Flucht ohne Ausweg (Raw Deal, USA 1948) #Filmfest 841

Filmfest 841 Cinema

Flucht ohne Ausweg (Originaltitel: Raw Deal) ist ein US-amerikanischer Film noir des Regisseurs Anthony Mann aus dem Jahr 1948. Der Film basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Arnold B. Armstrong und Audrey Ashley.

Handlung[1]

Mithilfe seiner Freundin Pat bricht der Gangster Joe Sullivan aus dem Gefängnis aus. Im Hintergrund zog der Gangsterboss Rick Coyle die Fäden, doch der spekulierte eigentlich darauf, dass Joe während des bewusst mit Fehlern geplanten Ausbruchs getötet werden würde. Joe hatte einst für Coyle für ein Verbrechen die Alleinschuld vor Gericht übernommen und dafür 50.000 Dollar versprochen bekommen. Der sadistisch veranlagte Coyle möchte das Geld gerne für sich behalten.

Als das Auto von Pat und Joe schon kurz nach Beginn der Flucht schlapp macht, suchen die beiden Unterschlupf bei der Sozialarbeiterin Ann, die Joe im Gefängnis besucht hat. Auch Ann hat, ohne es sich einzugestehen, Gefühle für Joe entwickelt. Joe und Pat kidnappen Ann, damit diese sie nicht an die Polizei verrät. Während der Fahrt versucht Ann immer wieder Joe ins Gewissen zu reden, zwischen ihr und Pat entsteht eine Konkurrenz um Joes Zuneigung.

Joe gelingt es, nicht von der Polizei erwischt zu werden, sodass der in San Francisco sitzende Rick Coyle immer nervöser wird. Er lockt Joe mit einer angeblichen Geldübergabe in einem abgelegenen Anglerladen in die Falle. Als Joe hier von Coyles Handlangern Fantail und Grimshaw angegriffen und beinahe getötet wird, schießt Ann Fantail im letzten Moment nieder. Ann wird nach dieser Tat klar, dass sie sich in Joe verliebt hat, und auch Joe hat Gefühle für sie entwickelt. Joe schickt Ann aus Mitleid weg, damit sie nicht weiter in seine Machenschaften hineingezogen wird. Ann fährt allerdings Pat und Joe in Richtung San Francisco nach, wobei sie von einem Handlanger Coyles entdeckt und gekidnappt wird.

Angekommen in San Francisco, wollen Joe und Pat ein Schiff nach Panama nehmen und dort ein neues Leben beginnen. Pat bekommt in ihrem Hotelzimmer einen Anruf, dass Ann von Coyle gefangen genommen wurde. Ann drohe der Tod, wenn Joe sich ihm nicht stelle. Pat verrät Joe nichts von dem wahren Inhalt des Anrufes und lügt ihn an. Sie hat Angst, dass Joe sie sonst verlassen würde. Erst als sie bereits auf dem Schiff sind und dieses kurz vorm Ablegen ist, wird Pat klar, dass diese Lüge immer über ihrem gemeinsamen Zusammenleben mit Joe stehen würde und er eigentlich Ann liebt.

Als Joe von Pat die Wahrheit erfährt, rennt er sofort los, um Coyle zu töten und Ann zu befreien. Im dichten Nebel der Stadt gelingt es Joe, die Kumpanen von Coyle auszuschalten. Im Duell verletzen sich Joe Sullivan und Rick Coyle gegenseitig mit Schüssen. Versehentlich legt Coyle Feuer und verbrennt sich dabei, in Panik stürzt er aus dem Fenster in den Tod. Mit letzter Kraft kann Joe Ann befreien. Als Pat ankommt, liegt Joe sterbend in Anns Armen.

Rezension

Und wirkt dabei seltsam glücklich, wie Pat bekümmert feststellt.

Als der Film veröffentlicht wurde, verriss ihn der New York Times-Kritiker Bosley Crowther. „Aber dies ist natürlich ein Film – und zwar ein ziemlich minderwertiger -, in dem Empfindungen von Angst und Aufregung fleißiger verfolgt werden als der gesunde Menschenverstand (…) Abgesehen von der üblichen Moral – nämlich, dass sich Verbrechen nicht auszahlt – ist das einzige, was durch diesen Film bewiesen wird, dass man die Lieblinge nicht mitten während eines Ausbruchs wechseln sollte.“ [3][2]

InGirl and a Gun: The Complete Guide to Film Noir schrieb David N. Meyer: „Es ist die reichste Kinematografie im Noir außerhalb von Orson Welles‘ Citizen Kane.“ [4]

Auf dem US-amerikanischen Kritikerportal Rotten Tomatoes fallen alle zehn ausgewerteten Kritiken zu dem Film positiv aus (Stand: September 2022).[4] Von mehreren Kritikern wurde insbesondere die Kameraarbeit von John Alton hervorgehoben.[5][6]

„Klassischer „film noir“ von einer bestechenden Klarheit, was die Komposition, die Lichtführung und den Einsatz des Raumes betrifft: Ein Lehrbeispiel großer Wirkung durch bescheidene Mittel.“ – Lexikon des internationalen Films[2]

Nun war Bosley Crowther wirklich ein kritischer Kritiker, außerdem ein zeitgenössischer, das heißt, er hatte 1948 vielleicht noch gar nichts von der Bezeichnung „Film noir“ gehört, die gerade erst in Frankreich erfunden worden war. Heute wissen wir, und deshalb wird der Film auch anders gesehen, dass die Figuren in Noirs sich eben nicht logisch verhalten, sondern von einer Getriebenheit geprägt sind, die man rational ablehnen möchte, von der man aber mittlerweile weiß, dass sie auf eine Weise ebenso authentisch Facetten des menschliche Wesens wiederspiegelt wie die klassische angelsächsische Sachlichkeit, die auch die Krimitradition Großbritanniens prägte und mit ihr die amerikanische. Der Film noir ist nicht umsonst ein Tummelplatz von Regisseuren gewesen, die eher aus Mitteleuropa kamen und in Hollywood die Dämonen, welche die Leinwand großflächig bevölkern, in ein etwas kleineres Setting des Gangsterfilms stellen konnten. Auch Anthony Mann war deutscher Abstammung und eher an der Psychologie als an der Handlungsführung interessiert, zumindest ist das in „Flucht ohne Auswerk“ deutlich zu bemerken. Die Synthese gelang ihm spätestens durch die Western, in denen er den Superstar James Stewart als Interpreten ambivalenter, zerrissener Charaktere zur Verfügung hatte. Diese Zusammenarbeit startete zwei Jahre nach „Flucht ohne Ausweg“. 

Hinzu kommt, dass auch der Expressionismus aus Deutschland im Film noir fortlebte. Die Kopie von „Raw Deal“, die ich gesehen habe, war leider nicht sehr gut und gehandicapt von einer wirklich furchtbaren, weil zeitversetzten Synchronisierung, beides lässt den Film tatsächlich billig und unnatürlich wirken, dafür kann der Regisseur aber nichts und ich muss versuchen, diesen Eindruck im vorliegenden Text auszufiltern. Ob auch der Teil, in dem Pat zu einem Taxi kommt, im Original fehlt, der in der deutschen Version ein No-Go von einem Handlungsbruch darstellt, weiß ich nicht. Die amerikanische Wikipedia gibt den Film mit zwei Spielminuten mehr an als die deutsche.

Menschen handeln nicht immer zu ihrem Besten. Das wird in hochwertigen Noirs wie dem ein Jahr zuvor entstandenen und sehr komplexen „Out of the Past“ mit Robert Mitchum und Kirk Douglas deutlich, wo der Protagonist, der am Ende stirbt, als Narrator fungiert, es wird deutlich in kleinen Produktionen wie „Raw Deal“, in denen die Freundin als Erzählerin eingesetzt wird und, weil Frau, mehr ihre Gefühle preisgeben darf und damit beiden Geschlechtern eine Identifikation erlaubt. Frauen, die zu Männern halten, die gefährliche Wege gehen und sich emotional sogar mitten in einer gefährlichen Situation abwenden, wie Crowther richtig feststellt und Männern, die sich nach einer solchermaßen treuen und opferbereiten Seele sehnen. Im Grunde ist Pat schon zu Beginn des Films im Defizit, denn Ann besucht Joe ebenfalls im Gefängnis und man kann darüber nachdenken, ob er dem Ausbruch nicht zustimmt, um an die heranzukommen, obwohl gerade sie es ist, die ihn auf den guten Weg führen will. Er versteckt sich ja dann auch bei ihr.

Die Flucht an sich ist schön gefilmt, ein halbes Roadmovie mit vielen typischen Automodellen der späten 1940er Jahre, die in diesem Fall sicher nicht als von den Herstellern gesponsert durch den Film fahren. Das aktuellste und teuerste Modell, einen aktuellen Cadillac Convertible, fährt unpassenderweise der Gangster, der zufällig Ann erkennt und sie kidnappt, fährt ihn wohl stellvertretend für Rick, seinen Chef. Dieser wiederum erlangte Berühmtheit als der Mörder seiner Frau in Hitchcocks Meisterwerk „Fenster zum Hof“ (sechs Jahre später), sieht dort aber um so vieles anders aus, dass ich ihn nicht als jenen Mann identifiziert hätte, der seine Frau stückweise im Koffer aus der Wohnung trägt. Hier ist Rick eher ein Angsthase, der als Mob-Boss seine Untergebenen für die Drecksarbeit benutzt. Zum Beispiel, um Joe Sullivan loszuwerden.

Auch er handelt nicht logisch. Die Idee, dass man jemanden den Ausbruch ermöglicht oder ihn dabei unterstützt, um darauf zu setzen, dass das nicht klappt und er dabei von den Wächtern erschossen wird, ist ziemlich kurios, insofern liegt Crowther nicht falsch, doch ein Film noir bleibt nur spannend, wenn nicht eine Seite so überlegen clever ist, dass sich beim Zuschauer alsbald das Gefühl einstellt, die andere, welcher er seine Sympathie schenken soll, kann gar nicht gewinnen. Es gibt allerdings auch die Variante, dass alle Beteiligten einander  an Fintenreichtum beständig überbieten, aber oft entstehen dabei Filme, die im Kern keine Noirs sind, wie etwa der hoch geschätzte „The Big Sleep“ (1946) mit Humphrey Bogart als Detektiv und ähnlich gestaltete Charaden.

In „Raw Deal“ wird erst klar, dass es wohl böse für Joe enden wird, als Ricks Assistent anruft, um von Anns Entführung zu künden. Nicht später, denn es ist klar, dass Pat irgendwann die Wahrheit sagen wird. Sinnbildlich in der Kabine des Schiffes, das sie nach Südamerika, in die Freiheit bringen sollte. Doch für Joe gibt es keine innere Freiheit ohne Ann und erst, als er sie befreien will, begeht er Kapitalverbrechen. Im Gefängnis hingegen ist er wegen eines jener Deals gelandet, die man kennt: Er nimmt eine Straftat auf sich und soll dafür nach dem Freikommen mit viel Geld belohnt werden. Die 50.000 Dollar, um die es hier geht, waren damals etwa das, was ein Normalverdiener während seines gesamten Lebens erarbeiten konnte. Allemal genug, um in Südamerika, wo der Dollar besonders viel wert war, neu anzufangen. Allerdings gab es 1948 den Hays Code, der besagte, dass Verbrechen sich nicht auszahlen darf. Ohne den Hays Code zu erwähnen, finden wir diese Bedingung in der Kritik von Bosley Crowther. Wenn man seine Bemerkung dazu als ironisch auffasst, dann muss diese Ironie folgerichtig den Maßgaben der Zensur gelten, nicht den Regisseuren und Autoren, die daran nicht vorbeikamen.

Gerade Ende der 1940er herrschte in Hollywood ein Klima der Angst, das Abweichungen erschwerte, die man in den 1930ern und Ende der 1950er sehr wohl beobachten konnte. Aber die Angst spiegelte sich in den Filmen der Zeit und der Antiheld, der sich verstrickt, kann auch sinnbildlich dafür gelesen werden, wie schnell man in Hollywood aus dem Rennen fliegen konnte, wenn man ins Visier der Commie-Jäger von Senator McCarthy geriet. Es gibt Filme, die das, Production Code hin oder her, deutlicher reflektieren als der auf den ersten Blick ganz unverdächtige „Raw Deal“.

Finale

Filme wie „Raw Deal“ haben etwas von dem, wie ich selbst eine solche Geschichte anlegen würde und eignen sich demgemäß als Vorlage. Das gilt für die Abläufe, vielleicht aber weniger für die Psychologie. Ganz sicher ist „Raw Deal“ effizient und trotz seiner Kürze zeigt er einige gut gezeichnete Charaktere. Der Kunstgriff mit der Erzählerin hilft natürlich dabei, sie zu porträtieren und nichts im Unklaren zu lassen, denn B-Filme wie dieser waren nicht dazu gedacht, den Zuschauern mit Kryptischem schlaflose Nachdenknächte zu bereiten. Man konnte nur darüber diskutieren, warum Pat handelt, wie sie handelt und landet bei dem, was ich oben angedeutet habe. Sie ist damit, eher als der Mann im Spie, der zwischen zwei Frauen steht, eine Projektionsfläche, denn ihre Motive werden so gut erläutert, dass man eine ähnliche Erzählung seitens ihrer Konkurrentin Ann gar nicht braucht, um zu verstehen, dass diese ähnlich tickt und ein überragendes Good Girl ist.

Was mich gerade in einem Film noir stört, der seine eigene Handlungslogik aus der Disposition der Figuren heraus entwickeln soll und damit die Subjektivität der Perspektive feiert, die Ich-Erzählung, wenn man so will, ist, dass es einen krassen Zufall gibt wie jenen, dass ein Verbrecher ausgerechnet das Versteck von Joe, Ann und Pat anläuft und die Polizei diesem Mann ganz dicht auf den Fersen ist. Das sorgt für spannende Momente, führt im Grunde aber zu gar nichts, denn die Flucht gelingt ja weiterhin und endet erst, nachdem ein weiterer Zufall Joe zu einer Entscheidung  zwingt. Nämlich jener, dass Ritchs Adlatus mit seinem Boss telefoniert und dabei just des Anblicks von Ann gewahr wird, wie sie im Wagen sitzt, nach Hause gesendet von Joe. Bei der Verbrecherjagd im Wald  handelt sich im Grunde nur um ein Füllelement und so etwas sollte ein so kurzer Film nicht benötigen, während man Anns Ergreifung aufgrund einer Fehlentscheidung von Joe philosophischer deuten kann.

68/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1], kursiv, tabellarisch:  Flucht ohne Ausweg (1948) – Wikipedia
[2] Raw Deal (1948) – Wikipedia

Regie Anthony Mann
Drehbuch John C. Higgins,
Leopold Atlas
Produktion Edward Small
Musik Paul Sawtell
Kamera John Alton
Schnitt Al De Gaetano
Besetzung

 

 


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