Shaft (USA 1971) #Filmfest 720

Filmfest 720 Cinema

Zwischen Marlowe, Bond und Blaxploitation

Shaft [ʃæft] ist ein Kultfilm des US-amerikanischen Regisseurs Gordon Parks aus dem Jahre 1971. Der Blaxploitation-Film mit Richard Roundtree in der Hauptrolle basiert auf dem Roman Shaft (dt. Shaft und das Drogenkartell) von Ernest Tidyman, der auch das Drehbuch mitverfasste. Der mehrfach ausgezeichnete Soundtrack von Isaac Hayes gilt heute als legendär.

Wir schreiben das Jahr 1971. John Shaft ist ein afroamerikanischer Privatdetektiv in New York City. Seine Wege führen ihn zu einem Gangsterboss und Drogenhändler in Harlem namens Bumpy, dessen Tochter von der Mafia entführt wurde, die nicht einverstanden damit ist, dass Bumpy die Drogengeschäfte im Viertel an sich gerissen hat. Um ihn zu Verhandlungen zu zwingen, haben sie seine geliebte Tochter Marcie entführt. Shaft nimmt nach einigem Zögern den Auftrag an, das Mädchen zu befreien und zurück zum Vater zu bringen. Wie es weitergeht, steht im Absatz „Handlung“, was wir weiter dazu zu schreiben haben, in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der selbständig arbeitende Detektiv John Shaft hat ein kleines Büro am Times Square, doch seine Fälle führen ihn hauptsächlich in das Schwarzen-Viertel von Harlem in New York City. Er wird vom Gangsterboss Bumpy angeheuert, dessen von einem Mafia-Clan entführte Tochter zu finden und zu befreien. Am Ende des Films kommt es zum Showdown zwischen den Entführern und von Shaft angeheuerten Mitgliedern einer militanten Bürgerrechtsbewegung.

Rezension

  • Seit dem Marsch auf Washington und der legendären „I have a Dream“-Rede von Martin Luther King waren acht Jahre vergangen, als „Shaft“ in die Kinos kam. Wir wissen nicht, ob der große Bürgerrechtler King insgeheim auch von Blaxploitation-Movies träumte, aber das erste davon war „Shaft“ und ist deshalb film- und gesellschaftshistorisch ein wichtiger Film. Er spiegelt ein neues Zeitalter des Selbstbewusstseins der Afroamerikaner und in „Shaft“ auch der Respektlosigkeit vor den Weißen gleichermaßen wie vor den eigenen, kriminellen Brüdern. Der Film ist frech und man merkt, dass es in jener  Zeit des gesellschaftlichen Wandels Spaß gemacht hat, alte Grenzen zu überschreiten, ohne gleich neue zu definieren.
  • Die Figur „Shaft“ ist der Prototyp späterer schwarzer Polizisten, Gangster und Männer in der Grauzone dazwischen, die immer mit einem flotten Spruch, einer kessen Biene und jeder Menge Action aufwarten können. Klingt auch ein wenig nach Bond, oder? Ist es sicher nicht vom Milieu und vom beruflichen Hintergrund der Hauptfigur, aber in der Art zu denken und zu handeln, haben Gemeinsamkeiten. Dieser Typ ist sehr physisch angelegt und spielt das Klischee vom wilden schwarzen Mann gleichermaßen, wie der Held auch trickreich und clever im Sinn der klassischen amerikanischen Privatdetektive ist. Einiges von Sam Spade und Philip Marlowe – angefangen beim schäbigen Einraum-Büro in irgendeinem unansehnlichen, verwinkelten Geschäftsgebäude bis zur lakonischen Umgangsweise mit den Klienten, den Gegnern und natürlich auch der Polizei,  zu der meistens ein spannungsreiches Verhältnis zwischen Verhaftung, Lizenzentzug, persönlicher Freundschaft und Whistleblowing besteht. In einer Situation bedient sich Shaft der Polizei, um aus einer unangenehmen Lage zu entkommen, doch meist ist er ihr einen oder mehrere Schritte voraus.
  • Wie schnell die gesellschaftliche Entwicklung in den 60ern und 70ern voranschritt, lässt sich am besten erahnen, wenn man „Shaft“ mit „In the Heart oft he Night“ von 1967 vergleicht, in dem Sidney Poitier die ebenso wie Shaft mittlerweile legendäre Figur „Virgil Tibbs“ („The call me Mr. Tibbs“) darstellt, einen farbigen Bundespolizisten, der im schwülen und rassistischen Süden einen Mord zu ermitteln hat. Die integere, hoch zivilisierte und dem damals einzigen afroamerikanischen Starschauspieler auf den Leib geschnittene Tibbs-Figur ist den Weißen vor Ort moralisch und optisch, im Auftritt und intelligenzseitig überlegen und das Thema Rassismus wird ausführlich und explizit abgearbeitet. Das war das Maximum dessen, was 1967 ging. In „Shaft“ ist der Protagonist mittendrin, ihm haftet nichts Edles an und er ist ein Private Eye, ein Schnüffler, niedrig im gesellschaftlichen Rang, wenn auch sehr stylisch mit seinem – von einem schwulen Barkeeper zu recht bewunderten – dunkelbraunen Ledermantel zum hellbeigen Rolli. Eine Ikone der frühen 70er für einen neuen, lässigen City-Style, wie wir finden. Der Rassismus ist noch heute im Schwarzen Kino der USA immer einen Spruch wert, mittlerweile ist dies auch ein Ritual. „Shaft“ aber war der erste Film seiner Art und die subversiven Untertöne, die auftretenden militanten Bürgerrechtler, die ihm bei seinem Auftrag helfen und auf die Black-Panther-Bewegung hindeuten, die immer wieder auftretenden Hinweise auf die auch nach der rechtlichen Gleichstellung der ethnischen Afroamerikaner weiterhin vorhandenen Ungleichheiten im Alltag dokumentieren sich in Handlungselementen, in kleinen Momenten mehr, als dass sie dialektisch abgehandelt würde. Viele Marotten späterer farbiger Figuren stammen eindeutig von Shaft, wie das Abklatschen anstatt Händeschütteln („gimme five“), das er ausgerechnet mit dem italienischstämmigen Polizisten vollzieht.
  • Der Titelsong „Shaft“ gewann einen Oscar, auch der Score war nominiert. Die Musik gibt dem Film eine soul-unterlegte Atmosphäre, die ausgezeichnet zur Titelfigur passt und zur Atmosphäre beiträgt – diese überwiegt die Meriten der Handlung bei weitem.
  • Der Plot ist für einen halbwegs geübten Krimifan nicht gerade eine Offenbarung.Einfach konstruiert, im Gegensatz zur Genre-Erweiterung, die „Shaft“ im Ganzen darstellt, nicht innovativ und die Befreiungssequenz am Ende ist überinszeniert. Besonders der technische Teil des Aufwands erklärt sich nicht aus den örtlichen Notwendigkeiten und sorgt für ein paar unsinnige Explosionen, die im Grunde der effizienten und in ihrem Umfeld elegant wirkenden Shaft-Figur entgegengerichtet sind. Insgesamt ist der Cool-Faktor in dem Film noch nicht voll entwickelt, er ist eben nicht typisch, sondern prototypisch. Dialoge und Action sind bei weitem nicht in der Weise comichaft gestylt wie in heutigen Blaxploitation-Movies, Gleiches gilt für das Tempo und die Bildsprache sowie die Schnitttechnik. All dies ist konventioneller als in vielen Mainstream-Filmen der Zeit zwischen etwa 1965 und 1975, die wir als Übergangszeit ansehen und in der so viel experimentiert wurde wie vielleicht nur in den 1920ern, als der Stummfilm zur Kunst wurde.
  • Die Wohnungen und Flure, die wir zu sehen bekommen, sind in schreienden, manchmal düsteren Farben gehalten und tragen so zur Atmosphäre von Crime und Verwahrlosung bei, auffällig davon abgesetzt sind die Wohnungen von Shaft und von der befreundeten Familie, in welcher er den Bürgerrechtler nach einer Schießerei unterbringt, der ihm später bei der Befreiung der Gangsterboss-Tochter Marcie hilft. In einigen Szenen wirkt die Wohnung von Shaft wie die eines weißen Künstlers oder Intellektuellen, zuzüglich dominanter Schlafstatt allerdings.
  • Der Film hatte nur ein Budget von 1.125.000 US-$, zum damaligen Zeitpunkt bereits eine kleine Produktion, stammt aber von MGM, das nach schwachen Jahren, in denen das einst mächtigste Studio Hollywoods einen Trend nach dem anderen verschlafen hatte, mit einem vergleichsweise geringen finanziellen Risiko neue Wege gehen wollte.  Der Film spielte an der Kinokasse und im Verleih das 20fache seiner Produktionskosten ein und war damit vor allem relativ ein großer Hit.
  • Die Stadt New York, wenngleich nicht im Zentrum, ist als Schauplatz immer präsent. Die Eingangssequenz, als Shaft sich den Weg durch eine Autokolonne auf einer der großen Avenues bahnt, ohne auf Rot oder das Anhalten der Wagen zu warten, kennzeichnet bereits seinen Charakter, und die vielen gelben Taxis verraten die Stadt. Viel Kinowerbung für zeitgenössische Filme ist zu sehen: PattonGet CarterLove Storyund The Owl and the Pussycat, die alle etwa ein Jahr vor „Shaft“, also während dessen Drehphase, in den Kinos liefen, weiterhin die Lichtreklamen an den Theatern, in denen einige Broadwaystücke liefen. Auffällig ist der verwahrloste und düstere Zustand von U-Bahn-Eingängen mitten in New York City, einer davon wir lediglich von ein paar funzeligen Glühbirnen beleuchtet, die so offen in Fassungen eingedreht wohl nicht der Wirklichkeit entsprechen.
  • Im prämierten Shaft-Song heißt es, dass die Zahl der Sozialhilfe-Empfänger ebenso wächst wie die Kriminalitätsrate, das wird auch anhand dieser antiglamourösen Settings illustriert, die Bilder der damals rasch wachsenden Verwahrlosung und Verschmutzung der amerikanischen Innenstädte trotz noch weitgehend intakter Wirtschaft vor der ersten Ölkrise (1973-74) in „Shaft“ sind äußerst bewusst inszeniert und belegen, dass Regisseur Gordon Parks eher vom sozialkritischen Kino kommt als aus der harten Actionkrimi-Ecke, die damals allerdings auch ein ganz neues Subgenre war („Dirty Harry“ mit Clint Eastwood als Titelfigur entstand im selben Jahr wie „Shaft“). Allerdings war New York damals als Kommune beinahe pleite und hatte daher nicht die Ressourcen, die Ordnung bis in den letzten Winkel aufrechtzuerhalten. Darin ähneln die Zustände denen in den 1920er Jahren.
  • Die Figur Bumpy Jonas, Shafts Auftraggeber,ist nach einem reale afroamerikanischen  Harlem-Mobster der 30er Jahre namens Bumpy Johnson benannt.

Finale

„Shaft“ ist unterhaltsam, hat eine charismatische Hauptfigur und ist ein Stück Kinogeschichte mit großer atmosphärischer Eindringlichkeit. Wer in den früheren 70ern gelebt bzw. diese Zeit der großen sozialen Veränderungen schon bewusst miterlebt hat, könnte am meisten vom Genuss dieses Filmes profitieren – weniger ergiebig ist er für Krimifans, die auf ausgefeilte Plots oder schnelle, harte Action stehen. Gerade, weil „Shaft“ bereits in die Richtung heutiger Blaxploitation-Movies tendiert, aber deren Elemente erst in Ansätzen verwirklicht sind, wirkt er auf denjenigen antiquiert, der sich ausschließlich auf die Bewertung nach heutigen Standards und Sehgewohnheiten konzentriert.

Wir haben allerdings auch ein Auge auf und ein Herz für die Entwicklung des Mediums und deren Meilensteine, zu denen „Shaft“ ohne Zweifel zählt.

76/100

„Shaft“ in der IMDb und in der Wikipedia.

© 2022, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2013) 

Regie Gordon Parks
Drehbuch Ernest Tidyman,
John D. F. Black
Produktion Joel Freeman,
David Golden
Musik Isaac Hayes,
J. J. Johnson
Kamera Urs Furrer
Schnitt Hugh A. Robertson
Besetzung

 

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