Filmfest 883 Cinema
Second Chance ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm von Rudolph Maté aus dem Jahr 1953. Der Film, der vor Ort in Mexiko in 3D aufgenommen wurde, zeigt Robert Mitchum, Linda Darnell und Jack Palance. Es ist bemerkenswert als der erste RKO-Film, der in 3D produziert wurde.
Als bester Film von Regisseur Rudolph Maté, der zuvor ein renommierter Kameramann war, wird „D.O.A.“ notiert, ein Film noir aus dem Jahr 1949. Auch „Mörder ohne Maske“, der deutsche Verleihtitel sagt es viel deutlicher als der weiten Interpretationsspielraum gebende Originaltitel, ist dem Genre zumindest nah. Auf jeden Fall ist er ein typischer Krimi seiner Zeit mit einer durchaus imposanten Besetzung. Ob daraus ein imposanter Film wurde, klären wir in der – Rezension.
Handlung[1]
Ein Mafia-Buchhalter (gespielt von Milburn Stone) wird von dem äußerst rücksichtslosen Auftragskiller Cappy Gordon (Jack Palance) auf Befehl des berüchtigten Gangsters Vic Spilato, gegen den derzeit vom US-Senat ermittelt wird, konfrontiert, erschossen und getötet. Cappy macht sich dann auf den Weg nach San Cristóbal, einer geschäftigen Stadt in einem nicht näher bezeichneten lateinamerikanischen Land, mit Plänen, Spilatos entfremdeter Freundin, der Sängerin Clare Shepperd (Linda Darnell), ein ähnliches Schicksal zu bereiten, die versucht, ihren früheren Verbindungen zu Spilato zu entkommen.
Rezension
Im weiteren Verlauf versucht die Sängerin, dem Killer zu entkommen und findet Schutz bei einem amerikanischen Preisboxer, der von Schuldgefühlen geplagt wird, weil er mit seiner harten Rechten einen Gegner erschlagen hat. Am Schluss wird sich erweisen, wie wichtig es ist, dass er seine Rechte wiedergefunden hat, nämlich, als es darum geht, jenem Cappy Gordon den finalen Schlag zu verpassen, durch den dieser in die Tiefe stürzt. Von einer Gondel aus.
Bosley Crowther, Filmkritiker der New York Times, war von der Geschichte des Films nicht beeindruckt, wurde aber von dem aufregenden Ende gefangen genommen und schrieb: „Der Aufbau des Luftabenteuers [steht offenbar für den gesamten Film, nicht für die Seilbahn-Sequenz, Anm. TH] ist nicht nur synthetisch, sondern auch langsam … die Entwicklung einer Romanze zwischen Mr. Mitchum und Linda Darnell… ist mechanisch und routinemäßig. Aber sobald sie an Bord dieser Straßenbahn steigen – Mr. Mitchum und Miss Darnell, die vom Berg herunterkommen und von Mr. Palance verfolgt werden – beginnt das Drama zu knistern. Und sobald dieses Kabel einrastet, wird das Bild zu einem Rausch von Klippen-hängendem Terror und Spannung. Jede kleine Bewegung der Straßenbahn, die dort an einem Faden hängt, lässt den Akrobohrer zittern. Und es gibt in der Tat viel Bewegung.“ [6]
Wir haben die Google-Übersetzung so stehen lassen, schließlich gilt sie den Worten des berühmtesten US-Filmkritikers jener Zeit. Mit „einrastet“ ist eher „verklemmt“ gemeint und „Straßenbahn“ steht für eine Seilbahn, die sich auf atemberaubende Weise zwischen steilen Bergspitzen nach oben hangelt. San Cristobal müsste also in einem Andenland liegen, aber insgesamt wirkt das Gepräge eher mexikanisch, inklusive Ehemännern, die fast wie Justizopfer wirken, wenn sie ihre Frauen umbringen, nur weil diese offensives Tanzvergnügen mit einem Gigolo suchen. Caramba! Insgesamt ist der Film aber nicht überragend frauenfeindlich: Linda Darnell spielt ein gutes Mädchen, das in die Fänge der falschen Männer geraten ist und ist ganz loyal dem Boxer gegenüber, sie will ihn sogar wegschicken, damit ihm nichts passiert, als er ihr helfen möchte. Sie ist keine „Femme fatale“, diese Claire, ihre Rollenfigur, schon deshalb nicht, weil es ein Happy Ending gibt.
Die aufregendste Performance in diese Film gibt nicht Robert Mitchum ab, der hier eher eine Routine-Leistung abspult, auch nicht Linda Darnell, die ich für mich einst in dem heute unterbewerteten „Sommersturm“ aus dem Jahr 1944 entdeckte, sondern Jack Palance. Es ist eben auch die Physiognomie. Wo dieser Typ auftritt, gehört ihm die Leinwand. Problem: Für einen Leading Man sieht er zu speziell aus, die Figur hingegen hat er auf jeden Fall und es wirkt ein wenig luschig, dass er sich von dem Boxer so schnell erledigen lässt. Mitchum, der wirklich einmal geboxt hatte und Palance wären das Duo für ein episches Faustduell gewesen. Aber dann wäre die Gondel der Seilbahn wohl doch mit allen Insassen in die Tiefe gestürzt.
Offenbar muss diese Szene in 3D richtig gefährlich gewirkt haben:
Second Chance ist der erste Ausflug von RKO Radio in die Welt des 3D-Films, einer weit verbreiteten Kino-Modeerscheinung in den 1950er Jahren und zeigte deren Top-Stars. Der Bösewicht Jack Palance ist frisch von seiner von der Kritik gut angesehenen Arbeit an Shane (1953). Das Bild ist auch der erste Hollywood-3D-Spielfilm, der an einem fremden Ort gedreht wurde. [3]
Der Kritiker Jeff Stafford glaubt, dass das 3D-Format oft zu Unrecht verleumdet wurde und in den frühen 1950er Jahren kurz davor stand, „über die ausnutzbaren Aspekte ‚in Ihrem Gesicht‘ hinauszugehen“ in kreativere Anwendungen der Technologie zu gehen, als die Modeerscheinung starb. Er argumentiert, dass die letzten Szenen von Second Chance „in 3-D viel intensiver waren, wenn die Tiefenschärfe und die räumlichen Beziehungen ein echtes Gefühl von Schwindel erzeugen“. [4]
Laut dem Kritiker Bosley Crowther wurde das Drehbuch von einem Unfall mit der Luftseilbahn inspiriert, der sich um 1951 in Rio de Janeiro ereignete. Crowther schrieb: „Abgesehen von einem Mann, der getötet wurde, als er versuchte, über ein Seil um Hilfe zu bitten, und dem Schlagabtausch auf der Plattform, könnte dies fast die Rio-Episode sein.“ [5]
Das 3D-Format trat auch in den Hintergrund, weil es sich möglicherweise nicht mit dem ebenfalls zu jener Zeit aufkommenden Breitwandformat Cinemascope verknüpfen ließ, ein Konkurrenzprodukt von 20th Century Fox, das sich dann in der Tat recht schnell durchsetzte. Alle diese Innovationen waren der Tatsache geschuldet, dass man die neue Konkurrenz des Fernsehens austricksen wollte, denn die damals noch kleinen Bildschirme konnten weder 3D, noch waren die schmalen Bilder mit zwei dicken Balken oben und unten wirklich attraktiv anzuschauen, die das Cinemascope unweigerlich versurachte, wenn man das ganze Bild im Bild haben wollte. Hinzu kam, dass das US-Fernsehsystem NTSC weniger Zeilen hatte als beispielsweise das deutsche PAL-Bild. Also kappte man rechts und links und riskierte, dass Figuren nur halb oder auch mal gar nicht im Bild waren, wenn sie sprachen. Es war in Sinne von Kino vs. Fernsehen eine wilde Zeit, keine Frage. Trotzdem sind die USA eine Kinogänger:innen-Nation geblieben, anders als Deutschland.
Leider war das Technicolor in einem schlechten Zustand, bei der Kopie, die ich gesehen habe, wirkte richtiggehend ausgewaschen. Ich kann’s nicht ändern, mich stört es, dass solche Filme unrestauriert oder mit schrägen Sonderfeatures wie einer schlechten Nachcolorierung zur Verfügung gestellt werden, in diesem Fall von Amazon Prime, das beansprucht zu viel von meiner Konzentration. Die deutsche Originalsynchronisierung ist aber in Ordnung und bringt die Dialoge wohl so rüber, wie sie auch im Original sein dürften: Etwas ungeschliffen, wie auch die Handlung in der Tat kein Paradestück des Krimigenres ist. Außerdem kommen immer wieder Figuren zu Wort, die an Orten auftauchen, zu denen sie vom Drehbuch nicht geführt werden, sie sind einfach da und man muss sich als Zuschauer selbst zusammenreimen, sie z. B. die Gefahrengemeinschaft in der Gondel entstanden ist. Unlogisch ist es nicht, aber auch nicht sehr flüssig dargestellt.
Finale
Leider hatte ich geahnt, dass es für das Liebespar gut ausgehen würde, daher fand ich auch die Gondelszene nicht ganz so enervierend wie Bosley Crowther, spannend war vor allem, ob der „Kapitän“, der Schaffner, überleben wird, der als letzter von Bord geht, wie es sich für einen Kapitän gehört. „Möder ohne Maske“ ist also mehr oder weniger die „Titanic“ unter den Seilbahngondelfilmen, wobei fast alle gerettet werden. Nicht natürlich der Revolverheld, der Beschützer eines Mafioso und vergeblich für dessen Freundin Schwärmende.
Die IMDb-Nutzer:innen vergeben aktuell 6/10 für diesen Film, damit rangiert er im unteren Drittel der Werke von Rudolph Maté, der zwar nur wenige wirklich gute Kinostücke realisierte, aber auch keine kompletten Ausfälle. Die künstlerische Amplitude war bei ihm wohl eher mittelgroß. Ich finde, die 6/10 treffen es recht gut. Wenn man bedenkt, dass Robert Mitchum zwei Jahre später „In die Nacht des Jägers“ eine Performance ablieferte, die nach wie vor zu den besten Bösewichten der Filmgeschichte zählt, muss man sagen, er war sich wohl bewusst, wann er mit halber Kraft durch einen Brot- und Butterfilm wie „Mörder ohne Maske“ kam und wann er alles auszupacken hatte, was er konnte. Ganz ungefährlich ist eine solche Einstellung nicht, weil sie dazu führen kann, dass man tatsächlich zwischen Kunst immer wieder viele Butterbrotfilme machen muss. Mit „Nacht des Jägers“ ging die Tendenz bei Mitchum für die nächsten Jahre aber eher hin zur Kunst. Jack Palance war erst 1950 ins Kinogeschäft eingestiegen und sollte einer der profiliertesten Schurken der Leinwand werden, aber er durfte auch immer wieder andere Rollen spielen.
Ein Rezensent des Time Magazine nannte 3-D zwar „ein neuartiges Gimmick“, lobte aber die Leistung von Jack Palance und schrieb: „Dieser Mann Palance hält die Show sowie Linda in Bewegung. Palance (geb. Palahniuk) [sic], ein einstiger Prelim-Kämpfer aus dem Kohleland Pennsylvania, gab in Shane (1953) und Sudden Fear (1952) erschreckende Auftritte und ist seitdem der heißeste Heavy in Hollywood geworden. Sein Gesicht allein, so dünn und grausam wie ein rostiger Spaten, reicht aus, um einen starken Mann zu erschrecken; Und um die Sache noch schlimmer zu machen, scheint er feindliche Energie auszustrahlen, wie etwas, das über Nacht in einem Plutoniumhaufen übrig bleibt.“ [7]
Wegen Palance vergeben wir noch
63/100.
© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke.
[1], kursiv und tabellarisch: 1953: Die zweite Chance (Second Chance) – Wikipedia
| Regie | Rudolph Maté |
|---|---|
| Drehbuch | Sydney Boehm Oscar Millard |
| Vorlage | D. M. Marshman, Jr. |
| Produzent | Sam Wiesenthal |
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