Do the Right Thing (USA 1989) #Filmfest 676 #DGR

Filmfest 676 Cinema – Die große Rezension

Right thing done?

Do the Right Thing ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Spike Lee aus dem Jahr 1989. Die Tragikomödie, produziert von Lee, der auch das Drehbuch schrieb und eine der Hauptrollen übernahm, feierte ihre Premiere im Mai 1989 auf den Filmfestspielen von Cannes. Der US-Kinostart folgte am 30. Juni 1989, in den bundesdeutschen Kinos war der Film ab dem 13. Juli 1989 zu sehen.[1] Der Film wird von Kritikern als Teil des New Black Cinema angesehen.[2] 

Für Nichtamerikaner ist es angezeigt, diesen Film mit Vorsicht zu betrachten. Vieles in ihm ist universell, insbesondere das Entstehen von rassistischer Gewalt betreffend, die Spirale der Eskalation. Das könnte so überall passieren, wo Vorurteile und Gegensätze aufeinanderprallen und es keine mächtige Stimme der Versöhnung gibt.

Aber der Subtext und hier speziell die Botschaft, die Haltung des Films, sind für einen neutralen Zuschauer nicht eindeutig. Am Ende werden wir interpretieren müssen und uns vielleicht nicht so sicher bei der Entschlüsselung sein wie bei Filmen, die auf uns als Außenstehende nicht so zwiespältig wirken. Wir werden nicht bei einer werkimmanenten Kritik verbleiben, sondern auch den Regisseur und Hauptdarsteller Spike Lee hinzuziehen, seine Person und was er außer „Do the Right Thing“ gemacht und gesagt hat – wobei uns zu Hilfe kommt, dass er nach „Do the Right Thing“ zum Beispiel „Malcolm X“ gedreht hat. Wir werden auf die in „Do the Right Thing“ häufig zitierten Bürgerrechtler King und Malcolm X eingehen, die für zwei unterschiedliche Linien im Kampf um die Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA stehen. Mehr dazu finden Sie in der –> Rezension.

Handlung (1)

Ein heißer Tag in Brooklyn: Der Italoamerikaner Sal betreibt seit 20 Jahren eine Pizzeria in der Stuyvesant Avenue. Mit dem gutmütigen, stets vermittelnden Sal arbeiten seine beiden Söhne Pino und Vito. In dem heruntergekommenen Viertel leben fast ausschließlich Schwarze, viele sind arbeitslos. Einige hängen den ganzen Tag herum, halten sich an Bierdosen fest und hegen Neid gegen erfolgreichere Leute in der Nachbarschaft wie einen koreanischen Ladenbesitzer. Sal ist stolz, dass man ihn in der Umgebung akzeptiert. Konflikte mit seinem lustlosen schwarzen Austräger Mookie werden schnell beigelegt, obwohl Sals Sohn Pino seiner Unzufriedenheit gelegentlich mit rassistischen Parolen Luft macht. Pino will den Vater überreden, aus dem Schwarzenviertel wegzuziehen. Bruderzwist gibt es, weil Vito gut mit Mookie auskommt, der seit einer Woche nicht bei seiner Freundin und dem kleinen Sohn war.

Die überwiegend afroamerikanische Nachbarschaft besteht aus oft perspektivlosen, aber markanten Persönlichkeiten. Der freundliche und weise Betrunkene „Da Mayor“ gilt als inoffizieller Bürgermeister der Straße, er fühlt sich zu der stets an ihrem Fenster sitzenden „Mother Sister“ hingezogen, die aber seine Avancen zurückweist. Smiley, ein stotternder Bettler, versucht auf der Straße Fotos von Helden der Bürgerrechtsbewegung zu verkaufen. Mister Señor Love Daddy leitet einen Ein-Mann-Radiosender, auf dem er afroamerikanische Musik spielt und Liebe predigt. Sweet Dick Willy, ML und Coconut Sid sind drei mehr oder weniger arbeitslose Männer mittleren Alters, die auf ihren Stühlen die Nachbarschaft beobachten. Neidisch blicken einige in der Nachbarschaft auf den koreanischen Laden, dessen Betreiber erst seit kurzem in den USA und schon wirtschaftlich erfolgreich sind. Mookie hat im Gegensatz zu den meisten seiner Kumpels zwar einen Job, zeigt aber insgesamt wenig Ambitionen weiterzukommen – im Gegensatz zu seiner Schwester Jade, bei der er lebt. Jade versteht sich gut mit Sal, was Mookie zunehmend misstrauisch beobachtet. Mookie hat mit seiner Freundin Tina auch einen kleinen Sohn, aber die Beziehung verläuft eher schlecht als recht, da er sich oft tagelang nicht meldet.

Sal ist stolz auf seine italo-amerikanische Herkunft und präsentiert in der Pizzeria eine „Wall of Fame“, die aus Porträts italo-amerikanischer Stars besteht. Dem schwarzen Aktivisten Buggin Out missfällt die Galerie und er kritisiert, dass Sal keine Schwarzen mit aufgenommen hat. Er droht damit, einen Boykott von Sals Geschäft zu initiieren. Irritiert verweist der Pizzeria-Besitzer den jungen Arbeitslosen aus seinem Geschäft und belegt ihn mit einem Hausverbot. Buggin Outs Versuche eines Boykotts bleiben erfolglos, da Sal beliebt ist. Nur der Bettler Smiley und der Musikliebhaber „Radio Raheem“, der mit Sal eine Auseinandersetzung wegen seines voll aufgedrehten Ghettoblasters hatte, schließen sich ihm an. Am späten Abend ist Sal mit dem Tagesgeschäft hochzufrieden; er will den Laden in „Sal & Sons“ umbenennen und so Pino zum Bleiben bewegen. Doch da tauchen Buggin Out und Radio Raheem in Sals Pizzeria auf. Mit maximaler Lautstärke dröhnt „Hip Hop-Musik“ („Fight The Power“ von Public Enemy) aus dem Ghettoblaster. Verärgert über diese Belästigung zerstört Sal das Gerät mit einem Baseballschläger und lässt sich zu dem abwertenden Wort Nigger hinreißen. Schnell artet die Auseinandersetzung in eine Schlägerei aus, an der sich auch zuvor neutrale Bewohner des Viertels beteiligen.

Die Polizei greift ein, der sich heftig wehrende Radio Raheem wird von einem Cop im Schwitzkasten mit dem Schlagstock zu Tode gewürgt. Als die Polizei daraufhin wegfährt, reagieren die schwarzen Bewohner des Viertels aufgebracht auf dieses tragische Ereignis, auch da es schon zuvor ähnliche Vorfälle von Polizeigewalt gab, und richten ihre Wut auf Sals Pizzeria. Mookie stellt sich gegen seinen Arbeitgeber und wirft eine Mülltonne ins Fenster, woraufhin die Pizzeria zerstört, geplündert und angezündet wird. Die Straßenschlacht droht auf weitere Geschäfte überzugreifen, kann aber durch Feuerwehr und Polizei eingedämmt werden. Da Mayor kann Sal und seine Söhne von der wütenden Meute wegziehen. Smiley, der das erste Streichholz angezündet hatte, kann nun endlich ein schwarzes Bild an die zerstörte Ruhmeswand des italienischen Ladens hängen, das den Händedruck zwischen Martin Luther King und Malcolm X zeigt.

Einen Tag später steht Sal fassungslos vor den Trümmern seiner zerstörten „Famous Pizzeria“. Mookie fordert von Sal den ausstehenden Lohn, der von ihm enttäuschte Sal wirft ihm die Dollarscheine entgegen, sodass sie auf dem Boden landen. Nach einer vorsichtigen Versöhnung trennen sich beider Wege.

Rezension

Da dieser Film so wichtig ist und im Jahr 1989 etwas vollkommen Neues darstellte, müssen wir auch seine Stellung in der Geschichte der Filme ein wenig beleuchten, die sich mit Afroamerkanern und deren Themen befassen. Lange Zeit waren diese Filme aus der Sicht der Weißen gedreht, Spike Lees Werk stellt schon deshalb einen Wendepunkt dar.

No tree grows in Brooklyn

Schließlich ist der Film nur dann verständlich, wenn man die Geschichte der farbigen Bevölkerung in den USA berücksichtigt und besonders die Zeit zwischen der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre und der Rassenunruhen in Los Angeles in den frühen 1990er Jahren, deren Verlauf auffällig der Handlung von „Do the Right Thing“ ähnelt. So gesehen ist er visionär, weil in ihm, wenn auch in kleinem Maßstab und so, dass Einzelpersönlichkeiten hervortreten, das, was geschehen sollte, bereits gezeigt wird. Sogar die Erklärung wird mitgeliefert.   

„Wenn ich den Film heute wieder sehe, erinnert er mich daran, was für eine stilistische Errungenschaft er darstellt. Spike Lee war 32, als er ihn drehte, sicher, selbstsicher, seine Freiheit voll ausschöpfend. Er nimmt diese Geschichte, die wie düsterer sozialer Realismus klingt, und erzählt sie mit Musik, Humor, Farbe und üppigen Erfindungen. Ein großer Teil davon ist einfach nur Spaß. […] Keiner dieser Menschen ist perfekt. Aber Lee macht es uns möglich, ihre Gefühle zu verstehen; sein Einfühlungsvermögen ist entscheidend für den Film, denn wenn du nicht versuchst, zu verstehen, wie die andere Person fühlt, bist du ein Gefangener in deinem eigenen Käfig. Gedankenlose Menschen haben Lee im Laufe der Jahre vorgeworfen, ein wütender Filmemacher zu sein, aber ich finde das nicht in seiner Arbeit. Das Wunder von Do the Right Thing ist, dass er so fair ist.“ – Roger Ebert[8]

Aktuell erhält der Film in der IMDb eine Nutzerwertung von durchschnittlich 8,0/10 und der Metascore der US-Kritiker:innen liegt bei herausragenden 93/100. Insofern sehen des die meisten, die sich mit „Do the Right Thing“ auf professioneller Ebene befasst haben, ebenso wie das Publikum. Ein wichtiger, vielleicht ein großer Film. In der Top-250-Liste der IMDb war er bisher nicht, wenn unsere Quelle hier keinen Fehler gemacht hat. Das lässt auf etwas schließen, was unbedingt erwähnenswert ist. Bis auf einige Filme, von denen manche auch etwas zu sehr gehypt werden, ist die Tendenz eher so, dass sie mit der Zeit ein paar Zehntel verlieren. Gerade für die „Klassiker zweiter Ordnung“ gilt das nicht so selten. „Do the Right Thing“ hat aber nun beinahe die Bewertung, um in die Liste zu kommen, was bedeutet, die Anerkennung für dieses Rassendrama ist mit der Zeit eher gestiegen.

Auffällig ist zunächst der visuelle Stil von „Do the Right Thing“. Er ist neuzeitlich und klassisch zugleich. In kräftigen Farben wird eine finanziell benachteiligte Nachbarschaft so gezeigt, dass sie nicht deprimierend, sondern zunächst eher pittoresk und auch ein wenig alltagsromantisch wirkt. Das Leben der einfachen Leute als ein fortgesetztes Palaver über das Leben und seine Basics – aber auch über Rassen und wirtschaftlichen Erfolg, über Macht und Ohnmacht, das Übliche also, das Ding, um das es geht. Es gibt in diesem meist grell, manchmal auch dezent, aber immer in Warmfarben ausgeleuchteten Szenario kein Grün, keine Natur, es gibt auch keinen Fortschritt in Form neuer Gebäude oder gar Baustellen. Dafür sind an einem Zaun Radkappen aufgehängt, die in den Schlaglöchern von Brooklyn verloren gingen.

Die Wohnungen der Afroamerikaner sind klein, nicht sehr sauber, zuweilen klaustrophobisch, die Behausungen der Weißen, etwa das Pizzaunternehmers Sal, werden nicht gezeigt. Der Film präsentiert Brooklyn etwa so, wie eine Dokumentation Slums in einem lichtkräftig leuchtenden Afrika oder in Brasilien zeigen könnte. Die Bildsprache entspricht der Wahrnehmung der Menschen, deren Vorfahren aus einem damals noch intakten, von leuchtenden Farben geprägten Kontinent gerissen und in die Welt des weißen Mannes gestoßen wurden. Das afrikanische Erbe paart sich mit der heutigen schwarzen Rap-Musik und einem Getto-Zynismus, der sich selbst genug scheint und nie die Balance verliert, nie das Easy Going kaputt macht und dessen Ausleben in rassistischen Sprüchen erst einmal nicht nicht auf eine Gewalteskalation hindeutet. Ebenso könnte die Handlung im Nichts verebben und damit, ähnlich einem klassischen Sozialdrama aus der Zeit der Großen Depression, den Status Quo beschreiben und offen bleiben für jede denkbare Entwicklung.

Der Film wirkt auch mehr als 25 Jahre nach seinem Entstehen unverbraucht und stilistisch modern, die Art, wie Afroamerikaner in diesem Film sprechen, ist State oft the Art in Hollywood – geworden, auch durch Filme wie diesen. Und ein Hollywoodfilm ist dieser Joint von Spike Lee durchaus, auch wenn keine Lösung für die gezeigten Konflikte anbietet. Er dramatisiert bis auf den Tod der Nebenfigur Radio und der ausgebrannten Pizzeria von Sal aber auch keine endgültigen Verluste. Es gibt keine Versöhnung zu besichtigen, aber unmöglich ist sie nicht. Beide Beteiligten, Sal und der junge Afroamerikaner Mookie (dargestellt von Spike Lee selbst), der für Sal gearbeitet hat, haben keinen Hass aufeinander, sondern fühlen Trauer angesichts der Ereignisse. 

Zwei Thesen zur Botschaft

Einige sagen, „Do the Right Thing“ rufe zu Rassenunruhen auf und dessen Handlung in der Tat wie eine Blaupause für die Rodney-King-Unruhen von 1992 in Los Angeles wirkt, muss man vor allem die Details der Figurenzeichnung zugrunde legen – ist Spike Lee ein Verfechter der Gewalt, mindestens in der Form der Selbstverteidigung, wie Malcolm X sie im Schluss-Statement des Abspanns vertritt – also des Mannes, dessen Leben Lee wenig später verfilmt hat?

Wenn Wahrnehmung objektiv wäre, Kognition keine Fallen bereithielte, Subtext einfach zu verstehen wäre, dann müsste man sich nicht weiter damit befassen, aber angesichts der teilweise irritierenden Momente, die wir wahrgenommen haben, ist es unumgänglich, um dieses Werk am Beginn von „New Black Cinema“, siehe Zurechnung eingangs, bezüglich seiner Tendenz bewerten zu können. Wichtig sind aber auch die stilistischen Elemente, die Sprache, das Visuelle, und ob dies alles eher realistisch oder expressionistisch angelegt ist.

Dass Lee die wehrhafte Aussage von Malcolm X nicht nur der friedfertigen von Martin Luther King gegenüber-, sondern an den Schluss gestellt hat, sollte zunächst belegen, dass er beide Ansichten gelten lässt. Wenn man will, kann man sogar sagen, es ergibt einen Unterschied, dass das Malcolm X-Statement am Schluss steht, dass also dem radikaleren Bürgerrechtler das letzte Wort zukommt.

Das Wort des Mannes, der zum Symbol der Black-Power-Bewegung wurde als letztes Wort lässt doch darauf schließen, dass Spike Lees Überlegungen eher denen von Malcolm X nahestehen als der christlichen Gedankenwelt von Martin Luther King, der von radikalen Schwarzenführern als „Hausneger“, als Verräter an den eigenen Leuten und als letztlich den Weißen und der Systemerhaltung dienlich angesehen wurde, ja im Ganzen wurde der Aufruf zur Gewaltlosigkeit als ein Instrument angesehen, das der Vormachtstellung der Weißen einen Fortbestand sichern sollte.

Der Kenner schwarzer Gettos wie des gezeigten in Brookyln, Malcolm X, steht Spike mental näher als King, der in den Südstaaten aufwuchs, wo die Deklassierung der Afroamerikaner über viele Generationen hinweg sich eher auf der Basis eines letztlich gemeinsamen Glaubens überwinden zu lassen schien. Das dürfte Spike Lee suspekt gewesen sein, davon dürfen wir also ausgehen. Bestätigt wird dies durch ein Statement von ihm selbst zum Film, das wir für die Wiederveröffentlichung der Rezension Ende 2021 ergänzen:

Spike Lee bezeichnete diesen Film als Apartheidsfilm über die USA und als Beitrag im Wahlkampf zwischen dem langjährigen Bürgermeister von New York City Edward I. Koch und dem afro-amerikanischen Kandidaten David Dinkins[3], der sich in den Vorwahlen schließlich gegen Koch durchsetzte und bei den Wahlen letztlich auch gegen Rudolph Giuliani gewann. „Dass die schönen Worte vom freien Amerika, das Platz für jede Hautfarbe hat, nie mehr als verlogene Phrasen waren, müsste jedem klar sein. Am Ende meines Films reichen sich die Leute nicht die Hände, um diesen We are the World-Mist zu singen“, so Lee.[4] „Ich möchte, dass der Zuschauer am Ende des Films ein Gefühl des Horrors hat. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir über diese Probleme reden und uns ihnen stellen müssen. Wenn das nicht geschieht, wird es nur schlimmer.“[5] 

Allerdings ist die Frage, um welchen Malcolm X es sich handelt, wenn Spike Lee ihm nahe steht. Um denjenigen, der in der „Nation of Islam“ tätig war oder um den moderateren, der nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka begann, seine eigene Form von Rassismus zu überdenken und Menschen individuell nach ihrer Haltung zu beurteilen, gleich, welcher Hautfarbe oder „Rasse“ sie sind. Dem würde wieder Kings Ansicht näherstehen, dass Gewalt und Zerstörung letztlich alle als Verlierer zurücklässt. Das aber ist der finale Eindruck des Films, nachdem der eine kein Restaurant, der andere keine Arbeit mehr hat. Niemand hat durch den Tod von Radio oder durch das Abbrennen der Pizzeria etwas gewonnen. Fortschritt bei der Gleichstellung der Afroamerikaner sieht anders aus.

Konzentriert man sich auf das Statement von Malcolm X, ist die Frage, ob im Film ein Fall von Selbstverteidigung vorliegt, als die Gewalt in Sals Pizzeria eskaliert. Wir meinen, nein. Die Provokation geht im Grunde von den Schwarzen aus, die dem Italoamerikaner Sal Vorschriften machen wollen, wessen Bilder er in seinem Laden aufhängt. Die Kundschaft des Ladens sind überwiegend junge Afroamerikaner, doch nur einer von ihnen, der radikale Malcolm X-Verschnitt Buggin Out, stört sich an der Galerie italienischstämmiger, weißer Bochampions und verlangt eine Änderung. Sal antwortet ihm, er soll seinen eigenen Laden aufmachen, wenn er seine eigenen Leute an der Wand hängen sehen will.

Er ist ein Typ, der sich der Mehrheit nicht beugt und sich ein dickes Fell zugelegt hat. Kompromisse und Angst kennt er kaum. Seine Idole sind italoamerikanische Sportler, sind Künstler wie Frank Sinatra, Al Pacino und andere berühmte Amerikanier italienischer Herkunft. Als die Pizzeria abbrennt, sieht man als letztes Bild das von Sophia Loren, bevor die Flammen es überdecken. Wir meinen, dies ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass auch Sal nur ein Opfer ist, dessen Träume in den Flammen begraben werden, denn wer wollte Sophia Loren oder auch den liberal eingestellten Frank Sinatra, zu dessen Freunden im „Rat Pack“ der afroamerikanische Entertainer Sammy Davis Jr. zählte, ernsthaft als Vertreter der weißen Unterdrückungsmaschinerie ansehen wollen?

Hier müssen wir 2021 wieder einen Absatz einfügen. Mittlerweile wissen wir, dass im Moment der politischen Enttäuschung Sinatra auch gegenüber Davis diskriminierend wurde, andererseits sind wir in einer Zeit angelangt, in der es zu Protesten kommt, wenn bei Oscarverleihungen nicht genügend afroamerikanische Schauspieler:innen berücksichtigt werden. Die Frage bleibt, ob sich durch die Integration von Spitzenkünstler:innen des Entertainmentbetriebs etwas an der struktruellen Ungleichheit geändert hat. Nein, das ist nach allen soziodemografischen Daten nicht der Fall und nicht zuletzt Corona hat den Gap zwischen Oben und Unten noch größer werden lassen. Zu „Unten“ rechnen nach wie vor die meisten Afroamerikaner:innen.

Weiter mit dem Subtext: Dagegen, dass Spike Lee die Zerstörung der Pizzeria nach dem Tod von Radio als zwangsläufig und gerechtfertigt ansieht, spricht ein weiterer Umstand. Jedermann, der die amerikanische Geschichte ein wenig kennt, weiß, dass die Italoamerikaner ebenfalls zu den Benachteiligten gehörten. Weiße zwar, doch nie gleichgestellt der herrschenden Klasse der „WASP“ (White Anglo-Saxon Protestants), oft in der Unterwelt tätig und von einfacher Herkunft und ausgestattet mit zweifelhafter Reputation.

Klassendenken und Nationalismus, Abgrenzung und Dünkel gab und gibt es auch innerhalb der weißen amerikanischen Mehrheit, auch wenn alle Weißen rechtlich gleich waren und anders als die Schwarzen freiwillig das Land betraten. Insofern sind die im Film gezeigten Italo-Amerikaner Mitopfer und werden nicht als mafiöse Großkapitalisten gezeigt, sondern als Typen, die ihr schlichtes Ding machen wollen und dort leben, wo sie aufgewachsen sind, mit denjenigen, die dort mittlerweile die Mehrheit darstellen, anders wohl als noch in der Jugendzeit von Sal. Eine Art Gegenentwurf aus italoamerikanischer Sicht hat wenige Jahre später Robert de Niro mit „A Bronx Tale“ („In den Straßen der Bronx“) gedreht und dabei auch versucht, fair zu sein. 

Blaxploitation

Das pralle Leben, die schnodderigen Dialoge, die Art, wie Afroamerikaner immer mehr selbstbewusst mit der Diskriminierung umgehen, die ihnen zuteil wird, wie sie auch zunehmend ihre Abstammung in den Vordergrund stellen und zu ebenso komischen wie herausfordernden Einlagen verwenden, ist sogenanntes „Blaxploitation“-Kino, wie es sich seit den 1970ern entwickelt hat und mit „Do the Right Thing“ voll entwickelt ist. Wir haben mit „Shaft“ einen der ersten „Blaxploitation“-Filme rezensiert, und die Entwicklung ist seitdem zwar nicht linear, aber merklich an einem Strang entlang verlaufen, der zu einem offensiven Umgang mit der eigenen Benachteilung geführt hat. In Spike Lees Film ist das Establishment nur noch Randnotiz, wie die weißen Polizisten, die eher lächerlich gemacht werden. Wenn Weiße eine ernsthafte Rolle spielen, dann so wie die Italiener, die mit den Afroamerikanern in Brooklyn  leben und damit im selben Boot mit der nun farbigen Mehrheitsbevölkerung sitzen – ohne es zu merken, freilich.

Blaxploitation heißt nicht, dass die Afroamerikaner idealisiert werden. Sie sind nicht intelligenter oder fleißiger als die anderen, sie werden nicht in irgendeiner Form für alles, was sie tun, gerechtfertigt – auch ihre Art, mit den Dingen umzugehen, ist am Ende eben nicht das richtige Ding. Es ist dieser Ton, der wiederum den Schluss zulässt, dass Spike Lee das so sieht.

Doch etwas Doppelbödiges

Der Film hat eine liberale Botschaft für die Friedlichen und Wohlgesonnenen, er hat aber auch für den, der sich angesprochen fühlt und sie herauslesen will, eine andere. So erst hat die Gegenüberstellung der Zitate von King und Malcolm X einen Sinn: Jeder muss für sich entscheiden, was in der konkreten Situation das richtige Ding ist. Alles hinzunehmen und sich diskriminieren zu lassen, das ist es es nicht. Sinnlos Gewalt anzuwenden, zumal am falschen Ort, den falschen Menschen gegenüber, wie es im Fim passiert, ist es nicht. Aber es kann vorkommen, dass sie eben doch richtig ist, und das ist nicht dasselbe, wie Unfrieden ins Land zu tragen, denn es kommt darauf an, wer zuerst Gewalt ausgeübt hat und es kommt darauf an, ob ein revolutionärer Zustand herbeigeführt werden muss, damit Dinge sich wirklich ändern. Wenn sie das im richtigen Sinne tun, dann stehen aber der einfache Ladenbesitzer und sein Angestellter auf derselben Seite, unabhängig von der Hautfarbe.

Fazit

„Do the Right Thing“ ist avantgardistisch und den Filmstil, besonders das auf dem Vormarsch befindliche Schwarze Kino beeinflusst, der Film ist spannend und es versteht sich, dass er eine verdichtete Situation darstellt, eine Bühne zeigt, und nicht ein übliches Viertel in Brooklyn. Die Typen darin sind zu exemplarisch und auf den Konflikt hin gebürstet, der beinahe unweigerlich ausbricht. Zu Beginn ahnt man es noch nicht in vollem Umfang, das Unheil könnte sich in verbaler Aggression entladen oder wie in einer Komödie zur Erbauung des Zusehers verwendet werden. Der Drive, den der Film dann aber bekommt, die Logik der Gewalt, ist erstklassig inszeniert. Wenn jemand nicht in der Situatotion ist wie die Menschen im Film, ist es für ihn zu leicht, den Hinweis auf die Notwendigkeit von Gewalt von sich zu weisen und reflexartig zu behaupten, der Film rufe zur Gewalt auf, zu destruktiven Verhaltensweisen, zu Gegenrassismus.

Wir glauben aber, dass man sie anders verstehen kann – und dass der Regisseur subtil und auch vorsichtigerweise so agiert, dass eben doch Deutungsvarianten offen bleiben. Das macht „Do the Right Thing“ nicht beliebig, im Gegenteil. Allein die Tatsache, dass die Botschaft nicht humanistisch sein könnte, sondern eher darauf ausgerichtet, dass noch etwas passieren kann, wenn es so weiterläuft wie bisher und weiterbrodelt im Rassenhexenkessel, stört unsere Konventionen. Wenn man bedenkt, was billige Action in US-Filmen an Toten mit sich bringt, ohne dass überhaupt ein anderes Statement zu erkennen ist als jenes, dass ein Menschenleben nicht viel zählt, ist „Do the Right Thing“ um Klassen besser, denn er ist von den Gründen her determiniert und beschönigt nichts, weder durch einen vorgeblich guten Zweck, noch durch die Form der Darstellung. In diesem Sinne haben wir auch das Titelbild ausgewählt, das wiederum auf einen weiteren berühmten Film anspielt: „Die Nacht des Jägers“ aus dem Jahr 1955 und auf die beiden Wege, die wir alle gehen können.

82/100

© 2021, 2016, 2014, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie und Drehbuch: Spike Lee
Musik David Hinds, Bill Lee
Kamera: Ernest R. Dickerson
Schnitt: Barry Alexander Brown

Spike Lee: Mookie
Danny Aiello: Sal
Ossie Davis: Da Mayor
Ruby Dee: Mother Sister
John Turturro: Pino
Richard Edson: Vito
Giancarlo Esposito: Buggin Out
Samuel L. Jackson: Senor Love Daddy
Bill Nunn: Radio Raheem
Rosie Perez: Tina
Martin Lawrence: Cee
Joie Lee: Jade
Frankie Faison: Coconut Sid
John Savage: Clifton
Frank Vincent: Cabrioletfahrer 

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