Filmfest 845 Cinema
Kennwort 777 (Originaltitel: Call Northside 777) ist ein in Schwarzweiß gedrehter Film noir von Henry Hathaway aus dem Jahr 1948. Der Film ist ein führender Vertreter des während seiner Entstehungszeit populären „semidokumentarischen“ Stils. Der Film beruft sich auf einen authentischen Fall und wurde an Originalschauplätzen gedreht. Der Held des Films ist ein eher durchschnittlicher Bürger, der dem Recht und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen möchte.[2]
Eine Premiere: James Stewart, dessen Filme aus den 1940ern und 1950ern ich mittlerweile fast alle kenne, in einem Film noir! Dazu noch mit eigener Stimme, weil ich den Film im Original angeschaut habe. Das ist schon ein Ereignis, innerhalb des Genres. Aber was heißt hier Genre? Über das Genre und James Stewart und mehr lesen Sie mehr in der -> Rezension.
Handlung[1]
Im Chicago der Prohibitons-Ära werden Frank Wiecek und Tomek Zaleska wegen des Mordes an einem Streifenpolizisten, an dem sie nach eigener Aussage völlig unbeteiligt sind, zu lebenslanger Haft verurteilt. Elf Jahre später wird Brian Kelly, Chefredakteur der Chicago Times, auf eine ungewöhnliche Annonce aufmerksam: Diese verspricht eine Belohnung von 5.000 Dollar für Informationen über den lange zurückliegenden Mordfall. Kelly veranlasst seinen besten Reporter P.J. McNeal die in der Anzeige genannte Telefonnummer Northside 777 anzurufen. McNeal findet schnell heraus, dass es sich bei der Auftraggeberin der Annonce um Frank Wieceks Mutter Tillie handelt. Diese hat sich die 5.000 Dollar in den vergangenen elf Jahren als Putzfrau zusammengespart, um damit den Fall ihres Sohnes wieder aufrollen zu können.
Der von Natur aus skeptische McNeal will die Sache eigentlich auf sich beruhen lassen, wird von Kelly aber beauftragt, sie weiter zu verfolgen. Widerwillig besucht er Frank Wiecek im Gefängnis und befragt ihn. Zunächst bleibt er misstrauisch, beginnt aber schließlich doch an Wieceks Unschuld zu glauben. Bei seinen Recherchen erfährt er, dass Wiecek und Zaleska seinerzeit aufgrund einer einzigen zweifelhaften Zeugenaussage verurteilt wurden. McNeal macht sich auf die Suche nach dieser mittlerweile verschwundenen Zeugin namens Wanda Skutnik. Als er sie nach langer Suche schließlich doch auffinden kann, weigert sich diese aber, ihre Aussage zurückzunehmen. Allerdings ist McNeal zwischenzeitlich ein Foto in die Hände geraten, mit dem er vor dem Begnadigungsausschuss beweisen kann, dass Skutniks Aussage falsch war. Frank Wiecek wird daraufhin aus dem Gefängnis entlassen.
Rezension
Nein, tut mir leid. Bewiesen ist gar nichts. Die Verurteilungen von Wiecek nur dann, wenn man eine einzige Zeugenaussage, der zudem zwei abweichende entgegenstehen, als Beweis ansieht – schon gar nicht aber seine vorzeitige Freilassung. Seine Verurteilung, so wird es mehr als nur angedeutet, erfolgte, um einem Unschuldigen einen Mord unterzuschieben, in den möglicherweise die Polizei von Chicago selbst involviert war, die 1932 ein ziemlich korrupter Haufen war, wie im Film auch erwähnt wird. Vielleicht wollte man einen integeren Polizisten beseitigen, der irgendwelche Absprachen mit der Unterwelt hätte auffliegen lassen können. Pre-Code-Filme machen kein Hehl aus diesen Verbindungen zwischen Staatsgewalt und Unterwelt, der Production Code verunmöglichte solche Darstellungen dann. Dass derlei 1948 aufgegriffen werden konnte, lag zum einen daran, dass man auf die Zeit vor dem guten New Deal zurückgriff, zum anderen war niemand an dem Film beteiligt, der auch nur annähernd unamerikanischer Umtriebe verdächtig sein, sprich, in die Nähe der Kommunisten gestellt werden konnte. Außerdem war James Stewart nach „Ist das Leben nicht schön“ ein Superstar und das hebt den Film natürlich aus vielen anderen des Genres heraus und machte vielleicht die eine oder andere schärfere Darstellung salonfähig.
Dadurch, dass im Polizeiapparat einige dem Reporter, den Stewart hier spielt, gar nicht so gerne bei den Recherchen behilflich sind, entsteht eine Atmosphäre der Unsicherheit, obwohl das, was ich zwischenzeitlich für möglich hielt, nicht passiert: Dass der Mann selbst angegriffen und beseitigt werden soll, der in diesem Cold Case herumbohrt. Sehr interessant und lehrreich sind die Wiederaufnahme- und Begnadigungsangelegenheiten, über die wir mehr erfahren als aus vergleichbaren Filmen, mithin bekommen wir ein Stück Rechtskultur der USA unterbreitet. Was man davon halten soll, dass der Unschuldige für elf Jahre Haft 10 Dollar bekommt und Jimmy Stewart ihm sagt: „Die meisten Staaten hätten einen solchen Fehler (Justizirrtum) gar nicht zugegeben“, ist für heutige Verhältnisse krass, aber direkt nach dem Zweiten Weltkrieg und unter der Ägide der erwähnten scharfen Beobachtung der Filmindustrie durch die McCarthy-Ausschüsse muss man das mit einer gewissen Ironie hinnehmen – zumal es sich möglicherweise nicht nur um einen Irrtum, sondern um ein regelrechtes Framing von Seiten der Polizei handelt.
Die 20th Century Fox, die den Film verantwortete, war als progressives Studio bekannt und ging mit ihrer Kritik so weit, wie man damals wohl gerade gehen konnte, ohne sich Ärger einzuhandeln. Das bedingt auch, dass der Polizeiskandal irgendwie doch in der persönlichen Geschichte des Reporters und des Gefangenen, seiner Mutter und den Zeitungsleuten untergeht. Gerade die hochwertigeren Filme des Genres waren nicht „frei“, wie man es bei B- und C-Movies manchmal sieht, die wirklich verschrobene Charaktere zeigen, bei denen es letztlich nur darauf ankommt, dass sie ihre gerechte Strafe gekommen, meist den Tod. Zumindest in den Films noirs.
Aber „Kennwort 777“ ist eindeutig kein Film noir. Schon die Anlage, dass ein Dritter, der zwar durchaus einen fordernden Charakter hat, aber kein Antiheld ist, sondern jemand, der sich vom Sensationsjournalisten zum persönlich Engagierten entwickelt und mit seiner begeisternden Hartnäckigkeit alles zum Guten wendet, ist komplett anti-noir. Dafür eine schöne Rolle, wie gemacht für James Stewart, der alsbald unter der Regie von Anthony Mann im Westerngenre differenzierte, gebrochene Charaktere spielen sollte, die aber auch diese Entschlossenheit aufweisen, die Stewart mühelos glaubwürdig machen konnte. Auch, wenn seine Motive anfangs nicht besonders menschenfreundlich gewesen sein mögen, sein Handeln folgt einer konsequenten Logik und er ist auch deswegen kein Antiheld, weil er das erreicht, was man in der Literatur „Maximalkapazität“ einer Figur nennt: Er tut das Bestmögliche, verkürzt ausgedrückt.. Im Verlauf des Films agiert er immer mehr, als sei er selbst Kriminalpolizist.
Und natürlich geht der Film gut aus. Das Einzige, was daran „noir“ ist: Dass es ursprünglich zu jener Verurteilung des Unschuldigen kam und im Grunde nie eine befriedigende Entschuldigung und Entschädigung von staatlicher Seite dafür erfolgte. Und das Filming. Das ist wirklich ausgezeichnet im Stil der Zeit gehalten und immer, wenn alles im Schatten des Zweifels liegt, sind auch die Szenen entsprechend ausgeleuchtet, während die Zeitung und das Privatleben unseres Reporters „hell“ sind. Hingegen fehlt es an einer Vorbestimmung, das Schicksal hat hier Pause, denn Menschen haben Menschen geschadet und jemand ist ganz in seinem freien Willen unterwegs, als er sich mehr und mehr darauf einlässt, der Gerechtigkeit noch zum Sieg zu verhelfen. Sicherlich spielt dabei die Mutter des Gefangenen eine Rolle, deren absolute Hingabe und deren großer Glaube ihn berühren. Eigenschaften, mit denen er ansonsten in seinem Business eher selten konfrontiert sein dürfte. Auch eine Femme fatale und andere nicht zwingende, aber hinweisgebende Elemente für die Zuordnung zum Genre Film noir kommt nicht vor. Das wäre auch nicht diesem nüchternen Film angemessen; mit der Figur der Mutter hat man schon das Maximum an Emotionalisierung gezeigt, was dem Sujet und der Filmweise angemessen ist.
Aber noch einmal zum Verfahren. Wenn man es genau betrachtet, wurde Wiecek nicht vorzeitig entlassen, weil sicher ist, dass er den Mord an dem Cop nicht begangen hat, sondern, weil ein Zeifel an seiner Täterschaft entstanden ist. Es wäre immer noch möglich. Denn das Foto, das per Funkbild an den Petitionsausschuss gesendet wird, beweist lediglich, dass die Zeugin, die gegen Wiecek aussagt, ihn vor seiner U-Haft kannte, weil sie mit ihm zusammen den Weg zu Befragungen nahm, wie anhand der Polizeibegleitung anzunehmen ist. Die Sache mit dem ultimativ vergrößerten Fotoausschnitt, der das Datum einer Zeitung zeigt, die vor der offiziellen Konfrontation in der „Line“, also bei einer Gegenüberstellung mit Verdächtigen, erschienen ist, lässt ihre Aussage lediglich zweifelhaft wirken, bedeutet aber nicht, dass sie falsch sein muss. Mithin wird sie weniger glaubwürdig und die Jury hätte vielleicht anders entschieden, wenn diese Zweifel im Jahr 1932, während des Prozesses, bereits ein Thema gewesen wären.
Finale
„Der mit halbdokumentarischen Stilmitteln sehr packend inszenierte Kriminalfilm beruft sich auf eine tatsächliche Begebenheit.“– Lexikon des internationalen Films[4]
Mit einer aktuellen Benutzerwertung von 7,3/10 zählt der Film zu den guten, nicht zu den herausragenden Produktionen des Genres, wird durch die Leistungen von Regie und Spiel gehoben, die einige Unebenheiten ausbügeln. Wenn James Stewart einer Sache nachgeht, wird sie schon durch seine Art, die Dinge anzugehen, plausibel. Ein bisschen erstaunt war ich über seine Sprechweise, die ich noch nie im Original gehört habe. Er hat eine recht hohe, nasale Stimme, insofern ist die deutsche Synchronisierung durch Sigmar Solbach kongenial, die uns alle mit diesem Superstar vertraut gemacht hat, aber Solbach dehnt Stewarts Sprechweise mehr, als Stewart selbst es zumindest in diesem Film tut.
Er bedient sich rhetorischer Kunstpausen und Verzögerungen mit „huh“ und dergleichen, aber seine eigentliche Sprechgeschwindigkeit wirkt eher unauffällig. Trotzdem ist sein Stil prägnant, weil eine langsame, überlegte Motorik und seine ausgefeilte, mit kleinen, wohlüberlegten Gesten begleitete Mimik den Eindruck verstärken, man hat es mit einem eher gemächlichen, aber kaum von der Spur abzubringenden Menschen zu tun. Damit verkörpert er vielleicht mehr den Typ, den die Amerikaner sich aneignen konnten als einige sehr dezidiert agierende Darsteller, die aber auch hektischer und rauer wirkten.
„Kennwort 777“ war offenbar an der Kinokasse sehr erfolgreich, sicherlich hat der Name des Hauptdarstellers dazu viel beigetragen – aber auch Lee J. Cobb, der bei uns vor allem durch seine fulminante des Geschworenen Nr. 3 in „Die zwölf Geschworenen“ bekannt ist, Richard Conte als Unschuldiger und die Darstellerinnen der polnischstämmigen Frauen sind beachtlich – unter der versierten Regie von Henry Hathaway. Ein weiterer Film, der den „halbdokumentarischen Stil“ pflegt, noch deutlicher als „Kennwort 777“, ist „The Naked City“ aus demselben Jahr 1948. Ob er aufgrund Veröffentlichung vor dem Dreh von „Kennwort 777“ Einfluss auf diesen nehmen konnte, habe ich nicht recherchiert, aber er gilt als stilbildend.
78/100
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
[1], kursiv, tabellarisch: Kennwort 777 – Wikipedia
| Regie | Henry Hathaway |
|---|---|
| Drehbuch | Jerome Cady, Jay Dratler, Leonard Hoffman, Quentin Reynolds |
| Produktion | Otto Lang |
| Musik | Alfred Newman |
| Kamera | Joseph MacDonald |
| Schnitt | J. Watson Webb Jr. |
| Besetzung | |
|
|
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

