People Will Talk (USA 1951) #Filmfest 869

Filmfest 869 Cinema

People Will Talk ist eine US-amerikanische Liebeskomödie unter Regie von Joseph L. Mankiewicz aus dem Jahre 1951. Der Film basiert auf dem deutschen Theaterstück Frauenarzt Dr. med. Hiob Prätorius von Curt Goetz, das ein Jahr zuvor bereits in der Bundesrepublik Deutschland verfilmt worden war. In Deutschland wurde der Film mit Cary Grant nie in Kino oder Fernsehen regulär gezeigt.

Dass ein Film mit Cary Grant in der männlichen Hauptrolle, dazu von einem der großen Studios in Hollywood produziert,  in Deutschland gar nicht gezeigt wurde, wirkt seltsam. Ist er so schlecht? Jedenfalls musste ich ihn deshalb im Original anschauen, deswegen hat er auch keinen deutschen Titel. Alsbald gewann ich den Eindruck, dass mir die Handlung bekannt erschien. Vielleicht ist dieses Beinahe-Déjavu auch der Grund für die Zurückhaltung der 20th Century Fox in Sachen deutschem Verleih. Wir schreiben über diesen Aspekt und weitere des Films mehr in der – Rezension.

Handlung[1]

Noah Praetorius ist ein unkonventioneller, aber beliebter und bekannter Arzt, der seine eigene Fachklinik besitzt und an der Universität Vorlesungen hält. In seiner Klinik legt er besonderen Wert darauf, seine Patienten nicht nur medizinisch zu behandeln, sondern ihnen durch freundliches und fürsorgliches Verhalten auch menschliche Wärme zu geben. Das stößt aber nicht bei allen Kollegen auf offene Ohren: Praetorius’ missgünstiger Kollege Professor Elwell hält ihn für einen Quacksalber und stellt Untersuchungen an, bei denen er unter anderem Noahs ehemalige Haushälterin befragt. Diese sagt, dass Praetorius einst einen Fleischerladen geführt und nur nebenbei einige Arzneimittel verkauft habe. Dafür sei er als Wunderheiler von den Leuten des Dorfes verehrt worden. Für weiteres Misstrauen bei Elwell sorgt Shunderson, ein einschüchternd und geheimnisvoll wirkender Herr, der Praetorius kaum von der Seite weicht und eine Art Faktotum für ihn ist. Trotz seiner Behäbigkeit besitzt Shunderson außergewöhnliche Talente, er scheint das Innere der Menschen zu verstehen und Tiere gehorchen ihm sofort. Zu Praetorius Freunden zählt außerdem der exzentrische Physikprofessor Barker, der ebenfalls an der Universität unterrichtet.

Eines Tages bricht die nervöse Medizinstudentin Deborah Higgins in einer Vorlesung zusammen. Dr. Praetorius untersucht sie und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass sie schwanger ist. Deborah ist am Boden zerstört: Sie ist nicht verheiratet, der Vater des Kindes ist im Koreakrieg gefallen. Im Wartezimmer von Dr. Praetorius schießt sie sich an, woraufhin der Arzt sie operiert und sich intensiv um sie kümmert. Damit sie nicht nochmal Selbstmord begehen will, erzählt er ihr die Lüge, dass es sein Fehler war und sie doch nicht schwanger sei. Deborah verliebt sich aber in Praetorius und flüchtet aus Scham aus der Klinik.

Praetorius muss sie nun nochmals aufsuchen, um ihr zu sagen, dass sie in Wirklichkeit doch schwanger ist. Dafür sucht er sie auf einer Farm außerhalb der Stadt auf, wo sie mit ihrem Vater Arthur und ihrem Onkel John lebt. Der Witwer Arthur ist vom Leben gebrochen und ist finanziell abhängig von seinem mürrischen Bruder, dem Farmer John. Deborah ist sein ein und alles, wenn ihr Ruf wegen der Schwangerschaft zerstört würde, könnte er es wohl nicht überwinden. Deborah gesteht Praetorius, dass sie ihn liebt, und auch er erwidert ihre Gefühle. Sie heiraten bald darauf und ziehen in ein neues Haus, auch Arthur und Shunderson sind bei ihnen. Als Deborah einige Wochen später erfährt, dass sie doch schwanger ist, denkt sie zunächst, dass Praetorius sie nur aus Mitleid geheiratet habe. Er macht ihr jedoch klar, dass seine Gefühle für sie echt sind.

Professor Elwell treibt unterdessen seine Intrigen gegen Praetorius voran und findet heraus, dass Shunderson vor Jahrzehnten wegen Mordes verurteilt wurde. Auch äußert er sich abfällig über Praetorius’ Ehe mit einer ehemaligen Patientin. Bei einer Anhörung vor dem Universitätsausschuss verteidigt sich Praetorius dafür, zu Anfang seiner Laufbahn neben seiner Praxis einen Fleischerladen geführt zu haben: Nur mit der Tarnung als Fleischer habe er sich das Vertrauen der Patienten im Dorf holen können, die konventionelle Ärzte verachteten. Als die Leute des Dorfes dann erfuhren, dass Praetorius ein echter Arzt war, musste er vor ihrer Wut das Dorf schleunigst verlassen. Schließlich kommt das Gespräch auf Shundersons Vergangenheit, doch Praetorius will sich nicht äußern. Shunderson erhebt selbst das Wort und berichtet seine Geschichte: Er verbrachte 15 Jahre im Gefängnis für den angeblichen Tod eines Mannes, der ihn umbringen wollte. Als er den Mann nach Verbüßung seiner Haftstrafe lebendig angetroffen und dieser ihn verhöhnt habe, brachte er ihn tatsächlich um. Shunderson wurde zum Tode verurteilt und gehängt, überlebte aber irgendwie und wachte auf dem Untersuchungstisch des Medizinstudenten Praetorius auf, der ihn für eine Leiche hielt. Praetorius und Shunderson wurden schließlich enge Freunde, dass Shunderson überlebte, wurde all die Zeit geheim gehalten. Das Komitee entscheidet sich dafür, Praetorius von allen Vorwürfen freizusprechen, sehr zum Verdruss von Elwell.

Praetorius ist auch Dirigent des Universitätsorchesters. In der Schlussszene führt er die Akademische Festouvertüre Gaudeamus igitur von Johannes Brahms vor allen Figuren des Filmes auf.

Rezension

Man merkt der Handlungsbeschreibung an, dass dieser Film vergleichsweise unkonventionell sein muss – und dass der Plot stellenweise nicht so einfach darzustellen ist. In der Tat ist das wohl die Schwäche von „People Will Talk“ – nicht so sehr die Geschwätzigkeit, die in einer Kritik bemängelt wird, denn das gilt nur für die Verhältnisse von 1951, als Filme überwiegend handlungsorientiert waren. Zehn Jahre später wäre dieser Umstand gar nicht mehr aufgefallen, oder auch: Vieles ist relativ, darf man festhalten, wenn man die weitere Entwicklung des Kinos für heutige Auswertungen heranziehen kann. Diese wendungsreiche Handlung kam mir bekannt vor, weil sie eben nach einem deutschen Stück gestaltet wurde, das hierzulande zweimal verfilmt wurde: 1950 und 1962. Die 20th Century Fox war ein vergleichsweise liberales Studio, das nicht nur kurz nach dem Krieg deutsche Literatur adaptieren konnte, sondern auch durch seine technisch und inhaltlich fortschrittlichen Produktionen im Allgemeinen auffiel. Das Technische kam 1951 noch nicht zur Geltung, sondern zeigte sich erst zwei Jahre später, als man Stereo und Cinemascope als erstes Studio weltweit zusammen einsetzte.

People Will Talk erhält bis heute überwiegend positive Kritiken. Ken Hanke bezeichnete es als „brillante, brillant subversive Anti-McCarthy-Komödie“; auch Dennis Schwartz schrieb, der Film sei eine „saure und gesprächige Antwort“ des liberal gesinnten Mankiewicz auf die McCarthy-Ära.[1] Leonard Maltin gab dem Film 3,5 von 4 Sternen und urteilte: „Wunderbar unkonventionelles, absorbierendes ‚Comedy-Drama‘ mit dem philosophierenden Doktor Grant, der darauf besteht, seine Patienten als Mitmenschen zu behandeln“. Der Film sei zwar geschwätzig, biete aber eine feine Besetzung und sei äußerst sehenswert.[2]

Emotional ist der Film wirklich wunderbar. Die Situation der jungen Studentin hat mich sofort an den zwei Jahre zuvor von Ida Lupino inszenierten „Not Wanted“ erinnert, ihre erste Regiearbeit, die eine junge Frau in Nöten zeigt. Sie wurde schwanger von einer Affäre und möchte das Kind zur Adoption weggeben, weil unter damaligen Verhältnissen das Aufziehen eines außerehelichen Kindes eine schwere Hypothek für Mutter und Kind gleichermaßen darstellte. Auch in der Rezension zu diesem Film habe ich über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit geschrieben. Je mehr Filme wie diesen und nun „People Will Talk“ ich sehe, desto klarer wird mir, dass nicht nur die politische Eiszeit in vollem Gange war, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse diesem Klima entsprachen. Wenige Jahre später änderte sich dies wieder, zunächst mit der Jugendrevolte, dann mit dem liberalen Klima der Kennedy-Ära, in dem auch Filmschaffende, die durch den McCarthyismus auf die „Schwarze Liste“ kamen, wieder unter ihren eigenen Namen arbeiten durften. Man muss also die Verkrampfungen in Filmen wie diesen unter der Ägide einer Zeit verstehen, in der man offenbar versuchte, das moralische Rad ins 19. Jahrhundert zurückzudrehen. Falls dieses denn so konservativ war, im Pionier-Amerika.

Vielleicht kam der Film also nicht zu uns, weil erst ein Jahr zuvor eine heimische Verfilmung des Stoffes stattgefunden hatte, vielleicht aber auch, weil man ihn für deutsche Verhältnisse zu progressiv fand. Dabei waren in Wirklichkeit die Verhältnisse hierzulande sehr unübersichtlich, wegen der vielen Mütter, die ihre Kinder allein erziehen mussten, wie die Väter im Krieg fielen oder die sich wieder verheirateten und wo man bei weitem nicht immer sicher sein konnte, dass die Väter von Kindern, die während der Kriegszeit gezeugt wurde, wirklich die Ehemänner waren, die für Nachwuchs sorgten, wenn sie denn mal Heimaturlaub hatten, oder ob die Frauen Trost woanders suchten. Auch in den USA war die Treue der Frau gegenüber dem GI in der Fremde ein Thema, wie etliche Songtexte aus der Zeit belegen.

Anders als Ida Lupinos sehr persönliches, intensives und mit kleinem Budget gedrehtes Drama ist „People Will Talk“ allerdings auch eine Komödie mit durchaus satirischen Ansätzen und mit einer Besetzung, die eine gewisse Distanz geradezu evoziert. Cary Grant ist nun einmal ein Erzkomödiant gewesen und leider merkt man das stellenweise gerade dort, wo er sich als Arzt vor dem univeristätsinternen Ausschuss verteidigt. Da hätte ich mir von ihm eine etwas angefasstere Miene gewünscht. Andererseits verkörpert er durch diese Eleganz, die ihm eigen war wie keinem anderen Schauspieler seiner Zeit, auch eine selbstverständliche Weltläufigkeit, die scharf absticht von seinem Gegner, Professor Elwell, einem mickerigen Bücherwurm, vom Leben enttäuscht, von Ressentiments gezeichnet. Genau der Typ, den man sich auch als Investigator in den HUAC-Verfahren vorstellen kann. Denn was treibt jemanden dazu, so fanatisch gegen die Menschlichkeit zu mobben?

Hume Cronyn, der in Wahrheit ein begnadeter Schriftsteller war, spielt diesen Typ so unangenehm, dass er mich sofort an den giftigen Polizisten aus „Im Netz der Leidenschaft“ (1946) erinnerte, als er einem Pärchen unnachgiebig auf den Fersen bleibt, von dem er annimmt, dass es den Ehemann der Frau ermordet hat. Der Roman, der die Vorlage bildet, ist besser als „The Postman Always Rings Twice“ bekannt, so heißt auch der Film im Original und stellt eine der hochwertigsten Produktionen der Schwarzen Serie dar. Nachdem die beiden Getriebenen einen harmlosen, wenn auch nervigen Typ ermordet haben und eines der negativsten Paare der Noir-Geschichte darstellen, identifiziert man sich spätestens dann mit ihnen, als klar wird, dass die Guten auf ihre Weise auch böse sind. Die Gerechten und die Selbstgerechten sind nicht immer so leicht voneinander zu trennen.

Als Gegensatzpaar sind Grant und Cronyn deshalb sehr gut – und natürlich die bezaubernde Jeanne Crain als unglückliche Studentin. Dass diese sich in Cary Grant verliebt, obwohl er um etliches älter war, kein Thema. Es wirkt bei ihm so glaubwürdig wie bei kaum einem anderen Star jener Jahre, weil er auf wundersame Weise mit zunehmenden Jahren immer attraktiver wurde – und natürlich auch einen tollen Menschen wie Dr. Noah Praetorius darstellen konnte, der das Establishment blamiert. Allerdings im Wesentlichen nicht mit der Geschichte der Studentin, die er rettet, sondern mit einem Mann, der sozusagen sein Faktotum geworden ist, ein Todgeweihter, dem Praetorius selbst dann Schutz angedeihen lässt, als dieser die Tat wirklich ausführt, deren er zuvor fälschlicherweise bezichtigt worden war und die ihn für lange Zeit ins Gefängnis brachte. Leider wird das nicht gezeigt, sondern erklärt. Da bemerkt man die Herkunft des Films von einem Bühnenstück deutlich, die eine Rückblende verbietet. Vielleicht hätte sie aber auch nicht zu diesem Lehrstück in Toleranz und Humanismus gepasst, das nun einmal kein Film noir mit gutem Ende ist, diese soll es ja auch geben, sondern ein warmherziger Film mit überwiegend guten Menschen, dessen Höhepunkt für mich die Eisenbahnsequenz darstellt. Vielleicht, weil wir meine Garteneisenbahn anfangs auch quer durch die Wohnung verlegt hatten. Sogar die Zahl der Züge war mit der hier gezeigten identisch. Männer, die noch so etwas Verspieltes haben, so hingebungsvoll Kinder sein können, sind diejenigen, die den Planeten bereichern, anstatt für Krieg und Zerstörung zu sorgen.

Außerdem ist das akademische Setting dadurch sehr gut eingefangen worden, dass man das Uni-Orchester,  natürlich unter der Leitung von Dr. Praetorius, aufspielen lässt. Es ist die gesammelte bessere Zukunft, junge Menschen, die sich einer anspruchsvollen und ethisch hochstehenden Profession verschreiben, angeleitet von einem Professor, wie man ihn sich in diesem Setting besser nicht wünschen kann, der wie geschaffen dafür ist, den Sinn des Arztberufs durch sein Vorbild zu erläutern. „Gaudeamus igitour“ klingt hier sehr integral und die Schlussszene ist sehr berührend, obwohl sie nicht intim ist, sondern einfach nur auf Freude und Sieg der Menschlichkeit angelegt ist.

Trotz dieser gerne genommenen Wendung ist der Film eben nicht so konventionell wie viele andere und ein Superstar wie Cary Grant konnte es sich auch erlauben, ein wenig an der Verrückung der Grenzen zu arbeiten. Hatte Ida Lupino zwei Jahre zuvor Mitgefühl für die junge Frau in Not geweckt, konnte Grant mit einem Lächeln ein Millionenpublikum davon überzeugen, dass er auf der richtigen Seite steht. Freilich war das Millionenpublikum eher jener Teil der amerikanischen Gesellschaft, die ohnehin auch in düsteren Zeiten ihre Aufgeschlossenheit nicht verloren. Darunter viele Künstler in Hollywood, die persönlich von der Kommunistenhetze durch die HUAC betroffen waren. Wenn man so will, ist „People Will Talk“ eine verklauselte Solidaritätsadresse an sie, der seine Botschaft auch durch Verstärkung an die Zuschauer:innen vermittelt.

Finale

Denn in beiden Fällen, bei dem Mann, der bei Praetorius Unterschlupf gefunden hat, wie bei der Studentin, geht es um das Gleiche: gegen Vorurteile anzukämpfen und Verständnis auch dann noch aufzubringen, wenn wirklich etwas vorgefallen ist, und die Hintergründe in den Blick zu nehmen.

Als Deutschstämmiger war Regisseur Joeph L. Mankiewicz auch dafür prädestiniert, das Stück von Curt Goetz zu verfilmen und hatte zudem in den beiden Vorjahren große Erfolge mit „Ein Brief an drei Frauen“ und „Alles über Eva“ errungen, den ich für einen der besten Filme übers Theater und über Konkurrenzkampf halte, die je gedreht wurden. Auch nach „People Will Talk“ profilierte er sich weiter mit hochklassigen Theateradaptionen wie „Plötzlich im letzten Sommer“. Der einzige Film von Mankiewicz, den ich bisher gesehen habe und nicht besonders mag, ist „Die barfüßige Gräfin“ (1954), der unter seiner eigenen Gewichtigkeit und – notabene! – Geschwätzigkeit sowie dem Zwang, unbedingt der Karriere-Höhepunkt von Ava Gardner zu werden, beinahe zusammenbricht.

Auch „People Will Talk“ steht aber auf der Plusseite und wer das Tempo der Dialoge im Original einigermaßen mitgehen kann, der findet darin viel Vergnügliches, Nachdenkenswertes und einen Cary Grant in etwas ungewohnter Rolle, die ihm selbst vielleicht ein wenig fremd war, die als Solo auch nicht so herausragend wäre wie einiges andere, was er gemacht hat, aber aufgrund der sehr guten Leistung des Antagonisten-Darstellers als Kontrastcharakter und des reizvollen Ensembles ist sie trotzdem als eher gelungen zu bezeichnen.

77/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] People Will Talk – Wikipedia

Regie Joseph L. Mankiewicz
Drehbuch Joseph L. Mankiewicz
Produktion Darryl F. Zanuck für 20th Century Fox
Musik Alfred Newman
Kamera Milton R. Krasner
Schnitt Barbara McLean
Besetzung

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