Crimetime 1137 – Titelfoto © ARD Degeto / SRF, Daniel Winkler
Zwei Leben ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der dreizehnte gemeinsame Fall des Schweizer Tatort-Teams Flückiger und Ritschard wurde am 17. September 2017 im SRF 1, im Ersten und im ORF 2 ausgestrahlt.
Als ich ein wenig im Tatort-Fundus nachgeschaut hatte, was die anderen so zum 1028. Tatort schreiben, hatte ich auf dem Bildschirm die Ränge 816 bis 844 der Gesamt-Rangliste vor mir. Und in dieser kleinen Zone allein sind sechs Flückiger-Tatorte zu sehen gewesen. Wenn man die Filme mit dem aktuellen Schweizer Team hingegen allein betrachtet, steht „Zwei Leben“ auf Rang 7 von 13. Wer jetzt ein wenig rechnen kann oder Statistik mag, wird sofort ein Grundproblem erkennen.
Flückigers gesammelte Falllösungen ballen sich am oberen Rand des untersten Viertels, mit ein paar Ausreißern nach oben, aber auch nach unten. Tendenziell gehe ich in den Punktzahlen bei Flückiger etwas höher als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer. Ich mag diesen ruhigen Typen, der viel glaubwürdiger daherkommt als die meisten aktuellen Ermittler. Und die Grundmelancholie, die ihm eignet, wer würde die angesichts seines Jobs nicht verstehen? Was es sonst zu verstehen gibt, steht in der –> Rezension.
Handlung
Fernbuschauffeur Beni Gisler sieht den Mann auf der Brücke, aber er kann nichts mehr machen. Der Körper knallt gegen die Windschutzscheibe und wird weggeschleudert. Früher in seinem Leben war Gisler Lokführer und wurde dabei bereits mehrmals in Suizide verwickelt. Der jüngste Vorfall weckt deshalb traumatische Erinnerungen. Kommissar Flückiger kennt Gisler aus seiner Militärzeit. Von der zuständigen Psychologin des Care Teams unterstützt, nimmt er sich Gisler an.
Bald gibt es allerdings nicht nur Gründe, die Identität des vermeintlichen Suizidopfers anzuzweifeln, es stellt sich zudem heraus, dass der Tote eine hohe Dosis Benzodiazepin im Blut hatte. Unter diesen Umständen hätte er sich unmöglich alleine von der Brücke stürzen können. Kommissar Flückiger und Kollegin Liz Ritschard beginnen zu ermitteln. Die wahre Identität des Opfers zu klären, erweist sich als erste Herausforderung. Eine Spur führt sie in die Bauwirtschaft. Der ehemalige Patron eines heute erfolgreichen Bauunternehmens hat Ähnlichkeiten mit dem Opfer. Er soll jedoch bereits vor dreizehn Jahren verstorben sein. Was haben dessen Witwe und sein Sohn zu verbergen? Gleichzeitig zu den Ermittlungen hadert Flückiger mit dem persönlichen Bezug zum Fall. Das Schicksal seines Kameraden Gisler lässt ihn nicht los. Gisler kämpft mit schweren Belastungsstörungen und aggressiven Ausbrüchen. Trotz der therapeutischen Hilfe der Psychologin schwört er sich, den Täter persönlich zur Rechenschaft zu ziehen.
Rezension (mit Spoilern)
Als ich ein wenig beim Tatort-Fundus nachgeschaut habe, was die anderen so zum 1028. Tatort schreiben, hatte ich auf dem Bildschirm die Ränge 816 bis 844 der Gesamt-Rangliste vor mir. Und in dieser kleinen Zone allein sind sechs Flückiger-Tatorte zu sehen. Wenn man die Filme mit dem aktuellen Schweizer Team hingegen allein betrachtet, steht „Zwei Leben“ auf Rang 7 von 13. Wer jetzt ein wenig rechnen kann oder Statistik mag, wird sofort ein Grundproblem erkennen. Flückigers gesammelte Werke ballen sich am oberen Rand des untersten Viertels, mit ein paar Ausreißern nach oben, aber auch nach unten. Tendenziell gehe ich in den Punktzahlen bei Flückiger etwas höher als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer. Ich mag diesen ruhigen Typen, der viel glaubwürdiger daherkommt als die meisten aktuellen Ermittler. Und die Grundmelancholie, die ihm eignet, wer würde die angesichts seines Jobs nicht verstehen?
Dieses Mal wird sie gespiegelt durch den traumatisierten Busfahrer Berni Gisler, der von Michael Neuenschwander sehr eindrücklich porträtiert wird. Allerdings auch ein wenig zu ausdrücklich. Ich habe nichts gegen Psychodramen, Traumata und alle möglichen therapiebedürftigen Tatbestände, aber dieses Mal dauert es zu lange, bis die Handlung in Fahrt kommt. Man könnte auch sagen, sie stoppt nach dem Unfall wie der Bus und bleibt erst einmal stehen. Dafür muss sie dann überhastet zu Ende gebracht werden. Wenn der Zufall als solcher Kommissar ist, dann war der Zufall, dass die Therapeutin die Mörderin ist, mindestens Hauptkommissar, wenn nicht Kriminalrat. Na klar, Luzern ist nicht Berlin, da kann man auch dieselben Leute wiedertreffen, ohne es arrangiert zu haben. Aber es ist und bleibt eine Drehbuchquetsche.
Dem Psychodrama wird der Plot weitgehend geopfert. Deswegen gibt es in Letzterem eine stattliche Anzahl von Handlungselementen und Dialogsätze, die von der eindeutigen Ungereimtheit bis zur Kann-so-Ungereimtheit reichen. Nicht, dass sich alles immer reimen muss, das tut es im Leben ja auch nicht, aber man sträubt sich eben doch, wenn am Ende eine Täterperson so präsentiert wird, dass zwei Dinge sich stark voneinander unterscheiden: zum einen die Wahrnehmung der Personen, zum anderen das, was man aus dem Logikverständnis ableitet.
Natürlich, die Psychotherapeutin verhält sich seltsam, das fällt relativ schnell auf. In dem dunklen Flur habe ich allerdings nicht gesehen, dass sie unter einem anderen Namen diplomiert wurde als dem, den sie aktuell trägt und dass dadurch eine Verbindung zu einem Opfer des Herrn Conti wahrscheinlich wird. Ist mir optisch schlicht entgangen. Wenn nochmal sein Kommissar sich eine Urkunde anschaut, muss ich auf jeden Fall das Bild solange einfrieren, bis meine alten Augen alles, was draufsteht, entziffert haben. Dafür ist ja das HD erfunden worden – damit man so wunderbar die Talking Heads an die Wand hängen kann. Nein, die Diplome sind keine Talking Heads, das ist schon klar. Sie bieten eben etwas wie informatorischen Mehrwert. Trotzdem hätte sich bei mir das Empfinden für Logik gesträubt und es wurde bis zum Ende nicht beruhigt.
Ich habe nicht verstanden, wie die Tat wirklich ausgeführt wurde. Doch wohl nicht dadurch, dass Frau Roth Herrn Conti über das hohe Brückengeländer geschoben hat. Am Anfang wirkte es, als sei da eine Einflüsterung, aber die kam ja vom Opfer selbst, das sich zum Springen auffordert. Das muss ja eine tolle Medizin gewesen sein, die Roth dem Conti da verabreicht hat. Ein Depressionsverstärker. Gibt es sowas? Zumal Conti ja keine Depressionen hatte, sondern die Folgen seiner Taten immer auf andere abwälzen konnte. In dem Zusammenhang nervt auch das ewige Hin und Her darüber, was die Familie nun über ihn gewusst hat. Das alles fühlt sich sogar beim Schreiben noch zäh an und verlangsamt das Tempo.
Im Grunde müsste mich das Thema interessieren. Zum Beispiel Berlin. Was machen die U-Bahn-Fahrer_innen, wenn einer oder eine sich mit ihrem Zug umgebracht hatte. Ich habe in der Tat jemanden kennengelernt, dem das passiert ist und der dann berufsunfähig wurde. Da muss man sagen, dass Gisler erst beim dritten Mal psychisch so richtig einknickt, ist beeindruckend. Eigentlich war er aber schon beim zweiten Mal erledigt, konnte seinen Ausgangsjob Lokführer nicht mehr ausüben, verlor seine Familie, weil er das Trauma nicht mehr verarbeiten konnte. Wohnt in einer Parterrewohnung in einem sichtbar und hörbar prekären Haus und kommt nie an, wie die Nicht-Einrichtung seiner Wohnung belegt.
Freilich, dies darzustellen, benötigt Spielzeit, aber etwas, was bei den Schweizer Tatorten häufig auffällt, ist auch hier ein Nachteil: Sie könne nicht raffen. Die heute üblichen Auslassungs- und Verdichtungstechniken, die sich vom Kino aus ins Fernsehen hinein verbreitet haben, wenden sie nicht an. Dadurch wirkt nicht nur die Handlungsführung, sondern auch die Bildsprache konventionell und behäbig. Es gibt Ausnahmen, die von besonders versierten Regisseuren inszeniert wurden, wie „Schmutziger Donnerstag“, aber der kam ja beim Publikum, nach Bewertungsdurchschnitt im Tatort-Fundus, auch nicht so gut an wie bei mir.
Hinzu kommt, dass Chef Mattmann dieses Mal wieder nervt wie nichts. Der Manns scheint auch eine Art behandlungsbedürftige Störung zu haben. Mal ist er super und steht hinter seinem Team, mal nervt er selbiges furchtbar und den Zuschauer gleich mit. Nein, wir sind alle nicht jeden Tag genau gleich, aber wir sind ja auch keine Filmcharaktere, die einigermaßen konsistent angelegt sein sollten. Und obwohl dieses Mal Liz und Reto je eine Beziehung erhalten, kommen sie so schwach rüber wie selten zuvor. Wie geschrieben, ich verteidige den ruhigen Reto gerne, aber dieses Mal hat man sich wohl darauf verlassen, ihm diesen Beziehungshintergrund zu geben und es damit bewenden lassen.
Finale
Trotz allem und obwohl der Titel schon einmal vor 40 Jahren bei Haferkamp vorkam, ist der Film kein Desaster. Er ist eben unausgewogen, nicht sehr rhythmisch erzählt und krankt daran, dass eine gute Idee erst zu leblos, dann zu hopplahopp umgesetzt wird. Darum nur
6/10
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2017)
Kursiv und tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Walter Weber |
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| Drehbuch | |
| Musik | Fabian Römer |
| Kamera | Stéphane Kuthy |
| Schnitt | Cécile Welter |
| Premiere | 17. Sep. 2017 auf SRF 1, Das Erste und ORF 2 |
| Besetzung | |
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