Miller’s Crossing (USA 1990) #Filmfest 726 #Top250

Filmfest 726 – Concept IMDb Top 250 of All Time (86)

Miller’s Crossing ist ein Spielfilm der Coen-Brüder aus dem Jahr 1990. Bei ihrem dritten Film handelt es sich um einen Gangsterfilm, der zu Zeiten der Prohibition in den Vereinigten Staaten spielt.

Auch bei Miller’s Crossing musste ich zweimal ansetzen, bis ich’s geschafft hatte, den Film zu sehen, aber schon beim zweiten Mal ging’s eigentlich ganz gut. Ich finde, man braucht einige Zeit, um hineinzufinden. Vielleicht, weil es andere „Period Pictures“ aus diesen Heydays des Gangster-Retro-Films in den 1980ern und frühen 1990ern gibt, die von Beginn an mehr Schwung aufbauen und deren Dialoge etwas logischer daherkommen. Dialoge sollten logisch sein, sonst hätte der Begriff ja nicht dies Endung, aber die Geduld wird belohnt, da bin ich der Meinung des einen oder anderen Kritikers. Denn die Coen-Brüder können einem Film Dynamik geben. Inwieweit ihnen das bei „Miller’s Crossing“ gelungen ist, vertiefen wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Johnny Caspar, ein aufstrebender Krimineller, bittet den Gangsterboss Leo um die Genehmigung, den Kleinganoven Bernie Bernbaum töten zu dürfen, da dieser sich in Caspars Wettgeschäft mit manipulierten Boxwettkämpfen einmischt. Gegen die Empfehlung seines Beraters Tom Reagan genehmigt Leo diesen Mord nicht. Tom glaubt, dass Caspar mehr Ärger machen könnte als Bernie wert ist, aber Leo ist in Bernies Schwester Verna verliebt und will sie heiraten. Tom jedoch weiß, was von dieser Liebe zu halten ist: Er hat selbst insgeheim ein Verhältnis mit Verna.

Die Lage eskaliert, als Leo, besorgt wegen Caspars Drohungen, Verna beschatten lässt. Als Vernas Aufpasser ermordet gefunden wird, hält Leo Caspar für den Schuldigen und lässt die korrupte Polizei Caspars Etablissements hochnehmen. Tom versucht verzweifelt zu beschwichtigen: Er weiß, dass Verna ein Motiv hatte, ihren Bewacher selbst zu töten – sie war in jener Nacht bei Tom. Um den Bandenkrieg zu stoppen, beichtet Tom Leo seine Beziehung zu Verna. Wutentbrannt verprügelt Leo seinen Berater und beendet die Zusammenarbeit.

Daraufhin tritt Tom in die Dienste von Caspar, dessen Position gegenüber Leo immer stärker wird. Selbst der Bürgermeister und die Polizei laufen zu ihm über. Als Vertrauensbeweis liefert Tom Bernie, dessen Adresse ihm Verna nichtsahnend verraten hat, an Caspar aus. Caspar will einen weiteren Vertrauensbeweis: Tom soll mit Bernie zur Miller’s Crossing, einer einsamen Kreuzung im Wald, fahren und ihn töten. Aber anstatt den um sein Leben bettelnden Bernie zu töten, lässt er ihn unter der Bedingung, für immer zu verschwinden, laufen. (…)An

Rezension

Das Szenario wird in Ruhe aufgebaut, aber der Halb-Antiheld Tom Reagan fesselt dann doch und wie er sich verstrickt und immer wieder die bösesten Situationen überlebt. Sein Name klingt irisch, er handelt wie ein Ire und wird dargestellt von dem irischen Schauspieler David Byrne. Und die Iren können was einstecken, deswegen waren sie, als Einstecken und Austeilen in der Unterwelt besonders gefragt waren, auch groß im Geschäft. Das war vor allem zu Beginn des Prohibitionszeitalters. In Miller’s Crossing wird gar nicht verraten, womit sich Herrschaften wie Leo O’Bannon und Johnny Caspar, die den irischen und den italienischen Mob-Bos geben, befassen, aber man weiß, dass sie die Politik der Stadt bespielen und war da nicht was? Kennen wir das nicht irgendwoher, dass Politiker Marionetten der Wirtschaft sind, egal ob diese im Gesetzrahmen, drunter oder drüber arbeiten. Meistens geht ja nur die Kombination von allem, wenn man ganz fett werden will. Besonders sind die Herren, bis auf Leo, der aber gut mit einer Tommy Gun umgehen kann, dem Glücksspiel zugetan.

Das ist eben so, eine Schwäche der Mobster. Und mitten in diesem Geschäft, das ja auch Verrat geradezu provoziert, wenn immer Schiebung im Spiel ist, mittendrin ist ein kleiner, fieser Jude, bei dem ich mich gefragt habe, wad die Coen-Brüder mit ihm zeigen bzw. an was sie sich mit dieser Figur abarbeiten wollten. Die Verachtung für alle Juden in jener Zeit, die schleimende Mitläufer waren anstatt Helden? Eine hoch ironische Klischeedarstellung oder beides? Alles möglich, aber ich kann’s nicht ändern, ich fand es okay, dass Tom die Laus am Ende erschoss und genau so wird es gedacht gewesen sein: Dass der Zuschauer sich fragt, ob da nicht nur dieses mistige Verhalten des kleinen Kerls eine Rolle spielte, sondern auch diese Zugehörigkeit. Tom ist schließlich auch eine Filzlaus, die alle gegeneinander ausspielt, er steht nur im Rang etwas höher. Das ist allerdings auch alles etwas parodistisch, aber nicht jeder Jude, der sich in dieser Zone tummelt, wie der kleine Buchmacher Bernie, muss auch der Kosher Nostra angehören. Wäre das so, hätte er andere Möglichkeiten. Ich mag es lieber, wenn man schon solche klaren Zuordnungen ethnischer und religiöser Art erkennbar macht, wenn jeder an seinem Platz ist, also da, wo ich ihn allgemein und aus dem Blickwinkel von 2018 vermute.

Die Kritik hat dem Film vor allem zwei Dinge vorgeworfen: Seine Charaktere ziehen nicht und der Plot ist nicht stark und zudem undurchdringlich, also eigentlich drei Dinge. Die Figuren sind alle nicht so richtig sympathisch, das stimmt. Man kann auch sagen, sie sind überhaupt nicht sympathisch, aber doch gibt es Abstufungen. Tom ist ein im Grunde gar nicht so intelligenter Kerl, wie er von Leo und den anderen immer dargestellt wird, aber da der Film auch stilisiert ist, kann man sagen: Eigentlich waren diese Mobster, war diese Zeit, waren die 1920er voll von Idioten, die vor allem ein Image hatten und brutal genug waren, sich durchzusetzen, dieses Image aufzubauen und eben viel einstecken konnten. Ich glaube, wir sind viel weiter und auch weiter zurück. Intelligenter geworden, aber nicht mehr nervenstark. Weil wir nicht in existenzieller Not aufgewachsen sind, wo überleben immer dem anderen in den Sack hauen bedeutet. Und ich glaube, die Coens wollten auch solche Stereotypen zeigen. Da ist zwar viel Verrat und Trickserei aber nicht andererseits die große Freundschaft, der große Traum, die Gangsterromantik, wie sie für lange, epische Filme unerlässlich ist, damit sie den Zuschauer drei Stunden lang tragen können – wie beispielsweise der sieben Jahre zuvor entstandene „Es war einmal in Amerika“, der einfach große Oper darstellt und von einem Filmopern-Regisseur namens Sergio Leone gemacht wurde. Anfangs hat Leone nicht so opernhaft gefilmt, aber spätestens mit „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Leos Verhältnis zu Tom und umgekehrt, da hat was von dieser Männerfreundschaft, aber letztlich riskiert Tom diese Freundschaft und am Ende will Leo einfach, dass es so ist: Tom hat die Annäherung an den Konkurrenten Casper nur gefakt, um diesen ausschalten zu können. Nun ja, wir haben es anders gesehen, aber Legenden gehören dazu, wenn man auf schwankenden Planken lebt. Ohne Erzählungen geht das nicht, sonst verliert man ganz den Halt. Es ist alles Chimäre, nicht ein allmählicher Verfall, wie in anderen Gangsterfilmen. Ich meine aber, die Handlung einigermaßen verstanden zu haben. Das kommt sicher daher, weil die Tatorte, über die ich schreibe, auch immer verzwickter werden. Man schafft es, sie zu bewältigen oder man kann aufhören, solche Kritiken zu verfassen. Ich finde es sowieso auffällig, dass viele Rezensenten ihre Beiräge so verfassen, dass sie gar nicht beweisen müssen, ob sie das, was sie sahen, überhaupt verstanden haben. Wir machen das hier übrigens genauso, haben Sie’s gemerkt?

Nein, natürlich nicht. Ich finde die Handlung sogar sehr gut konstruiert. Nicht zwingend in dem Sinn, dass niemand eine andere Möglichkeit gehabt hätte zu reagieren, wie es manchmal in den ganz großen Films noirs wirkt, aber doch denkbar. Und dieser verflixte Bernie, von dem keiner weiß, ob er ein Leak im Schiebungssystem darstellt, der ist der Transmissionsriemen für die Handlung, bei ihm laufen alle Fäden zusammen, obwohl er doch so ein kleines Licht ist. Je nachdem, wie man ihn aufstellt, hat man hundert Plotoptionen und das haben sich die Coens zunutze gemacht. Die Zuschauer mögen den Film heute mehr als die Kritiker (Metascore eher durchwachsene 66/100, aber IMDb-Nutzerwertung 7,8/10, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Rezension 7,7/10). Die IMDb-Nutzer preisen aber, ähnlich wie bei Quentin Tarrantino, vielleicht nicht ganz so stark, den Kultstatus ein, den die Coen-Brüder längst erworben haben. Wer von denen fing eigentlich mit diesem vielen Blut, diesem Herumspritzen in Zeitlupe an? Ja, irgendein B-Film war’s und wenn nicht, dann war’s ein C-Film, ein richtiges Splatter-Movie, aber ich meine, wer begann damit im Mainstream-Kino? Wer hat es zur Kunst gemacht? Schließlich gelten sowohl die Coens als auch Tarrantino als ausgewiesene Künstler und Meisterstilisten.

Natürlich, bei jedem Krimi muss man das ja mittlerweile tun, weil dieses Genre sich wie die Sahara immer weiter durch die Filmlandschaft frisst und alle anderen Genres außer dem Kinderfilm aufsaugt, sofern er kein Verbrechen beinhaltet: Man muss fragen, ist dies ein Film noir? Und erstaunlicherweise oder auch nicht bin ich dieses Mal bereit, ja zu sagen. Der Held kommt nicht um, das darf ich hier verraten, aber er ist ein halber Antiheld, wie wir schon wissen, kein überlegener Mensch, der alle Fäden in der Hand hält, eine fatale Frau gibt es auch, obwohl sie doch eigentlich, wie alle, nur ein Rad im sich von selbst bewegenden Mechanismus des Verbrechens, der Gier, der Rache und Gegenrache ist. Nein, so richtig dämonisch wirkt sie nicht. Es gibt keine Narration, der Plot ist chronologisch aufgebaut, aber er basiert auf einem Film noir der klassischen Zeit, „Der gläserne Schlüssel“ von 1942. Ah ja. Ich kenne diesen Film, die Parallelen sind mir nicht aufgefallen. Vermutlich, weil die Frau darin blond war und Veronica Lake hieß. Sowas macht mehr aus, als mancher denkt. Aber ich meine, die männliche Hauptfigur, dargestellt von Alan Ladd, die war positiver gezeichnet als in Miller’s Crossing und am Ende kamen er und die Frau auch zusammen. Das kann man von Tom nicht behaupten. Seinen Hut behält er zwar, anders als im Traum, den man getrost wieder als ironische Spielerei mit überbordender Symbolik ansehen darf, aber er verliert den Anschluss. Symbolisch jetzt doch wieder: Den Hut über sein Leben hat er nicht mehr auf. Hatte er eigentlich aber nie, auch wenn Leo ihn als seinen Nachfolger ansah.

Finale

Ich mag wohl besonders den Operatic Style, daher ist „Miller’s Crossing“ für mich nicht ein ganz so grandioser Film wie einige andere seiner Art, aber das Genre finde ich auch super, weil, ähnlich wie im Western, Menschen noch so richtig archetypisch reinziehen, nix von vierzig Jahre Sozialpädagogik oder nur noch Wallstreet-Wertpapierhandel, der ja im Grunde langweilig ist, auch wenn er viel Geld bringen und vernichten kann. Eigentlich ist das was für technokratische Typen mit Spielergen, nicht für welche wie Gordon Gekko. Man sehe sich mal die echten Gurus an, die die Welt kennen und beherrschen.

Diese sind schwer zu verfilmen, nicht nur, weil es schwer ist, ihnen auf die Schliche zu kommen. Aber der Plot von Miller’s Crossing ist für den Zuschauer auch deswegen beherrschbar, weil das eigentliche Ding, über das sich alle aufregen, das Bescheißen beim Bescheißen mit getü … ähm, verschobenen Boxkämpfen, leicht zu durchschauen ist. Hier nochmal in Kurzform: Einer, der viel und sicher gewinnen kann, setzt auf einen Außenseiter im Ring, der Favorit lässt sich k. o. schlagen, das ist immer das Beste, weil es glaubwürdig ausschaut, außer beim Wrestling, wo es aber auch kein k. o. gibt. Dummerweise aber verrät der Buchmacher einem anderen diese Schiebung, von der er natürlich weiß, warum auch immer, zum Beispiel, damit er auch einen kleinen Schnitt machen kann, verrät er das also, dann ändern sich natürlich die Quoten, weil die Schiebung ruchbar wird und der, der das Ganze inszeniert hat, der geht mit etwas Pech sogar mit Verlust nach Hause. Oder mit kleinem Gewinn, wenn es doch nicht alle gemerkt haben, die auf den Kampf Wetten platziert haben. Funktioniert das in der Realität so einfach? Bei größeren Events wohl nicht. Da reicht es, wenn die Schiebung selbst rauskommt, dass ein ziemlicher Skandal entsteht. Alle guten Boxerfilme haben so einen Vorgang drin und mancher der Helden mit schnellen Fäusten stolpert über solche Machenschaften. Andere nicht, und die heißen alle Rocky.

73/100.

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2018)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia 

Regie Joel Coen
Drehbuch Ethan und Joel Coen
Produktion Ethan Coen
Musik Carter Burwell
Kamera Barry Sonnenfeld
Schnitt Michael R. Miller
Besetzung

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