Frantic (USA / FR 1988) #Filmfest 656

Filmfest 656 Cinema

Auf den Dächern, nicht darunter

Frantic (englisch für „verzweifelt, außer sich“) ist ein US-amerikanischfranzösischer Thriller aus dem Jahr 1988 von Regisseur Roman Polański mit Harrison Ford und Emmanuelle Seigner in den Hauptrollen. 

Der erste Film von Roman Polanski, den ich gesehen habe, war die Story mit den Beißerchen („Tanz der Vampire“), mittlerweile gibt es auch eine Rezension beim Wahlberliner. Dann „Rosemarys Baby“, und natürlich „Chinatown“, und den einen oder anderen, weniger bedeutenden Film, gerade bin ich wieder mittendrin. „Der Pianist“ und „Tess“ sind aufgezeichnet und waren aufs Anschauen, „Frantic“ war für mich komplett neu, den habe ich zuvor noch nie angeschaut. Ein Thriller soll es sein, darauf gehen wir in der –> Rezension ein.

Handlung (1)

Der Arzt Richard Walker und seine Frau Sondra reisen zu einem medizinischen Kongress nach Paris. Bei der Ankunft im Hotel müssen sie feststellen, dass sie einen falschen Koffer haben, und Sondras Koffer wahrscheinlich auf dem Flughafen vertauscht wurde. Als Walker aus der Dusche kommt, ist seine Frau verschwunden. Er wartet zunächst ab, sie taucht jedoch nicht wieder auf, also macht er sich auf die Suche. In einer Kneipe findet er jemanden, der gesehen haben will, wie seine Frau in einen Wagen gestoßen wurde. An der betreffenden Stelle findet er tatsächlich ihr Armband. Auch der Portier des Hotels will gesehen haben, wie Walkers Frau in Begleitung eines Mannes das Hotel verlassen hat. So meldet er seine Frau als vermisst, doch sowohl die französische Polizei als auch die US-Botschaft erweisen sich als wenig kooperativ.

Beim Öffnen des fremden Koffers findet Walker ein Streichholzbriefchen des Nachtlokals Blue Parrot und darin den Namen Dédé und eine Telefonnummer notiert, unter der er aber nur einen Anrufbeantworter erreicht. Er findet Dédés Adresse heraus, fährt dorthin und findet Dédé tot in seiner Wohnung vor.

Auf Dédés Anrufbeantworter hat eine Michelle eine Nachricht hinterlassen, dass sie ihn im Blue Parrot treffen wolle und ihn ansonsten nach Ladenschluss zu Hause aufsuchen werde. Walker wartet auf sie. Es stellt sich heraus, dass der fremde, vertauschte Koffer ihr gehört. Michelle ist Schmugglerin, angeheuert von Dédé, sie kennt aber dessen Auftraggeber nicht. In der Zwischenzeit wird das Hotelzimmer Walkers von Unbekannten durchsucht und verwüstet; der Koffer ist zu dieser Zeit jedoch nicht dort, sondern wurde zuvor von einem Hotelpagen abgeholt. Anschließend tauchen zwei Agenten in der Wohnung Michelles auf und fragen sie nach einem Modell der Freiheitsstatue, das sie geschmuggelt hat. Walker kommt zufällig dazu und die Agenten verschwinden. In der Statuette finden sie ein elektronisches Bauteil, das sich später als Krytron herausstellt.

Die Entführer nehmen Kontakt zu Walker auf und wollen das Krytron gegen seine Ehefrau austauschen. Die Übergabe scheitert, da weitere Agenten auftauchen. Der Sicherheitsoffizier der Botschaft scheint Walkers Aussage nun endlich zu glauben, denn er weiß, dass es sich bei dem Krytron um eine Schaltröhre für die Zündung von nuklearen Sprengsätzen handelt. Da das Leben seiner Frau davon abhängt, will Walker es aber nicht herausgeben und flieht mit Michelle. (…)

Rezension

Interessanterweise war dieser Thriller für mich vor allem zunächst ein 1980er-Film. In dem Jahr, in dem er gedreht wurde, hatte ich ebenfalls Paris besucht, allerdings wirkte es auf mich sonniger und freundlicher, als es sich in „Frantic“ zeigt. Ich bin zwar mit dem Auto hineingefahren, aber dann auch in vollen Metros und als Gerade-Studi habe ich in einem Hotel gewohnt, das weniger komfortabel war als das Grand Hotel, in dem Dr. Walker und Frau in „Frantic“ absteigen. Seine Frau wohnt ja nicht besonders lange dort. Aber das Design der Hotelräume, auch die Aufmachung von Emmanuelle Seigner, die Bars, haben mich schon sehr diese Zeit erinnert. Mich wundert, dass sich Roman Polanski nicht zehn Jahr zuvor schon Nastassja Kinski als Ehefrau geschnappt hat, als sie die „Tess“ für ihn spielte, die hätte auch sein Typ sein müssen. Aber durch die Dreharbeiten zu „Frantic“ hat er Mlle. Seigner kennengelernt und geheiratet. Paris eben, da weiß man nicht nur oft nicht, wie man im Gewühl vorankommt, sondern auch nicht immer, mit wem man wieder rauskommt.

Der zweite Eindruck war, dass es sich hier um ein Remake von „Der Mann, der zu viel wusste“ mit anderen Mitteln handelt. Polanski filmt stilistisch anders als Alfred Hitchcock, geklaut wird die Frau des Arztes, nicht der Sohn, aber die Art, wie er Spannung erzeugt, ist ähnlich. Der vertauschte Koffer hat als Auslöser des Geschehens eine ähnliche Funktion wie die letzten Worte des Agenten in Marrakesch gegenüber dem Arzt bei Hitchcock. Polanskis beste Filme, wie „Rosemaries Baby“, stehen denn auch den Thrillern des Altmeisters nicht nach. Bis auf einen Punkt hat mir auch der Plot von „Frantic“ gut gefallen: Dieses Krypon wirkt ein wenig wie der Underachiever unter den McGuffins. Nein, es ist im Grunde kein McGuffin, man sieht das Teil wirklich, aber wenn man bedenkt, wie billig so ein Elektronik-Bauteil sein muss und dass es sich bei diesem Kryton um nichts Besonderes handelt, außer dass es eingesetzt wird, um Atomsprengköpfe zu zünden, ist der Aufwand, den hier mehrere Seiten zwecks seiner Erlangung betreiben, ein wenig überspannt. Wenn es Probleme mit dem Erlangen von Atomtechnologie gibt, die Geheimdiensttätigkeiten auslösen, dann wohl nicht gerade bei einem Kryton. Da ist es nur logisch, dass Dr. Walker es am Ende in die Seine schmeißt. Denn das Leben der hübschen Michelle war es sicher nicht wert.

Der Film fängt recht langsam und ein wenig nervig an, ich höre Leuten nicht gerne minutenlang beim Amateursingen zu, schon gar nicht unter der Dusche. Die Harmlosigkeit des Arztehepaares wird doch zu sehr betont. Der Einstieg des Zufallshelden in das Geschehen, das er mehr und mehr an annehmen und selbst weiterentwickeln muss, nachdem er hineingezogen wird, hier durch das besonders starke Motiv, dass seine Frau entführt wurde, dauert wesentlich länger als bei Hitchcock. Dabei werden nicht sehr stimmige Elemente wie die Autopanne, die nichts mit dem späteren Geschehen zu tun hat, einzig dem Zweck dienen, ein Gefühl von Unsicherheit zu erzeugen, zu vermitteln, dass jederzeit etwas geschehen kann. Was ja im Hotel auch stattfindet. Von da ab gibt es viele Momente, die an sich nichts Besonderes sind, aber durch die Zusammenhänge eine bedrohliche Bedeutung bekommen, wie die Tatsache, dass zunächst der Nacht-Auditor nicht erreichbar ist, der Walkers Frau beim Hinausgehen mit einem Fremden offenbar gesehen hatte.

Auch ähnlich wie bei Hitchcock: Der brave Bürger, der in mysteriöse Vorgänge verwickelt wird, kann sich nur selbst helfen, weil die Polizei ihm zuerst nicht glaubt und dann nicht fähig ist, die Sache rasch und konsequent aufzulösen, das Muster findet sich ziemlich genau etwa in „Der unsichtbare Dritte“ wieder oder seinem Urahn „Die 39 Stufen“. Entweder entwickelt sich alles zu einer Menschenjagd, oder es bleibt dabei, dass unser Zufallsheld selbst jagt. Beides zusammen ist spannender, Polanski bleibt aber in „Frantic“ dabei, dass Dr. Walker nicht etwa selbst zum Angriffsziel wird, sondern sich in Gefahr begibt, um seine Frau wiederzubekommen. Wie oft in solchen Filmen fragt man sich auch ein wenig, warum ein solcher Zinnober wie die Entführung veranstaltet wird, wenn sich am Ende doch alles in einem Schusswaffenwechsel auflöst. Direkte Gewaltandrohung führt meist schneller zum Ziel als verwegene Konstruktionen mit Geiseln, mit Übergaben, mit ganz schwierig aufzulösenden Momenten, bei denen immer ein hoher Unsicherheitsfaktor besteht, ob das alles auch so klappt wie verabredet.

Trotzdem, ich fand’s spannend, und auch wenn die Raffinesse der besseren Hitchcocks hier fehlt, konnte ich gut in den Film einsteigen.

Sicher lag das auch an Harrison Ford, er zwischen dem zweiten und dem dritten Teil der „Indiana Jones“-Reihe ein etwas Zeit hatte und diese unter anderem  zur Zusammenarbeit mit Roman Polanski nutzte. Der Amerikaner als Typ hat etwas von dem sturen Dr. McKenna aus „Der Mann, der zu viel wusste“, auch wenn er in seiner Art dezenter, moderner wirkt. Der Satz „Die Amerikaner mögen es nicht, wenn man ihre Frauen entführt“, als Abwandlung zu einer Bemerkung, die in „Der Mann, der zu viel wusste“ über die Kinder der Amerikaner gemacht wird. Ford versteht es, die Sympathie, aber auch die Ängste des Zuschauers in einer unübersichtlichen und von geheimnisvollen Vorgängen bestimmten Welt auf sich zu ziehen.

Allerdings irrt Dr. Walker beinahe ab, als er die schöne Michelle kennenlernt und sich auf dem Tanzparkett von ihr anmachen lässt. Psychologisch alles nicht falsch, nicht übermäßig ausgefeilt, aber Szenen wie diejenige, als Dr. Walker „Sur les toîts de Paris“ spielt, und die man, wenn man will, wieder bei Hitchcocks als Vorbildgeber suchen kann („Über den Dächern von Nizza“), sind recht gut gemacht.

Finale

Vordergründig hat „Frantic“ auch eine politische Aussage, aber man sollte sie nicht in eine Richtung drehen wollen oder zu hoch bewerten. Es ist ja letztlich egal, wer hier etwas an sich bringen und wer es verteidigen will, die Methoden sind gleich und – nicht so brutal und konsquent wie in einem Action-Reißer, sonst, siehe oben, wäre die Handlung nicht so weit gediehen. Die Endzeit des Kalten Krieges wirkt wieder mächtig kalt, auch wenn es hier nicht um die Konfrontation zwischen Amerikanern und Russen, sondern um nahöstliche Mitspieler zu gehen scheint. In gewisser Weise ist das Rennen um die Atomwaffen in der Region immer noch aktuell. Die einen sollen sie nicht bekommen, die anderen haben sie offiziell nicht. An Polanskis Topfilme kommt „Frantic“ nicht heran, aber er bietet genug Suspense, um ihn als Hommage an Alfred Hitchcock anzuerkennen.

74/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Roman Polański
Drehbuch Roman Polański,
Gérard Brach,
Robert Towne
Produktion Thom Mount,
Tim Hampton
Musik Ennio Morricone
Kamera Witold Sobociński
Schnitt Sam O’Steen
Besetzung

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