Tod auf dem Rastplatz – Tatort 135 #Crimetime 1090 #Tatort #München #Lenz #Brettschneider #BR #Tod #Rastplatz

Crimetime 1090 – Titelfoto © BR

Tod auf dem Rastplatz ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der vom Bayerischen Rundfunk produzierte Beitrag wurde am 12. April 1982 im Ersten Programm der ARD erstgesendet. Es ist der zweite Einsatz von Kommissar Lenz, gespielt von Helmut Fischer.

Es kommt immer seltener vor, dass wir noch alte Tatorte „schießen“, um sie hier zu rezensieren, bald werden wir dazu übergehen müssen, gezielt zu suchen, um Lücken zu füllen. Aber hin und wieder packen Sender auch Filme der Reihe aus, die der Vollständigkeit halber dazugehören. Einen Grund dafür sollte es schon geben, dass manche alten Schinken eben doch häufiger gezeigt werden als andere. Zu den anderen zählt „Tod auf dem Rastplatz“. Und gibt es einen Grund, warum er so selten wiederholt wird? Dies und mehr klären wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Student Bruno Harkort übernimmt gelegentlich LKW-Fahrten für die Spedition „Oberkirchner“. Eines Tages soll er kurzfristig für den ausgefallenen Fahrer Werner Latsche einspringen und macht sich wie gewohnt auf den Weg. Abends stoppt er an einer Autobahnraststätte. Nach einer Pause steigt er wieder in die Fahrerkabine und wird ohne Vorwarnung von hinten erschossen.

Hauptkommissar Lenz wird gerufen und erscheint mit Faltermayer und Brettschneider. Zunächst versucht Lenz Harkorts WG zu befragen, trifft dort aber niemanden an. Die Vermieterin gibt an, zwei Tage zuvor habe es in der WG einen Streit gegeben. Brettschneider befragt Josef Oberkirchner, der nicht sagen kann, ob Harkort Feinde hatte. Die Obduktion ergibt, dass der Tote sich vor zwei Tagen eine Rippe gebrochen hatte, was auf einen Streit deutet. Lenz verdächtigt daher einen der Mitbewohner, doch scheinen die jungen Leute ehrlich überrascht und auch schockiert zu sein vom plötzlichen Tod Harkorts. Nina Friedrich war mit dem Opfer enger befreundet und berichtet dem Kommissar, dass Rolf Wiederberg in letzter Zeit immer häufiger Streit mit Harkort gehabt hatte. Sie waren beide in einer politischen Weltverbesserer-Gruppe, aus der Harkort aussteigen wollte, weil ihm die Aktionen zu heftig wurden. Lenz befragt Wiederberg, doch dieser bestreitet, seinen Freund umgebracht zu haben.

Der Fahrer Werner Latsche wird vorgeladen und kann sich nicht vorstellen, wer seinen Kollegen hätte umbringen sollen. Er hatte ihn selber angerufen und gebeten, für ihn einzuspringen, da er die letzten sieben Tage ununterbrochen unterwegs war und sich übermüdet fühlte. Er hatte kurz zuvor einen schweren Verkehrsunfall mit drei Toten miterleben müssen. Obwohl er das Unglück nicht verschuldet hat, so hätte er es vielleicht verhindern können, wenn er nicht übermüdet gewesen wäre. Aus diesem Erlebnis heraus sei er vorsichtiger geworden.

Dennoch hatte er Schuldgefühle und daher in den letzten Wochen den bei dem Unfall verletzten Familienvater Bernd Hellweg im Krankenhaus besucht, dessen Frau und zwei Kinder ums Leben gekommen sind. Hellweg ist seltsamerweise vor sechs Tagen aus dem Krankenhaus verschwunden. Lenz geht dieser Spur nach und erfährt, dass Hellweg ein schwieriger Patient war. Der Kommissar lässt nach ihm fahnden. Er versucht, Latsche zu erreichen, da der Mordanschlag offensichtlich ihm galt und er somit in großer Gefahr schwebt. Latsche befindet sich gerade auf der Autobahn München-Salzburg und macht an genau der Raststätte Halt, an der Harkort erschossen wurde. Die Polizei versucht Latsche über den Verkehrsfunk zu erreichen. Dies hören auch seine Fahrerkollegen mit. Sie kommen Latsche zu Hilfe, als Hellweg Latsche erschießen will. Lenz und Brettschneider treffen ein und nehmen Hellweg fest.

Rezension

Jaj, ja. Die Weltverbessrerer. Aber dann kam ja die geistig-moralische Wende mit Helmut Kohl und es war klar, dass die Welt nicht mehr zu verbessern war. „Tod auf dem Rastplatz“ hat genau zwei Verdächtige: Den Mit-Weltverbesserer aus der Studi-WG und einen Mann, der den Jurastudenten aufgrund einer Verwechslung erschossen hat. Die Weltverbesserer von damals sind offenbar die Gutmenschen von heute. Dieses Werk ist radikal einfach, auch politisch gesehen, aber es war trotzdem nicht der Weltverbesserer. Vordergründig wird die Trennlinie zwischen Terroristen und „Weltverbesserern“ absichtlich unscharf gezogen, damit man Letztere gut in die Nähe von Ersteren rücken kann. Und jetzt, vierzig Jahre später? Oh je. Kommissar Lenz hat es vorausgeahnt, er lässt das Radio ausmachen, das die Demo-News verkündet.

Der zweite Lenz-Fall gilt nicht unbedingt als Highlight der Tatortgeschichte. Die Nutzer:innen des Fundus bewerten ihn durchschnittlich mit 5,17/10. Er gilt damit dem fortgeschrittenen Publikum dieser Plattform als zweitschlechtester Film dieses Ermittlers. Ich bin geneigt, dieser Ansicht zuzustimmen. Das liegt zum einen daran, dass der Film trotz rekordverdächtiger Kürze (62 Minuten) langsam bzw. langatmig wirkt. Die Reduktion auf zwei Verdächtige, die nicht einmal herausragend präsentiert oder charakterisiert werden, die sehr einfache Begehungsweise, der lineare Verlauf ohne Finten und Winkelzüge, das ist fast eine Art Lehrkrimi. Auch die Dialoge, die vor allem in Standards aus dem Krimi-Brevier bestehen, passen in dieses allzu simple Schema. Man muss kein Fan von Handlungsgestaltungen sein, die so komplex sind, dass die Autor:innen sie selbst nicht mehr verstehen, um doch etwas mehr zu erwarten.

Bezüglich der Machart ist „Tod auf dem Rastplatz“ noch einfacher als die Polizeirufe der ersten Jahre, die ebenfalls eine durchschnittliche Spielzeit von etwas mehr als einer Stunde hatten und deutet auf ein Problem, dass der Tatort in den 1980ern hatte: Die Weiterentwicklung kam zum Erliegen, der anfangs beträchtliche Vorsprung an Modernität und Komplexität der Westreihe schmolz, weil die Polizeirufe immer ausgefeilter wurden und man sich mit Ermittlern wie Horst Schimanski beim Tatort anstatt auf gute Krimis auf Kult mit Charakterköpfen konzentrierte.  Wie konservativ diese Zeit in Westdeutschland war, kann man an den damaligen Tatorten gut sehen, auch wenn sie nicht einen abwertenden Blick auf Studenten werfen, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Nun wird der eine oder die andere stutzen und sich fragen: Schimanski und konservativ? Natürlich, er ist ein Typ aus den 1970ern, über den sich die Bürgerlichen in den 1980ern aufregen durften. Eine Reizfigur, die in Wirklichkeit der Befriedung dient, nicht etwa der Progression.

Deswegen empfinde ich den Lenz von Helmut Fischer im Allgemeinen auch als wohltuend. Er hat eine beinahe zeitlose, ironische Art und ist als Polizist vorstellbar, aber er ist kein Hardliner, vielfach sieht man ihm Stimmungen und Haltungen an, wo sein Vorgänger Veigl noch erklären musste, und der hatte ebenfalls eine soziale Ader, auch wenn sie natürlich, man ist ja Beamter, nicht zu eindeutig herausgestellt werden durfte. Auf Demos gingen Polizist:innen erst, als Inga Lürsen in Bremen kam, eine Politiker:in, getarnt als Kommissarin.

Dass eine Handlung so abläuft, wie man sie hier gezeigt bekommt, ist sicher denkbar und wir lernen, dass die Mercedes-LKWs in den frühen 1980ern noch keine Zentralverriegelung hatten und außerdem von innen ganz leicht zu öffnen waren, wenn man mit dem Arm durchs leider offenstehende Ausstellfenster langt. Seltsam aber, dass der Mörder den ersten Fahrer ruchlos mit zwei Schüssen ermordet, den zweiten aber nicht, nachdem er den Irrtum bemerkt hat, oder? Man hätte es viel besser darstellen müssen, warum das durchaus Sinn ergibt: Nachdem es bereits zu einem error in obiecto kam, ist der Rachedurst des Familienvaters verbraucht, der sich ohnehin gegen eine Person richtete, die jene Rache nicht „verdient“ hatte. Ihm wird bewusst geworden sein, dass er nun selbst schwere Schuld auf sich geladen hatte, deshalb zögerte er bei dem Fahrer der Spedition, der wirklich am Tod seiner Familie beteiligt war und es war möglich, ihn zu überwältigen. Ganz schön mutig, der Fernfahrer, der zu Hilfe eilt und den Mann entwaffnet. Aber so sind die Trucker. Mutig und immer im Stress.

Der Film hat mich sehr daran erinnert, dass ich mich in den ersten Jahren meiner Fahrpraxis gewundert hatte, dass die Lastwagen ein „Tempo-80“-Schild auf dem Heck hatten, aber oftmals ca.100 Km/h fuhren. Die Arbeitsbedingungen in den Speditionen waren offenbar damals schon ein Thema, die Manipulation von Fahrtenschreibern, die zu langen Fahrtzeiten, die dadurch erhöhte Unfallgefahr, Chefs, denen die Mitarbeiter:innen wurscht sind, Hauptsache, die immer sehr knappen Termine werden eingehalten.

Bei meinem damaligen Auto hatte man diesen Unterschied durchaus verspürt und die Überholvorgänge dauerten deutlich länger. Vom rücksichtslosen Nach-Links-Ziehen von Trucks ganz zu schweigen, das machen sie nämlich auch dann, wenn ein PKW mit mehr als der doppelten Geschwindigkeit daherkommt. Auf eine Weise ist also nachvollziehbar, dass der Mann sich für sein zerstörtes Leben rächen will, andererseits musste er gewusst haben, dass der Unfallverlauf keine Schuld des LKW-Fahrers ergeben hatte. Er hat also Sündenbock-Funktion, wobei es wiederum interessant ist, dass bei diesem Auffahrunfall alle getötet wurden außer dem Fahrer. Aber falls er angeschnallt war, während Kindersitze im Fond damals noch nicht üblich waren.

Finale

Ein sympathischer Ermittler macht noch keinen guten Tatort, das sonst wär’s auch heute relativ einfach, zum Beispiel mit den Münchenern, Kölnern, Münsteranern etc. nur Krimis zu produzieren, die außerordentlich gut ankommen. „Tod auf dem Rastplatz“ zeigt Mängel auf fast allen Ebenen. Die Plotgestaltung ist schlicht, die Dialoge sind hölzern, die Figuren zu knapp skizziert, wenn man von Lenz absieht, der politische Spin berücksichtigt nicht, dass Jurastudenten ein höhere Risiko eingehen als alle anderen, wenn sie sich aufgrund ihrer ethischen Grundsätze strafbar machen, denn der Zugang zum Staatsdienst bleibt ihnen verwehrt, wenn sie Vorstrafen im Führungszeugnis stehen haben, wie es hier der Fall ist. Auch die Mitgliedschaft in den Anwaltskammern kann dadurch mindestens erschwert sein. Es handelt sich also nicht um wohlfeilen Salonsozialismus oder dergleichen, sondern um ein Verhalten, das „dafür steht“, würde man heute sagen, das nachteilige Konsequenzen mit sich bringen kann. Heute sind die Studiengänge nach den Vorgaben der Wirtschaft so umgestaltet, man kann auch sagen banalisiert, dass politisches Engagment kaum noch möglich ist. Einer der Gründe, einhergehend mit immer mehr ökonomischem Druck, warum das politische Bewusstsein nachgelassen hat.

Leider wird mit dieser Studentenstory der Einsatz für die Brummifahrer konterkariert, wie man die Trucker damals nannte, man bringt Arbeitende gegen Studierende auf. Dass ein junger Manns sowohl das eine wie das andere ist, dass viele der Studis Nebenjobs haben, um über die Runden zu kommen, das wird nicht als soziale Ähnlichstellung beider Gruppen begriffen, weil ja die Studenten neben dem Studieren nicht nur fürs Jobben, sondern auch für zivilgesellschaftlichen Protest Zeit zu haben scheinen.

Insofern ist auch „Tod auf dem Rastplatz“ trotz seines unverfänglichen Namens und seiner Mängel wieder einmal ein gutes Zeitdokument: So stellten sich Drehbuchautoren um 1980 eine Studenten-WG vor, in der polititisiert wird.

5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Wilm ten Haaf
Drehbuch Frank Laemmel
Musik Erich Ferstl
Kamera Peter Barthel
Schnitt Karin Fischer,
Susi Gogel
Besetzung

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