeigen, ist ein Angriff auf die eigentliche oder wesentliche Freiheitlichkeit, nämlich diejenige, in Sicherheit vor Übergriffen aller Art sein Leben führen zu dürfen.

Ich gebe gerne zu, ich bin ein Fan von Matthias Brandt in der Rolle des wackeren von Meuffels, wie ich schon seinen Vorgänger Edgar Selge als Tauber sehr mochte. Mit von Meuffels haben die Münchener Polizeirufe aber noch einmal einen anderen Dreh bekommen – was keine Wertung darstellen soll. Ich habe das schon anhand von „Sumpfgebiete“ beschrieben, den ich ausnahmsweise und in Relation zu anderen Münchener Polizeirufen nicht so überzeugend fand. Es ist die Vergeblichkeit des Bemühens, mit einer moralischen Haltung erfolgreich zu sein, die beide Filme kennzeichnet. In „Das Gespenst der Freiheit“ ist dies weniger überraschend dargestellt als das Ende von „Sumpfgebiete“ mit der Vernichtung der Steuersünder-Daten-CD, dafür aber auch nicht herbeizitiert, um die Vergeblichkeit aller Mühen zu dokumentieren, sondern so zwingend und integral, dass Spannung und Entsetzen nicht aus Effekten, sondern aus einer Dynamik resultieren, die vor allem den Verlust von allem, was uns in einer unübersichtlichen Welt halten und an das Gute glauben lassen kann, bedeutet.

Dass dieser Film bei seiner Premiere nur 4,34 Millionen Zuschauer hatte, mag an der Sommerferienzeit und der Hitze in jenem Dürrejahr gelegen haben, da mögen manche sich etwas Leichteres gegönnt haben, die unter günstigen Umständen auch für einen schwierigen Stoff etwas übrig haben, aber auch ein Marktanteil von von nur 16 Prozent ist nicht gerade ein Hit. Die eher systemaffinen Münster-Tatorte, die man ohne Nachwirkungen in Form von Nachdenken konsumieren kann, erreichen das Doppelte. Ich empfehle gerade deshalb, diesen Film unbedingt anzuschauen, auch wenn uns die politischen Diskussionen über Einschränkungen der Freiheit und den rechten Rand, falls man ihn noch so bezeichnen kann, langsam aus den Ohren kommen. Ich finde, der Polizeiruf Nr. 370 stellt sehr gut dar, wie wenig greifbar auch die Ausfransungen von Milieus sind, die man einst an ihrem Auftritt festmachen zu können glaubte. Seit die Diskursverschiebung nach rechts in vollem Gange ist, ist es nicht mehr so einfach und wer das nicht glaubt, der hat auch die Dynamik der Corona-Leugner-Bewegung nicht verstanden, die nach rechts drängt und nach rechts gezogen wird.

Finale

Freilich muss niemand auf eine gute Show verzichten, nicht einmal in diesem Film. Das Duell zwischen Matthias Brandt und Joachim Król als Verfassungsschützer ist sehenswert und man merkt, wie zwei auf Augenhöhe agieren, die in Wirklichkeit gewiss nicht so weit auseinander sind, wie die Rollenprofile ihrer Figuren es suggerieren. Es ist furchtbar, zu sehen, wie der Verfassungsschutz selbst gewissenlos und gegen Grundsätze der Verfassung handelt, manipuliert, infiltriert, doppelte Böden schafft, Fallen erstellt, Menschen benutzt, das Fundament der Demokratie aufweicht – aber es ist glaubwürdig, weil der Vertreter dieses Geheimdienstes so wirkt, wie man sich einen jovial-brutalen Führungsoffizier von V-Leuten vorstellt. Dagegen erscheint der integere Polizist wie aus der Zeit, in welcher der Vater seines Darstellers Bundeskanzler war und, es gab nie perfekte Zeiten, über eine ausgekochte Intrige stolperte. Man sieht aber an den Filmen jener Zeit, an den Krimis, dass es noch den Glauben daran gab, dass am Ende alles gut wird. Den lässt uns „Das Gespenst der Freiheit“ nicht und das müssen wir aushalten.

Selbst wenn man sagt, dieses Detail oder jener Spin sind vielleicht etwas plakativ dargestellt: Würde irgendjemand bezweifeln, dass es grundsätzlich so läuft, wenn die Geheimdienste sich in „Milieus“ hineinarbeiten? Mit Cenk Batu hat man im Tatort Hamburg einmal versucht, das wirklich aus der Sicht eines verdeckten Ermittlers auszuleuchten, aber es gab einen Unterschied: Ein V-Mann, der beim Staat angestellt ist, kann zurückgezogen und woanders eingesetzt werden, einer aus der Szene, der gedreht wird, hat überhaupt keinen Rückhalt. Ob diese Menschen immer so in Gefahr sind wie Farim? Wohl nicht ganz, denn sonst wäre erfolgreiche, längerfristige Arbeit nicht möglich, niemand würde sich als V-Mann hergeben – es sei denn, er wäre erpressbar und diese Variante wird es wohl leider oft genug geben: Wir geben dir einen lukrativen Job und halten dafür die Hand über dich, damit nicht gegen dich ermittelt wird. Dass V-Leute im observierten Milieu sogar als Scharfmacher agieren und zu Straftaten anstiften und (weitere) Straftaten selbst begehen, ist längst gesicherte Tatsache und auch das macht diese Einsätze so fragwürdig. Ein Staat, der vorgibt, sich nicht anders wehren zu können, hat ein Legitimitätsproblem, wenn als ein freiheitlich-demokratischer Staat gelten möchte. Man sollte Gut und Böse nicht nur am Zweck, sondern auch im Handeln unterscheiden können dürfen, denn wer kann schon den Zweck durchschauen, wenn die moralischen Maßstäbe nicht mehr erkennbar sind?

9/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

Regie Jan Bonny
Drehbuch nach einer Idee von Günter Schütter
Produktion Michael Polle
Musik Antonio Di Luca,
Caroline Kox,
Lucas Croon
Kamera Nikolai von Graevenitz
Schnitt Fridolin Körner,
Bernd Euscher
Besetzung

 

 

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