Es ist geschafft: Der Osten zieht an. „Mehr Umzüge von West nach Ost als umgekehrt“ (Statista + zusätzliche Daten + Kommentar) | #Briefing 112 | #Gesellschaft #Bevölkerungsentwicklung

Frontpage | Briefing 112 | Wanderungssalden und Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Lange Zeit waren die neuen Bundesländer im Osten von starker Abwanderung geprägt. Zusammen mit einem Sterbeüberschuss ergab das einen erheblichen Rückgang der dortigen Bevölkerungszahlen.

Am stärksten war Sachsen-Anhalt betroffen. Es verlor zwischen 1990 und 2022 nicht weniger als ein Viertel seiner Bevölkerung. Auch die übrigen ostdeutschen Länder waren stark vom Bevölkerungsfortzug betroffen. Ausnahme: Brandenburg. Durch die Umlandstellung zu Berlin konnte das Land seine Bevölkerungszahl von 1990 etwa erhalten (Rückgang um ca. 2 Prozent). Es dürfte auch das Land sein, das für einen noch sehr jungen Trend verantwortlich ist: Der Osten legt zu! Neben Brandenburg zeigt, allerdings erst seit dem vergangenen Jahr, Mecklenburg-Vorpommern eine leicht positive Tendenz, in den anderen ostdeutschen Ländern hat sich der Bevölkerungsverlust abgeschwächt. Nun ist die Bevölkerungsentwicklung, wie erwähnt, nicht nur von der Binnenwanderung abhängig, aber ihre neuesten Zahlen lassen darauf hoffen, dass das Ausbluten des Ostens, das auch dessen Infrastruktur zerstört, weitgehend gestoppt ist. Das heißt nicht, dass damit überall eine Trendwende eingeleitet wäre, denn die Regionen, die ohnehin vom Zerfall bedroht sind, werden, von Sonderfaktoren abgesehen, wie etwa einer größeren industriellen Neuansiedlung, weiterhin an Einwohnern verlieren. Interessant ist aber auch, dass die Stadtstaaten und auch das eine oder andere westliche Flächenland zuletzt ein deutliches Wanderungs-Minus zu verzeichnen hatten.

Dies bedeutet wiederum nicht, dass auch die Bevölkerungszahlen zurückgehen. Vor allem die Zuwanderung aus dem Ausland ist weiterhin hoch, durch die Geflüchteten aus der Ukraine sogar wesentlich höher als in den Vorjahren. Auch wenn Berlin zum Beispiel einen leicht negativen Binnenwanderungs-Sado aufweist, der Wohnungsmarkt ist sozusagen hackedicht – wieder einmal.

Liste der deutschen Bundesländer nach Bevölkerung – Wikipedia

Und hier die Grafik, die der Anlass für diesen Artikel ist. Lassen Sie sich nicht täuschen, abgebildet wird nicht die aktuelle Corona-Inzidenz:

Infografik: Mehr Umzüge von West nach Ost als umgekehrt | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.


Mehr Umzüge von West nach Ost als umgekehrt

BINNENWANDERUNG

von Matthias Janson, 18.01.2023

Die Binnenwanderung zwischen Ost- und Westdeutschland war lange Zeit sehr unausgeglichen: 26 Jahre lang sind nach der deutschen Wiedervereinigung mehr Menschen von Ost- nach Westdeutschland gezogen. Wie die Statista-Grafik auf Basis von Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigt, sind die Wanderungen seit 2017 nahezu ausgeglichen. „Wanderungsverluste haben die ostdeutschen Flächenländer weiterhin bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren, bei allen anderen Altersgruppen ist der Saldo für Ostdeutschland hingegen positiv“, erklärt die Geografin Dr. Nikola Sander, Forschungsdirektorin am BiB. Außerdem gibt es regionale Unterschiede von Wanderungsgewinnern und -verlierern: Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verzeichnen positive Wanderungssalden. Im Gegenzug verlassen immer noch mehr Menschen Sachsen-Anhalt und Thüringen in Richtung Westen.

Spannend in dem Zusammenhang, gerade bei der Betrachtung von Brandenburg: Wie werden Umzüge von Berlin nach dort bewertet? Als West-Ost-Wanderung? Oder doch nach dem Bezirk, je nachdem, ob er früher zum Ost- und zum Westteil gehörte, aus dem die Menschen fortziehen. Selbstverständlich gilt diese Frage auch für Fortzüge aus Berlin in andere westliche und östliche Bundesländer. Und was ist mit Bezirken, die aus Ost- und Westbezirken neu zusammengesetzt wurden, wie Friedrichshain-Kreuzberg oder Mitte? Hier eine Grafik zu den Binnenwanderungssalden aller Bundesländer im Jahr 2021:

Wanderungssaldo der Binnenwanderung nach Bundesländern 2021 | Statista

Hier ist es eindeutig, Umzüge über die Ländergrenzen hinweg werden gemessen. Auch hier sieht man den Boom von Brandenburg sehr gut, während klassische Zuwanderungsländer wie Bayern und Baden-Württemberg nur noch leicht positive oder sogar deutlich negative Zahlen aufweisen. Ohnehin, das lässt sich nicht verschweigen, hat Baden-Württemberg, das einst reichste Bundesland, seit dem Antritt der grün geführten Regierung im Jahr 2011 merklich gegenüber anderen Bundesländern an Boden verloren. Es gibt aber eine weitere interessante Bewegung, die diesen beiden Ländern „schadet“: das Hoch im Norden. Ob Brandenburg, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen, die Menschen zieht es raus aus den Hügeln und Bergen ins Flache. Nur Hamburg verzeichnet einen negativen Saldo. Möglicherweise bedingt, ebenso wie in Berlin, durch den Druck, den steigende Mieten und starke allgemeine Kostensteigerungen verursachen, sodass Menschen sich vermehrt im nahen Umland ansiedeln.

Dass Nordrhein-Westfalen mit seinen anhaltenden Konversionsproblemen per Saldo einen Fortzug verzeichnete, hat uns nicht sehr überrascht. Eher schon bei Hessen, das wirtschaftlich insgesamt gut dasteht. In unserem Heimatland kam es zu einem Fortzugssaldo von immerhin 29 Personen. Das waren „zu unseren Zeiten“ wesentlich mehr. Vielleicht lebt dort einfach niemand mehr, der mental geeignet ist, bessere Chancen anderswo zu suchen. Aufgrund der dort zu verzeichnenden niedrigsten Geburtenrate in Deutschland schrumpft die Bevölkerung natürlich weiter.

Immer unter Berücksichtigung einer möglichen gegenläufigen Entwicklung bei starken Fluchtbewegungen in Richtung Deutschland, die den Zuwanderungssaldo aus dem Ausland anheben. Deutschland wird Ende 2022 eine Rekordbevölkerungszahl zu verzeichnen haben, und zwar nicht nur um wenige Menschen mehr als bisher, sondern um vermutlich eine Million. Schon der starke Zuzug 2015, 2016 war in Projektionen der Entwicklung nicht enthalten. Das war verständlich, weil es nie zuvor eine so starke Fluchtbewegung einwärts gegeben hat. Doch mittlerweile müsste man die nicht mehr neue Tatsache berücksichtigen, dass Deutschland wohl doch nicht aufgrund der geringen Fertilität seiner Einwohner:innen entvölkert werden wird. Wir werden wohl auch künftig Phasen mit starker Zuwanderung aufgrund von Krisen in anderen Ländern sehen, außerdem soll speziell  der Fachkräftezuzug angekurbelt werden.

TH

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