Westwärts zieht der Wind (Paint Your Wagon, USA 1969) #Filmfest 686

Filmfest 686 Cinema

Listen to three Songs

Westwärts zieht der Wind ist ein Film aus dem Jahr 1969. Der unter der Regie von Joshua Logan entstandene Film basiert auf dem Musical Paint Your Wagon von Frederick Loewe und Alan J. Lerner. Die Geschichte des Bühnenmusicals wurde von Paddy Chayefsky für die Verfilmung einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen. Von den ursprünglichen Liedern wurden viele gestrichen oder zu anderen Szenenfolgen eingesetzt. Neue Songs wurden von André Previn komponiert. Der Film wurde in der Nähe von Baker City in Oregon gedreht.

An Ostern laufen sehr viele Klassiker, auf manchen Sendern fast rund um die Uhr. Da wir die ganz großen Werke aber meist schon kennen, die an solchen Tagen gezeigt werden, können wir uns mehr auf die „Zweite Reihe“ konzentrieren. Und zur „Zweiten Reihe“ zählt, trotz seines für damalige Verhältnisse hohen Budgets und seines Status als Prestigeproduktion, „Westwärts zieht der Wind“, der im Original „Paint Your Wagon“ heißt. Um das Gute zuerst zu erzählen: Allein für „I Talk to the Trees“ und für „Wanderin‘ Star“ hat sich das Anschauen gelohnt, die Lieder sind zum Niederknien schön und auch so vorgetragen. Als  Zugabe gibt es „They Call the Wind Maria“, das von Vince Vaughn 1950 zum ersten Mal gesungen wurde und im Film in einer etwas getrageneren, mit Chor unterlegten Version dargeboten wird, die aber auch sehr gelungen ist. Und was gibt es sonst zu diesem Spätwestern-Spätmusical zu sagen? Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Ein vorüberziehender Siedlertreck befährt einen gefährlichen Bergrücken, als ein Wagen den Abhang hinunterstürzt. Der alleinstehende Goldgräber Ben Rumson, zufällig Zeuge des Unglücks, kann aus dem Wagen nur einen Überlebenden bergen. Der andere Insasse ist tot. Bei dessen Beerdigung an einem Flussufer glitzert Goldstaub in der Grube auf. Ben Rumson beansprucht als erster den Claim für sich, und der Tote fliegt umgehend aus dem Grab.

Ben Rumson nimmt den verletzten überlebenden Siedler Sylvester Newel als „Pardner“ in seine Obhut, mit dem Versprechen, alle Funde mit ihm 50:50 zu teilen, auch wenn „Pardner“ erst einmal nicht selbst schürfen kann. Als Gegenleistung soll sich „Pardner“ um ihn kümmern, wenn er einmal seinen „Moralischen“ hat.

Rund um den Fundort entwickelt sich in Windeseile eine neue Stadt, die schlicht „No Name City“ genannt und nur von Männern bewohnt wird. Als eines Tages der Mormone Jacob Woodling mit seinen beiden Ehefrauen Sarah und Elizabeth in die Stadt zieht, ruft das umgehend Empörung bei den Einwohnern hervor. Sie fordern Woodling auf, eine seiner Frauen zu verkaufen, und Woodling stellt Elizabeth zur Disposition.

In angetrunkenem Zustand bietet Ben Rumson bei der Auktion für Elizabeth den höchsten Preis und wird unter Jubelgeschrei mit ihr verheiratet. In der Hochzeitsnacht zieht sich „Pardner“ diskret zurück, obwohl Ben Rumson auch hierbei, wie ausgemacht, 50:50 teilen wollte. Wenn ein Mormone schon zwei Ehefrauen haben dürfe, könne eine Frau auch zwei Ehemänner haben.

Das Leben in „No Name City“ entwickelt sich. Unter großem Jubel sind „Tänzerinnen“, unter weniger großem Jubel aber auch Geschäftemacher in die Stadt gezogen. Und auch ein sittenstrenger Prediger, Parson, taucht auf, der die neue Sittenlosigkeit verdammt, insbesondere dass Elizabeth mit zwei Männern zusammenlebt.

Langsam wird es aber immer schwieriger, Gold zu finden. Ben, „Pardner“ und einige andere finden einen leichteren Weg: Sie graben unter der Stadt zu jedem Saloon Tunnel und sacken den durch die Fußbodenbretter rieselnden Goldstaub ein. Ben und „Pardner“ sprechen allerdings kaum noch miteinander, denn „Pardner“ hat sich in Elizabeth verliebt und Ben ist eifersüchtig und beklagt den „Vertragsbruch“ (50:50).

Bei einem Stadtfest bricht dann ein Stier aus und trampelt alles nieder. Er verirrt sich auch noch in die Tunnel, die die ganze Stadt durchziehen. Wie in „Sodom und Gomorrha“ fallen alle Häuser in sich zusammen – „No Name City“ ist zerstört und die Einwohner machen sich auf zu neuen Ufern. Auch Ben Rumson packt seine Sachen und lässt „Pardner“ mit Elizabeth zurück.

Rezension
 
„Pardner“ ist also Clint Eastwood und Ben Rumson wird von Lee Marvin verkörpert. Wenn der ganze Film die Dichte und den sehnsuchtsvollen Tenor dieser drei Lieder gehabt hätte, wäre er vielleicht ein später Musicalklassiker geworden. Es stimmt schon, was die Wikipedia schreibt, dass die große Zeit des Musicals nicht gerade die späten 1960er waren, aber es gab immer wieder, die Erfolge: Erst ein Jahr zuvor hatte Barbra Streisand ihren Durchbruch mit „Funny Girl“ und noch 1964, lange, nachdem das klassische MGM-Tanzmusical Geschichte war, sah man zwei Musical-Welterfolge namens „Mary Poppins“ und „My Fair Lady“, Letzterer wurde von der AMPAS zum besten Film des Jahres gewählt, er stammt aus derselben Musicalschreiber-Feder wie „Paint Your Wagon“, von Loewe & Lerner. Noch einmal gelang es einem Musical, den Oscar für das „Best Picture“ zu gewinnen, gleich im Folgejahr: „Meine Träume, meine Lieder“.  Der Musikfilm hält sich bis heute in Einzelwerken, wie zuletzt in „La La Land“, den wir uns zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezension nun endlich gesehen haben. Wir werden es aber noch einmal tun, aus Rezensionsgründen. Nur so viel dazu: Sehr, sehr charmant und am Ende berührend melancholisch, anders als fast alle „klassischen“ Musicals. Und wieder ein „Best Picture“. Musicals können das, wenn sie gut gemacht sind, noch heute.

Nach unserer Ansicht ist es nicht die Ausgestaltung als aufwendiges Musical, die „Westwärts zieht der Wind“ problematisch macht, sondern etwas, was uns einmal mehr überzeugt, dass Joshua Logan kein sehr „filmischer“ Regisseur ist. Er schafft es nicht, Filme zu zentrieren, zu dynamisieren und sie vor weitschweifiger Geschwätzigkeit zu bewahren. In den frühen 1960ern war das allgemeiner Hollywood-Stil, aber schon „Bus Stop“, eine Theaterverfilmung aus dem Jahr 1956, die einigen als bester Streifen mit Marilyn Monroe gilt, hat uns mit Überdialogisierung genervt und war zu sehr ans Theater angelehnt. Sein Amerika-Japan-Drama „Sayonara“ ist zwar voll des guten Willens, bestückt mit einigen Fragwürdigkeiten, wirkt überambitioniert und leidet ebenfalls an einer kaum zu bändigenden Erklärungswut fast aller Beteiligten, hinzu kommt, dass Marlon Brando das auch noch auskostet bis zur Neige. Joshua Logans bester Film könnte „Picnic“ von 1955 mit William Holden sein, mit dem Kim Novak bekannt wurde, aber den haben wir noch nicht gesehen. Logan kommt vom Broadway-Theater. Natürlich kann man Theaterstücke, bis auf ein paar mehr Schauplätze, fast 1:1 abfilmen. Aber man kann sich auch davon lösen und filmisch werden, alles etwas freier gestalten, als es auf einer Bühne möglich ist. 

„Westwärts zieht der Wind“ suggieriert mit dem mehrsprachigen Vorspann, dass wir nun ein Pionier-Epos sehen werden, in dem alle europäischen  Nationalitäten mehr oder weniger einen Platz haben, doch weder spiegelt sich dies – bis auf die französischen Prostituierten – in der Bevölkerung von „No Name City“ deutlich wieder, noch wird die Erwartung an einen romantischen Film erfüllt. Sicher war es 1969, im Zeichen des Aufbruchs von New Hollywood und des Vietnamkriegs, keine falsche Herangehensweise, die amerikanischen Mythen zu hinterfragen und zu ironisieren und außerdem das Ende des Hays Codes zu nutzen, der mit einer in vielen Punkten fragwürdige Zensur Hollywood von 1934 bis 1964 knebelte – der allerdings auch zu wunderbar subtiler Subversion führte.

Am Ende steht aber eine Abhandlung über das freie Leben und die Zivilisation als Gegensatzpaare, die einen sehr konservativen Charakter hat. Schluss mit der sündigen Stadt ohne Namen, sie versinkt, wie Sodom und Gomorrha, im Dreck. Sicher ist es sehr sinnig, dass die Stadt im wörtlichen Sinn von der Gier nach Gold untergraben wird, aber der Schauwert dieser Stadt wird eindeutig über eine dramatische Entwicklung gestellt und vor allem hat man nicht den Eindruck, dass die spießigen Farmer den lockeren Jungs, die sich eine Frau teilen, irgendetwas voraus haben, was sie besser macht. So wirkt am Ende die Durchsetzung der bürgerlichen Moral vor allem – fad. Die Ménage à trois muss plötzlich einen bitteren, unbefriedigenden Beigeschmack haben, damit sie in eine normale Mono-Ehe münden und damit Lee Marvin weiterziehen kann, unter dem wandernden Stern, unter dem er geboren wurde. Dass es so kommen würde, ahnt er ja schon etwas früher, als er das entsprechende Lied singt.

Das jenes Lied sehr bekannt ist und man kaum einen anderen Interpreten im Sinn hat als den Original-Marvin, wenn man daran denkt, hat sein Vortrag, wenn man nun auch die Bilder dazu sieht, etwas sehr Berührendes, freilich auch ein wenig abhängig von der eigenen Mentalität oder sozialen Aufstellung. Wenn wir nicht wüssten, dass Marvin dieses Lied je gesungen hat, wären wir wohl über diesen Auftritt verblüfft gewesen.

So blieb noch Clint Eastwood, um uns zu überraschen, wie er, fast 40jährig, mit romantischem Weichzeichner gefilmt wird und von Elisa singt, die es aber, wie wir erfahren, gar nicht gibt. Durch Elizabeth erfährt sie ihre reale Ausformung, diese wird gespielt von Jean Seberg. Clint Eastwood hat keine herausragende Stimme, aber er singt hier selbst, wie Marvin, und die Wikipedia erzählt, dass er als junger Fernsehschauspieler ein paar Lieder gemacht hat, weil das damals so üblich war. In der Tat kam durch „Rio Bravo“ die Rolle des jugendlichen Sängers in den Western, um jüngeres Publikum an ein zusammen mit seinen Superstars langsam in die Jahre kommendes Genre zu binden. In „Rio Bravo“ hat das mit Ricky Nelson gut funktioniert, der mit dem angeschlagenen John Wayne und dem uralt wirkenden Walter Brennan als Comic Relief ein sehr ansprechendes Trio bildet. Aber Ende der 1960er waren junge Schauspieler, die auch singen konnten, nicht mehr die Regel und junge Sänger sangen Rockmusik und waren für Musicals auch in Bezug auf ihr Image nicht geeignet.

Clint Eastwood hat sehr viele unterschiedliche Filme gemacht, sogar Komödien, aber als singender Goldsucher ist er gewöhnungsbedürftig – vor allem, weil man ihn, wenn man an seine Filme in den 1960ern denkt, vor allem die Dollar-Trilogie von Sergio Leone im Kopf hat oder auch seine erste Versuche im Genre Großstadtkrimi. Im ersten der drei Leone-Filme sagt er während der kompletten Spielzeit weniger als in einem einzigen Lied aus „Westwärts zieht der Wind“ und konnte daher umso grimmiger schauen, was ihm besser steht als ein Hundeblick – keine Bange, Letzteren kriegt er auch in „Westwärts zieht der Wind“ nicht so richtig hin.

Finale

Der Film hat einige schöne Momente und Lee Marvin spielt als Trunkenbold wieder einmal mehr oder weniger sich selbst, wie schon in seinem Signature-Movie „Cat Ballou“, das vier Jahre zuvor gedreht wurde und worin man ihn an der Seite der jungen Jane Fonda sehen kann.  Eastwood wirkt beinahe fehlbesetzt und Jean Seberg kann ihre Aura nicht so entfalten, wie in einem Film, der weniger auf ein großes Ensemble abgestellt ist. Vieles wirkt bruchstückhaft oder herbeizitiert – sogar der Wind Mariah ist nicht typisch für diese Tallage am Fluss, eher schon der viele Regen, der die Stadt so matschig macht. Die Tunnels sind natürlich Unsinn, so schnell graben sich ein paar Mann nicht ein verzweigtes System wie dieses und außerdem wirkt es sehr wenig abgestützt. Hätte man jedoch bei dem Lehmboden und den Tunnels in nur wenigen Metern Tiefe sachgemäß Holzdecken eingezogen, hätten der Stier, die Menschen und die Häuser nicht so einbrechen können.  Man muss auf die erwähnten schönen Momente warten und sie genießen – dafür gibt es aber sicher längt auf Youtube eine Version, in der nur die Songs zusammengeschnitten sind, von denen jeder drei genannten in der jeweiligen Interpretation einen eigenen Reiz hat.

Auf der Suche nach einem Titelfoto haben wir eine Rezension gefunden, die wir gelungener finden als den Film selbst und die sich, anders als wir an dieser Stelle, mit der windigen oder auch mehr als zwiespältigen Sexualmoral von „Paint Your Wagon“ befasst und außerdem verrät, dass Clint Eastwood mit dem Film so unzufrieden war, dass er beschloss, selbst Regie zu führen.(2) Das hat in den ersten Jahren seiner Arbeit hinter der Kamera ebenfalls nicht immer zu herausragenden Ergebnissen geführt, aber es wurde im Laufe der Zeit eine für ihn gute Entscheidung. 

61/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2019)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
(2) https://www.alternateending.com/2014/06/blockbuster-history-clint-sings.html

Regie Joshua Logan
Drehbuch Paddy Chayefsky
Alan Jay Lerner
Produktion Alan Jay Lerner
Musik Frederick Loewe
André Previn
Kamera William A. Fraker
Schnitt Robert C. Jones
Besetzung

 

 

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