Robin und Marian (Robin and Marian, USA 1976) #Filmfest 871

Filmfest 871 Cinema

Robin und Marian (Originaltitel: Robin and Marian) ist ein US-amerikanischer Abenteuerfilm des Regisseurs Richard Lester aus dem Jahr 1976 mit Sean Connery und Audrey Hepburn in den Titelrollen.

Vier Jahre, nachdem er den letzten James Bond-Film gedreht hat, spielte Sean Connery einen alternden Robin Hood und Audrey Hepburn kehrte nach neun Jahren Pause auf die Leinwand zurück. Dabei macht sie in der Tat einen sehr ausgeruhten und aufmerksamen Ausdruck, der wesentlich dazu beiträgt, den Film angenehm zu machen. Ich war überrascht zu lesen, dass Richard Lester, der Regisseur, Amerikaner ist. Nicht nur wegen seines Namens hatte ich ihm eine britische Nationalität zugetraut, sondern auch wegen seines Filmstils. Bekannt wurde er mit dem Beatles-Steifen „Yeah, Yeah, Yeah!“ im Jahr 1964 und vor einiger Zeit habe ich seine Adaption von „Die drei Musketiere“ in  zwei Teilen aus den Jhren 1973 und 1974 gesehen, nach denen er „Robin und Marian“ gedreht hatte. Mittlerweile weiß ich aber, dass er ein Fan der Salonkomödien aus den Ealing-Studios ist, die in den 1950ern köstlichen britischen Humor auf die Leinwand zu bringen wussten, noch vor den Monty Pythons und selbstverständlich nicht so anarchisch, denn das war in den 1950ern noch nicht möglich. Nun heißt dies nicht, dass sich dieser Stil in „Robin und Marian“ fortsetzen muss. Wie der Film geraten ist, erklären wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der alternde Robin Hood ist für König Richard Löwenherz lange nach dem gemeinsamen Kreuzzug immer noch ein treuer und zuverlässiger Kämpfer. Als ihm vom König aufgetragen wird, ein Schloss in Südfrankreich einzunehmen, in dem ein großer Schatz vermutet wird, weigert er sich jedoch, da es nur von einem alten Mann und harmlosen Frauen und Kindern bewohnt wird. Richard ist ein herrischer und unmenschlicher Tyrann, der daraufhin Robins Tod befiehlt. Robin und Little Johnwerden in den Kerker geworfen und Löwenherz wird durch einen Pfeil, geworfen von dem alten Mann, schwer verwundet. Richard befiehlt die Brandschatzung des Schlosses und das Abschlachten der Bewohner – bis auf den alten Mann.

Als Richard sich betrinkt, begnadigt er Robin und Little John, danach stirbt er. Robin und Little John kehren daraufhin zurück nach England. Sie vereinigen sich wieder mit ihren alten Freunden im Sherwood Forest, die dort immer noch von Überfällen leben. Sie erfahren, dass Lady Marian Nonne geworden ist. Robin sucht sie auf, und sie findet ihn immer noch so unmöglich wie früher. Robin bekommt heraus, dass sein alter Feind, der Sheriff von Nottingham, Marian unter Arrest gestellt hat. Sie war damit einverstanden, doch Robin befreit sie gegen ihren Willen. Als sie ihn fragt, ob er nicht genug vom Töten habe, beschreibt Robin ihr die Gräueltaten, die sie unter Richards Befehl an der muslimischen Bevölkerung in Palästina angerichtet haben. Dabei wurde teilweise die gesamte Einwohnerschaft von Städten, darunter Frauen und Kinder, abgeschlachtet. Robin offenbart sich Marian als traumatisierter Mann.

Der Sheriff und auch Robin scharen ihre Männer um sich. Doch beide einigen sich auf ein Duell. Robin kann den Sheriff töten, wird bei dem Kampf aber schwer verletzt. Die Männer des Sheriffs greifen an und zerstreuen Robins Truppe. Little John und Marian helfen Robin zurück ins Kloster. Dort spricht er davon, zurückzugehen und sein altes Leben fortzuführen. John steht Wache, während Marian Medizin für Robin vorbereitet. Als dieser seine Beine nicht mehr bewegen kann, ruft er nach Little John, während ihm Marian klarmacht, dass sie ihn vergiftet habe und ihm gleichzeitig ihre grenzenlose Liebe ausspricht.

Robin begreift, dass er niemals wieder derselbe Mann sein wird, niemals einen glorreicheren Tag als den heutigen erleben wird. Marian, die ebenfalls von dem Gift getrunken hat, sagt: „Ich liebe dich. Mehr als alles, was du kennst. Ich liebe dich mehr als Kinder. Mehr als die Felder, die ich mit meinen Händen bearbeitet habe. Ich liebe dich mehr als die Morgengebete oder Frieden oder Nahrung zum Essen. Ich liebe dich mehr als Sonnenlicht, mehr als Fleisch oder Freude oder einen weiteren Tag. Ich liebe dich … mehr als Gott.“ Little John weint und wird von Robin getröstet. Robin nimmt den Bogen und beauftragt John, ihn mit Marian dort zu begraben, wo der Pfeil landet. Er schießt den Pfeil von seinem Totenbett aus durch das offene Fenster hinaus. 

Rezension 

 

In den beiden Musketier-Filmen von Lester vereinigt sich alles, was ihn bis dahin ausmachte und was er mochte, zu einer überzogenen und fulminanten Darstellung, die sich vom müde gewordenen Mantel- und Degenkino der späten 1960er deutlich abhob und dem Genre eine neue Note gab. Allerdings kam es nicht zu einem Revival, die Filme blieben in ihrer Art Einzelstücke. Erst in den 1980ern wurden wieder mehr Filme des Mantel- und Degenfilm-Genres gedreht, oft leider Aufgüsse und Ergebnis einer Art Pan-Europäisierung des Films, die den deutlich nationalen Stil früherer Produktionen gegen Unverbindlichkeit austauschten, gute Schauspieler als Zugpferde mussten ausreichen, um solche Neuverfilmungen zu rechtfertigen.

Natürlich rechnete man damit, Lester würde nach den Period-Pictures, die im Frankreich des 17.  Jahrhunderts angesiedelt waren, auch den Abgesang auf den Robin-Hood-Mythos zeitgerecht umsetzen können: Die Legende muss entzaubert werden, der Krieg muss weniger spaßig dargestellt werden als früher, denn das Jahr 1975, in dem der Film gedreht wurde, war auch das Ende des großen Sterbens in Vietnam und kein Film, der in diesem oder dem Folgejahr herauskam, hätte den Krieg verherrlichen können. Dass nur zwei Jahre später genau dies mit der beginnenden Star-Wars-Saga schon wieder Fahrt aufnahm, lässt tief in uns blicken, aber Vietnam betreffend sollten ja „Apocalypse Now“ und die drei, vier wichtigen Filme von 1986 bis 1988 noch kommen.

Natürlich kann man sie nicht mit „Robin and Marian“ vergleichen, aber der Zeitgeist spielt eine wichtige Rolle, auch im Unterschied zum heutigen, in dem Gewalt wieder absolut bedenkenlos fürs Kino verwendet wird. Wie aber bricht man mit den Traditionen eines Genres  und macht aus Helden angeschlagene und, wie es in einer Kritik heißt, vom Krieg traumatisierte Charaktere? Lester versucht es mit einem sehr kontemplativen Stil, in dem es mehr Dialog als Action gibt und der die modernen Traumata auf psychologisch recht gelungene Weise in eine ganz andere Zeit transferiert und vielleicht war es damals wirklich so und nicht, wie es im klassischen Hollywood-Kino aussieht – eher aber nicht, denn die meisten jener Kämpfer wurden nicht alt genug, um so in die Krise zu kommen wie Robin.

Die Hinterfragung des Krieges läuft nicht nur durch das, was wir sehen, also den überzogenen Angriff von Richard Löwenherz auf die quasi unbewaffnete französische Burg, sondern vor allem durch Robins Erzählungen aus dem Morgenland; wie tapfere Männer wie er in den Kreuzzügen grausame Taten an der muslimischen Zivilbevölkerung zu begehen hatten und verheizt wurden, es kehrte ja kaum jemand zurück und das alte Heilige Land wurde auch nicht wieder erobert. Die Parallele zum Vietnamkrieg ist wirklich offenkundig, sowohl die Fragwürdigkeit der Motive als auch das Ergebnis betreffend. Hingegen, was ist mit dem Kampf der Ausgebeuteten um Robin Hood gegen den Sheriff? Der Anführer, Robin, gehörte ja selbst zu denen, die in den Kreuzzügen ausgenutzt und von den Herrschenden, in seinem Fall ausnahmsweise nicht des Lebens, aber doch seiner jugendlichen Kraft und Energie beraubt wurden, sodass sie zuhause den Kampf nicht mehr in der Form weiterführen konnten wie bisher, weil sie nicht mehr die Nerven haben.

Deswegen wartet Robin nicht ab, bis der Sheriff seine kleine Armee in den Wald einfallen lässt, wo sie wieder mal aufgerieben worden wäre, sondern bleibt auf offenem Feld, weil er Robin richtig einschätzt – und auch sich selbst: Auf alte Weise, die vielen Menschen den Kampf ersparen und das Leben bewahren soll, duellieren sich die alten Gegner persönlich. Da wird das Hohelied der Ritterlichkeit doch noch einmal gesungen und es hat sogar den Eindruck, dass der Sheriff Robin lieber zum Aufgeben bewegen als ihn tot sehen möchte, ihn deshalb ein wenig schont – und stirbt. Natürlich ist der böse Baron dann derjenige, der sich nicht an die Abmachung zwischen dem Sheriff und Robin gebunden fühlt und lässt seine Leute die wartenden Widerständler angreifen. Auch dieser Verlauf versinnbildlicht die Verrohung der Sitten und die moderne Massenkriegsführung gegen vermeintlich Unterlegene. Vermutlich wurden Robins Leute, die sich nach seiner Rückkehr so bald um ihn geschart hatten, nie wieder eine Partisanengruppe wie unter seiner Führung.

Der andere Teil der Entmythologisierung ist die Action selbst. Sie ist sinnlos, wie bei König Richard, oder sie wird absichtlich plump, unelegant inszeniert, was zu einigen witzigen Momenten führt, in denen man den Lester der vorherigen Filme wiederfindet. Andeutungen dazu, dass das Führen riesiger Schwerter wenig vergleichbar mit dem Florettfechten heutiger Prägung ist, gab es auch in früheren Mittealterfilmen schon, aber hier kommt ein Sinn fürs komische Timing hinzu, der klar an die Musketier-Filme ist. Allerdings sind diese nur ansatzweise elegischer als frühere Adaptionen, während „Robin and Marian“ ein ganz anderes Gefühl an die Zuschauer vermitteln will als etwa „Die Abenteuer des Robin Hood“ von 1938 oder auch der erfolgreiche Film von 1991 mit Kevin Costner, in dem Sean Connery dessen Gegner, den Sheriff von Nottingham, gibt. Es dürfte selten vorkommen sein, dass ein Schauspieler im Lauf seiner Karriere diese beiden Figuren interpretiert hat. Anfangs ist der Lester-Stil  aus seinen früheren Filmen noch recht ausgeprägt, verliert sich dann aber zusehends und es wird ernster und trauriger und als am Ende die drei Äpfel noch einmal auftauchen, die schon zu Beginn gesehen hat, begreift man deren Symbolik natürlich ohne Weiteres: Die beiden, die dahinfaulen, sind die nunmehr toten Robin und Marian, der pralle, große, der noch grün ist, das ist Little John, der wohl im Kampf gegen den Gebietsherrn, der neben dem Sheriff wie dessen Vasall gewirkt hat, weitermachen wird. Doch Obacht, auch dieser Apfel ist bereits gepflückt. Größer und stärker wird er nicht mehr werden.

Ich musste eigens nachsehen, wer Sean Connery für die deutsche Version synchronisiert hat, aber es war Gert Günther Hoffmann, sein Stammsprecher bis 1997 – das Bedürfnis entstand, weil Connery hier so anders klingt wie in den Bond-Filmen, was für die Versatilität von Hoffmann spricht, er ihn hier viel sanfter reden lässt. Ähnlich überrascht war ich, dass Judy Winter als Stimme von Audrey Hepburn zu hören ist. Allerdings lag ja auch eine Generation zwischen der Darstellerin und ihrer deutschen Synchronstimme und das wirkt erstaunlich – stimmig.

Finale

Ich mochte den Film, weil er auch irgendwie in unsere Zeit, in den Herbst passt und zu einer gewissen Lebensmelodie, die ich derzeit höre und natürlich zu dem, was ich über Krieg und Gewalt denke. Ob die Idee, die alte Robin-Hood-Legende, wie einige Jahre zuvor die Western, die plötzlich keine Guten mehr kannten und in denen die Gewalt nicht mehr einem höheren Zweck diente, zu verwenden, um sich die Kriegsmüdigkeit der 1970er zu beschreiben, ist ein wenig tricky. Wäre der Film nicht stellenweise auch mit witzigen Szenen gesegnet wie etwa derjenigen, als Robin und John im Kerker sitzen und sich mühevoll der Selbstbefreiung näher gebracht haben, da betritt unprätentiös eine Wache den Raum und ruft sie zu König Richard, das ist bester Monty-Stil, würde es sowas also nicht geben, wäre er sehr elegisch geworden, das ist er in der Tat häufig genug und Lester versucht ja, den Humor, die Abwesenheit von Pathos, in die Botschaft einzubinden. Dennoch wirkt er manchmal etwas übertheatralisch in den Liebeszenen und hat Gottseidank großartige Darsteller, die das nicht lächerlich wirken lassen und der Stil Lesters, auch wenn er im Verlauf zurücktritt und in der Giftszene beinahe ganz verschwindet, bewahrt eine gewisse Unerschrockenheit im Umgang mit den großen Dingen des Lebens. Dass der Film heute mit 6,6/10 von den IMDb-Nutzern nicht sehr  hoch eingeschätzt wird, zeigt aber auch, dass diese ihn nicht als adäquate Umsetzung des Stoffes ansehen, der eben doch nach wie vor eines ist: eine Heldengeschichte zur Erbauung und Lobpreisung des Widerstandes der Unterdrückten, nicht eine Allegorie auf die Sinnlosigkeit und Gemeinheit heutiger und früherer Kriege. Der wichtige Aspekt, dass Hood die Reichen beraubte und die Beute unter den Armen verteilte, kommt gar nicht mehr vor. Es wirkt als sei der Glaube der Macher von „Robin and Marian“ an die soziale Aussage und ihren Wert ebenfalls verloren gegangen, und das ist in der Tat ein wenig sehr deprimierend.

76/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2017)

(1), kursiv: Wikipedia

Produktion         Denis O’Dell

Musik   John Barry, Michel Legrand

Kamera                David Watkin

Schnitt  John Victor Smith

Besetzung

Sean Connery: Robin Hood

Audrey Hepburn: Lady Marian

Robert Shaw: Sheriff von Nottingham

Richard Harris: Richard Löwenherz

Nicol Williamson: Little John

Denholm Elliott: Will Scarlett

Kenneth Haigh: Sir Ranulf

Ronnie Barker: Bruder Tuck

Ian Holm: König Johann Ohneland

Bill Maynard: Mercadier

Esmond Knight: alter Mann

Veronica Quilligan: Schwester Mary

Peter Butterworth: Arzt

John Barrett: Jack

Kenneth Cranham: Jacks Lehrling

Victoria Abril: Königin Isabella


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