Frau Bu lacht – Tatort 322 #Crimetime 1070 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #FrauBu #Lachen

Crimetime 1070 – Titelfoto BR,

Wie ein soziales Thema aus der Tabuzone geholt wurde

Zum 25jährigen Dienstjubiläum wird heute Abend der Tatort „Mia san jetz do wo’s weh tut“ Premiere feiern. Die Kommissare Batic und Leitmayr haben uns unvergessliche Tatortstunden geschenkt, zu ihren mehr als 70 Fällen gehören einige der besten, die je in dieser Reihe gefilmt wurden, die nunmehr seit 46 Jahren läuft und demnächst auch ihren 1000. Film feiern wird.

Um die Münchner zu würdigen, haben wir die Tandem-Rezension dieses Mal vorangestellt und mit „Frau Bu lacht“ einen (mit dem Adolf Grimme-Preis) prämierten Film ausgesucht, der heute zu den ersten Highlights der äußerst dauerhaften Bayer-Cops zählt. Ob man heute die Erwartungen an diesen Kindermissbrauchs-Themenfilm haben darf, die das hohe Lob spiegeln, das der Film vor über 20 Jahren erhielt, klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Im Kommunikationsraum einer Neubausiedlung wird ein Mann tot aufgefunden – offensichtlich aus nächster Nähe erschossen. Er wird als Andreas Mauritz identifiziert, der in dieser Siedlung wohnt.

Die Hauptkommissare der Münchner Mordkommission Ivo Batic und Franz Leitmayr tappen zunächst im Dunkeln. Weder gibt es ein erklärliches Tatmotiv noch hat der Tote mit kriminellen Kreisen zu tun gehabt. Auch aus der thailändischen Ehefrau des Toten ist nichts Vernünftiges herauszubekommen. Sie ist verängstigt und spricht nur gebrochen Deutsch. Trotzdem gilt sie bald als Hauptverdächtige. Ihre Angst versucht sie mit asiatischen Ritualen zu bannen, die die Kommissare nicht verstehen. Sie ahnen aber, daß es dafür einen tieferen Hintergrund geben muß.

Die Nachforschungen ergeben, dass der Konditor Andreas Mauritz seine Frau vor zweieinhalb Jahren über das Ehevermittlungsinstitut „Flügel“ kennengelernt hat. Die fünfjährige Tochter Soey hat Sita mit in die Ehe gebracht. Die Ehe galt als glücklich.

Bei der Beerdigung wird Sita beinahe selbst Opfer eines Verbrechens: Jemand versucht, sie vor den fahrenden Bus zu stoßen. Polizeischutz wird angeordnet, und Jenny, eine Lehrerin und Freundin der Kommissare, kümmert sich um Sita, solange die Ermittlungen laufen. Crickett, ein junger Thailänder, den Batic in der Unimensa kennengelernt hat, hilft den Kommissaren, die Gewohnheiten und Riten der asiatischen Welt besser zu verstehen.

Die Recherche führt Batic und Leitmayr auch zu Rechtsanwalt Dr. Zimmer, dessen Frau, ebenfalls eine Asiatin, auch über die Agentur „Flügel“ vermittelt worden war. Sie ist seit einigen Wochen mit der kleinen Tochter verschwunden, vermutlich, um einer möglichen Abschiebung aus dem Weg zu gehen, die ihr nach der Scheidung von Dr. Zimmer droht. Leitmayr spürt sie in einem Tanzlokal in Traunstein auf und erfährt den wahren Grund für ihre Flucht.

Währenddessen zeigt sich Batic als vermeintlicher Kunde beim Eheinstitut „Flügel“ an der Vermittlung einer Thai-Frau interessiert. Im Gespräch mit der Leiterin des Instituts wird schnell klar, daß dieses Institut auf die Vermittlung von Frauen mit kleinen Kindern spezialisiert ist.

Mit Hilfe von Jenny und einem Trick erfahren Batic und Leitmayr, daß Soey von ihrem Stiefvater mißbraucht wurde. Der Verdacht, daß Sita ihren Mann umgebracht hat, wird zunehmend zur Gewissheit. 

Anni und Tom über „Frau Bu lacht“

Heute und vor 20 Jahren

A: Mit Filmen wie diesem haben die Münchener ihre mittlerweile legendäre Stellung erreicht.
T: Aber man merkt doch, dass der 322. Tatort nun 20 Jahre auf dem Buckel hat. Dass zwischen diesem Werk und heute mehr als 650 weitere Tatorte liegen, ist unverkennbar. Man muss schon berücksichtigen, dass das Thema Kindesmissbrauch damals gerade erst aus der Tabuzone befreit und damit überhaupt eine gesellschaftliche Diskussion erzeugt wurde. Sicher auch ein Verdienst von „Frau Bu lacht“, wenn mit nichts anderem erreicht man mit einer Fiktion, einem Fernsehspielfilm, so viele Menschen wie mit einem Tatort.

A: Diese Verbindung von Humor, persönlicher Dramatik und einem ernsten Thema ist bis heute kaum wieder erreicht worden. Vielleicht war diese glückliche Mischung gerade vor 20 Jahren möglich. Heute würde doch die PC mindestens ein Drittel dessen verbieten, was man in dem Film sieht, und es käme wieder so eine überernste, blutleere Darstellung dabei  heraus, wie sie zuletzt häufig gezeigt wurden. Meistens sind nicht mal die Kriminalfälle gut, die können es auch nicht herausreißen.

T: Da ist etwas dran. Mitte der 1990er, das war diese Zeit, die heute schon so fern scheint, in der die romantischen Komödien Hochkonjunktur hatten und der größte Aufreger eine Praktikantinnen-Affäre war, und selbst diese Geschichte hat eigentlich einen urkomischen, zur Satire reizenden Einschlag. Allerdings steht sie auch für eine Bewusstseinsveränderung: Es war die Zeit, als die PC aufkam und sexuelle Übergriffe aller Art – zugunsten der Frauen – mehr in den Fokus gerückt wurden. Die Konsequenz, Missbrauch an bloß fünf- oder sechsjährigen Mädchen zu thematisieren, lag gewissermaßen in der Luft. Aber würde man in einem heutigen Film noch einen Rechtsanwalt so krude über die Sexualität einer Sechsjährigen schwadronieren lassen? Allein schon deswegen nicht, weil man keinerlei Argumentationsvorlage liefern will, nichts relativieren will, und man würde ihn auch nicht am Ende mangels Beweisbarkeit seiner Handlung davonkommen lassen. Stark aber, wie der Missbrauch in dieser Befragungszene von Soey sehr plastisch und bedrückend rüberkommt. Puh. Da spürt man richtig, wie schrecklich das für ein Kind sein muss, auch die Langfristwirkung betreffend, selbst wenn es gar nicht voll erfassen kann, was ihm angetan wird.

A: Die Szene war sicher diesbezüglich das Drastischste, was man bis zu dem Zeitpunkt im deutschen Kino zu sehen bekam, aber die Kommissare gehen auch sehr grob an die Kleine heran. Ob das absichtlich so gemacht wurde, um den Film nicht allzu gefühlig wirken zu lassen und die Männer als Männer noch einmal schlaglichtartig zu beleuchten, obwohl Leiti und Ivo ja sonst solche Einfühlige sind … okay, nicht ganz so wie die Kölner … kann ich nicht sagen. Der Humor zielt jedenfalls darauf ab, dies alles nicht so schwer wirken zu lassen. Dass der Film trotz des Thai-Studenten mit seinen Knusperfröschen und dem nackten Arsch nicht albern wirkt, ist schon bemerkenswert. Das Ganze ist wirklich wunderbar austariert. Und das Ende hat mir gefallen. Ich weiß, du magst das nicht, wenn die Exekutive schon die Durchsetzung des Rechts verhindert, bevor die Judikative es beugen kann.

T: Die erwähnten Kölner sind Spezialisten für diese Art von Anmaßung, aber die Münchener, das wissen wir jetzt, haben es schon vor ihnen getan, denn Ballauf / Schenk sind erst 1997 getartet und haben dann ein paar Fälle gebraucht, bis sie sich Beweismittelvernichtung und sowas alles erlauben durften. Auch so eine Mode, mittlerweile.

Atmosphäre und Klischees

A: Du tust, als wenn das in jedem dritten Tatort vorkäme. Auch super: Die Atmosphäre des Films. Wenn man eh im Winter dreht, kann man ja Nachrichtenmeldungen von Schneestürmen in den USA wunderbar verwenden, um diesen Kontrast zwischen den kleinen Menschenwelten in Warmfarben und dem eisigen Draußen herzustellen, dieses wenig malerische Bayern, mit aufkommendem Sturm – in das sie immer wieder gestoßen werden oder würden, wenn es denn zur Abscheibung käme. Klar, in Thailand ist es warm, aber es ist auch ein armes Land oder war es damals. Wir steigen jetzt nicht ins Ausländerrecht des Jahres 1995 ein und gucken, ob das alles so stimmt, was im Film über den Aufenthaltsstatus in verschiedenen Situationen von Frauen, die zwecks Ehe hierherkommen, gesagt wird. Das machen wir bitte nicht, es geht nämlich um Menschen. Und die Sache mit den Schmetterlingen, wunderschön, Fische, das Buch von Frau Bu, die vielen schrägen Figuren und Dialoge, das Déjà vu, klasse gefilmt. Viele geradeu bezaubernde Momente, obwohl das bei dem Thema nicht sein dürfte, es passt aber trotzdem. Dax 1932 komma irgendwas Punkte, wenn ich’s richtig im Kopf hab. Wo steht der jetzt?

T: Um 10.000. Ja, diese nüchternen Nachrichten als Hintergrund, das ist klasse gemacht, um die Atmosphäre zu verdichten. Gab es schon Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ und sicher noch früher, aber kommt immer gut, wenn es zur Verdichtung beiträgt und der Aussage hilft. Allerdings … wie hier Männer unter generellen Pädophilie-Verdacht gestellt werden, die sich über eine Ehevermittlung eine ausländische Frau aussuchen, ich weiß nicht. Ich hatte auch Zeiten, da dachte ich, wäre doch schön, mal jemanden um sich zu haben, der nicht ganz so anstrengend ist. Hatte aber eher an eine Russin oder anderweitige Osteuropäerin gedacht. Und lieber ohne schon mit Kind als mit. Aber da lebte ich noch nicht in Berlin und wo ich damals dienstlich sozusagen stationiert war, gab es nicht solche Auswahl. Die gibt es auf dem Land in Bayern halt auch nicht.

A: Eine Russin mit russsischer Seele kommt ja auch vor, sie hilft Sita und Leiti legt sich beinahe ab, als er ihr über den blitzvereisten Boden nachlaufen will. Aber das eben war wohl ein Witz, oder? Du kennst ja jetzt einige echte Russinnen aus Berlin. Mehr muss ich nicht sagen. Die Naivität der Vorstellungen über Menschen aus anderen Kulturen ist manchmal bodenlos, wenn man keine Ahnung hat und auch zu begrenzt ist, um sich in irgendwen anders als sich selbst und seine kleine Welt hineinversetzen zu können. Ich glaube wirklich, dass die Männer, die sich solche Frauen suchen, einen Schaden haben. Nichts gegen diese sanften Asiatinnen, im Gegenteil, aber sie sind ja auch so unglaublich schutzlos, dass das Sanfte wie Hohn wirkt, wie eine Eigenschaft, die als solche dann auch noch einmal missbraucht wird. Das hat mich geradezu wütend gemacht, dass unser Recht diese Dominanz von Männer noch einmal aufleben lässt, die sie sich gegenüber den hier sozialisierten Frauen schon lange nicht mehr rausnehmen können. Klar ist das der einfache Weg für simple Typen, sich dann woanders umzutun, wenn sie sich die paar tausend Euro für die Anbahnung leisten können.

T: Ja, wir und unser Problem, heute die angemessene Rolle zu finden. Ein dramatisches Kapitel von Identitätsverlust, Suche. Neufindung, mit Glück. Aber es geht um den immanenten Vorwurf, dass diese Männer auch alle übergriffig im sexuellen Bereich mit Kindern sind.

A: Wenn es stimmt, dass etwa ein Viertel – ich betone, ein VIERTEL! – aller Frauen Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit mit sich herumschleppt, dann ist der Prozentsatz von Tätern in der Männergruppe, die Frauen über ein Ehe-Anbahnungsinstitut wie „Flügel“ sozusagen ordern wie einen Fernseher, sogar mit der modernen Variante, schrei‘ vor Glück oder gibt’s zurück, sicherlich höher. Das sind solche gefühlsarmen, restriktiven Persönlichkeiten, die hier niemanden abbekommen. Lass es die Hälfte sein, dann ist es doch kein Klischee mehr. Und dann werden deren unheilige Wünsche noch von Leuten wie dieser mistigen Institutschefin gefördert. Ich bin ganz einverstanden damit, dass hier so kategorisch behauptet wird, die Thaifrauen-Liebhaber sind tendenziell Thaimädchen-Missbraucher.

Sexueller Missbrauch in Zahlen und keine Gnade für die Täter

T:
Wo hast du denn das mit dem Viertel her? Die Zahl der angezeigten Delikte liegt bei etwa 15 auf 100.000 Einwohner pro Jahr und ist rückläufig, trotz einer viel größeren Offenheit dem Thema gegenüber als früher.

A: Irgendwo hab ich das mal gelesen, außerdem gestützt durch die Zahlen aus der Wikipedia, da wird von etwa 300.000 Einzelhandlungen bzw. Einzeldelikten pro Jahr ausgegangen. Die natürlich nicht alle zur Anzeige kommen, nach wie vor. Ebenso wie häusliche Gewaltgeschichten. Was glaubst du, was da immer noch unter den Teppich gekehrt wird. Die Familie ist im günstigen Fall eine Schutzzelle, sie kann aber auch eine Gefängniszelle für diejenigen sein, die nicht die Macht haben, und das sind Kinder. Und Frauen, die sich nicht wehren können durch Scheidung innerhalb der ersten drei Jahre, weil sie sonst ausgewiesen werden. Ich glaube, es heißt in dem Fall Ausweisung. Ist ja auch egal. Dieses System, Frauen abhängig zu halten, ist von Männern erdacht worden und schützt Männer.

T: Es soll wohl auch davor schützen, dass Frauen Liebe vorspielen und nur am Bleiberecht interessiert sind.

A: Liebe! In einem so frühen und so wenig romantisch generierten Stadium einer Beziehung hält man doch höchstens, allerhöchstens ein Option auf Liebe in der Hand, mit der man klug umgehen muss. Die Männer, die Frauen kaufen wie Ware, haben genau diese Empathie, diese emotionale Intelligenz aber nicht drauf. So werden sie dann auch behandelt. Abgesehen davon, dass die Tötungsgefahr wohl eher gering ist.  Außerdem sind ja nicht immer schon Kinder vorhanden. Aber du musst, wenn du eine Ehe unter solchen Voraussetzungen eingehst, als Mann damit rechnen, dass eine Frau vielleicht noch andere Interessen hat als das an deiner wundervollen Persönlichkeit. Du musst dich bewähren. Wenn du das nicht tust, musst du mit einer Enttäuschung klarkommen. That’s life. Und manchmal gibt es Motivbündel, die einem Menschen selbst gar nicht bewusst sind. Nö, ich hab da kein Mitleid mit den Männern. Sollen sich auf den Hintern setzen, sozial was dazulernen und sich hier eine Frau suchen. Und zwar unabhängig von der Ethnie, der die Frau angehört.

T: Man merkt schon, dass du nur in der Großstadt gelebt hast, wo sehr viel geht, zwischen unendlich vielen Männern und ebenso vielen Frauen, und wo kein Fehler der letzte gewesen sein muss. Aber ich glaube, wir kommen mal zum Ende, oder? Ich hab meine Punkte aufgeschrieben.

A: Ich gebe 10 von 10. Ich liebe diesen Film. Einer der besten Tatorte ever. Großes Kino, wichtiges Thema gnadenlos gut umgesetzt.

T: Ich hab 8/10 notiert. Dann kommen wir bei 9 raus, und das war lange das höchste, was ich innerhalb der TatortAnthologie vergeben habe, als Alleinrezensent. Mittlerweile kam’s auch einmal zu 9,5 („Im Schmerz geboren„) und einmal zu 10 („Reifezeugnis„, neue Rezension). 

8,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Kommissar Ivo Batic Miro Nemec
Kommissar Franz Leitmayr Udo Wachtveitl
Kommissar Carlo Menzinger Michael Fitz
Sita Mauritz Anna Villadolid
Jenny Barbara-Magdalena Ahren
Dr. Zimmer Ulrich Noethen
Crickett Maverick Quek
Evangelina Petra Kleinert

Regie: Dominik Graf,
Buch: Günter Schütter
Kamera: Benedict Neuenfels
Musik: Dominik Graf und Helmut Spanner

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