Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia (Goodfellas, USA 1990) #Top250 #DGR

Filmfest 738 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (87) – Die große Rezension

Einer der besten von einem der Besten

GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia ist ein mehrfach preisgekröntes MafiaDrama des US-amerikanischen Regisseurs Martin Scorsese aus dem Jahr 1990. Es basiert auf Nicholas Pileggis Buch Wise Guy – Der Mob von innen, das auf einer wahren Begebenheit beruht und vom rücksichtslosen Aufstieg eines Gangsters in den 1960er/1970er Jahren erzählt. Der Titel GoodFellas (dt.: Gute Kerle) bezieht sich auf die verschworene Gemeinschaft der Mobster in (und im Umfeld) der US-amerikanischen Cosa Nostra.

Martin Scorseses Meilenstein-Film „Taxi Driver“ (1978) haben wir bereits für den Wahlberliner rezensiert, ebenso eines seiner neueren Werke, „Aviator“ (2004), uns jüngst seine dreiteilige „Persönliche Reise durch den amerikanischen Film“ angeschaut, um seine Sicht auf das Medium besser zu verstehen, konnten bisher „Raging Bull“ (1980) nicht rezensieren und müssen ihn uns ein drittes Mal anschauen, um ihm gerecht zu werden. Das kommt nicht mehr so häufig vor, seit wir uns mehr und mehr an die großen Filme herantrauen, umso erstaunlicher, dass wir auch „Der Pate“ (1972) bisher nicht auf die Reihe bekommen haben. Den Film also, mit dem „Goodfellas“ so gerne verglichen wird. Keine Frage, dass Francis Ford Coppola, der Regisseur von „Der Pate“ und Martin Scorsese zu den besten Regisseuren seit New Hollywood gehören, vielleicht sind sie die besten amerikanischen Filmemacher der letzten Jahrzehnte. Was zu dieser Beurteilung führt, kann man auch in der –> Rezension nachlesen.

Handlung (1)

Brooklyn, New York in den 1950er Jahren: Der 11-jährige Henry Hill ist vom Lebensstil der lokalen Mafiosi fasziniert und träumt von einem Leben als Gangster („Solange ich denken kann, wollte ich immer Gangster werden.“). Als er schließlich die Schule abbricht und erste Botenjobs für den Caporegime der Lucchese-Familie Paul „Paulie“ Cicero übernimmt, beginnt sein Aufstieg in der Hierarchie der Cosa Nostra, sehr zum Missfallen seiner Eltern. Er lernt den legendären Gangster James „Jimmy The Gent“ Conway kennen, der zu seinem Freund und Mentor wird, und verdient sich seine Sporen mit vandalistischen Vergeltungsschlägen und dem Verkauf gestohlener Ware. Als er sich bei einer dieser Gelegenheiten beim Verkauf von Zigarettenstangen erwischen lässt, hält er sich vor Gericht an eine der wichtigsten Regeln der Mafia, das Schweigen vor staatlichen Institutionen (Omertà).

Jahre später ist Henry ein angesehener assoziierter Mobster im Umfeld der Fünf Familien der New Yorker Mafia, der Paulies volles Vertrauen genießt und diesem finanziellen Tribut leisten muss. Zu seinen engsten Verbündeten zählt neben Conway auch der jähzornige Tommy DeVito, der immer wieder durch unberechenbare Wutausbrüche auffällt. Ihr Geld verdienen sich die drei mit Diebstählen in Millionenhöhe und der Schutzgelderpressung.

Ende der 1960er Jahre lernt Henry die hübsche Karen kennen und verliebt sich in sie. Sie ist von seinem verschwenderischen und unbekümmerten Lebensstil beeindruckt, bleibt aber wegen ihrer jüdischen Abstammung stets eine Außenseiterin innerhalb Henrys irisch-italienischem Bekanntenkreises. Die beiden heiraten und haben zwei Kinder. Schon bald kommt es jedoch zu Auseinandersetzungen, da Henry eine Geliebte hat. Dennoch fühlt sich Karen nach wie vor zu ihm hingezogen.

Als Henry und Jimmy bei einem Schuldner, dessen Schwester für das FBI arbeitet, auf brutale Art und Weise Geld eintreiben, werden sie festgenommen und zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis kommt Henry erstmals mit dem illegalen Drogenhandel in Berührung und verdient gut daran. Nach seiner Entlassung untersagt ihm Paulie, weiterhin mit Rauschgift zu handeln. Henry hält sich allerdings nicht daran und handelt hinter Paulies Rücken mit großen Mengen Kokain, die ihm seine Verbindungsleute aus Pittsburgh beschaffen. Jimmy und Tommy steigen als Partner in das Geschäft ein. (…)

Rezension

Der vielfach ausgezeichnete Film, belegt auf zahlreichen Krtikerlisten nach wie vor hohe Platzierungen. Auf der Liste der 100 besten Filme von Sight and Sound belegte er Platz 48 (2021)[1] und erreichte auf They Shoot Pictures, Don’t They? Platz 68 (2021)[2], während er bei der Bewertungsplattform Internet Movie Database mit 8,7 von 10 Punkten bewertet wurde[3], und auf Rotten Tomatoes eine Zustimmung von 97 Prozent (bei über 250.000 Einzelbewertungen) erreichte.[4]

Als Kinoereignisse geben sich „Der Pate“ und „Goodfellas“ nicht viel und wir möchten „Es war einmal in Amerika“ (1983) von Sergio Leone auf die selbe Stufe stellen wie diese beiden Werke, ihm haben wir erst- und bislang einmalig eine dreiteilige Rezension von insgesamt 10.000 Wörten gewidmet – auch als Referenz an seine besondere Stellung bei der Herausbildung unseres Interesses am Medium Film.

Goodfellas“ ist nicht so episch und nostalgisch wie „Es war einmal in Amerika“ und nicht so episch und glorios wie „Der Pate“, aber er romantisiert die Mafia auch nicht so wie Letzterer, was immerhin der Grund ist, warum wir „Der Pate“ immer noch nicht zu Ende rezensiert haben – seine in das organisierte Verbrechen verliebte Tendenz, die uns zuweilen etwas auf den Zeiger geht und professionelle Killer zu Ehrenmännern eigener Art und mit eigenem Kodex stilisiert. „Goodfellas“ leitete die starken Bande im Mob-Business auch nicht familiär her, wie „Der Pate“, zumindest nicht die Hauptfigur Henry King betreffend, und lässt sie nicht aus „Childhood Memories“ erwachsen, wie „Es war einmal in Amerika“.

Der Film ist strukturell und plotseitig bei weitem der einfachste von den dreien, meilenweit entfernt von der hoch komplexen Struktur von „Es war einmal in Amerika“ und nicht so reich an Strängen und Elementen wie „Der Pate“. Es gibt nur eine einzige Abweichung von der chronologischen Erzählweise – die Eingangsszene, die schon auf das Ende des Films verweist. Die Perspektive des Films ist personal, nämlich die Sicht von Henry King, der beinahe in allen Szenen anwesend ist – außer denen, die den Frauen gewidmet sind. Darin ähnelt er wiederum „Es war einmal in Amerika“, der aus der Sicht von „Noodles“ gedreht ist – anders als „Der Pate“, der auktorial über den Personen steht und daher das Dahinscheiden des alten Paten (Marlon Brando) problemlos abhaken kann. Dieser Film hat, daher sind auch zwei Fortsetzungen nicht ungewöhnlich, diese Art Ewigkeitsvermutung für das organisierte Verbrechen, das ist wiederum seine Form von Ehrlichkeit, wenn man es so interpretieren mag. Wer immer auch die Mafiafamilien führt und wo auch immer ihr Business angesiedelt ist, keine Staatsmacht kann sie stoppen. Bei den beiden anderen Filmen hingegen gibt es eine Zerschlagung der kinematografisch erläuterten Strukturen, mithin ein mehr moralisches Ende. In beiden Fällen sind die Hauptfiguren schließlich marginalisierte, ältere Männer, die ihre besten Zeiten hinter sich haben und deren Kumpels tot bzw. im Gefängnis sind. Allerdings nur in „Goodfellas“ durch Verrat seitens des Protagonisten selbst, in „Es war einmal in Amerika“ spielt Verrat am Ehrenkodex der Unterwelt jedoch ebenso eine Rolle, dieses Mal wird er an der Hauptfigur begangen.

Für die Figuren in all diesen Filmen gibt es reale Vorbilder und „Der Pate“ und „Goodfellas“ basieren auf profunde geschriebenen Insider-Romanen und wurden von Regisseuren gedreht, die selbst ziemlich genau wussten, worüber sie filmten – nicht nur, weil sie italienische Wurzeln haben,  sondern, weil sie die Mafia während ihrer Jugend in New York als jeweilige Außenseiter at Work betrachten konnten. In „Der Pate“ kommt das dann weniger zum Ausdruck, weil es nicht der Struktur der Buchvorlage von Mario Puzzo entspricht, sie ist von der Seite der Untergrund-Macht her aufgebaut, von der Spitze, aber in „Goodfellas“ spürt man die Faszination des Outsiders immer wieder, die von Martin Scorsese auf die Figur Henry Kind übertragen wird. Der Zugang zum Verbrechen wird daher immer einer mit Faszination verbunden sein, die Eskalation der Gewalt ist immer aus der Sicht eines Mannes geschildert, der selbst nicht gewalttätig agiert, sondern durch intelligentes Netzwerken, Raubüberfälle, Schutzgelderpressung und am Ende durch Drogenhandel im Geschäft bleibt. Er versucht häufig zwischen Hitzköpfen mit weicher Birne zu vermitteln und es ist keine Frage, dass auch dies ein Ausdruck des alter ego von Scorsese ist: Der hoch begabte Filmemacher vermittelt uns die Extreme und Auswüchse des Verbrechens, ohne sich selbst in den tiefsten Schlamassel zu begeben und der Gewalt zu huldigen, wie es Francis Ford Coppola und  auch Sergio Leone in den erwähnten Meisterwerken tun.

Mit Leones „Es war einmal in Amerika“ verbindet „Goodfellas“ allerdings wieder der durchaus heitere Ton der ersten Jahre, in denen sich komische Szenen und plötzliche Gewaltausbrüche die Waage halten. Im Verlauf wird dann alles immer düsterer, bedrängender, klaustrophobischer und nähert sich damit der Wirklichkeit an, der Wirklichkeit derer, die zu lange dabei sind, zu lange drinsteckten und deren Perspektiven sich verdüstern. Auch die Welt der Corleones in „Der Pate“ ist nicht so glamourös wie etwa das Leben der Gangster in „Scarface“ von Brian de Palma, aber es ist fester strukturiert und ihm wird durchaus ein eigener Wert beigemessen.

Visuell sind alle drei Filme herausragend und einzigartig, Meilensteine und ganz großes Kino. Man muss es würdigen können, dass die Bildkonzepte so exorbitant gelungen sind, man muss selbst einen Crush für die opernhafte, die italienisch opernhafte Inszenierung dieser Werke haben, für das Pathos, das ihnen innewohnt. Vom Pathos hat „Goodfellas“ am wenigsten, aber selbst die plötzlichen Blutbäder wirken ritualisiert, ebenso die „F-Sprache“, die hier ausgeprägter ist als bei den beiden anderen Filmen, wie ja auch die Typen rudimentärer und weniger als Gangster-Elite oder Typen mit dem Bestreben zur Kultivierung erkennbar sind.

„Der Pate“ und „Es war einmal in Amerika“ haben fantastische, eigenständiger Filmmusiken, welche die Stimmungen der jeweiligen Szenen perfekt unterstreichen, „Goodfellas“ hingegen verzichtet darauf weitgehend und ergibt sich somit auch beim Score als das etwas weniger an machtvoller Selbstinszenierung orientierte Werk zu erkennen. Vielmehr geht Scorsese den Weg, Hits der Zeit, in welcher die gerade zu beobachtende Szene spielt, als Hintergrundmusik zu verwenden. Das ist in den USA bei Filmen, die in den 1950ern spielen oder beginnen, absolut üblich, weil die Hits aus jenen Tagen und den 1960ern oder 1970ern heute Standards geworden sind, die immer noch fast jeder kennt und mit denen fast jeder etwas verbindet, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Und Scorses ist nicht der einzige, der diese Musik konträr zu ihrem Inhalt einsetzt: Mehrere romantische Songs werden in den gefährlichen und blutigen Momenten abgespielt und kontern auch sonst die Stimmung. Aber so präzise wie Scorsese muss man es erst einmal hinbekommen, die Stimmung eben nur vordergründig musikalisch zu unterlaufen. All die Gangsterromantik, welche die beiden anderen Filme so offensichtlich vermitteln wollen, durch die Musik zu unterstreichen, das Geschehen damit zu erläutern und die Kommentierung desselben in verschiedene Aspekte aufzufächern, zu denen auch diese romantische Faszination für das Dasein in der Unterwelt gehört, das kann man in „Goodfellas“ beobachten. Wir sehen das beispielhaft in der ohnehin grandios gefilmten Szene, in der King mit seiner Liebe Karen ins „Copacabana“ geht und dort zusammen mit anderen Mobstern einem Crooner zuhört, der einen schmalzig schönen Song zum Besten gibt. Alle sind höchst ergriffen, sentimental angefasst, und man sollte nicht meinen, dass sie ihr täglich Brot mit Erpressung und Gewalt gegen andere verdienen. Die Ironie dieser Szene ist aber unverkennbar, und diese Ironie, die besonders in „Der Pate“ generell fehlt, haben wir als wohltuend empfunden. Dafür ist „Der Pate“ bezüglich der Qualität seiner Dialoge unschlagbar und unerreicht – da kommt ihm die Abwesenheit von ironischer Brechung sogar zugute, denn wie sonst könnten statuarische Sätze wie „Ich werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann“ kultig und nicht unfreiwillig komisch wirken.

Die idiotischen Verhaltensweisen vieler Mobster tragen in „Goodfellas“ ein Übriges dazu bei, dass wir uns nicht, wie Henry schon als Schüler, noch auf unsere alten Tage wünschen, Gangster zu werden. Ein Junge, der in wenig erfreulichen Verhältnissen aufwächst wie er und sich in etwas hineinträumt, das er dann erreicht – und doch wieder nicht – kann nicht durchblicken, mit wem er es zu tun bekommen wird, Erkenntnis ist ein Prozess, die Entzauberung geht einher mit erhöhtem Drogenkonsum. King ist am Ende ein Wrack, gefährlich für sich selbst und seine Kumpane, die ihn folgerichtig aus dem Weg räumen wollen.

Er entzieht sich durch die Teilnahme am Zeugenschutzprogramm der Ermordung durch Jimmy the Gent und „Goodfellas“ ist zumindest im Kern kein Film noir, weil die Story dadurch fortgeführt wird, dass er mitten im einfachen Leben, das ihn ohnehin nur nervt, mehr oder weniger zufällig einen Ex-Genossen entdeckt und in einen Alptraum hineingezogen wird. Die Unberechenbarkeit einiger Charaktere, besonders von Tommy DeVito, suggeriert allerdings auch etwas, das seinerseits nicht realistisch ist: Nämlich, dass das System auf Dauer so funktionieren kann. Kann es nicht, wenn immer irgendwelche Teilnehmer geistig nicht in der Lage sind, diese Funktion zu garantieren. Wer die wirkliche OK ein wenig verfolgt, wie sie zum Beispiel in an die Mafia angelehnten Strukturen von Clans verschiedener Ethnien betrieben wird, auch von den italienischen Bünden als Mutter oder Vorbild all dieser Geflechte, der weiß, dass dies Wunschdenken ist. In der Tat gab es nach dem in „Goodfellas“ geschilderten Mega-Raub im Lufthansa-Depot des Kennedy-Airports in New York jene Probleme, wie sie im Film geschildert werden und dessen Handlung im Wesentlichen auf realen Begebenheiten beruht. (2) Aber wir sind eben in der Peripherie, nicht im Zentrum der Macht der Unterwelt. Dort werden zwar immer wieder Rachefeldzüge durchgeführt, aber diese enden meist, wenn eine Pattsituation entsteht, die mehr die Strukturen belastet, als dass sie eine Situation durch die Anwendung biblischer Prinzipien der Vergeltung bereinigt. Ein Wise Guy wird eingesetzt, um zu schlichten.

Der Film basiert größtenteils auf dem Buch Wise Guy des New Yorker Autors Nicholas Pileggi, das 1986 veröffentlicht wurde. Gemeinsam mit dem Regisseur Martin Scorsese schrieb Pileggi auch das Drehbuch.

Obwohl King und seine Frau mehr und mehr Teil des Systems werden und an Karens Beispiel schön gezeigt wird, wie eine harmlose junge Frau immer mehr involviert wird und sich wandelt, eine Art Doppelung des Schicksals von Henry selbst, ein paar Jahre nach hinten verlegt, obwohl es oft scheint, als gebe es eine ernsthafte Verbindung zu den Mafiafamilien von New York, stellt sich heraus, wie vage und dann nichtig dies alles ist, wenn man nicht wirklich dazugehören kann.

Ein wesentlicher weiterer Unterschied zwischen „Goodfellas“ und den beiden großen Vergleichsfilmen ist auch die intensive Narration, die normalerweise von Henry kommt, während ihr werden manchmal die Bilder eingefroren, um die Distanz und Eindringlichkeit gleichermaßen zu erhöhen. Durch diese Narration, die uns von einem Mann am Ende seines Weges geliefert wird, von Henry, der seine eigene Vergangenheit von jenem Ende her betrachtet, ohne uns den weiteren Verlauf zu verraten, wird viel erklärt und auch manches bewertet. Das ist im Grunde wieder ein Film-Noir-Element, aber: siehe oben. Durch diese Erzählstimme wird uns mitgeteilt, dass es mit einem gemischt-ethnischen Hintergrund nicht möglich ist, tatsächlich in die italienische Mafia aufgenommen zu werden – da offenbar eines der Hauptdruckmittel zur Erzwingung von Loyalität die weit zurückreichenden, bis nach Sizilien verfolgbaren Hintergründe und familiären Bindungen der Mafia-Mitglieder sind.

Wer nicht im System bleibt, dem kann es passieren, dass ein Rückgriff auf die Familien in der alten Heimat erfolgt, so muss diese Information wohl interpretiert werden. Wenn man es so betrachtet, hat das aristokratische Moment, die Herausbildung von nun weit über 100 Jahre alten Stämmen von Mobführern und ihrer Gefolgschaft, das in „Der Pate“ eine so wichtige Rolle spielt, durchaus einen realen Hintergrund und macht diese Form des Untergrundbusiness besonders schlagkräftig und überlebensfähig. Und es ist berechtigt, den Kern abzusichern, wie wir in „Goodfellas“ sehen, wo kleinere Lichter dazu tendieren, das Ganze zu gefährden, weil sie nicht das Ganze sehen, sondern nur ihre eigenen Bedürfnisse. Die Bedürfnisse der Gemeinschaft hingegen bleiben hier mehr abstrakt als in „Der Pate“, der konsequent durchgehaltenen Außenseiter-Perspektive gemäß.

Finale

Goodfellas“ ist einer der Filme, die man gesehen haben muss. Ein Werk, das nur in den USA mit ihrem innigen Verhältnis zur Gewalt entstehen konnte, wie Martin Scorsese selbst es in seinem sechs Jahre später entstandenen Dokumentarfilm „Eine persönliche Reise“ erläutert hat.

Dort wiederum lässt er Fritz Lang zu Wort kommen, der die Neigung zur Gewalt auf einem Umweg mit einem Mangel an Spiritualität recht naheliegend begründet (er hat diese Bigotterie ohne Gott selbst in Filmen wie dem von uns hoch geschätzten „Fury“ (1936) gezeigt). Spirituelle Momente spielen daher in den großen Gangsterfilmen auch keine Rolle, der katholischen Fassade der Mafia-Angehörigen zum Trotz. Ob man dieser Argumentation folgt, dass der grundtiefe Materialismus, der von einer manchmal bigotten Frömmigkeit eher noch greller ins Licht gerückt wird, die Gewalt als eine Art Glaubensersatz inthronisiert – man möchte es beinahe glauben, wenn man sieht, wie verzweifelt sich Waffennarren in einem Land gegen die Einschränkung der Waffenfreiheit wehren, in dem die Mordrate um ein Fünffaches höher liegt als in Mitteleuropa.

Scorsese gebührt das Verdienst, mehr als seine anderen Kollegen die Hohlheit, Unzuverlässigkeit und erodierende Wirkung von Verhältnissen innerhalb der Gesellschaft offenzulegen, deren Loyalitätszwänge darauf beruhen, dass man gemeinsam etwas ausgefressen hat und daher gut beraten ist, immer schön die Klappe zu halten. Es sei denn, man glaubt daran, dass man als Kronzeuge tatsächlich geschützt werde kann. Daher ist „Goodfellas“ auch der einzige dieser Filme, in dem die Staatsmacht tatsächlich eine Rolle spielt, indem sie zum Beispiel durch Zeugenschutzprogramme versucht, die nicht ganz so hartgesottenen Verbrecher von den anderen zu trennen und sie zum Verrat zu bewegen.

90/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
(2) Annähernd alle Ereignisse, die im Film gezeigt werden, sind wirklich passiert. Beispiele sind der Air-France-Raub 1967 und der Lufthansa-Raub im Jahr 1978, der als einer der spektakulärsten Kriminalfälle der amerikanischen Geschichte gilt. Am Anfang des Films nimmt Hill auf Joseph „Crazy Joe“ Gallo, einen New Yorker Mafioso, der Ende der 1950er Jahre einen Mafiakrieg (Profaci-Gallo-Krieg) entfesselte, und das Apalachin-Meeting Bezug. Carmine Tramunti, Chef der Lucchese-Familie, wurde nur wegen eines von einem Fahnder beobachteten Handschlages mit einem Drogendealer zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt. Im Film nimmt Paul Cicero in einem Gespräch mit Henry Hill darauf Bezug.

Regie Martin Scorsese
Drehbuch Nicholas Pileggi
Martin Scorsese
Produktion Irwin Winkler
Musik Diverse Komponisten,
Eric Clapton
Kamera Michael Ballhaus
Schnitt Thelma Schoonmaker
Besetzung











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