Die Austernprinzessin (DE 1919) #Filmfest 682

Filmfest 682 Cinema

Die große Parade nimmt Aufstellung

Die Austernprinzessin ist ein deutscher Stummfilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1919.

Wie Lubitsch nach eigenen Angaben einen ersten Schritt von der Komödie zur Satire machte, das können Sie anhand dieses Films betrachten. „Die Austernprinzessin“ vor allem ein Augenschmaus, der für damalige Verhältnisse ungewöhnlich viel Gespür für Dekors und ihren Einsatz, für die Wirkung der Vervielfachung und der Reduktion, für Kontraste von Oben und Unten, für das Frivole und den Mangel von Ernsthaftigkeit, den man besonders bei reichen Ausbeutern und ihrem Gefolge antrifft. Hingegen die Lakaien: perfekt organisiert, zuverlässig und würdig. Wie das bildlich umgesetzt wird, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

  1. Akt

Als Ossi, die Tochter des amerikanischen Austernkönigs Mister Quaker, aus der Zeitung erfahren muss, dass die Tochter des Schuhcremekönigs Mister Blakpott einen Grafen geheiratet hat, zerstört sie vor Wut die Inneneinrichtung ihres Zimmers. Erst als ihr Vater verspricht, ihr einen Prinzen zu kaufen, beruhigt sich der Backfisch. Heiratsvermittler Seligsohn erhält Quakers Brief mit der Bitte, seiner Tochter eine standesgemäße Partie zu besorgen, und entscheidet sich ihr den Prinzen Nucki vorzuschlagen: Der ist zwar arm, aber schön. Nachdem Nucki, der zusammen mit seinem Freund Josef unter ärmlichsten Bedingungen lebt, Seligsohns Vorschlag gehört hat, schickt er Josef vor. Er soll schauen, wer die Braut ist und wie sie lebt.

Ossi schmollt unterdessen, weil sich auch nach anderthalb Stunden noch kein Ehemann eingefunden hat, und droht, das gesamte Quaker’sche Anwesen zu verwüsten.

  1. Akt

Josef erscheint bei Quaker und gibt dem Diener aus der Not heraus eine Visitenkarte von Prinz Nucki. Man hält ihn nun für den Prinzen. Während Mister Quaker die Heiratsansichten seiner Tochter so egal sind, dass er sich bei Ankunft Josefs schlafen legt, macht sich Ossi für den vermeintlichen Prinzen schön. Sie nimmt ein ausgiebiges Bad, lässt sich massieren und ankleiden. Währenddessen langweilt sich Josef ungemein.

Als Ossi schließlich erscheint, ist sie von Josefs Aussehen zwar wenig begeistert, sieht jedoch darüber hinweg, weil er ein Prinz ist. Per Pferdekutsche fahren sie sofort zur Trauung, wo Josef erst gar nicht um seine Einwilligung zur Eheschließung gebeten und mit Ossi als „Prinz Nucki“ getraut wird. Schon auf der Rückfahrt bekommt Josef Ossis emanzipiertes Wesen zu spüren: Durfte er während der Hinfahrt noch neben ihr sitzen, muss er nun allein auf der Rückbank Platz nehmen. Im Palast Quakers angekommen, zeigen sich die Diener sehr belustigt, als ihnen Ossis neuer Mann vorgestellt wird.

  1. Akt

Die Hochzeitsfeier fällt „bescheiden“ aus und findet nur „im engsten Familienkreis“ statt: Mehrere Dutzend Paare essen an der Festtafel und tanzen anschließend Foxtrott, nur Ossi muss mit einem Diener vorliebnehmen. Josef ist vom Überfluss an Speisen und Getränken so überwältigt, dass er sich hemmungslos betrinkt. Die erste Hochzeitsnacht fällt anders aus, als gedacht: Ossi weist ihrem neuen Mann ein eigenes Schlafzimmer zu und Mister Quaker zeigt sich enttäuscht, als er durchs Schlüsselloch nur Ossi mit ihrem Teddy im Arm sieht.

  1. Akt

Prinz Nucki ist unterdessen mit seinen Freunden bummeln gewesen und wird am Morgen betrunken von einem Pferdekutscher aufgelesen. Der bringt ihn zum Anwesen der Quakers, wo gerade der „Verein der Milliardärstöchter zur Bekämpfung der Trunksucht“ ein Festfrühstück abhält, dessen Mitglieder nach Männern suchen, die sie heilen können. Als Prinz Nucki volltrunken in die Halle stolpert, reißen sich die Frauen um ihn, da ihn jede gerne heilen würde. Es kommt zu einem organisierten Boxkampf zwischen allen Frauen, den am Ende Ossi gewinnt.

Sie küsst den trunkenen Prinzen Nucki und lässt ihn zur Behandlung in ihr Schlafzimmer bringen, da Josef in seinem Schlafzimmer schläft. Ossi und Prinz Nucki haben sich spontan verliebt und sind beide unglücklich, weil Ossi bereits verheiratet ist. Erst Josef bringt die erlösende Nachricht: Ossi und Prinz Nucki sind verheiratet, da Josef ja als Prinz Nucki getraut wurde. Dem bescheidenen Hochzeitsessen folgt die Hochzeitsnacht und Mister Quaker zeigt sich zufrieden mit dem, was er durchs Schlüsselloch erkennt.

Rezension

Die zeitgenössische Kritik meinte, Die Austernprinzessin sei „elegant und in einer Aufmachung gezeigt, wie nie zuvor in einem deutschen Lustspiel. […] Die Technik des Einschneidens der Bilder, der Großaufnahmen und der wirklich aus der Situation entstandenen Schlagertitel macht ihm bei uns niemand nach.“[1] Zwar seien Lubitschs Die Firma heiratet und Meyer aus Berlin „unsere besten Lichtspiele nach wie vor. Die Austernprinzessin ist unser größtes und elegantestes“.[1]

Etwas davon hatte sich in „Ich möchte kein Mann sein“ ein Jahr zuvor bereits angedeutet: Lubitschs Auge für massive Choreografie und stilwirksame Übertreibung. Dort geht es nur um eine einzige Szene, in der eine Reihe Kellner mit Tabletts durch ein Tanzlokal namens „Mäusepalast“ defiliert, in „Die Austernprinzessin“ sind die Dekors in der Tat elegant und das Aufgebot an Statisten ist stark angewachsen. Offenbar hat man auch tatsächlich afrikanischstämmige Menschen einsetzen können. Die Frage ist natürlich, ob das im gegebenen Zusammenhang, in dem sie selbstverständlich als Dienerschaft auftreten, heute noch witzig gefunden werden kann, nur, weil es stylisch ist. Eine Sachfrage.

Die weißen wie schwarzen Diener und Hausmädchen wirken würdevoller als die Hauptfiguren und lachen auch mal über sie, Dummheiten machen ausschließlich die herrschenden Weißen, wie der Austernkönig, seine Tochter und die beiden jungen Nichtsnutze. Wenn man es von hinten durch die Brust betrachtet, und wir trauen Ernst Lubitsch diese Betrachtungsweise zu, bekommt das spoiled rich Kid das, was es verdient. Einen nett aussehenden Niemand, der nur Schulden hat, dafür aber einen Titel. Es ist alles Fassade und Lubitsch dürfte hier einen der ersten Filme gedreht haben, in denen etwas gezeigt wird, was in der Folge im US-Kino populär wurde: Verarmter europäischer Adel greift nach den ökonomisch aufsteigenden US-Amerikanern. Keine Kultur verbindet sich mit kein Geld und was dabei herauskommt, sehen wir heute: Die Finanzialisierung von wirklich allem.

Obwohl „Die Austernprinzessin“ eher durch seine Ausstattung besticht als durch alles andere, gibt es viele gut eingebundene Gags zu bestaunen, die auch recht gut getimt sind. Man muss bedenken, dass große Filmkomiker in den USA, wie Charles Chaplin, 1919 nicht zum Langfilm gekommen waren und der Slow-Burn noch nicht erfunden war. Die Verbindung einer zwar für heutige Verhältnisse archetypisch wirkenden, aber sinnvoll konstruierten Handlung mit wieder einmal sehr guten Dialogen, also Zwischentiteln, dem dieses Mal wenigstens stellenweise etwas mehr zurückgenommenen Spiel von Ossi Oswalda, den komischen Fähigkeiten aller Hauptdarsteller, das ist schon weit vorangeschritten. Und haben Sie die Kamerafahrt während der zweiten, der „kleinen“ Hochzeit bemerkt, nach dem Füßeln, die zudem mit einer Beinahe-Großaufnahme verknüpft ist? Lubitsch hat die freischwebend wirkende Kamera zwar nicht erfunden und setzt sie sparsam ein. Gerade wegen der Quasi-Massenszenen, die er Film beinhaltet, war es damals besser, einen festen Bildausschnitt festzulegen, da in der Regel nicht mit mehreren Kameras gefilmt wurde, sodass man nachher Material aus verschiedenen Perspektiven, Totalen, Halbtotalen und sogar Großaufnahmen zur Verfügung gehabt hätte.

Die Eingangsszene, in der eine ganze Batterie von Sekretärinnen, schön aufgereiht an Schreibmaschinen sitzend, dasselbe Diktat von Mr. Quaker aufnimmt, ist in die Filmgeschichte eingegangen und spiegelt sich unter anderem in Billy Wilders riesiger Büroetage in „The Apartment“ (1960), in der die Hauptfigur als einer von vielen Namenlosen arbeitet, bis er durch eine besondere Eigenschaft hervorgehoben und seine Story erzählenswert wird oder im  Setdekor des Verwaltungsbüros der Berliner Coca-Cola-Dependance in „Eins, zwei, drei“ (1961).

Es muss in Deutschland einen Filmhistorikerstreit über die Qualität von Lubitschs Filmen in Relation zum Expressionismus gegeben haben, der kurz darauf mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“ Einzug ins hiesige Kino hielt und die ursprüngliche, mehr oder weniger zeitgenössische Sicht zeigte zwar gute Einzelkritiken, siehe oben, aber diejenigen, die sich daran machten, das Werden der Filmkunst in größerem Maßstab zu analysieren, fanden Lubitschs Filme mehr oder weniger banal, während 1983 Ilona Brennicke und Joe Hembus in „Klassiker des deutschen Stummfilms“ schrieben: „Was Lubitsch in „Die Austernprinzessin“ leistet, erinnert daran, wie falsch es ist, die großen filminszenatorischen Innovationen immer nur bei den dramatischen Meisterwerken zu suchen und zu loben, als Film, der Sinn und Möglichkeit des Dekors mobilisiert, ist „Die Austernprinzessin“ dem „Cabinet des Dr. Caligari“ nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen.“(2)

Keine Frage, dass „Die Austernprinzessin“ die wohl bisher stylischste Komödie nicht nur deutscher Herkunft war und man sieht etwas, das in der Tat erstaunt: Aufbruch und Befreiung nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die das deutsche Kino damals erfasste. Eine neue Zeit, ein neuer Duft von Demokratie, man konnte nun Dinge zeigen, die zuvor schwierig gewesen wären, die Leinwand wurde dämonisch (Lotte Eisner) oder sie wurde ein Ausdruck von Eleganz und einem hintergründigen Humor, der dann leider aus Deutschland weitgehend verschwand, und zwar schon vor der NS-Zeit, unter anderem, weil Ernst Lubitsch 1922 in die USA ging. Auch die plötzliche Vergrößerung von fast allem, was Kino ausmacht, ist bemerkenswert. Bis zu dem Zeitpunkt hatte man hierzulande eher technisch unspektakuläre Filme gemacht, während in den USA schon D. W. Griffith und Cecil B. De Mille am Werk waren, aber um 1919 begann nicht nur Lubitsch, sondern auch Fritz Lang mit immer umfangreicheren, bei Lang manchmal sogar zweiteiligen Werken, die einen erheblichen Produktionsaufwand verursachten. In dem Moment, als Deutschland als Kolonialmacht passé und selbst etwas geschrumpft war, begann das hiesige Kino, sich zum Vorbild für Filmländer auf der ganzen Welt zu entwickeln. Die Kulturlandschaft der Weimarer Zeit ist im Ganzen legendär, brachte grundlegend neue Stilrichtungen auf allen Kunstgebieten hervor oder bereits Angelegtes zur Vollendung, aber im Kino ging die Entwicklung am schnellsten vonstatten, weil es ein junges Medium war, das von einem noch sehr ausbaufähigen Niveau aus unendlich viel unerforschtes Terrain, unzählige Abenteuer und Erweiterungsoptionen bot.

Finale

Die elegante Gesellschaftskomödie hat Ernst Lubitsch wesentlich mitdefiniert, auch wenn sie nicht in allen seinen Filmen in einer solchen inszenatorischen Pracht manifestiert wurde, wie man sie erstmals in „Die Austernprinzessin“ sieht. Für uns nimmt er sogar die Filmmusicals der 1930er ein wenig vorweg, die von ihrem gigantischen choreografischen Einfallsreichtum und Aufwand an sich sehr synchron und koordiniert bewegenden Tänzer:innen lebten und, diese Deutung ist uns noch gar nicht so lange bekannt, auch etwas Militaristisches hatten. Lubitsch setzt aber seine schrägen Hauptfiguren sehr klar und nicht unbedingt positiv von jenen ab, die im Gleichschritt zum Dienst anzutreten und im Gleichmaß ihre Aufgaben zu erfüllen haben.

Ein paar ausgelassene Personen machen sich auf Kosten vieler Untergebener, die nur als Masse, nicht als Individuen wirken, ein schönes Leben. Selbst nach den Austern, die er verkauft und die, gleich ob man die zuweilen in ihnen zu findenden Perlen oder ihren kulinarischen Wert betrachtet, reiner Luxus sind, wird Mr. Quaker wohl nicht selbst tauchen. Da wirkt der Schuhcremefabrikant im Vergleich wie jemand, der Nützliches herstellt. Sogar die Charity-Aufgaben, die verwöhnte Töchter wahrnehmen, sind ironisch angelegt. Kein Wunder, dass Ossi sich in einen solchen Trunkenbold verliebt, der in die Manege getragen wird wie ein Schauobjekt für diese Mädchen und es ist der echte Prinz, der nach einer Zechtour aufgegriffen wird. Welch ein Prachtexemplar von einem Mann. Choreografisch wichtige, stilbildende Szenen sind neben der erwähnten Eingangssequenz: Die größere Hochzeit, in der alle Diener gleichzeitig agieren, damit keine Gäste beim Servieren benachteiligt werden, die Parkett-Rosette, auf der Josef seine Kreise zieht, während er wartet, die morgendliche Parkszene, in der die Zechbrüder einander verlieren, weil auf jeder Parkbank einer von ihnen erschöpft zum Sitzen kommt. Für das Werden der Gesellschaftskomödie wiederum wichtig: Die Szene in der kleinen Bude des Prinzen und seines Freundes, als der Heiratsvermittler klingelt und die beiden noch versuchen, aus dem Chaos ihrer WG etwas wie eine adelsgerechte Bude mit Thron zu machen, ohne die Lächerlichkeit ihres Tuns ins Auge zu fassen.

Das Lexikon des Internationalen Films bewertete Die Austernprinzessin als „reinste[n] ‚Comic Strip‘ – ein Millionär, der nicht einmal die Zigarette selbst halten muß, und eine Prinzessin, die, nur um die Tochter des Schuhcremekönigs zu übertrumpfen, einen Prinzen heiraten will. Nach Lubitschs eigener Aussage seine ‚erste Komödie mit einem definitiven Stil‘, der ‚Schritt von der Komödie zur Satire‘. Voller grotesker Komik und subtiler Gags. Lubitsch zeigt hier erstmals was in ihm steckt.“[3]

Wegen der Stellung des Films als Prototyp oder Vorläufer späterer Screwball-Komödien mit Ton und dem satirischen Blick auf die Neureichen und ihre Spleens:

81/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
(2) Christa Bandmann, Jörg Hembus, „Klassiker des deutschen Stummfilms“, Citadel-Filmbücher, 1983.

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Hanns Kräly,
Ernst Lubitsch
Produktion Paul Davidson;
Projektions-AG „Union“
für Universum-Film AG
Musik Aljoscha Zimmermann (Version 2005/2006)
Kamera Theodor Sparkuhl
Besetzung

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