Der Mann mit zwei Frauen (The Bigamist, USA 1953) #Filmfest 896

Filmfest 896 Cinema

 Der Mann mit zwei Frauen (Originaltitel The Bigamist, gelegentlich auch Der Mann mit den zwei Frauen) ist ein US-amerikanisches Melodram aus dem Jahr 1953. Die Regie übernahm Ida Lupino, die auch neben Joan FontaineEdmond O’Brien und Edmund Gwenn eine der Hauptrollen übernahm. The Bigamist, über einen sich mit zwei Frauen verheiratenden Mann handelnd, wird gelegentlich trotz fehlender Gewaltszenen aufgrund seines düsteren Blicks auf Ehe und sexuelle Untreue dem Film noir zugerechnet.[2][3]

„The Bigamist“ ist der dritte Film von Ida Lupino, den wir auf dem Filmfest vorstellen, nach „Never Fear / Lügende Lippen“ (1950) und „Not Wanted / Verführt“ (1949).

Dass Ida Lupino eine interessante Schauspielerin der 1940er war, wusste ich. Erstmals habe ich aber nun einen Film gesehen, bei dem sie Regie geführt hat. Es sind gar nicht so wenige Produktionen, die auf ihrer Werkliste stehen. Nicht weniger als 40 Filme fürs Kino und Fernsehen rechnet die Wikipedia zusammen. Damit war Lupino eine große Ausnahmeerscheinung im damals komplett männlichen Hollywood. Männlich hinter der Kamera, mit Ausnahme einiger Drehbücher. Mit sich selbst in einer der beiden weiblichen Hauptrollen hat sie das Leben eines Mannes durchleuchtet, der sich in Verhältnisse zu zwei Frauen verstrickt und sogar zwei Ehen eingeht. Lupino  versucht, diese Story  plausibel zu erzählen, mit dem damals in Filmen nicht üblichen Verweis, hier von einer Figur ausgesprochen, dass es solche Doppelehen und Doppelleben (damals) in den USA häufiger gegeben hat. Die Frage nach dem Warum stellt sich vor allem bezüglich der Ehe-Eingehung. Darüber und über den Film im Ganzen mehr in der – Rezension.

Handlung[1]

Das Ehepaar Eve und Harry Graham aus San Francisco möchte ein Kind adoptieren. Der für die Adoption zuständige Mr. Jordan kündigt an, für das Kindeswohl auch das Privatleben der beiden durchleuchten zu müssen. Harry Graham reagiert darauf etwas nervös, was Jordan misstrauisch macht. Die Grahams haben gemeinsam eine Firma, für die Harry oft nach Los Angeles verreisen muss. Hier findet Mr. Jordan heraus, dass Harry schon länger nicht mehr in Hotels übernachtet hat und den Vornamen Harrison verwendet. Jordan findet die Adresse von Harrison Graham im Telefonbuch und tatsächlich trifft er dort auf Harry Graham, der gerade auf ein Baby aufpasst. In einer Rückblende schildert ihm Harry Graham, wie er in diese Situation gelangte:

Die Ehe von Eve und Harry wurde zuletzt vor allem durch den gemeinsamen Betrieb bestimmt, da sich Eve, nachdem sie von ihrer Unfruchtbarkeit erfuhr, leidenschaftlich in die Arbeitswelt stürzte. Harry fühlt sich daher oft einsam, am spürbarsten während seiner vielen Geschäftsreisen nach Los Angeles. In einem Sightseeing-Bus, der zu den Häusern der Hollywood-Stars fährt, lernt er Phyllis Martin kennen. Die beiden kommen munter ins Gespräch und machen anschließend gemeinsame Unternehmungen, allerdings zunächst nur auf platonischer Ebene. Phyllis, die bereits schlechte Erfahrungen mit einem Mann gemacht hatte, will nichts über Harrys Hintergrund wissen. Schließlich kommt es aber doch zu einer gemeinsamen Nacht der beiden, nach der sie erst einmal keinen Kontakt mehr haben.

Schuldgeplagt wendet Harry sich wieder ganz Eve zu, die sich für ihre emotionale Distanz der letzten Monate entschuldigt. Nun stimmt sie auch der von ihr bislang abgelehnten Idee einer Kindesadoption zu. Als Eve sich um ihren todkranken Vater in Florida kümmern muss und deshalb längere Zeit abwesend ist, erfährt Harry, dass Phyllis durch die gemeinsame Nacht schwanger wurde. Phyllis stellt ihm zwar frei, ob er sie heiraten solle, doch er stimmt der Heirat aus Ehrgefühl zu. Er will Eve die Situation erklären und ihr die Scheidung vorschlagen, doch er bringt es nicht übers Herz, da sie von dem Tod ihres Vaters tief getroffen ist. So versucht Harry die Situation herauszuzögern, bis die Adoption durch ist – dann hätte Eve nach der Scheidung zumindest das Kind, das sie immer wollte.

Als Harry seine Geschichte beendet, schwankt Mr. Jordan zwischen Abscheu und Verständnis für den Mann. Einige Zeit später findet sich Harry vor Gericht wieder, wobei beide Frauen im Saal anwesend sind. Der Richter betont, dass es wohl eine hohe Dunkelziffer bei der Bigamie gebe. Neben einer erwartbaren juristischen Strafe werde er in Zukunft beide Frauen finanziell unterstützen müssen. Vielleicht liebe er tatsächlich beide Frauen, doch es sei die Frage, ob eine der beiden ihn noch haben wolle. Zumindest Eve scheint aber darüber nachzudenken, denn sie verweilt noch länger im Gerichtssaal.

Stimmen

Für den Filmdienst ist es ein „wenig überzeugendes Melodram“, das für den Bigamisten „viel Mitleid und Verständnis“ aufbringe.[7]

Aufgrund der Wiederentdeckung von Ida Lupino als Regisseurin und der Verfügbarkeit des Films im Internet und auf Streamingdiensten erfuhr er in den letzten Jahren wieder vermehrte Rezeption. Der US-amerikanische Filmkritiker Richard Brody von The New Yorker nannte es 2020 ein „glänzendes, doch zugleich höchst detailreiches Melodram über die Schwierigkeiten und Lügen von Ehe, Beruf und Romantik“.[8] Peter Bradshaw von The Guardian sah The Bigamist als „intensives, außerordentlich starkes Drama“, das uns heute noch viel über damalige Sexualpolitik erzählen könne. Lupino reihe sich hiermit in die Regie großer Noir-Regisseure wie Robert Siodmak oder Nicholas Ray ein, weiche aber auch vom typischen Film noir ab: Statt – wie in Noirs üblich – gemeinsam mit seiner neuen Geliebten die Ehefrau zu ermorden, drifte der ängstliche, ausgesprochen bürgerliche und nicht bösartig gezeichnete Protagonist in eine Art tragikomische Realitätsverweigerung ab und wolle einfach das Beste von zwei Frauen haben.[9]

Zusätzliche Infos

Das Produktionsbudget lag bei bescheidenen 175.000 Dollar, wobei die etablierten Hollywood-Darstellerinnen Joan Fontaine und Ida Lupino auf einen Teil ihres üblichen Gehalts verzichteten. Der Oscarpreisträger Edmund Gwenn, der den Mr. Jordan spielt, wird im Film mit seinem Namen referenziert: das Haus von Gwenn wird während der Sightseeing-Tour zu den Wohnstätten der Hollywood-Stars gezeigt.[4]

Produzent und Drehbuchautor Collier Young (1908–1980) war der Ex-Mann von Ida Lupino (von 1948 bis Oktober 1951 verheiratet), und der damals aktuelle Mann von Joan Fontaine (von November 1952 bis 1961 verheiratet). Beide Ehen des insgesamt fünfmal verheirateten Young wurden geschieden.[5] Youngs Arbeit am Drehbuch wurde vom Filmkritiker Peter Bradshaw als „eine Art von kreativer Bigamie“ beschrieben, denn er habe, damit das Drehbuch funktionieren konnte, beide Figuren und ihre Schauspielerinnen sympathisch gestalten müssen.[6]

Rezension

Ich denke, Sie brauchen die Zusatzinformationen, die ich auch gerade erst gelesen habe, ich verwende sie nämlich, um darüber zu reflektieren, wie doch in der Kunst das Leben oft Einfluss auf selbige nimmt. Kann man sich einen Film über Hollywood mit einem Plot wie den Verhältnissen ausdenken, unter denen der Film entstand? Offenbar trennte man sich im Guten, Ida Lupino und Collier Young betreffend, denn der Film strahlt in der Tat eine ungewöhnlich positive Figurenzeichnung aus, schon gar für einen Noir. Dass vom Noir-Schema am Ende abgewichen wird, liegt daran, dass der Film hier als Noir eingeordnet wird. Ich möchte davon Abstand nehmen und habe deshalb auch nicht das Problem, zu viel in diesen Film aus dem Noir herüberziehen zu müssen. Bigamie ist sicher ein Verbrechen, aber nicht im Sinne eines Film noir. Mir fällt gerade kein Noir ein, in dem es nicht zu Gewaltakten kommt, und die gibt es in „The Bigamist“ überhaupt nicht. Selbst seelische Gewalt sucht man weitgehend vergebens. Also ist er ein klassisches Melodram. Das befreit uns von solchen Fragen wie „Wo ist bloß die Femme fatale?“ oder „Ich sehe überhaupt nichts von Vorherbestimmung im Sinne eines negativen Schicksals, das den Protagonisten erwartet.“

Ein Mann ist in der Ehe einsam und findet auf einer seiner Handelsreisen eine Frau, der es genauso geht, auch wenn sie Single ist oder weil sie Single ist, sie nähern sich langsam einander an, wie ihr konservatives Gepräge es bedingt, dann passiert der Ehebruch doch und der Mann versucht, die Frau abzusichern und dem Kind seinen Namen zu geben. Wir sind schnell beim Kern, auch wenn ich nicht sicher bin, ob Ida Lupino und Collier Young den Akzent wirklich darauf legen wollten: Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren so, dass uneheliche Kinder und ihre Mütter immense Nachteile zu gewärtigen hatten, nicht nur in den USA. Und da Graham ein guter Kerl ist, will er diese Nachteile vermeiden. Dass der Filmdienst, aus dem das Filmlexikon hervorgegangen ist, besonders in seiner erzkonservativen Ausprägung von 1953, mit einem Film nichts anfangen kann, der Verständnis für den Mann zeigt, versteht sich beinahe von selbst.

Stellenweise holpert es auch ein wenig, obwohl die Charaktere insgesamt gut gezeichnet und von ausgezeichneten Schauspieler:innen sehr schön interpretiert wurden. Wissen Sie, wen ich bald nicht mehr ausstehen konnte? Den schnüffelnden Mr. Jordan von der Adoptionsbehörde. Ich weiß nicht, ob diese Behörde damals tatsächlich so investigativ vorgegangen ist, aber unvorstellbar ist es nicht, angesichts der Verhältnisse, die nie konservativer waren als um 1950, als das lange demokratische Zeitalter zu Ende ging. Das angesprochene Holpern ist dort zu bemerken, wo es besonders auf die Psychologie des Moments ankommt und die Erklärung, wie es zu der zweiten Ehe kommt, nicht beim Handlungsablauf. Der ist sehr gut gemacht, alles folgt so aufeinander, dass eine Zuspitzung entsteht, ohne dass irgendwer sie sehr vorantreiben würde. Dass Graham vor Gericht kommt, kann schlussendlich nur daran liegen, dass er selbst keinen anderen Ausweg weiß, als sein Doppelleben offenzulegen. Natürlich muss der Richter ihm eine Gardinenpredigt halten, aber als Zuschauer ist man längst auf der Seite des Mannes und seiner zwei Frauen.

Wenn der Film einen weiblichen Touch hat, dann wohl dadurch, dass er für damalige Verhältnisse ungewöhnlich sanft und einfühlsam inszeniert ist, nicht etwa durch eine feministische Perspektive, der Mann wird nicht verurteilt. Er will sich sogar von seiner ersten Frau scheiden lassen, aber dann stirbt deren geliebter Vater und sie will nun unbedingt ein Kind adoptieren, um das Gute in ihrer Familie weiterzutragen, auch wenn es sich nicht um einen genetischen Nachkommen handelt. Da tritt Graham von dem Gedanken an die Scheidung zurück und wird sich erst im Büro der Adoptionsagentur der Tatsache bewusst, dass er ziemlich in der Falle sitzt. Deswegen finde ich auch die Anmerkung von der tragikomischen Realitätsverweigerung des Protagonisten sehr treffend.

Aber so geht es vielen Menschen und das macht den Film für seine Zeit so groß. Dass die Regisseurin gewagt hat, es so darzustellen, wie es in der Realität häufig zugeht. Es gibt ein Defizit. Man ist in der Ehe zusammen erfolgreich geworden, aber die Romantik ging dabei schrittweise verloren. Die Frau spürt, dass etwas fehlt und will ein Kind. Sehr klug ausgedacht, um den Stein der Aufdeckung schnell ins Rollen zu bringen und, weil in der Ehe der Grahams auch die Kinderlosigkeit ein Defizit darstellt und der Mann sich dadurch einsam fühlt, dass ein Kind adoptiert werden muss.

Damit ich den Film annehmen konnte, musste ich allerdings nur die beiden Hauptdarstellerinnen in ihren jeweils ersten Szenen sehen. Ich sehe Joan Fontaine besonders gerne, ziehe sie von ihrer Anmutung auch der schönen Schwester Olivia de Havilland vor. Sie ist in „The Bigamist“ nicht mehr so eine seltene Mischung aus Elfe und gehobenem Landei wie in Hitchcocks formidablem „Rebecca“, mit dem sie berühmt wurde, aber die Art, wie sie hier eine durchaus ehrgeizige Frau spielt, die ihren Mann anspornt und ihm gleichzeitig überlegen wirkt, ist durchaus stimmig für eine über 30-Jährige, die sie damals war. Ida Lupino mochte ich in den ersten Filmen, in denen ich sie sah, die ich auch zu den besten von Humphrey Bogart rechne: „Nachts unterwegs“ (1940) und „High Sierra“ (1941). Oder sagen wir mal, zu jenen, die mir am besten gefallen, besonders „Nachts unterwegs“, in dem er die Hauptrolle noch George Raft überlassen musste.

Dadurch, dass ich beide Darstellerinnen sehr schätze, hatte ich keine Präferenzen, wem ich nun mehr ein Happy-End gönnen würde, unabhängig von den Rollenfiguren, bei denen Ida Lupino durchaus ein wenig mehr die Sympathie auf ihre Seite zieht, weil sie so ein schlichtes Mädchen spielt, das sich durchs Leben kämpft, nachdem sie von ihrem früheren Freund wegen eines „Fräuleins“ sitzen gelassen wurde. Enttäuschte Liebe kann schon sehr nachhaltig sein, beinahe wie eine gelebte Liebe, die sich erhält. Außerdem ist es rührend, wie sie sich selbst Vorwürfe macht, dass sie Graham in die Ehe quasi hineinzieht, schon, bevor sie weiß, dass er bereits verheiratet ist. Sie wäre die Ehe in diesem Wissen auch niemals eingegangen.

An dieser Stelle ein Wort zur Inhaltsangabe, weil es gerade passt. Hier ist es relativ dezent, die Wikipedia interpretiert in der Handlungsangabe oft viel stärker und nicht selten anders, als ich Filme sehe. Es wird erwähnt, dass Eve noch nicht den Stab über ihrem Mann gebrochen hat, als der Film schließt, aber es wird so dargestellt, als ob der Abgang von Phyllis aus dem Gerichtssaal das Gegenteil bedeuten würde. Tut es nach meiner Ansicht überhaupt nicht. Schauen Sie sich den Blick der Frau an, das so verstehende Lächeln. Ich glaube eher, sie hofft, dass Graham sich nun doch von Eve trennen wird, nachdem die Adoption eines Kindes aufgrund der Aufdeckung seines Doppellebens unmöglich geworden ist.

Finale

Und ich kann mir nicht helfen, ich würde diesen Neuanfang für die bessere Lösung halten. Emotional und sogar rational. Er müsste zwar seine erfolgreiche Firma aufgeben, deren Kopf ohnehin seine Frau ist, aber wirkt es so, als ob die beiden sich nicht vernünftig einigen könnten? Immerhin haben sie zusammen ein Jahreseinkommen, das etwa fünfmal so hoch ist wie das durchschnittliche amerikanische Haushaltseinkommen im Jahre 1953, wenn man von zwei Vollzeitverdienern ausgeht, einem Mann und einer Frau – im Film werden 20.000 Dollar erwähnt, damit liegen die Grahams innerhalb der oberen 1,5 Prozent der Bevölkerung (600.000 von 41,7 Millionen Familien erzielt ein Einkommen von mehr als 15.000 Dollar jährlich). Verkaufen Sie Gefrierschränke, damit können Sie ein kleines Vermögen machen!

Dies zu erwähnen ist auch deshalb wichtig, weil man bei Handlungsreisenden jener Jahre unweigerlich Typen im Kopf hat, wie sie in Arthur Millers „All my Sons“ gezeigt werden, aber nicht jemanden, der eine so große finanzielle Freiheit hat wie Graham und sich auf seinen Reisen jedwede Form der Zerstreuung gönnen könnte. Man merkt das den Bildern nicht an, die ihn zeigen, wie er einsam durch die Straßen zieht, von Kunde zu Kunde. Nun gut, die Buchhaltung macht seine Frau. Er ist aber vom Typ auch zu konservativ, um sich ins Nachtleben zu stürzen und dadurch ergibt sein Verhalten erst Sinn. Er nimmt die Doppelverantwortung, die ihm durch die unvorhergesehene Schwangerschaft der neuen Geliebten zuwächst, ernst.

Die IMDb-Nutzer:innen geben dem Film aktuell 6,8/10. Vielleicht ist die moralische Seite immer noch oder heutzutage wieder ein Problem. Vom Spiel und der Idee her ist er aber klar im 7er-Bereich und deswegen vergeben wir

77/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

[1], ,kursiv, tabellarisch: Der Mann mit zwei Frauen – Wikipedia

Regie Ida Lupino
Drehbuch Collier Young (Drehbuch),
Larry Marcus (Story),
Lou Schor (Story)
Produktion Collier Young
Musik Leith Stevens
Kamera George E. Diskant
Schnitt Stanford Tischler
Besetzung

 


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